Zentralasiens Bedenken um den Abzug der USA aus Afghanistan

BBC News, 5. Oktober 2013

Von Ahmed Rashid.

Die zurückgezogene Region Zentralasiens sieht einer neuen Bedrohung durch islamische Kämpfer ins Auge, da der Rückzug der USA aus dem benachbarten Afghanistan näherrückt, berichtet unser Gastschreiber Ahmed Rashid.

Die fünf zentralasiatischen Republiken haben große Angst vor den Folgen des Rückzugs der US-Kräfte aus Afghanistan im kommenden Jahr.

Da sie bereits Angriffe der Islamischen Bewegung von Usbekistan (IMU) und anderer, mit al-Qaida verbundener Gruppierungen vor und nach dem 11. September 2001 erlebt haben, befürchten sie einen doppelten Ansturm von Extremisten, die von Afghanistan und Pakistan über ihre Grenzen kommen.

Und es gibt Berichte, die besagen, dass die IMU und ihre Verbündeten versuchen, neue Basen entlang der afghanischen Grenze aufzubauen, die an Zentralasien angrenzt.

Bei ihrer Rede vor der UNO-Vollversammlung am 27. September, warnten die Außenminister von Usbekistan und Kasachstan, Abdulaziz Kamilov und Erlan Idrissov, vor ernsthaften Bedrohungen für die regionale und globale Sicherheit durch Terrorismus, Extremismus und Drogenhandel aus Afghanistan nach 2014.

‚Gekränkt‘

Jeder für sich machte den Westen für das Versagen beim Sicherstellen einer politischen Lösung für den afghanischen Konflikt vor Abzug der Truppen im kommenden Jahr verantwortlich.

Die fünf Republiken – Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan, Kirgisistan und Turkmenistan – trauen den Amerikanern oder der NATO die Sicherung der Region nach 2014 nicht zu, wegen ihrem kollektiven Versagen, den Frieden innerhalb Afghanistans oder eine Einigung unter den angrenzenden Staaten herbeizuführen.

Sie fühlen sich auf politischer Ebene von den USA und der Regierung in Kabul gekränkt.

Derweil sind die zentralasiatischen Staaten unter sich schwer zerstritten, da sie sich nicht auf einen gemeinsamen Plan zur Absicherung ihrer Region nach 2014 einigen können.

Einige wenden sich wieder an ihren alten Herrscher – Russland.

Am 1. Oktober ratifizierte das Parlament von Tadschikistan einen Vertrag mit Moskau, Russlands Basen und Truppen drei weitere Jahrzehnte in Tadschikistan zu belassen.

Russland hat 6000 Soldaten in drei Städten stationiert, um Tadschikistans 64 Km lange Grenze mit Afghanistan zu schützen.

Opiumhandel

Die angreifbarsten Länder sind Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan, die eine mehr als 1,900 Km lange Grenze mit Nordafghanistan teilen.

Tadschikistan ist bereits der schwächste Staat in der Region, mit einer unausgebildeten Armee und angesichts einer schweren wirtschaftlichen Krise – und korrupten staatlichen Institutionen, was aus ihrer Verstrickung in den Opiumhandel aus Afghanistan herrührt.

Seit mehreren Jahren haben die IMU und andere Gruppierungen versucht, eine Basis in der Nähe der nördlichen afghanischen Stadt Kundus und der Grenzstadt Emam Sahib zu errichten.

Es gab Kämpfe zwischen der IMU und amerikanischen sowie deutschen Truppen, die in dieser Region stationiert waren, aber diese Truppen sind jetzt abgezogen, und haben dem afghanischen Militär die Aufgabe überlassen.

Wahabismis-Konvertierungen

Letzte Berichte aus der Region weisen auf eine wesentlichere stärkere Bedrohung, die aus der Region Badakhshan im Nord-Westen Afghanistans stammt.

Bis zu 500 Bewaffnete haben die afghanischen Kräfte aus verschiedenen Bezirken in der Provinz vertrieben und versuchen die Kontrolle über Iskashim zu erlangen, Schlüsselbezirk und Stadt an der afghanischen Grenze. Getrennt werden Sie von Tadschikistan nur durch den Fluss Panj, der im Winter einfriert, was Vorstöße nach Tadschikistan hinein sehr erleichtert.

Die Hauptbasis der IMU liegt im Bezirk Warduj, im Herzen von Badakhshan, wo Teile der Bevölkerung gezwungen wurden, zum Wahabismus zu konvertieren – dem strengen islamischen Gesetz, das die IMU und al-Qaida befolgen.

Das gebirgige Gelände Badakhshans, in den Zügen des Pamir und Hindu Kush, ist für die Kämpfer vorteilhaft.

Sie wollen eine riesige Region besetzen, in der das südliche Tadschikistan, Pakistans Nordwesten und das östliche Afghanistan nicht weit voneinander entfernt sind..

Im Nord-Osten befindet sich der Wakhan-Korridor und die Grenze nach China, wo die IMU aus der örtlichen Uigurengemeinde oder der chinesischen muslimischen Bevölkerung rekrutiert.

Weite Teile der Gegend sind für reguläre Truppen unzugänglich – vor allem für die afghanische Armee, der eine wirkungsvolle Luftwaffe fehlt.

Pakistan ist weiterhin eine kritische Nachschubquelle für die Kämpfer, wobei pakistanische militante Gruppen für die IMU eine Schlüsselrolle spielen. Im Gegenzug bezahlt die IMU für erhaltenen Dienste, mit dem Geld, dass sie durch Drogenhandel verdienen.

Al-Qaida-Kontrolle

Von den Kämpfern mit Sitz in Pakistan glaubt man, dass sie aus verschiedenen Gruppierungen kommen, was ihr gesteigertes Interesse an der Zukunft Zentralasiens zeigt.

Das umfasst die IMU, pakistanische und afghanische Taliban, eine weiter pakistanische Gruppierung aus dem Punjab, Lashkar-e-Toiba, und der Islamischen Dschihad Union, eine Gruppe die türkische und europäische Muslime rekrutiert, sowie zentralasiatische, und von der man sagt, dass sie unter direkter Kontrolle durch al-Qaida steht.

Die strategische Gefahr besteht darin, dass die Kämpfer versuchen den gesamten nord-östlichen Korridor von Afghanistan zu besetzen – die Provinzen von Kunar, Nuristan und Badakhshan – und das noch vor dem kommenden Jahr, sodass ihnen eine große Operationsbasis gegen die Regierung in Kabul zur Verfügung steht.

Die IMU unter ihrem charismatischen Anführer Juma Namangani hat vor dem 11. September 2001 Angriffe in drei zentralasiatischen Staaten unternommen, aber dann zogen sie sich nach Afghanistan zurück, wo sie sich den Taliban und al-Qaida anschlossen.

Nachdem Namangani beim Kampf gegen die Invasion der Amerikaner 2001 getötet wurde, zogen sich die Überreste der IMU auf das pakistanische Stammesgebiet zurück, von wo aus sie sich neu organisiert haben und seitdem operieren.

Sie empfingen sehr viele Rekruten nachdem die usbekische Regierung mehr als 1,000 Menschen in Andijan im Ferghana-Tal, im Jahr 2005 massakrierte.

Seitdem haben die Kämpfer der IMU mit den afghanischen und pakistanischen Taliban gegen die pakistanische, afghanische und amerikanische Armee gekämpft.

Reichtum durch Öl und Gas

Die IMU rekrutiert sich aus allen Nationalitäten Zentralasiens, sowohl aus Uiguren, Pakistanis, Tschtschenen und anderen ethnischen Gruppen aus dem Kaukasus.

Zum ersten Mal gibt es Berichte von Turkmenen und Kasachen unter den Kämpfern in Badakhshan. Traditionell unterstützen diese beiden Ethnien den Kampf nicht.

Trotz seines teilweisen Reichtums durch Gas und Öl, ist Zentralasien politisch eine der unterentwickelsten Regionen der Welt.Die Staaten sind weiterhin höchst misstrauisch gegenüber den Absichten anderer.

Die Amerikaner sind unbeliebt, den Russen kann man nicht vertrauen, und erdrückende chinesische Macht wird gefürchtet.

Dennoch sieht Zentralasien jetzt einer neuen Bedrohung durch islamische Kämpfer ins Auge.

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/central-asia/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

Schreibe einen Kommentar