Zentralasiatische Staaten müssen zusammenhalten um die Verbreitung des Dschihadismus aufzuhalten

Financial Times, 20.Januar 2014

Von Ahmed Rashid

Nach dem Rückzug der USA steht Zentralasiens Stabilität auf dem Spiel, sagt Ahmed Rashid.

Der Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan in diesem Jahr ist für die Nachbarn des Landes fast so bedenklich wie für die Afghanen selbst. Die fünf zentralasiatischen Staaten – Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan, Kirgisistan und Turkmenistan – befürchten eine Zunahme des islamischen Terrorismus, zunehmenden Heroinhandel und eine Flüchtlingsflut. Die US-geführte Intervention, die darauf abzielte al-Qaida in Afghanistan auszumerzen, könnte den Samen des Heiligen Kriegs über einen größeren Bereich verteilt haben.

Abdualaziz Komilov, der usbekische Außenminister und Erlan Idrissov, sein kasachischer Amtskollege, haben vor ernsthaften Bedrohungen für die regionale Sicherheit nach 2014 gewarnt. Der tadschikische Präsident Emomali Rakhmon beschrieb den westlichen Rückzug als „eine zutiefst ernsthafte Sache.“ Drogenschmuggel ist eine reiche Einnahmequelle für Kämpfer, die gerne über Afghanistans 2000 Km lange Grenze nach Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan kommen.

Unter der Hand äußern russische Vertreter Nervosität vor dem Rückzug. Aber Moskau benutzt das politische Vakuum auch als Gelegenheit, in einer Region wieder Fuß zu fassen, die es schon immer als seinen Hinterhof betrachtet hat. Der Kreml hat dem kleinen Kirgisistan 1,1 Milliarden Dollar an Militärhilfen und Schuldenerlass in Höhe weiterer 500 Millionen Dollar versprochen. Im Gegenzug hat Bischkek zugestimmt, einen US-Luftwaffenstützpunkt im Land zu schließen. In Tadschikistan hat das Parlament im Oktober abgestimmt, den Russen zu erlauben 6000 Soldaten für weitere 30 Jahre innerhalb des Landes zu stationieren.

China hat sich den Bietern ebenso angeschlossen. Es hat ranghohe Vertreter auf lange Fahrten durch zentralasiatische Länder geschickt, mit der Aussicht auf wachsenden Handel und dem Versprechen auf Milliarden von Dollar für Kredite und Anleihen für Infrastrukturprojekte. Eine weiterer chinesische Vorstoß, die Shanghai Cooperation Organisation, schleust Hilfen an das zentralasiatische Militär. China und Russland haben intensive Gespräche mit Staaten wie Indien, Pakistan und Iran begonnen, um ein gemeinsames Vorgehen zur Stabilisierung Afghanistans abzustimmen.

Befürchtungen um die Stabilität von Zentralasien haben zugenommen, durch Berichte dass die Islamische Bewegung von Usbekistan Basen an der afghanischen Grenze einrichtet. Mit ihren Verbündeten, mitunter al-Qaida und die Taliban, bereitet sie sich darauf vor, weitere Kämpfer in das Land zu schicken, sobald die Amerikaner gehen. Pakistanische Kämpfer sorgen für Nachschub an Waffen, Geld und Rekruten bei der IMU1.

Die Gruppe besitzt bereits Basen rund um die nördlich gelegene Stadt Kunduz. Dennoch, Entwicklungen in der Provinz Badakhshan im Nordsoten des Landes – das nur durch den schmalen Fluss Panj von Tadschikistan getrennt ist – weisen nun auf eine weit größere Bedrohung für die Sicherheit in der Region hin. Hunderte von der IMU versuchen mehrere Distrikte in Kadakhshan, einem großen Gebiet in den Gebirgszügen des Pamir und des Hindu Kush zu besetzen. Von dort aus befinden sich die Spitzen des südlichen Tadschikistan, Pakistans nordwestliche Grenze und Ost-Afghanistan alle in Reichweite. Der nächste Schritt bestände für Kämpfer darin, den gesamten nordöstlichen Korridor von Afghanistan zu sichern, der eine große Operationsbasis bieten würde.

Doch trotz ihrem überwältigenden gemeinsamen Interesse, der Bedrohung Herr zu werden, liegen die fünf Länder im Clinch, und sind nicht fähig sich auf eine gemeinsame Strategie zur Stabilisierung Afghanistans zu einigen. Der Westen sollte ebenfalls eine konstruktivere Rolle dabei spielen, zu verhindern, dass afghanische Kämpfer sich ausbreiten nachdem die US-Kräfte abziehen.

Drogenschmuggel, Korruption und Armut sind in Tadschikistan sehr verbreitet, der 75-jährige Präsident Islam Karimov, der seit fast einem Vierteljahrhundert im Amt ist, steht vor einer fortgesetzten Krise, weil seine zwei Töchter darum kämpfen, wer seinen Platz einnimmt. In seinen Gefängnisse sitzen mehr politische Gefangene als im Rest der Sowjetunion insgesamt, laut Human Rights Watch. Nur Kirgisistan, das über keine Grenze zu Afghanistan verfügt, hat einen Anschein von Demokratie. Seine schwache Regierung macht es jedoch zu einem leichten Ziel für Angriffe der IMU.

Die zentralasiatischen Staaten müssen sich dieser verbreiteten Herausforderung stellen. Es wird koordinierter Aktionen der Nachbarn Afghanistans bedürfen, um zu verhindern dass sich ein wiederbelebter afghanischer Dschihad über die Region ergießt. Der Weste sollte also eine konstruktivere Rolle spielen. Die ehemaligen Republiken der Sowjetunion fühlen sich von den Regierungen der USA und Afghanistans gekränkt, sie misstrauen den NATO-Mächten, die es nicht geschafft haben den Krieg in Afghanistan zu beenden. Ihr Vertrauen wiederherzustellen ist eine dringliche Aufgabe. Es steht zu viel für Zentralasien auf dem Spiel um ein Versagen zuzulassen.

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/central-asia/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

1Islamic Movement Uzbekistan

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