Zäune: Ein Brexit Tagebuch


Zadie Smith

AUGUST 18, 2016 ISSUE

Zurück in der alten Nachbarschaft in Nord-West-London nach einer langen Abszenz, lief ich hinter der Grundschule her und spürte eine Veränderung. Viele meiner längsten Freunde waren hier einst Schüler, und letztens als ein Krankheitsfall in der Familie uns für ein Jahr zurück nach England beförderte meldete ich meine Tochter an. Es ist ein sehr hübsches voktorianisches Ziegelsteingebäude, und war lange Zeit in besonderer Behandlung, eine Beurteilung der Schulaufsuchtsbehörde namens Ofsted, und hatte das niedrigste Prädikat erhalten, das es für eine staaltliche Schule gibt. Viele Eltern werden, wenn sie eine derartige Beurteilung lesen, selbstverständlich durchdrehen und ihre Kinder woanders unterbringen; andere, die sich selbst ein Bild machen, sehen, was Ofsted weil es sich in erster Linie an Daten hält nicht mit Menschenaugen sehen kann, werden Ofsteds Erfahrung anzweifeln und dabei bleiben. Noch andere können nicht gut Englisch lesen, oder sind daheim nicht am Netz, oder haben nie von Ofsted gehört, geschweige denn jemals daran gedacht, seine Webseite genauer anzuschauen.

In meinem Fall hatte ich den Vorteil des Lokalkolorits: Jahrelang unterrichtete mein Bruder hier, in einem Hort für Migrantenkinder, und ich wusste absolut, wie gut die Schule ist, immer war, und wie herzlich zu seinem vielfältigen Bestand, von dem viele gerade in dem Land ankamen. Jetzt, ein Jahr später, hat Ofsted sie offiziell als „Gut‟ eingestuft, und wie ich die Nachbarschaft kenne, bedeutet das, dass eher bürgerliche, gewöhnlich weiße Eltern, eher das Risiko ergreifen, in die Nähe einer (anderen) Schule ziehen und ihre Kinder dorthin schicken.

Wenn dieser Vorgang irgendwie so abläuft wie in New York, wird die weiße Mittelklasse-Bevölkerung zunehmen, Schritt halten mit dem allgemeinen Strukturwandel der Nachbarschaft, und der Umfang des Einzugsbereichs wird schrumpfen, bis er, nach ein paar Jahren, nahezu komplett vereinheitlicht sein wird, mit Tupfern von Vielfalt, an diesem Punkt werden die Aufsichtsbehörden ihre höchste Beurteilung verleihen. Aber nichts davon ist bisher in der alten Nachbarschaft geschehen und vielleicht wird es das nie — angesichts seiner langen und stolzen Geschichte jeglicher vorstellbaren Form von Vielfalt — und das war ohnehin nicht die Veränderung, die ich gespürt hatte, als ich vorbeilief.

Zu dieser Zeit hatte meine besondere Art von Paranoia es auf etwas anderes abgesehen: Ich bemerkte den Zaun. Denn diese Viktorianische Schule, die seit hundert Jahren mit eisenbewehrten Geländern ausgekommen war, hatte jetzt angefügt, was wie dicke Bambusstangen zwischen den Balken aussah, außerdem sechs Fuß Pflanzenleben, das an diesen Balken raufkletterte, die Sicht auf den Spielplatz von der Straße verwehrte und darum auf die Kinder beim Spielen. Ich ging nach Hause und schickte eine ungehaltene E-Mail an einige erziehende Gouverneure:

Ich bin gestern zum ersten Mal, seit ich wieder nach Hause kam (gestern), wieder hinter der Schule her gelaufen und bemerkte den hölzernen Schleier — mir fällt kein besseres Wort ein — der um die Schule herum aufgegangen ist. Es hat mich so traurig gemacht. Ich habe in dieser Gegend vierzig Jahre lang gewohnt. Vor zehn Jahren sah ich eine Mauer um die jüdische Schule hochsteigen, und dann vor ein paar Jahren an der muslimischen Schule. Aber ich hätte nie gedacht, mal eine zu sehen vor __________. Es interessiert mich sehr, wie es dazu kam, wer es wollte, wie es zu der Entscheidung kam, und ob die Eltern glücklich damit sind, und was — offiziell — der Zweck ist? Sicherheit?Oder etwas anderes?

Eine ungehaltene E-Mail, voll liberalem Wahn. Im Gegensatz war die Antwort, die ich erhielt, vernünftig und höflich. Privatsphäre und Umweltverschmutzungwaren die angegebenen Begründungen, Verschmutzung sei im Moment ein dickes Ding‟, um das man sich zu kümmern die Schule vom Gemeinderat angewiesen worden war. Zudem bestand der Spielplatz aus sehr viel Beton, die Vegetation lockerte den Anblick des Bereichs auf, und in Wahrheit war es den Elterngouverneuren nicht in den Sinn gekommen, dass die neue Anlage für Passanten irgendwie defensiv oder merkwürdig aussehen könnte. Ich las meine E-Mail erneut und war beschämt, sie versendet zu haben. Welcher Gemütszustand hatte mich dazu gebracht eine simple kosmetische Veränderung so negativ zu bewerten?

Ich bin Veränderung gewohnt: Hier in der Gegend ist Veränderung die Regel. Die alte Grammatikschule oben auf dem Hügel wurde zu einer der größen muslimischen Schulen in Europa; die alte Synagoge wurde zu einer Moschee; die alte Kirche ist jetzt ein privates Apartmentgebäude. Wellen der Immigration und Gentrifizierung durchqueren diese Straßen wie Busse. Aber ich nehme an, diese Schule war in meinen Augen eine Art Symbol. Und wenn wir in Britannien kürzlich etwas für wahr befunden haben, dann dass wir, die Briten, uns manchmal komisch benehmen, wenn wir materiellen Realitäten gestatten, zu Symbolen zu werden.

Ich schätzte diese kleine Schule besonders, symbolisch, als gemischte Institution, in der die Kinder der relativ Reichen und der Armen, die Kinder von Muslimen, Juden, Hindus, Sikh, Protestanten, Atheisten, Marxisten und der Sorte Leute, deren Religion Pilates ist, alle gemeinsam geschult werden in den gleichen Räumen, auf dem selben Spielplatz miteinander spielen, über ihren Glauben sprechen — oder über dessen Mangel — miteinander, während ich vorbeilaufe und oft reinschaue, und so die wichtige Gewissheit erlange, dass die Welt meiner Jugend noch nicht komplett verschwunden ist. Heutzutage sieht die jüdische Schule aus wie Fort Knox. Die muslimische Schule ist nicht weit davon entfernt. Sollte unsere kleine lokale Schule auch zu einem Ort hinter dem Zaun werden, abgesondert, privat, wahnhaft, ausschließlich mit Sicherheit beschäftigt, abgewandt von der weiteren Gemeinde?

Zwei Tage später stimmten die Briten für den Brexit. Ich war in Nordirland, bei meinen Schwiegereltern, zwei freundlichen, gemäßigt konservativen nordirischen Protestanten und befand mich mit ihnen, zum ersten Mal in unserer Geschichte, auf der selben Seite einer politischen Problemstellung. Der Schreck, der mir am Schulgatter widerfuhr, den spürte ich jetzt vor ihrer riesigen Glotze, als wir uns gemeinsam anschauten, wie England sich selbst vom Rest Europas abzäunte, mit kaum einem Gedanken an die Bedeutung für schottische und irischen Vettern und Basen.

Viel ist seitdem geschrieben worden über das erschreckend verantwortungslose Verhalten von beiden, David Cameron und Boris Johnson, aber ich denke nicht, ich hätte mich so ganz und gar auf Boris und Dave konzentriert, wäre ich in meinem Bett in London aufgewacht. Nein, dann wären meine Gedanken rein interpretativ gewesen. Was bedeutet dieses Resultat? Worum ging es wirklich? Immigration? Historische veranlagte Fremdenfeindlichkeit? Unabhängigkeit? EU-Bürokratie? Kontra-neoliberale Revolution? Klassenkampf?

In Nordirland jedoch war klar, dass es um eins gewiss nicht ging, nicht einmal am Rande, nämlich Nordirland, und das schärfte den Sinn dafür, welcher außergewöhnliche Egoismus diesem lange verwilderten Land bewilligt hatte, zum Kollateralschaden einer internen Spaltung der Konservativen Party zu reifen. Und Schottland erst! Es ist kaum zu glauben. Dass zwei vermeintlich bestens gebildeten Männer, die wahrscheinlich ihr britisches Geschichtsbuch gelesen haben, mit derart vollkommener Rücksichtslosigkeit einen hart erarbeiteten Bund aufs Spiel setzen, der seit drei Jahrhunderten hält — mutete an diesem Morgen für mich als ein größeres Verbrechen an als die Abtrennung vom jahrzehnte alten Europäischen Abkommen, das dies alles ausgelöst hatte.

Konservativist nicht mehr der richtige Begriff für keinen von ihnen: Das Wort hat zumindest einen Anklang an Sorgfalt und Schutz des Vermächtnisses. Brandstifterklingt eher nach dem passenden Begriff. Michael Gove und Nigel Farage sind mittlerweile echte Ideologen vom Rechten Flügel, mit deutlichen Absichten für die sie seit Jahren gearbeitet haben. Ersterer hatte seine Ansichten zum Trojanischen Pferd der Unabhängigkeit‟, aus dessen Inneren eines (inhalts-)leeren Symbols heraus ein entfesselter deregulierter Finanzsektor hervorspringen sollte. Zweiterer, der am 4. Juli zurücktrat, hatte offensichtlich eine echte rassistische Manie, zusammen mit der Entschlossenheit, Britannien von der europäischen Hauptströmung nicht nur in der Frage der Mobilitätsfreiheit abzugrenzen, sondern in einer Reihe von Fragen vom Klimawandel über Waffenkontrolle bis zur Heimführung von Immigranten.1

Eine Volksabtimmung verstärkt die schlimmsten Seiten eines bereits unperfekten Systems — Demokratie — und kanalisiert eine verwirrend große Auswahl an Problemen durch eine sehr enge Schranke. Sie tritt auf wie eine Zuspitzung — Endgültig Demokratie! Daumen hoch oder runter! Liefert in der Praxis jedoch eine fehlgeleitete Einschränkung. Sogar viele die mit Raus stimmten, spürten, dass ihr Votum ihre Gefühle nicht zutreffend ausdrückte. Sie hatten eine große Auswahl an Beweggründen für ihre Wahl, und große Teile des Bleiben-Lagers waren ähnlich gespalten.

Einige der Beweggründe wurden durch die zweite Frage, die sich stellte, geradezu scherzhaft eliminiert. Eine Freundin, deren Mutter weiterhin in der Nachbarschaft wohnt, schilderte ein Gespräch über den Gartenzaun zwischen der Mutter meiner Freundin und einer befreundeten Linken aus Nordlondon, die der Mutter meiner Freundin erklärte, sie selbst habe mit Raus gestimmt um den verschissenen Gesundheitsminister loszuwerden!Ach, wie so viele Menschen in dieser großen Nation möchte ich mich auch gerne von dem perfekt benannten Jeremy Hunt befreien, aber eine Volksabtimmung entpuppt sich als denkbar schlechter Hammer für tausend krumme Nägel.

Der erste Impuls vieler Bleiben-Wähler auf der Linken war, dass es nur um Einwanderung ging. Als die Zahlen reinkamen und die Analyse von Klasse und Alter publik wurden, war eine populistische Arbeiterklasse-Revolution immer wahrscheinlicher, jedoch die Sorte, die Mittelklasse-Liberale immer verdutzt, die sowohl politisch naiv zu neigen scheinen und emotional gegenüber der Arbeiterklasse. Den ganzen Tag telefonierte ich nach Hause und schickte E-Mails und versuchte, zusammen mit einem Großteil von London — oder zumindest von dem London, das ich kenne — unseren gemeinsames Schreckgefühl zu verorten. Was haben sie getan?sagten wir uns, manchmal meinten wir die Führung, von denen wir dachten, sie müssten gewusst haben was sie tun, und manchmal meinten wir die Leute, die, das setzten wir voraus, es nicht wussten.

Jetzt fühle ich mich geneigt zu denken, es war anders herum. Etwas tun, irgendwas, war auf eine unausgereifte Art und Weise das Ziel: Die eindeutige Besonderheit des Neoliberalismus ist, dass du denkst, du kannst nichts tun um es zu ändern, aber diese Anstimmung bot die seltene Prämie ein chaotisches Bersten in einem System zu erzeugen, das normalerweise alles auf seinem Weg plattwalzt. Aber gerade diese optimistischste linke Auslegung — dass dies eine gewalttätige, mehr oder weniger überlegte Reaktion auf Sparmaßnahmen und die neoliberale ökonomische Kernschmelze war, die ihr vorausging —kann den gelegentlichen Rassismus, der sowohl mit dem Wahlkampf als auch mit der Wahl selbst entfesselt wurde, nicht bestreiten.

Zu den vielen anekdotischen Berichten will ich selbst zwei beisteuern, die meine auf Jamaika geborene Mutter berichtete. Eine Woche vor der Abstimmung lief in Willesden ein Skinhead auf sie zu und schrie ihr Über Alles Deutschlandins Gesicht, wie eine Erinnerung an die späten 70-er. Am Tag nach der Abstimmung stand eine Frau, die Leinen und Tücher an der Kilburn High Road kaufte, neben meiner Mutter und dem halben Dutzend anderer Leute von anderswo und verkündete für niemanden speziell Nun, jetzt müsst ihr alle nach Hause gehen!

Was hast du getan, Boris? Was hast du getan, Dave? Selbst in dieser Geschichte von unseren selbstsüchtigen Anführern, die gedankenlos mit den Feuer spielen, steckt eine wenig erfreuliche Geschichte von unserem eigenen Egoismus, der für mich genauso real ist, und der einen eigenen Schleier gebildet hat, und vielleicht genauso schwierig zu durchschauen ist wie der blendende persönliche Ehrgeiz eines Mannes wie Boris. Der tiergreifende Schreck, der mir am Ende widerfuhr — und der so vielen anderen Londonern widerfahren ist — legt zumindest nahe, dass wir hinter einem Schleier gelebt haben müssen, unfähig zu sehen, was aus unserem Land geworden ist.

Abends, bevor ich nach Irland fuhr, war ich mit alten Freunden Abendessen, Nordlondoner Intellektuelle, eigentlich genau die Art Leute, auf die der Labourabgeordnete Andy Burham sich bezog, als er behauptete, die Labour Partei habe an Boden verloren, weil es zu viel Hampstead und nicht genug Hullsei, obwohl wir natürlich, in Wahrheit, schon lange von den Bankern und russischen Oligarchen aus Hampstead preislich verdrängt wurden. Wir überdachten den Brexit. Vielleicht hat jede Dinnertafel in Nordlondon dasselbe getan. Aber, es stellte sich heraus, dass wir ihn nicht besonders gut beurteilen konnten, weil nicht einer von uns, nicht einen Augenblick, glaubte, es würde dazu kommen. Es war so offensichtlich falsch, und wir hatten so offensichtlich recht, wie sollte es?

Nachdem wir diese Frage erledigt hatten, gingen wir alle dazu über, die seltsame Neigung der jüngeren linken Generation zu beklagen, Reden zu zensieren oder leise zu stellen, die sie irgendwie für falsch halten: Keine Plattform bieten, sichere Orte (für LGBT), und alles andere. Darin stimmten wir ebenfalls alle überein. Doch dann, aus der Ecke, auf einem Sofa, wartete der Schlaueste von uns, der in dem Moment gerade ein neues Baby fütterte, bis wir alls aufhörten zu bellen und ergänzte: Tja, sie haben diese Angewohnheit von uns. Wir wollten immer, dass gesehen wird, wir liegen richtig. Auf der richtigen Seite eines Streitpunkts stehen. Mehr das als alles andere. Recht zu haben haben war immer das wichtigste.

An den Tagen nach dem Ergebnis dachte ich viel über diese Einsicht nach. Ich las Beiträge von stolzen Londonern, die stolz von ihrer äußerlich multikulturell anmutenden Stadt sprachen, die so anders als die fremdenfeindlichen Orte oben im Norden seien. Es hörte sich richtig an und ich wollte, das es wahr ist, aber meine Augen belegten eine andere Erzählung. Denn die Menschen, die wirklich ein multikulturelles Leben in dieser Stadt führen, sind die, deren Kinder in gemischten Umgebungen geschult werden, oder die in von je her gemischten Umgebungen leben, im sozialen Wohnungsbau oder einer der handvoll historisch gemischter Nachbarschaften, und davon gibt es nicht mehr so viele, wie wir denken.

Für viele Menschen in London werden die angeblich multikuturellen und klassenübergreifenden Seiten ihres Lebens derzeit von ihrem Personal vertreten — Kindermädchen, Putzleute — von den Leuten, die ihnen den Kaffee einschenken und ihre Taxis fahren, oder von den omnipräsenten nigerianischen Prinzen, die du an den Privatschulen triffst. Die schmerzhafte Wahrheit ist, das überall in London hohe Zäune gebaut werden. Um Schulgelände, um Nachbarschaften, um Leben herum. Eine nützliche Konsequenz des Brexit ist, dass er letztendlich und unverhohlen einen tiefen Bruch in der britischen Gesellschaft aufdeckt, der sich seit dreißig Jahren anbahnt. Die Klüfte zwischen Nord und Süd, zwischen sozialen Klassen, zwischen Londonern und allen anderen, zwischen reichen und armen Londonern, und zwischen weiß und braun und schwarz sind echt, und müssen von uns allen angegangen werden, nicht nur von denen, die für Raus stimmten.

Inmitten all der überspannten Darstellung jener Raus-wähler der unmittelbaren Folge nicht nur meiner eigenen — hielt ich ein und dachte an eine junge Frau, die mir auf dem Spielplatz aufgefallen war, in dem Jahr als meine Tochter ein Jahr in der Schule unter besonderer Maßnahme verbrachte. Sie war eine Mutter, wie wir anderen, aber mindestens fünfzehn Jahre jünger. Nachdem ich ein paar Mal hinter ihr den Hügel hinauf zu meinem Haus gelaufen war, fand ich heraus, dass sie in dem selben Wohnbauprojekt lebte, in dem ich aufgewachsen war. Der Grund, warum sie mir überhaupt auffiel, war, weil meine Tochter schwer in ihren Sohn verliebt war. Eine Verabredung zum Spielen war der natürliche nächste Schritt.

Aber diesen nächsten Schritt unternahm ich nie und sie auch nicht. Mir war nicht klar, wie ich Angst und Schrecken überwinden sollte, die sie mir entgegenzubringen schien, nicht weil ich schwarz war — ich sah sie vergnügt mit anderen schwarzen Müttern sprechen — sondern weil ich aus der Mittelklasse stammte. Sie hattte mich die glänzende schwarze Tür zum Haus gegenüber ihrem Wohnungsprojekt öffnen sehen, genau wie ich sie jeden Tag in das Treppenhaus des Projekts hatte gehen sehen. Ich erinnerte mich an diese angespannten Vorfälle meiner Jugend, als es anders herum war. Konnte ich das Mädchen aus dem großen, feinen Haus am Park in unsere beengte Soialwohnung bitten? Und später, als wir in eine perfekt schöne Wohnung hochzogen auf die rechte Seite von Willesden, konnte ich dann meine Freunde in einer miesen auf der falschen Seite von Kilburn besuchen?

Die Antwort war, gewöhnlich, ja. Nicht ohne Spannung, nicht ohne gelegentlich demütigende Momente sozialer Komödie oder flüchtige Blicke auf häusliche Situationen an der Grenze zur Tragödie —aber immer noch ja. Damals waren wir alle immer noch bereit das Risikoeinzugehen, falls Risiko das richtige Wort ist um zu beschreiben, dass man in das Leben von anderen eindringt, nicht bloß symbolisch, sondern in der Realität. Aber in diesem neuen England war es, zumindest für mich, unmöglich. Für sie ebenfalls, denke ich. Der Graben zwischen uns ist zu groß geworden.

Das große, schmale Haus, das ich vor fünfzehn Jahen gekauft habe, wiewohl es haargenau der gleiche Schlag Haus ist, den meine bürgerlichen Freunde besaßen als ich aufwuchs, ist jetzt einen schamlosen Haufen Geld wert, und ich fragte mich, ob sie denken mochte, dass ich tatsächlich diesen unverschämten Betrag bezahlt hatte, um es zu besitzen. Die Entfernung zwischen ihrer Wohnung und meinem Haus — obwohl sie in Wirklichkeit weniger als 200 Meter beträgt — ist, symbolisch, größer als je zuvor. Unser zukünftiger Spieltermin lag irgendwo über diesem Abgrund, und fand nie statt, da ich nie danach zu fragen getraute.

Extreme Ungleichheit zerbricht Gemeinschaften, und mit der Zeit klaffen die Risse so weit auf, dass das ganze Gebäude zusammenbricht. Bei diesem Prozess hat jeder eine Zeit lang verloren, aber wohl niemand so viel wie die weiße Arbeiterklasse, die wirklich nichts hat, nicht einmal den erkannten moralischen Fortschritt, der mit annerkannten Traumata oder Opferstatus einhergeht. Die Linke schämt sich zutiefst für sie. Die Rechte sieht in ihnen bloß ein nützliches Werkzeug für eigene persönliche Interessen. Der ungelegenen Revolution der Arbeiterklasse, die wir jetzt erleben, wurde Unverstand vorgeworfen — ich wetterte selbst deswegen als es geschah — aber je länger man sie sich anschaut, dest eher nimmt man wahr, dass sie in einem anderen Sinn genial war, denn sie erahnte die Schwäche ihrer Feinde und nutzte sie erfolgreich aus. Die linke Mittelklasse ist darum begeistert, weil sie Recht hatte. Und so viele aus der entrechteten Arbeiterklasse hatten sich so offenkundig schamlos falsch entschieden.

In Britannien haben wir haben eine Geschichte der Verhöhnung der Armen, weil sie sich bemogeln‟, weil sie gegen ihre Interessen wählen.Aber die neoliberale Mittel- und Oberklasse haben sich nicht weniger beschummelt, in ihren vergoldeten Londoner Gefängnissen. Wenn du meinst, das sei eine Übertreibung, geh nach Notting Hill und sieh dir die Fahrzeuge der privaten Sicherheitsdienste an, die von privaten Anwohner bezahlt werden, wie sie langsam die Straßen hoch und runter patrouillieren, vor den 20 Millionen-Pfund-Wohnsitzen, vieleicht ängstlich wegen der Sozialwohnungsbewohner, die sich immer noch festklammern, auf der anderen Seite der Portobello Road. Oder geh ins Savoy und wirf einen Blick auf die klassische Cocktailkarte, auf der das billigste Getränk im Angebot 100£ kostet (das kostspieligste, genannt der Sazerac — angeblich der teuerste Cocktail der Welt — liegt bei 5 000 £). Schräge Zeiten.

Natürlich ist auch die Cocktailkarte nur ein weiteres dämliches Symbol, aber es hat seine Zeit und seinen Platz. Es gab mal eine Zeit lang eine Art Geldwahnsinn in London, und für uns übrige, die wir dabei zusahen, ist es schwer an solchen Symbolen etwas Schönes zu finden, etwas Harmonisches, oder sogar ein glückliches Leben (welche Sorte glückliche Person muss gesehen werden, wie sie einen Cocktail zu 5 000 £ bestellt?), obwohl, zumindest wenn du schonmal so reich bist, kannst du dich einfach selbst verarschen, du seist glücklich, indem du dir zunutze nachst, was der alte Londoner Marxist einst das falsche Bewusstsein nannte. Diese barsche Bereitschaft funktioniert nicht mehr um die ökonomisch und sozial Entrechteten dieser Nation zu beschreiben: Sie kämpfen, zutiefst unzufrieden, und sie wissen es.

Ich glaube das, mal abgesehen von den wahren idelologisch Gläubigen auf der Rechten, und den edel gesinnten Linken, die sich der EU unterwerfen als ein Werkzeug des globalen Kapitalismus, deren Mehrheit darum für Raus stimmte aus Wut und Schmerz und Enttäuschung, über Jahre unterstützt durch berechnete politische und Pressemanipulation gewisser niedriger Regungen und Instinkte. So peinlich es auch ist es aufzuschreiben, als Google in den Stunden nach der Abstimmung hohe Zahlen von Briten registriert, die googelten Was ist die EU?‟, es wird sehr schwierig abzustreiten, dass eine deutlicher Anteil unserer Leute am 23. Juni sehr fahrlässig mit ihrer demokratischen Pflicht umgegangen sind.

Dennoch, Menschen wählen, wir müssen auf sie hören, aber Unverstand an der Wahlurne sollte nicht gefeiert werden oder unaufrichtig verteidigt. Und über den Unverstand hinaus, ist es einfach falsch ernsthaft etwas zu unternehmen ohne ernsthaft die Folgen für andere in Betracht zu ziehen, in diesem Fall, für ganze souveräne Nationen im Norden und Westen von euch, vergesst nicht den Rest von Europa. Aber ich kann nicht sehen, dass die Leute, die Raus wählten irgendwie außergewöhnlich sind durch ihre niederen Motive.

Während wir lautstark und zurecht die fehlgeleiteten rassischen Absichten tadeln, die Millionen bewegten, von ihnenzu verlangen, dass sie unsverlassen, unsere Arbeit freizugeben und unsere Sozialwohnungen und Krankenhäuser und Schulen und Land, könnten wir genauso einen Blick auf die letzten dreißig Jahre werfen und uns fragen, welche Art Einstellung es einer anderen Klasse Menschen gestattet hat, hinter den Kulissen heimlich zu taktieren, dafür zu sorgen, dass sieund wiruns nie wirklich begegnen außer symbolisch. Das wohlhabende London, ob rot oder blau, war immer in der Lage beim Wesen seiner multikulturellen und klassenübergreifenden Beziehungen wählerisch zu sein, den Rest des Landes über seine Engstirnigkeit zu belehren, während es sich gleichzeitig seine eigenen, verschwiegenen Vorteile einzäunte. Wir können auf der Straße regelmäßig hinter ihnen laufen und in ihre Taxen steigen und ihr Essen verspeisen in ihren folkloristischen Restaurants, aber die Wahrheit ist, dass sie eher nicht in unseren Schulen anzutreffen sind, oder in unserem sozialen Umfeld, und sie kommen sehr selten in unser Haus — wenn sie nicht zum arbeiten kommen in unsere endlos umgebauten Küchen.

Woanders in Britannien leben die Leute tatsächlich Seite an Seite mit den kürzlich Zugewanderten, und erfahren die Aushöhlung ihrer Gehälter durch Neuankömmlinge. Sie müssen wirklich um Mittel unter einer Sparregierung kämpfen, die es einem allzu leicht macht, das nicht verfügbare Krankenhausbett der Migrantenfamilie nebenan in die Schuhe zu schieben, oder einer verborgenen Bürokratie jenseits des Kanals, die dir von den Schwachkopf-Demagogen im Fernsehen weiterhin als Grund genannt wird, dass nicht genug Geld für die Gesundheitskasse da ist. In dieser Stimmung der Heuchelei und des unverblümten Betrugs, hätten die Erwerbsarmen beweisen sollen, dass sie der bessere Menschsind, wenn sie umgeben sind von Korruption und Bestechlichkeit? Wenn jeder einen Zaun baut, ist dann der Idiot nicht der, der draußen lebt?

Gerade jetzt dreht sich der Medienzirkus so schnell, dass man denkt die Räder geraten aus der Spur, und es wird viel von einem zweiten Referendum geredet, das natürlich viel vom grundlegenden Misstrauen der Entrechteten verstärken würde, also ausschließlich uns betriftt, die wohlhabenden Verbleiber mit den richtigen Ansichten, deren Entscheidungen wirklich zählen. Nein: Unser Bett ist hier, und es sieht so aus, als müssten wir darin liegen. Aber zu sagen, dass wir alle unseren Teil beigetragen haben, soll nicht die verbergen, die die zentrale Rolle des Verführers spielten bei dieser blamablen letzten Nacht der Bälle. Cameron und Johnson sind bereits in ihre Schwerter gefallen/oder gestoßen worden und Gove ist gefolgt, jedoch der verhängnisvoll erfolglose Jeremy Corbyn — trotz dutzender Messer im Rücken — weigert sich, sich vom Fleck zu rühren. Wenn es wirklich stimmt, dass er nicht nur erfolglos beim Bleiben-Wahlkampf war, sondern teilhatte bei seiner absichtlichen Sabotage‟ — wie es Phil Wilson behauptet hat, ein Abgeordneter und parlamentarische Vorsitzende von Labour bleibt drin für Britannien‟ — dann hat Corbyn die jugendlichen Wähler zutiefst betrogen, die ihn erst neulich an die Macht spülte.2 Er muss gehen.

Wenn wir in England eine Schule unter besondere Behandlung stellen, werden einige unserer eher optimistischen Mittelklasse-Mütter — zu deren Gruppe ich mich selbst zähle — über ihrem morgendlichen Kaffe murmeln: Nun, besondere Behandlung ist wirklich eine gute Sache, denn jetzt werden sie etwas dagegen tun müssen.Britannien befindet sich nun in besonderer Behandlung — die Krise, die es immer gab, ist aufgedeckt worden — und bevor wir einen weiteren Schleier über dem Schlamassel auszubreiten, sollten wir versuchen von dort aus aufzubauen, wo wir stehen. Der erste Punkt der Agenda ist der Austausch des Kopfes‟ — was jede gescheiterte Schule weiss — und dann den Rest von der Linken vorbereiten für einen Kampf. Die Rechte und Begünstigungen des britischen Volkes, wie unvollkommen auch immer, durch Europa, müssen jetzt nicht durch dieses sinnlose Faragische Traumbild britischer Eigenständigkeit ersetzt werden, bei dem ein entstellter Heiliger Georg, mit zwei abgetrennten Gliedmaßen, sein Schwert aufsammelt und davonhoppelt um den EU-Drachen zu bekämpfen um neu zu verhandeln, aus einer sehr viel schwächeren Position heraus,um Bedingungen, die wir in den letzten zehn Jahren ausgehandelt haben.

Als ich mit diesem Essay begann wurde Farage triumphierend in ein Paar Union-Jack-Schuhen erspäht, auf einer privaten Gartenparty, mit Rubert Murdoch und Alexander Lebedev, dessen Sohn der Evening Standard und The Independent gehört, und Liam Fox — der als konservativer Anführer kandidierte — die öffentliche Angelegenheiten hinter verschlossenen Türen besprachen. Zu der Zeit, als ich es fertigstellte, war Farage zurückgetreten, sagte Ich will mein Leben zurück.In Britannien kommen Nigels und gehen, aber Ruperts sind ewig. Mein Leben und die Leben meiner britischen Genossen werden permanent zumindest teilweise von einer beständigen, ungewählten Klasse von Milliardären regiert, denen die Zeitungen gehören und große Teile des Fernsehens, wodurch absurde Gestalten wie Farage problemlos aufgebauscht werden, dadurch Wahlen schaukeln und Politik gestalten. Eine weitere nützliche Lektion: Das Nachkriegsabkommen zwischen der Regierung und dem Volk ist nicht verbürgt, und es kann kollektiv zunichte gemacht werden, oder zertrampelt von wenigen bösartigen Akteuren. Darum benötigen die zivilisatorischen liberalen Auseinandersetzungen, die unser allgemeines Gesundheitssystem schufen, staatliche Bildung, und den Sozialbau aus den Ruinen des Krieges, jetzt eine Partei, die willens ist, diese Auseinandersetzunegn aufzufrischen in einem neuen Zeitalter des globalen Kapitalismus, ob diese Partei dann immer noch den Namen Labour trägt, werden wir sehen.

Die kürzlich Ausgewanderten kamen in dieses Land wegen genau diesem Erbgut — wegen der Unterbringung, der Ausbildung, und dem Gesundheitssystem — und einige sind nur gekommen um es auszunutzen, zweifellos. Aber die große Mehrheit ist gekommen um teilzunehmen: Sie melden ihre Kinder an den staatlichen Schulen an, sie bezahlen ihre britischen Steuern, sie versuchen ihren Weg zu gehen. Es ist sicherlich kein Verbrechen oder eine Sünde im Ausland ein besseres Leben zu suchen, oder aus Ländern zu fliehen, die von eimem Krieg zerrissen sind, bei dem wir oft unsere Hand im Spiel hatten. Ob wir immer noch wissen, in Britannien, was ein besseres Leben ist, wie seine Bedingungen sind und wie man es erreicht, das steht nun in Frage.

Wenige Tage nach meiner Stimmabgabe kam ich nach Frankreich, um meine Studenten von der NYU in ihren Pariser Sommerkursen zu unterrichten, etwas das nicht so einfach bald zu machen sein wird. Direkt aus dem Zug, bewegte ich mich zum Abendessen und setzte mich in einem Restaurant einem meiner Kollegen gegenüber, dem bosnisch-stämmigen Aleksandar Hemon, bestellte ein Getränk und und nannte den Brexit pathetisch eine totale Katastrophe.Romanautoren sind anfällig für Pathetik. Hemon seufzte, lächelte traurig und sagte: Nein: Nur ‚eine Katastrophe.‘ Krieg ist die totale Katastrophe.Jugoslawiens blutige Implosion um Eingenständigkeit zu erleben, verleiht einem Mann einen Sinn für das Maß. Ein europäischer Krieg in dem Ausmaß ist etwas, das Britannien vertraut vermieden hat, jetzt mit Erfahrung von mehr als einem halben Jahrhundert, und zu dessen Abwehr die EU zum Teil gebildet wurde. Ob wir die Straße mit dem Schild Katastropheweitergehen, liegt an uns.

Übersetzung: Thorsten Ramin

Quelle: http://www.nybooks.com/articles/2016/08/18/fences-brexit-diary/

1 Farage glaubt, dass die Arktische Polkappe wieder wächst und dass Berichte ihres Schwindens absichtliche Übertreibungen sind, zu Verschwörungstheorie aufgebauscht von grünen Aktivisten im Verbund, natürlich, mit „Föderalisten der EU“. Er denkt, dass die strengen Waffengesetze, die nach dem Massaker von Dunblane auferlegt wurden, aufgehoben werden sollten, und er wittert, dass das „grundlegende Prinzip“ von Enoch Powells „Flüsse aus Blut“-Rede — in der er sagte, die beabsichtigte Einwanderung und Antidiskriminierungsgesetze zu Gewalt führen würden — richtig war.

2 Jonathan Freedland, “The Young Put Jeremy Corbyn In, But He Betrayed Them Over Brexit,” The Guardian, June 27, 2016.