Warum Antibiotika uns alle krank machen

Der Wissenschaftler Martin Blaser behauptet, dass wir alle unter neuen Formen von „modernen Seuchen“ leiden, wie Adipositas und Asthma, weil wir die natürlich vorkommenden Bakterien in unserem Körper zerstört haben

Martin Blaser

The Observer, Sonntag 1. Juni 2014

Mein Vater hatte zwei Schwestern, die ich nie kennenlernte. In der kleinen Stadt, in der sie geboren wurden, im frühen 20-sten Jahrhundert, erlebten sie ihren zweiten Geburtstag nicht. Sie hatten Fieber. Die Lage war so ernst, dass mein Opa zum Gebetshaus ging, um ihre Namen zu ändern und den Todesengel auszutricksen. Das passierte zwei Mal. Es hatte keinen Zweck.

1850 starben vier von zehn englischen Kleinkindern vor ihrem ersten Geburtstag. Tödliche Epidemien wogten durch die vollen Städte, weil Menschen in dunkle, dreckige Zimmer gesperrt wurden, voller Gestank und keinem fließenden Wasser. Vertraute Geißeln umfassten Cholera, Lungenentzündung, Scharlach, Diphtherie, Keuchhusten, Tuberkulose und Blattern.

Heute liegen die Sterbeerwartungen unter einem Jahr bei weniger als fünf von tausend Kindern – eine bemerkenswerte Verbesserung. In den letzten 150 Jahren ist die Gesundheit in den meisten Ländern angestiegen. Verbuchen Sie es unter verbesserte Sanitäranlagen, Rattenbekämpfung, reines Trinkwasser, pasteurisierte Milch, Kinderimpfungen, moderne Medizin und natürlich 70 Jahre Antibiotika. In der Welt von heute wachsen Kinder ohne deformierte Knochen auf, oder „dichte“ Stirnhöhlen von Infektionen. Fast alle Frauen überleben die Geburt. Achtzigjährige schlagen, wenn sie erst auf die Veranda verbannt wurden, Tennisbälle, oft mit Hilfe eines künstlichen Hüftgelenks.

Doch vor Kurzem, innerhalb der letzten zwei Dekaden, ist bei diesen medizinischen Fortschritten etwas furchtbar schief gelaufen. Auf vielerlei Weise scheinen wir kranker zu werden. Man sieht die Schlagzeilen jeden Tag. Wir leiden unter einer Reihe „moderner Seuchen“, so nenne ich es: Adipositas, Kinderdiabetes, Asthma, Heuschnupfen, Nahrungsmittelallergien, ösophager Reflux und Krebs, Zöliakie. Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Autismus, Ekzeme. Aller Wahrscheinlichkeit nach leidest du, oder jemand aus deiner Familie, oder jemand den du kennst darunter. Anders als die meisten tödlichen Seuchen der Vergangenheit, die schnell und hart zuschlugen, sind dies chronische Krankheiten, die die Lebensqualität ihrer Opfer jahrzehntelang verringern und abbauen. Die offensichtlichste dieser Seuchen ist Fettleibigkeit (Adipositas).

Großbritannien ist die fetteste Nation Westeuropas, mehr als ein Viertel der Bevölkerung gilt als fettleibig. Der Betrag von 26,1% im UK ist mehr als das Doppelte dessen von Frankreich mit 12,9%; Australiens Verhältnis ist sogar noch höher, bei 28%. Wenn du das nächste Mal an einem Flughafenschalter stehst, schau dich um und sieh selbst. Die Adipositas-Epidemie ist global. Im Jahr 2008 waren laut WHO 1,4 Milliarden Erwachsene übergewichtig; davon wurden mehr als 200 Millionen Männer und nahezu 300 Millionen Frauen als fettleibig eingestuft. Viele dieser Menschen leben in Entwicklungsländern, die wir eher Hungersnöten als Überernährung zuordnen.

Die Zahlen sind alarmierend, was aber wirklich schockiert ist, dass diese globale menschliche Fettansammlung nicht im Verlauf mehrerer Jahrhunderte angestiegen ist, sondern in bloß zwei Jahrzehnten. Trotzdem sind fett- und zuckerreiche Nahrungsmittel, die so häufig für die Extrapfunde verantwortlich gemacht werden, sehr viel länger allgegenwärtig, zumindest in den Industrieländern, und die neue Generation übergewichtiger Menschen in den Industrieländern machen mit einem Mal eine Brathendldiät nach amerikanischem Vorbild. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass hohe Kalorienaufnahme, auch wenn sie sicherlich nicht hilfreich ist, nicht ausreicht um die Verbreitung oder den Verlauf der weltweiten Adipositas-Epidemie zu erklären.

Gleichzeitig hat sich die Autoimmun-Form von Diabetes, die in der Kindheit beginnt und Insulin-Injektionen erfordert (die juvenile oder Diabetes Typ-1) in den Industrieländern alle 20 Jahre verdoppelt; in Finnland, wo man akribisch Rekorde sammelt, ist die Häufigkeit seit 1950 um 550% gestiegen. Dieser Anstieg erklärt sich nicht dadurch, dass wir Diabetes Typ-1 ohne Weiteres erkennen. Bevor das Insulin in den 1920-ern entdeckt wurde, war die Krankheit immer tödlich. Heutzutage überleben die meisten Kinder mit angemessener Behandlung. Aber die Krankheit selbst hat sich nicht verändert; etwas in uns hat sich verändert. Diabetes Typ-1 trifft auch jüngere Kinder. Das Durchschnittsalter bei der Diagnose lag gewöhnlich bei neun Jahren. Jetzt liegt es etwa bei sechs, und einige Kinder kriegen Diabetes im Alter von zwei Jahren.

Der neueste Anstieg von Asthma, einer chronischen Entzündung der Atemwege, ist ähnlich alarmierend. Es gibt 5,4 Millionen Menschen mit Asthma im UK, das betrifft einen von vier Haushalten. Einen von 12 Erwachsenen betrifft es. Eins von 11 Kindern leidet an Keuchen, Atemlosigkeit, Engegefühl in der Brust und dem bezeichnenden Asthma-Husten. Zwei Millionen Australier, 10% der Bevölkerung, leiden auch unter dem Zustand. Das Verhältnis von Asthma in der Kindheit stieg in den USA zwischen 2001 bis 2009 um 50%, und der Anstieg des Asthmas verschonte keine Ethnie; die Zahlen waren zunächst in verschiedenen Gruppen unterschiedlich, und sie sind alle gestiegen.

Asthma wird oft durch etwas in der Umgebung ausgelöst, wie Tabakrauch, Schimmel, Luftverschmutzung, Kakerlakendreck, Erkältungen und Grippe. Fängt eine Anfall an, schnappen Asthmatiker nach Luft und stürzen, ohne raschen Zugriff zu Arznei, zu den Notaufnahmen. Auch mit der besten Pflege können sie sterben.

Nahrungsallergien sind überall. Eine Generation zuvor waren Erdnussallergien extrem selten. Jetzt erblickt man, wenn man durch eine beliebige Vorschule geht, Wände, die gepflastert sind mit Plakaten auf denen steht: „erdnussfreier Bereich.“ Immer mehr Kinder leiden unter Immunreaktionen auf Proteine in der Nahrung, nicht nur in Nüssen, sondern in Milch, Eiern, Soja, Fisch, Früchten – man sagt es, und jemand ist darauf allergisch. Zöliakie, eine Allergie auf Gluten, dem wichtigsten Protein in Weizenmehl, grassiert. Mehr als ein Drittel der britischen Jugendlichen und 15% der Ekzeme, chronische Hautentzündungen, befallen mehr als 15% der Kinder in den USA und 30% der australischen Säuglinge bekommen sie in ihrem ersten Jahr.

Diese Störungen legen nahe, dass unsere Kinder nie da gewesene Dysfunktionsstufen der Immunität erleben. Und dann gibt es noch den Autismus – eine viel diskutierte und debattierte Seuche, die im Mittelpunkt meines Laboratoriums steht.

Auch Erwachsene entfliehen des modernen Seuchen nicht. Die Häufigkeit einer entzündlichen Darmerkrankung, einschließlich Morbus Crohn und ulzerativer Colitis, steigt. Als ich ein Student war, gab es ösophageale Refluxkrankheit nur selten. Aber die Krankheit ist in diesen vergangenen 40 Jahren explodiert, und der Krebs, zu dem sie führt, das Adenokarzinom und der Speiseröhrenkrebs, sind die am schnellsten zunehmenden Krebsarten in vielen Entwicklungsländern, und es ist ein besonders böses Problem, vor allem für Männer.

Warum gibt es in allen Industrieländern ein schnelles Anwachsen dieser Leiden, und warum verteilen sie sich in den Entwicklungsländern, wenn sie sich westlich orientieren? Kann das reiner Zufall sein? Wenn es 10 dieser modernen Seuchen gibt, gibt es dann auch 10 verschiedene Ursachen? Das scheint unwahrscheinlich.

Oder sollte es einen tieferen Grund geben, der alle diese Anstiege schürt? Eine einzige Ursache ist eher zu kapieren; es ist einfacher, eher geizig. Aber welche Ursache sollte gewaltig genug sein um Asthma, Adipositas, ösophagealen Reflux, Jugenddiabetes und Allergien auf spezielle Nahrung zu umfassen, unter all den anderen? Zu viele Kalorien zu sich zu nehmen könnte Adipositas erklären, aber nicht Asthma – dabei sind (nämlich) viele der Kinder dünn. Luftverschmutzung könnte das Asthma erklären, aber keine Lebensmittelallergie.

Viele beweislose Theorien werden bemüht um jede Störung zu erklären. Schlafmangel lässt dich fett werden. Impfungen führen zu Autismus. Genetisch veränderte Weizensorten sind giftig für den menschlichen Magen. Und so weiter.

Die bekannteste Erklärung für den Anstieg der Kindersterblichkeit ist die sogenannte Hygiene-Theorie. Sie besteht darin, dass moderne Seuchen vorkommen, weil wir unsere Welt zu steril gemacht haben. Das Ergebnis ist, dass die Immunsysteme unserer Kinder untätig geworden sind und darum anfällig für falschen Alarm und freundlichen Beschuss. Viele Eltern versuchen jetzt, das Immunsystem ihrer Kinder hochzufahren, indem sie ihnen Haus- und Nutztiere besorgen und sie auf Bauernhöfe karren, oder, noch besser, glücklich sind, wenn sie Dreck essen.

Ich differenziere gerne. Für mich sind solche Belastungen für unsere Gesundheit unwichtig. Die Mikroben in der Erde haben sich für die Erde entwickelt, nicht für uns. Die Mikroben in unseren Haus- und Nutztieren sind ebenso nicht gerade tief in unserer menschlichen Evolution verwurzelt. Die Hygiene-Theorie ist eine Fehlinterpretation.

Besser, wir schauen uns einmal die Mikroorganismen, die in und auf unserem Körper leben, einmal genauer an – gewaltige Ansammlungen wettstreitender und kooperierender Mikroben, die gemeinsam bekannt sind als Mikrobiom. In der Ökologie bezieht sich ein „Biom“ auf die Gruppe an Pflanzen und Tieren in einer Gemeinschaft, wie einem Urwald, einem Wald, oder einem Korallenriff. Eine enorme Vielfalt an Arten, klein und groß, interagieren um komplexe Vernetzungen gegenseitiger Unterstützung zu bilden. Wenn eine „Schlüssel-“art verschwindet oder ausstirbt, leidet die Ökologie. Sie kann sogar kollabieren.

Jeder von uns beheimatet eine ähnlich diverse Ökologie von Mikroben, die sich, über Äonen, neben unserer Art entwickelt haben. Sie gedeihen im Mund, Magen, Nasenhöhlen, Ohrkanälen und auf der Haut. Bei Frauen überziehen sie die Vagina. Die Mikroben, die unser Mikrobiom bilden, erwirbt man allgemein früh im Leben; erstaunlich, im Alter von drei Jahren ähneln die Populationen in uns drinnen denen von Erwachsenen. Zusammen spielen sie eine wichtige Rolle für dein Immunsystem und deine Fähigkeit, Krankheiten zu bekämpfen. Kurz, dein Mikrobiom hält dich gesund.

Und zum Teil verschwindet es.

Die Gründe sind alle um uns, auch Überdosierung von Antibiotika bei Menschen und Tieren, Kaiserschnitten und der weit verbreitete Einsatz von Putz- und Desinfektionsmitteln, um nur einige zu nennen. Mütter geben ihre Mikroben an ihre Kinder weiter, wenn sie durch den Geburtskanal schlüpfen, aber Säuglingen per Kaiserschnitt fehlen sie.

Während Antibiotika-Resistenz ein großes Problem ist – alte Todesursachen wie Tuberkulose sind zunehmend resistent und kehren zurück – gibt es noch ein gesondertes Problem, das Leute befällt, die an Übeln wie Clostridium difficile leiden, einem multipel Antibiotikum-resistenten Bakterium im Verdauungstrakt, und dem methicillinresistenten Staphylococus aureus (MRSA), einem sich ausbreitendem Krankheitserreger.

Auch wenn wir Antibiotika haben, die resistenten Organismen sind besser angepasst; es ist der Druck durch intensiven Antibiotikaeinsatz, der das Vorhandensein dieser resistenten Organismen erhöht. Die Antibiotika, die ich zu mir nehme, betreffen den Grad an Resistenz der Bakterien in der gesamten Gemeinschaft. In dem Sinne, sind Antibiotika nicht wie andere Medikamente – meine Herzmedizin betrifft niemanden, außer mich.

Aber so schrecklich diese resistenten Krankheitserreger auch sind, der Verlust der Vielfalt innerhalb unseres Mikrobioms ist viel schlimmer. Ihr Verlust verändert die Entwicklung selbst, wirkt sich auf unseren Stoffwechsel aus, auf unser Immunsystem, und vielleicht sogar auf unsere Wahrnehmung. Mikroben in unseren Eingeweiden spielen eine Rolle bei der Produktion einiger der Bausteine des Gehirns, genau wie der Moleküle, die Signale von einer Gehirnzelle zur nächsten schicken.

Ich habe diesen Prozess „die verschwindende Darmflora“ genannt. Aus vielerlei Gründen verlieren wir unsere alten Mikroorganismen. Dieses Dilemma ist mein zentrales Thema. Der Verlust der mikrobiellen Vielfalt auf und innerhalb unserer Körper fordert einen furchtbaren Preis. Ich prophezeie es wird in der Zukunft noch schlimmer. Genau wie der Verbrennungsmotor, die Spaltung des Atoms und Pestizide alle ihre unerwarteten Auswirkungen hatten, genauso wird es auch der Missbrauch von Antibiotoka und anderer medizinischer oder pseudo-medizinischer Praktiken haben (z.B. Gebrauch von Putzmittel).

Ein noch schlimmeres Szenario bewegt sich auf uns zu, wenn wir unser Verhalten nicht ändern. Es ist so unerfreulich, wie ein Eissturm, der über die gefrorene Landschaft tost, dass ich es „antibiotischer Winter“ genannt habe. Wir wissen, dass uns die „guten Bakterien“ vor den „schlechten“ schützen, die Krankheitserreger, denen wir im Lauf unseres Lebens begegnen. Da unsere Stämme guter Bakterien dezimiert werden, wächst unsere Anfälligkeit für die schlechten. Ich möchte nicht, dass die Kleinkinder der Zukunft enden wie meine armen Tanten. Darum gebe ich Alarm.

In meinem Labor jedoch, warten wir nicht, wir arbeiten an Lösungen. Wir haben mehr als 20 Projekte, untersuchen wie Antibiotika sich auf resistente Mikroben und ihre Wirte auswirken, beides bei Maus- und Menschenexperimenten. Bei einem typischen Mäuseexperiment geben wir Mäusen Antibiotika in ihr Trinkwasser und vergleichen sie mit Mäusen, die keine Medikamente bekommen. Wir fangen am Anfang des Lebens an, manchmal kurz vor der Geburt, und dann lassen wir die Mäuse wachsen, studieren wie dick sie werden, wie ihr Leben funktioniert, wie das Immunsystem sich entwickelt, wie ihre Knochen wachsen, und was mit ihren Hormonen im Gehirn geschieht.

Das Verstehen der Veränderungen, die diese Belastung durch Antibiotika bewirkt, haben wir erkannt, dass das frühe Leben zum Schlüsselverständnis für Anfälligkeiten beiträgt. Junge Kinder haben entscheidende Phasen beim Wachstum, und unsere Experimente zeigen, dass der Verlust guter Darmbakterien in diesem frühen Stadium der Entwicklung zu Adipositas führt. Wir konnten bei Mäusen und Kindern nachweisen (in England, bei Teilnehmern der Avon Langzeitstudie von Eltern und Kindern), dass Kinder, die Antibiotika in den ersten sechs Monaten des Lebens bekommen mit sieben eher fett sind als Kinder, die in der gleichen Phase keine Antibiotika bekamen, als wir andere wichtige Faktoren berücksichtigten.

Schließlich hoffen wir, unsere Erkenntnisse bei der Maus auf den Menschen anwenden zu können. Wir versuchen den Schaden für Menschen auf der ganzen Welt umzukehren, unter anderem Strategien zu entwickeln um die fehlenden Mikroorganismen wiederzuerlangen. Ein wichtiger Schritt bei jedem Vorgehen ist den Missbrauch von Antibiotika bei Kindern einzuschränken, von jetzt an. Meine Irrfahrt als Arzt und Wissenschaftler seit mehr als 41 Jahren hat mir wichtige Blickwinkel auf unsere modernen Seuchen verschafft, und eine komplette Liste voller Auswege. Dies ist eine Herausforderung, der wir uns stellen können und müssen.

Source: http://www.theguardian.com/society/2014/jun/01/why-antibiotics-making-us-ill-bacteria-martin-blaser

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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