Die Amerikaner müssen erfahren, was die Welt von ihnen hält

Es wird kaum wahrgenommen, wie die Haushaltskrise an der Glaubwürdigkeit der USA nagt. Die Zeit für einen invertierten Christoph Columbus ist gekommen

 

Timothy Garton Ash

theguardian.com, Dienstag 15. Oktober

„Wenn die USA so weitermachen, dann wird eines Tages – in einem Jahr oder in zehn – wird der Boden für das Vertrauen der Investoren fort sein.“

Bild: Brendan Smialowski/AFP/Getty

Am Montag wurden in Washington DC Behördenstellen geschlossen, um den Tag des Kolumbus hervorzuheben. Nur waren die meisten soundso geschlossen, aufgrund der Schließung durch die Regierung. Wie jeder weiß, war Christoph Kolumbus ein italienischer Seefahrer, der, im Dienst der spanischen Krone, angeblich Amerika „entdeckte“ und der verwunderten Welt von seinem Potential berichtete. Ich habe den Sommer in den Vereinigten Staaten verbracht, mit zunehmender Sorge, und beobachtete das Land, das in einem Grad damit beschäftigt ist, sich selbst zu schaden, dass wenn man es bei einem Heranwachsenden feststellen würde, jeden Freund dazu bringen würde sofort nach einem Arzt zu rufen. Da ich mich wieder nach Europa aufmachte, ziehe ich folgenden Schluss: Amerika sollte Kolumbus auf den Kopf stellen. Die Welt braucht Amerika nicht länger zu entdecken; aber Amerika muss dringend erfahren, wie die Welt Amerika sieht.

Einfache Amerikaner, vor allem die kleine Minderheit, die bei den Vorwahlen der Demokraten und Republikaner aktiv waren, müssen erfahren, was Menschen auf dem ganzen Globus über die USA sagen und denken. Denn wenn man das tut, stellt man fest, dass der Zerfall der amerikanischen Macht schneller vor sich geht als die meisten von uns es voraussagten – während sich die Politiker in Washington aufführen wie brünftige Hirsche mit verhakten Geweihen.

Die immer währende amerikanische Nachrichtenerstattung folgt dem Hirschgerangel auf Schritt und Tritt. Es ist das politische Äquivalent von ESPN, dem Non-stop Sportverbund. Nur gelegentlich scheint der Rest der Welt durch: Zum Beispiel wenn Weltbank und IWF ihre jährlichen Treffen abhalten – exakt dort in Washington – und die Köpfe beider Einrichtungen, Jim Yong Kim und Christine Lagarde, vor entsetzlichen Folgen warnen. Das gibt ein paar Schlagzeilen. Oder wenn die Schließung durch die Regierung und die gewagte Politik der Schuldenbegrenzung Barack Obama dazu bringt, eine wichtige Reise nach Asien abzusagen, einschließlich des APEC-Gipfels auf Bali, was Präsident Xi Jinping Spielraum lässt, um Chinas regionalen Vormachtstellung zu sichern. („Der Asiatisch-Pazifische Raum kann ohne China nicht gedeihen.“)

Eine unmittelbarere Kostprobe ausländischer Nachrichten ist nur ein paar Klicks entfernt abrufbar. Auf meiner Kabelfernsehen-Fernbedienung gehe ich runter auf Kanal 73, oder auf 355, was es auch ist, ich kann Al-Jazeera empfangen, Chinas CCTV und Russlands RT.

Ihre Reporter sprechen oft perfekten amerikanisch akzentuierten Zeitungsjargon, und manchmal sind sie tatsächlich beruflich amerikanische Journalisten, die von den stellenabbauenden US-Nachrichtendiensten fortgelockt wurden um diesen Sendern Glaubwürdigkeit zu verleihen. Der Chef vom Washingtoner Büro von CCTV, zum Beispiel, ist Jim Spellman, einst bei CNN. Dies Wiedergabe von Washingtons Talfahrt auf diesen Sendern, ist wesentlicher härter geschliffen als die Version von ESPN. Die Webseite vom russischen, staatlich geförderten RT, zitiert einen Leitartikel, der von der chinesischen, staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlicht wurde, in dem vorgeschlagen wird, angesichts dieser Krise, „mehrere Grundsteine zu legen für eine ent-amerikanisierte Welt.“

Natürlich repräsentieren Sender ihre undemokratischen Staaten, nicht ihre Völker. Und man mag fragen, nun, werschaut schon CCTV oder RT? Nimmt die jemand ernst? In Europa und Nordamerika lautet die Antwort immer noch „nicht viele“ und „nicht sehr.“ (Das trifft auf Al-Jazeera weniger zu.) Aber in Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens ist das bereits eine andere Geschichte. Im globalen Wettbewerb internationaler Übertragungen gewinnen diese gut finanzierten Netzwerke an Einfluss.

Nicht nur im Bereich sanfter Macht sind Wahrnehmungen Realitäten. Worauf George Soros weiterhin verweist, das gilt auch für Finanzmärkte. Nur zur Erinnerung: Die USA erreichten ihre Schuldengrenze bei 16,699 Billiarden Dollar im Mai diesen Jahres. (Zum Vergleich: Die Weltbank erwartet 2012 ein BIP von 15,685 Billiarden Dollar.) Seit Mai ergreift die Bundesregierung (der USA, Anm. des Übersetzers) sogenannte außerordentliche Maßnahmen um ihre Rechnungen zu begleichen und ihre Schulden zu refinanzieren.

Diese außerordentlichen Maßnahmen erreichen laut Finanzminister Jack Lew das Ende des Haltestricks am 17. Oktober. Ein paar Tage zuvor berichtete er dem Finanzausschuss des Senats, dass die Zinssätze für kurzfristige Staatsanleihen sich innerhalb einer Woche verdreifacht haben. Und in der vergangenen Woche verkaufte Fidelity, der größte amerikanische Inverstmentfondsverwalter, seine kurzfristigen Regierungsanleihen. Das ist nur eine kurzfristige Vorsichtsmaßnahme, verstehen sie? Aber wenn die USA so weitermachen, dann dann wird eines Tages – in einem Jahr oder in zehn – wird der Boden für das Vertrauen der Investoren fort sein.

Selbst die stärkste Form von harter Macht, Militäreinsätze, enthalten einen wesentlichen Teil von Erkenntnis. Vietnam hat gerade Abschied genommen von seinem Kriegshelden, General Vo Nguyen Giap, dem die Ehre gebührte sowohl Frankreich wie die USA aus seinem Land vertrieben zu haben. Wie die Nachrufe klar machten, war seine Tet-Offensive von 1968 ein militärischer Fehlschlag, da der Vietkong unter großen Verlusten zurückgeschlagen wurde. Aber politisch spielte sie eine Schlüsselrolle dabei, die öffentliche Meinung in Amerika gegen den Krieg zu wenden. Gleichermaßen gibt es keine objektive Wahrheit zu den Kriegen in Afghanistan und im Irak, aber aus der Sicht eines großen Teils der Welt hat das US-Militär nicht gerade gewonnen.

Während ich dies schreibe, sieht es so aus als würden die brünftigen Hirsche im Senat und Repräsentantenhaus in der letzten Minute von der Kante der Schlucht zurücktreten. Aber selbst wenn sie das tun, großer Schaden ist bereits angerichtet. Politisch ist das „volle Vertrauen und Ansehen“ der USA in den Augen der Welt noch mehr verschwunden.

Amerikaner müssen diese Ansichten von außen betrachten. Einige verstehen die Notwendigkeit: Das ist ein Grund, warum so viele die US-Version der Guardian-Webseite besuchen. Diesen Dienst könnte auch die digitale International New York Times (ehemals International Herald Tribune) unterstützen, mit einem größeren Anteil internationaler Stimmen – auch wenn das Zielpublikum schlichtbeschrieben wird, vom verantwortlichen Assistenten des Redaktionsleiters, in einem Artikel der New York Times über sich selbst, als „die politische, unternehmerische und kulturelle Elite der Welt.“ Aber was ist mit den stolzen, nicht so weltgewandten, nicht-elitären Amerikanern zuhause, einschließlich der aktiven Minderheiten, die Vertreter der Demokraten und Republikaner bei den Vorwahlen ernennen, bei parteiischen Vorwahlen in manipulierten Wahlkreisen?

Hier also mein Vorschlag zum Abschied. Lasst irgendeinen öffentlichkeitswirksamen amerikanischen Millionär einen Durchschnittsfernsehsender und Internetkanal aufmachen, der einem breiteren amerikanisches Publikum vermittelt, und das auf eine anschauliche und verständliche Art und Weise, wie die USA auf der ganzen Welt betrachtet werden. In Großbritannien benutzen die Leute immer noch gelegentlich einen altmodischen umgangssprachlichen Begriff um Unglauben über etwas kundzutun, das gleichzeitig erstaunlich und ein bisschen lächerlich ist – so wie das, was in Washington passiert ist. Sie sagen: „Christoph Kolumbus!“ Komplett mit Ausrufezeichen in Yahoo-Manier, das könnte ein guter Name für den Sender sein.

Twitter: @fromTGA

• Dieser Teil wurde am 16 Oktober ergänzt. Der Artikel stellte im Original fest, dass die USA im Mai diesen Jahres ihren Kreditrahmen um 16,699 Billiarden Dollar überzogen hatten, als sie tatsächlich ihre Kreditgenze erreichten. Das wurde nun korrigiert.

Quelle: http://www.theguardian.com/commentisfree/2013/oct/15/americans-need-discover-how-world-sees-them

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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