Wir kleben an unseren Waffen

Charles Simic

4. DEZEMBER 2015

Morgen um Morgen voller Bäume ohne ein Blatt. Ihre nackten Äste scheinen vergrämt. Ein Hauch von Niederlage hängt in der Luft. Rostige Autos, teilweise zerlegte Kühlschränke, Waschmaschinen und anderer Müll, bis vor Kurzem verborgen in den Hinterhöfen von diesem satten Blattwerk, das den Häusern der Menschen ein Aussehen verleiht, als hätte man sie gemeinsam mit den Hosen runter erwischt.

Es ist die heiße Präsidentschaftsphase in den USA, da wird mit der Wahrheit sparsam umgegangen, wenn überhaupt, und viele dringende Probleme der Nation werden komplett ausgeblendet. Man könnte meinen, eine Massenschießerei am Tag, bei der durchschnittlich vier oder mehr Menschen verletzt oder getötet werden; über sechzig Schießereien in Schulen allein 2015; mit Mordraten durch Schusswaffen, die in den Vereinigten Staaten nahezu dreißig mal öfter als im UK passieren, wo Feuerwaffen streng reglementiert sind; nebst Waffenverkäufen in Amerika, selbst jetzt, nach dem Blutbad von San Bernardino, die jeden bekannten Rekord brechen; dass die Republikaner sich dazu überwinden könnten, das Problem ernsthaft anzugehen. Aber nein, alles wozu sie sich überwinden können, ist den Familien der Getöteten zu sagen, dass sie ihre Geliebten in ihre Gebete aufnehmen, während sie den übrigen von uns erzählen, wenn es nur keine waffenfreien Gebiete gäbe, und jeder Amerika jederzeit eine Knarre dabei habe, keines der Blutbäder, wie diejenigen in Paris, Oregon, Colorado und Kalifornien so viele Leben gekostet hätte. Bis auf ihre gewöhnliche Entschuldigung, es sei ein psychisches Problem und nicht eins der einfachen Verfügbarkeit von Waffen, stimme ich zu, dass die Schützen irre sind, aber die Politiker und Wähler genauso, die Menschen ihr Zuhause in Arsenale verwandeln lassen und sich mit militärischen Waffen ausrüsten, die einzig zu dem Zweck erschaffen wurden Mengen niederzumähen. Die Waffenliebhaber haben die grundlegenden Spielregeln des menschlichen Zusammenlebens vergessen: Fuchtel nicht mit einer Waffe in ihren Gesichtern rum.

Trotzdem jeden Morgen mit dem Gedanken an Donald Trump aufzuwachen, der die längste Mauer der Welt seit der Goßen Mauer von China bauen will, an der Grenze zu Mexiko, und mehr Menschen deportieren als Stalin und Hitler es je taten; und dem leise sprechenden Dr. Carson, der das Rätsel der Pyramiden gelöst hat und syrische muslimische Flüchtlinge mit „tollwütigen Hunden“ verglich; und mit Senator Rubio, der meint die Septemberanschläge und das kürzliche Blutbad in Paris seien Teil von Gottes Plan für das Universum; und Ted Cruz, der will, dass die Freiheitsstatur ein Schild in der Hand hält, auf dem steht: „Zutritt nur für Christen“ – der Gedanke, dass all diese Männer in der Nähe ihre Hände schütteln, sollte mein und das Leben von jedem anderen hier während der Vorwahlen immerzu mit Schauern übergießen, aber irgendwie tut es das nicht.

Die Wahrheit ist, man trifft die Kandidaten heute seltener. Vor Jahren war ihnen kaum auszuweichen. Man ließ sich die Harre schneiden und George McGovern oder Richard Nixon stürzten herein und eilten zu einem um deine Hand zu schütteln. Heute gehst du an einem Wochentag auf die Einkaufsmeile und was siehst du? Nur ein paar Jugendliche, die die Schule schwänzen, einige ältere Paare, die versuchen sich aufzuwärmen und einsame Verkäufer, die herumstehen und vor Langeweile in den leeren Läden sterben. Und solltest du schreien Wo ist Hillary Clinton? schauen sie dich an als wärst du übergeschnappt: In meiner kleinen Stadt habe ich bloß ein Trump-Schild gesehen, eins mit Carson for President und eins für McCain und Palin, das entweder ein Spaßvogel vor kurzem aufgehängt hat oder jemand der dem großen Mannern und der Frau, die einst von der Republikanischen Partei aufgestellt wurden, wirklich nachtrauert.

Die Berichterstattung über unsere Wahlen ist ebenfalls keine Hilfe. Sie hat etwas von einem Märchen. Unsere Landespresse tut als ob sie es mit prinzipientreuen Männern und Frauen zu tun hat, die sorgfältig durchdachte Lösungen für die Probleme unserer Nation anbieten, und nicht mit katzbuckelnden Dienern von Milliardären, die ihnen ihren Wahlkampf bezahlen; und dass die Wähler, die diese Kandidaten im Vorwahlkampf zu überzeugen versuchen, gut informierte und wohlgesinnte Amerikaner sind, und nicht Leute, die ihre Informationen weitgehend von Fox TV und aus dem Hassradio beziehen. „Lobotomisiert von Rush Limbaugh, Glenn Beck, Sean Hannity und Michael Savage“, so beschreibt ein Freund einen seiner Nachbarn. Mit anderen Worten, jemand, der unerreichbar ist für jemanden, der nicht glaubt, dass Obama ein Muslim oder ein Kommunist ist, dass Planned Parenthood (in Deutschland Pro Familia) lebende Kinder zerlegt und ihre Körperteile gegen Bares verkauft, und dass Adam und Eva im Garten Eden einen Haustier-Dinosaurier hielten.

Jedes Land der Welt verfügt über Schwachköpfe und Gauner in der Politik, aber kein Land behandelt sie mit größerem Respekt als wir es tun – oder derartig ohne Eier. Ein Schwindler, der in einer Quatschrunde am Sonntag Morgen behauptet, dass die globale Erwärmung eine Ente sei, und jeder Wissenschaftler, der anderes behaupte, es fingiere, oder einwendet, dass wenn die Reichen in diesem Land keine Steuern bezahlten, ihr Wohlstand auf uns alle heruntersickern würde, wird respektvoll behandelt und harmlos befragt, ohne daran erinnert zu werden, dass seine Vorschläge nicht nur wiederholt widerlegt wurde, sonern früher populär war als Pferde-und-Spatz-Theorie der Wirtschaftslehre: Füttert man ein Pferd mit genügend Hafer, werden auch die Spatzen etwas abbekommen.

Scheiss auf die Konsequenzen, das ist es, was sie alle sagen. Weder unsere Vergangenheit noch unsere Zukunft interessiert sie. Ein Ausländer, der unsere Angewohnheiten nicht kennt, mag sich fragen, warum diese Leute, die für das Präsidentenamt kandidieren, nicht gezwungen werden zu beantworten, wie, mit den vielen Kriegen, die wir bereits gekämpft haben und den vielen Kriegen, zu denen sie für die Zukunft raten, wir dem Schiksal jedes anderen Imperiums oder Landes in der Geschichte entgehen sollen, das sich daran machte die gesamte Welt zu bekämpfen. Aber uns ist klar, dass sie danach wahrscheinlich nicht gefragt werden. Noch wird man sie nach der Geschäftemacherei mit dem Krieg fragen, dem Verschwinden von Milliarden an Steuerdollar im Irak und in Afghanistan; nicht nach Saudi-Arabien, der Türkei, oder nach unseren sogenannten Freunden im Mittleren Osten, denen wir zig Milliarden Dollar an Waffen geliefert haben, und die selbst die Dschihadisten in Syrien unterstützen; noch nach der amerikanischen Feuerwaffenindustrie und ihren immensen und wachsenden Profiten; noch nach der Anstiftung zu Gewalt gegen illegale Immigranten und Muslime durch einige ihrer Partnerkandidaten. Es besteht ein absoluter Mangel an Rechenschaftspflicht in unserem politischen System, in dem Nichtskönner, Ganoven und Kriegsverbrecher nicht nur reich werden, sondern nach deren Rat überall gesucht wird, was uns jegliche Hoffnung verlieren lässt, dass eine dieser fatalen und selbstmörderischen Politiken jemals rückgängig gemacht werden kann.

„Papa weiß es am besten“ sagen Autokraten überall ihren Anhängern, die sie in einem Zustand der kindlichen Hilflosigkeit und Unwissenheit bewahren möchten. Daher konnte Donald Trump – dessen Anhänger ohnmächtig werden, wenn sie ihn so etwas sagen hören und neulich eindeutig entzückt waren, als ein Demonstrant von Black Lives Matter, der auf einer seiner Kundgebungen protestierte, getreten wurde, geschlagen und gewürgt – hinterher sagen, es täte ihm leid, dass der Demonstrant nicht noch ein bisschen mehr aufgemischt wurde. Und er ist nicht der einzige. Es gibt auch noch Cruz. Ihre Tiraden erinnern mich an die Nationalisten in Jugoslawien in den 1990-ern, aus dem ganz einfachen Grund, dass das Repertoire und der Wortschatz der einheimischen Tyrannen begrenzt ist. Woher sie auch kommen, sie hören sich nicht nur ähnlich an, sie sehen auch meist gleich aus.

Meine Freunde versichern mir, dass weder Trump noch Cruz eine Chance haben, Präsident zu werden und ich neige dazu, das auch so zu sehen, obwohl, denke ich zurück an Jugoslawien, entsinne ich mich wie viele intelligente und auch sonst freundliche Leute einknickten wegen einem widerlichen Nationalisten und mich zu überzeugen versuchten, dass wir einen harten Mann für harte Zeiten benötigten, und dass dieser Bursche ein paar harte Kanten haben mochte, aber ehrlich ist und wir alle in diesem historischen Moment hinter ihm stehen müssen. Eine meiner lieben Tanten versuchte mich sogar davon zu überzeugen, dass Milošević gut aussah. Ich war sprachlos. Einen Moment lang dachte ich, ich hätte mich verhört und fragte ob sie wiederholen könne, was sie sagte. Es war als würde deine Mutter oder deine Schwester sagen, sie fände Donald Trump pfiffig.

4. December 2015, 5:42 pm

Quelle: http://www.nybooks.com/daily/2015/12/04/sticking-to-our-guns/