Wie man eine Erzählung beginnt

Dylan Thomas

Die Art mit einer Erzählung loszulegen, hängt nicht so sehr davon ab, was du denkst, sondern von der Geschichte selbst, und von dem Publikum (coram), für das sie gedacht ist. Dass das geht, ohne es zu sagen, soll mich in keiner Weise abschrecken, es zu tun: Dies sind Bemerkungen im Rahmen eines nie geschriebenen Essays, und sie sind frei wie die Londoner Luft, aber so schmutzig nun auch wieder nicht.

Es wäre z.B. falsch, wenn auch hübsch, eine Geschichte für Timis Gazette im Stil einer wilden, link zynischen, amerikanischen Unterwelt-Posse anzufangen, gesalzen mit sprachlichem Sex, gepfeffert mit Blei, mit Leichen gezuckert und mit Zigaretten gebleicht: die Sorte Krimi unter deren harter und finsterer Schale kein Raubvogelküken lauert, kein Riesenalk aus Chicago, oder Vogel Roc aus Brooklyn, sondern ein gestriger, schüchterner und schofler Spatz, der sich um Krümel und Kumpel zwitschert. Diese grellen, dreisten, Zigaretten-zerdrückenden Mädchenschinder und asozialen bösen Blagen, die in neueren Gangster-Filmen zugeben, im Ufa-Licht der Gosse, neben der Schiene, oder in der Zelle, dass sie irgendwie immer unerwünscht und einsam waren, sogar damals, im kleinen Sippendorf mitten im Westen, und das alles anfing, als ihre alkoholsüchtige, zweite Stiefmutter ihnen einheizte, damit sie ihre Gebete sprachen – für diese bis unter die Kiemen vollgekoksten Affen ist in Timis Kosmos kein Platz, wie sehr Timi es auch zu schätzen wüsste, und der Autor von Kindergeschichten sollte niemals, unter keinen Umständen, gefühlt oder echt, mit einer vor Kraftausdrücken strotzenden und eintönigen Beschreibung eines Überfalls auf einen Schulkiosk für pensionierte Waffenhändler durch die Sittenpolizei beginnen. Es ist angebracht, eine Kindergeschichte mit einem Gespräch unter Ratten anfangen zu lassen, aber nur zwischen einer bestimmten Sorte Ratten.

Auch sollte der Autor einer Geschichte, die einen öden, langweiligen Verkauf schildert, und die Geburt, Ausbildung, finanzielle Auf und Abs, Heirat, Trennungen und Tode von fünf Generationen einer Familie von Baumwollpflückern aus Lancashire umfasst, nicht mit, sagen wir, dem joyceanischen inneren Monolog eines durchgeknallten Kleinhändlers beginnen, der in einem Aufzug voller Motten festsitzt, oder mit einer niedlichen Szene in Katzensprungstadt oder Federdaunenland, zwischen Schroffi, dem Löwen, und Stoppi, dem Tiger.

Derjenige, der mit einer Geschichte für ein bekanntes Mädchenmagazin anfängt – „Dörte“ oder „Petra“, oder vielleicht heißt es jetzt „Gabi“ oder „Ingrid“ – mit der subtilen Analyse des Geisteszustands eines neurotischen jungen Literaten, darüber, wie man Ängsten begegnet, gesellschaftlich, in einer ausgedienten Wellblechbaracke, wird es niemals schaffen und ist verdammt zu ewiger Einkerkerung in Magazine, in denen siebzehn Dichter verkehren, und eine Frau, die einmal Kafkas Tante getroffen hat.

Lasst uns jetzt, ganz kurz, nur ein paar wenige der vielen beliebten Arten, eine Erzählung zu beginnen betrachten, und schauen, ob wir ihnen ein bisschen neues Leben einhauchen können.

Zuerst Schulgeschichten: nicht die blöden, über Sorgen und Nöte von duseligem Gemüse und zurückgebliebenen Nachkommen, von dem ersten Dämmern der Liebe und Shelley im erwachenden Bewusstsein, sondern den guten, oder schlechten, alten Geschichten, die sich alle um Tee und Gebäck in der gemütlichen Stube drehen, mitternächtlichen Ausflügen im Kerzenlicht in den kaum bewachten Schlafsälen, Entkommen mit zusammengeknoteten Laken zu Zirkussen oder Feen jenseits der Grenzen, das gandenlose Foppen und Triezen unbeliebter Aufsichten und armseliger Witzbolde, der Herauswurf von Proleten für Rauchen auf dem Sextaner-Hof – armer kleiner blässlicher Maltravers, bereits mit den dunklen Ringen unter den Lustmolch-Augen – und die ganzen gewöhnlichen Querelen pfiffiger kleiner Jungs.

Diese lautmalerische, schlaue und anziehende, zeitlich lohnende Eröffnung ist optimal:

Leggo!“

Geroff!“

Bastard!“

Und dann natürlich:

Diese unüberhörbaren Schreie schallten den Gang der oben gelegenen Ruine hinab.“

Der Neuling sollte jede Schulgeschichte mit genau diesen Worten beginnen.

Im nächsten Satz muss er seine Hauptfiguren einführen, eine Bande stolzer, atemloser, energischer, tintenverschmierter, gemeiner Jungs mit Namen wie bei Dickens, mit schiefen Mützen, ihre Pflichten unerledigt, Haustiere in den Pulten, Papierkugeln in den Taschen, und schrecklichen, wenngleich harmlosen Schwüren auf ihren unrasierten Lippen.

Aber führen wir etwas Neues ein:

Leggo!“

Geroff!“

Bastard!“

Diese unüberhörbaren Schreie schallten den Gang der oben gelegenen Ruine hinab, als Tom Happy und sein Anhang, die man in ganz Eulennest als die Schrecklichen Fünf kennt, Arm in Arm aus Mrs. Motherwells Saufbude getorkelt kamen.“

Hier hast du einen Anfang, der gleichzeitig gebräuchlich und verblüffend ist. Der Leser hängt an deinen Lippen. Du kannst im angenommenen Kontext fortfahren und nur das lautmalerischste, kleinkarierteste und simpelste Vokabular benutzen, um solche Entwicklungen wie die Gruppierung von Tom Happy, dem Selbstmordverein von Eulennest und dem Aufstellen einer Wasserpfeife vor dem Mundstück zu beschreiben.

Dann gibt es noch die Erzählung aus dem ländlichen Leben. Ich rede nicht von der Geschichte, die einen völlig fertig macht, die in vier endlosen Teilen erzählt wird, von harter Plage und wettergegerbter Liebe auf einem einsamen Bauernhof in dem Teil von Sussex, wo man die Drosseln wegen dem Geräusch der Schreibmaschine nicht hören kann; auch nicht den urigen, mitleidigen Mitschnitt, gespickt mit Naturkunde und agrikulturellem Know-how, übersät – das ist das Wort – mit allzu genauen Beobachtungen tierischen Verhaltens, umgarnt mit „Figuren“, verklärt mit unverständlichen Fetzen aus Volksliedern, und insgesamt witzig wie eine Muffe, darüber, wie ein Literat mittleren Alters das Land „entdeckt“ und seine Seele, untere Liga. Nein; Ich denke an die Erzählung, die in einer kleinen irren Gegend um Wessex angesiedelt ist, voller heiliger und verkommener Pfarrer, lüsterner Weiber, uralter Küster und alter Männer mit Namen Pastinak und Pfeifenreiniger.

Stellen wir uns einen typischen Anfang vor:

Herr Rotebeete stand auf dem Hügel über der Stadt Vorgeschichte. Er sah, dass etwas in ihr nicht stimmte. Herr Rotebeete war ein pensionierter Maulwurffänger. Er hatte sich zur Ruhe gesetzt, weil er alle Maulwürfe gefangen hatte. Es war ein hübscher Wintermorgen und am Himmel waren kleine Wolken, die aussahen wie kleine Maulwurfshügel. Herr Rotebeete fing einen Hasen, lehrte ihn das Alphabet, ließ ihn laufen und ging langsam den Hügel hinab.“

Hier haben wir den Ort und die Stimmung der Erzählung genau auf den Punkt gebracht, und haben, wenn auch kurz, Bekanntschaft mit Herrn Rotebeete gemacht, der die Tiere liebt und süchtig danach ist, sie fortzubilden.

Der gewöhnliche Leser – ein märchenhafter Schwachkopf – weiß nicht, wie ihm geschieht,: Herr Rotebeete, das kosmische Symbol von irgendwas oder so, wird, in dem spleenigen Dorf, mit Mundart, Tölpeln, und abgedroschenen Strafpredigten, seine Untersuchung des unwirklichen ländlichen Lebens führen. Jeder, in dieser gewieft erdachten, bukolischen Moralgeschichte, hat seine oder ihre Obsession: Minnie Wurzel will nur den Pfarrer; der Pfarrer, Reverend Nuss, will nur, dass der Geist von Willi Wind in seine vergilbte Stube kommt und ihm „Die Herausforderung“ vorliest.; der Küster will Würmer; Würmer wollen den Pfarrer. Lämmer auf jenen erdachten Hügeln, fröhlich, ausgelassen und belämmert unter dem alles sehenden Blick von Onkel Teepot, dem himmlischen Kesselflicker.

Rücksichtslose Bauern laufen hinter alten Kuhherden mit Namen Teegebäck her, sie quasseln, den ganzen Tag lang, Kühe voll; Kühe, müde von dem einschläfernden Gequatsche, in dem sie gar nicht vorkommen, nehmen, in sehr weiblich Manier, die alten Verwandten der rücksichtslosen Bauern aufs Horn; es ist alles sehr lauschig in diesem Vorgeschichte. Denkt der Leser zumindest – ein schwachköpfiges Märchen.

Der Anfänger wäre schlau, wenn er eine derartige Geschichte anfängt, …

Ich sehe schon, es ist wenig, oder gar keine Zeit um meinen einführenden Essay darüber „Wie man eine Geschichte beginnt“ fortzuführen. „Wie man eine Geschichte beendet“ ist natürlich eine andere Sache … Eine Methode besteht darin:

Sprecher: Das war Dylan Thomas, der darüber sprach, „Wie man eine Erzählung beginnt“.

Übersetzung: Thorsten Ramin

Quelle: The Penguin Book of Modern British Comic Writing – herausgegeben von Patricia Craig

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