Wie ein tschechischer Superspion die CIA infiltrierte

Karel Koecher, der einzige ausländische Agent, der in der CIA aufgetaucht ist, beschreibt die echte Agentenbrücke – und das perfekte Doppelte Spiel

Benjamin Cunningham

30. Juni 2016

In einer kalten Februarnacht 1986 wurde die Glienicker Brücke von Berlin zum Schauplatz des letzten Gefangenenaustauschs des Kalten Krieges – einer spektakulären Auslieferung eines sowjetischen Dissidenten und Karel Koecher, dem einzigen ausländischen Agenten, von dem man weiß, dass er die CIA unterwanderte.

Koecher war tschechischer Staatsbürger, der seit 21 Jahren verdeckt in den USA lebte. Abwechselnd unter den Tarnnamen Rino, Turian und Pedro war er 1965 nach Amerika gezogen um als Maulwurf in der CIA Fuß zu fassen. Koechers zuständiger Offizier beim KGB, Oberst Alexander Sokolow, nannte ihn später einen Superspion.

Nach Akten der tschechischen Geheimpolizei hat seine Frau, Hana Koecherova, Tarnname Adrid, in Koechers Auftrag geheime Nachrichten abgesetzt, während der Jahrzehnte im Ausland, war jedoch nie wegen Spionage belangt worden.

Jahrelang war sie Diamantenhändlerin in New York. Jeder in dem Geschäft mochte sie. Sie lebte in der Wohnung des Paares an der 50 East 89th Street in Manhattan, einen Block vom Guggenheim Museum, Hanas Nachbarn waren Mel Brooks und Anne Bancroft, und Tennisikone Ivan Lendl.

Aber 1986 befand sich Hana auf dem Weg zurück in eine ganz andere Welt – die Tschechoslowakei war Mitte der 80-er ein erstickender Ort.

Koecher gierte danach die Brücke zu überqueren. Nach Jahren als Schläfer hatte er schließlich eine Arbeit bekommen und die höchste Geheimhaltungsstufe der CIA. Als er bei den sowjetische Führungsoffizieren in Prag in Ungnade fiel, umging er die tschechoslowakische Staatssicherheit, den ŠtB (Státní bezpečnost), und berichtete direkt an den KGB in Moskau.

Nach zwei Jahrzehnten in den USA wurde er am Ende vom FBI festgenommen, und im Februar 1986 seit 14 Monaten festgehalten und erwartete seinen Prozess im New Yorker Metropolitan Bundesgefängnis, wo ein Mitgefangener versucht hatte, ihn zu erstechen.

Als er vom Gefangenenaustausch spricht, erinnert sich Koecher: „Da [war] ein Auto“ – ein goldener Mercedes – „und dieser deutsche Anwalt [Wolfgang] Vogel, der die ganzen Austausche regelte, angefangen mit Gary Powers, [dem amerikanischen Piloten in Steven Spielbergs jüngerem Film, Bridge of Spies],“ sagte Koecher, „also überschritt ich die Linie, und ging mit meiner Frau rein. Mein Gefühl sagte mir, ich bin Superman.“

Auf der Potsdamer Seite der Brücke trank Koecher ein Glass Champagner und ging auf einer Partie in „irgendeiner Stasi-Villa“.“ sagte er. Am nächsten Tag flog er nach Prag zurück und wurde im tschechischen Kurort Karlsbad (tschech. Karlova Vary) zwei Monate lang verhört. Als die Befragung zu Ende war, zogen er und Hana in eine Wohnung mit Koechers Mutter.

Durch das Eindringen in die CIA hatte Koecher etwas getan, das kein kommunistischer Spion zuvor getan hatte und trotzdem war er kein willkommener Heimkehrer – Jahrzehnte im Ausland machten ihn verdächtig. Nach der massiven Säuberung tschechoslowakischer Anführer im Jahr 1968, war Koecher auf vergleichsweise Selbstverwaltung ausgewichen und gezwungen, im Rahmen der verwickelten Interessen des Kalten Krieges zu überleben. Seine Flatterhaftigkeit brachte ihm Feinde ein, doch seine Intelligenz und Einstellung sorgten dafür, dass hohe Vertreter ihn mehrfach um Informationen aufsuchten. Jahre später sagte KGB-Chef Vladimir Kryuchkov, seine Erfahrung als Spion seien ein Sturz „in einen Fleischwolf“.

Am Ende, trotz Jahren der Täuschung und gewaltiger Kosten, sahen weder Koecher noch seine Zeitgenossen den bevorstehenden Zusammenbruch des Ostblocks voraus.

Heute sind es vom Hauptbahnhof Potsdam bis zum Ende der Bahn, der Glienicker Brücke, neun Haltestellen. Dieses verblasste grüne Gerüst verband einst West-Berlin mit dem kommunistischen Ost-Deutschland und der Farbton des Gehwegs ändert sich auf der Hälfte immer noch. In den Gehsteig ist ein silberner Streifen versenkt, dort steht Deutsche Teilung bis 1989. 

Neulich eines Samstag morgens ergossen sich aus einem Bus wohlhabende spanische Besucher mittleren Alters, die über die ehemalige Grenze schlenderten. Bei den Wäldern in der einstigen amerikanischen Zone hielten einige an einem historischen Schild mit Schwarzweissfotos, die frühere Zeiten dokumentierten. Wenngleich der sowjetische Dissident Anatoly Sharansky auf den Bildern eine wichtige Rolle spielt, gibt es keine Bezüge auf Koecher, der ein ruhiges Leben mit Hana bei Prag verbringt.

Zurückgezogen trainiert Koecher täglich im nahegelegenen Wald. Hama arbeitet weiterhin, koordiniert Seminare, die Berufskonstrukteure und Professoren technischer Schulen zusammenbringen. Ihr Studierzimmer die Treppe hoch beinhaltet eine Menora, eine stolze Büchersammlung über die Geschichte der Spionage und Texte zur Philosophie und Logik, neben anderen Themen.

Jetzt, mit 81, kauft Koecher Hemden von amerikanischen Bestellfirmen und bietet Besuchern rasch Kaffee an, und manchmal Mohnkuchen. Ein Fernsehprogramm, eine Weinsammlung, ein Wörterbuch und ein Bekleidungskatalog liegen auf dem Wohnzimmertisch. Koecher sieht aus wie dein Großvater, wenn dein Großvater Lügendetektortests täuschen kann, fünf Sprachen sprechen und und in den 70-ern reichlich Zeit auf Swingerparties und mit Machtkämpfen zwischen KGB und CIA verbracht hat.

Während einer Reihe langwieriger Gespräche sprach Koecher offen über seine Vergangenheit als Doppelagent. Ich konnte sein Konto mit tausenden Seiten in freigegebenen Akten des Czechoslovak Státní bezpečnost, des ŠtB aus der Ära des Kommunismus, abgleichen. Koechers Erinnerungen untermalen die launische Natur der Spionagekunst, ihre unglückliche (wenn vermeidbare) Abhängigkeit von unzuverlässigen und betrügerischen Menschen und ihre schamlose Ausbeutung von Rivalitäten. Ebenso erlauben sie einen Blick in den inneren Betrieb eines behenden Agenten.

Nach eigenen Erzählungen war Koecher nie jemand, der Regeln befolgte, und er reagiert immer noch spitz, wenn seine Meinungen infrage gestellt werden. Er verbrachte den größten Teil seiner Jugend und Pubertät im Streit mit der Obrigkeit. Angefangen mit 14, also mit der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei. „Ärger ist eine Untertreibung.“ sagte er. Geboren wurde er 1934 in Bratislava, der Hauptstadt der heutigen Slowakei, Koechers Mutter Irena war eine slowakische Jüdin und sein Vater ein in Wien geborener Tscheche. Die Familie zog nach Prag als Koecher vier war. Auch wenn das Familienleben „überhaupt nicht befriedigend“ war, war sein Vater anglophil und das Haus voller englisch-sprachiger Bücher. Er besuchte sogar eine englische Grammatikschule, zusammen mit den Kindern der Eliten der Zwischenkriegszeit. Doch die Zeiten änderten sich.

Im Februar 1948 übernahmen die Kommunisten die Macht in Prag. „Es gab praktisch keinen Widerstand.“ sagte Koecher. „1950 war alles vorbei, sie hatten jeden umgebracht, und überall Spione.“

1949 wandte sich Rita Kilmova an Koecher, eine junge Stalinistin (die ihre politische Einstellung mit der Zeit verlagern würde, eine Beraterin Václav Havels wurde und offenbar den Begriff Samtende Revolution geprägt hat). „Sie suchte jemanden, der die anderen Kinder ausspioniert,“ sagte Koecher. Mit 15 erweckte Koecher bereits das Interesse des ŠtB.

Lange bevor er ein Agent wurde, war Koecher das Ziel von Überwachung. Eine Akte aus den ŠtB-Archiven hält fest: „Von 1940 bis 1950 war Koecher Mitglied einer staatsfeindlichen Gruppe, die in der Spionage mitmischen wollte. Ende 1949 bauten er und die Gruppe Kontakt zu einem amerikanischen Agenten auf, um Unterstützung durch die amerikanische Botschaft zu erhalten.“

1950, als er 16 war, wurden Koecher mit Freuden verhaftet und über Nacht festgehalten, nachdem Sicherheitskräfte entdeckten, dass sie Waffen horteten. Koecher wurde freigelassen, doch dann, im folgenden Jahr, erschoss einer seiner Klassenkameraden einen Soldaten. Koecher wurde kollektiv für schuldig befunden und das ŠtB begann ihn regelmäßig zu verfolgen. Der Klassenkamerad wurde später gehängt.

Koecher studierte weiterhin Physik und Mathematik an der Karls-Universität, sowie Film an der Prager Akademie der darstellenden Künste. „1958 wurde er auf Bewährung zu drei Monaten bis zu einem Jahr (Gefängnis) verurteilt, weil er eine Amtsperson beleidigt hatte.“ heißt es in einem anderen ŠtB-Bericht. Der Verstoß? Mädchen küssen, während ein Polizist dabei stand.

Nach dem Abschluss verrichtete Koecher verschiedene Arbeiten: Hochschullehrer, Berichterstatter für das staatliche Fernsehen, Humorautor für das Radio – aber die Verflechtung mit dem ŠtB blieb bestehen. „Sie verfolgten mich und zerstörten jeden beruflichen Schritt, den ich unternahm.“ sagte Koecher. Als er 1961 eine Ausschreibung um eine Arbeit für die Unesco in Kamerun gewann, bewilligte ihm die Regierung der Tschechoslowakei keinen Ausweis, nannte ihn einen „politisch zu gefährlichen Bürger um ins Ausland zu reisen.“

Im May 1962 bekam er eine ausgesetzte Strafe von 8 Monaten bis zu zwei Jahren für „moralische Verstöße“, mitunter einem „Partyvorfall in seiner Wohnung und der Anwesenheit von minderjährigen Mädchen.“ laut ŠtB. Darum wurde Koecher beim Radio gefeuert.

Ich war wirklich starr vor Angst.“ sagte Koecher. „Es war klar, dass es nicht aufhören würde. Ich hatte die Idee, das ich das Problem einfach lösen könnte, indem ich den Geheimdienst dazu bekäme, sich für mich zu interessieren. Zuerst dachte ich, sie würden die ganze Spionageabwehr einstellen, indem sie mich übernähmen. Dann, dass sie mich ins Ausland schicken könnten.“

Ein Freund, der bereits für das ŠtB arbeitete, fing an gegenüber Vorgesetzten Andeutungen zu machen, über Koechers sprachliches Können und der begann in der Cafeteria rumzuhängen, die häufig von Agenten aufgesucht wurde. Die List funktionierte.

Während sich Koechers Verhältnis zu Sicherheitsdiensten verbesserte, herrschte auch in der Tschechoslowakei eher Tauwetter. Die inländische Unterdrückung ließ nach, am ersichtlichsten in der Kunst, in den Tagen vor dem Prager Frühling. In den Fluren der Macht etablierte sich der Gedanke, dass Reformen nicht nur möglich, sondern notwendig seien. Koecher übte und arbeitete bei der Spionageabwehr in Prag, mit Westdeutschen im Visier. Dann, 1965 erhielt er einen Anruf von einem ŠtB-Mitarbeiter, der ihn um ein Treffen in seiner Wohnung bat. Der Mitarbeiter forderte Koecher auf, in die USA zu gehen.

Ich fragte, „Was soll ich dort tun?“ Er sagte, „Du wirst in die CIA eindringen.“ Ich fragte, „Wie?“ Er sagte, „Das entscheidest du.“ Ich dachte, das ist mal eine Herausforderung. Kann ich das tun? Es ist Wahnsinn … Ich sagte sofort zu, erinnert er sich.

In einer psychologischen Beurteilung aus dem Jahr beschreibt das ŠtB Koecher als „übertrieben selbstbewusst, überempfindlich, feindselig Leuten gegenüber, geldgierig, weist eine starke Neigung zur Instabilität auf, emotional instabil, besitzt eine unsoziale nahezu psychopathische Persönlichkeit, reizbar, intolerant gegenüber Autoritarismus.“ Mit anderen Worten, genau der richtige Mann dafür.

Koecher hatte Hana Pardemecova geheiratet, eine reizende 19-jährige, im Jahr 1963. „Ich werde lieber Miss Columbo genannt, wenn Sie verstehen.“ sagte sie neulich bei einem Kaffe in einer Prager Bar, mit Bezug auf dem amerikanischen Fernseh-Detektiv, dessen Frau oft erwähnt wird, aber (die) nie zu sehen ist. Zusammen betrat das Paar die USA 1965 über das neutrale Österreich, sich darstellend als systemkritische Überläufer.

Ich war den USA gegenüber nicht feindselig eingestellt, ich wusste nichts.“ sagte Koecher. „Ich dachte, nun, wenn ich nicht mag, werde ich vielleicht aufhören. Ich betrachtete es nicht als Verpflichtung, die Vereinigten Staaten auszuspionieren.“

Das Paar wohnte in einem Haus, das der Soziologe C. Wright Mills entworfen und gebaut hatte, im New Yorker Vorort West Nyack. Koecher hatte Mills kennen gelernt, den berühmten Autor von Die Machtelite, durch Mills ukrainisch-amerikanische Frau, während einem Besuch in Polen. „Ich hatte keine Arbeit und kein Geld, aber ein Haus und ein Auto.“ sagte Koecher.

Kaum jemand verdächtigte das Paar wegen etwas. „Sie sagten, sie wollten dem Kommunismus entkommen.“ erzählte Michael Reinitz, einem Freund, den das Paar auf einem anfänglichen Besuch der Pocono Mountains in Pennsylvania kennen lernte, der New York Times Jahre darauf. „Hana sagte, ihr Vater war Mitglied der Kommunistischen Partei, und ich hatte den Eindruck, dass sie aufbegehrte. Nie hörte ich Karel etwas gutes über Russland sagen.

Koechers Sprachkenntnisse und Überläuferreferenzen brachten ihm eine Arbeit beim von der CIA unterstützten Radiosender Free Europe ein, gefolgt von einem jahrelangen Stipendium an der Indiana University. 1967 zog er zurück nach New York um einen PhD in Philosophie anzustreben, im Nebenfach studierte er Russische Außenpolitik.

Du fühlst dich schlecht, weil es ethisch fragwürdig ist.“ sagte Koecher. „Du profitierst von der Freiheit und der Mobilität, die dir geboten wird, und du missbrauchst sie. An diesem Punkt dachte ich immer noch, es sei eine gute Sache, dass ich für eine gute Sache log – mein Land wurde bedroht und ich war dort um die Bedrohungen abzuwenden, ich dachte nicht daran, den Vereinigten Staaten Schaden zuzufügen.“

Obwohl er nominell für den ŠtB arbeitete, hatte Koecher offiziell kaum andere Verpflichtungen und sein primäres Ziel war es, sich in die amerikanische Gesellschaft zu integrieren. Als ein so-genannter „Schläfer“ stellten seine Ostblock-Offiziere ihm wenig Forderungen, aber sie sollten zunehmen als er Zugang zu den höheren Rängen der amerikanischen Geheimdienstgemeinde erlangte. Koecher nimmt Bezug auf diese Zeit an der Columbia als beste Jahre seines Lebens. „Schon bald stellte ich in dem Spiel fest, dass es möglich sein könnte (die CIA zu unterwandern).“ sagte Koecher. „Wenn du an einer Eliteschule wirklich gut warst, gab es keine Grenzen.“ Einer von Koechers russischen Studienprofessoren, Zbigniew Brzezinski (der später Nationaler Sicherheitsberater unter Jimmy Carter werden sollte), hielt Seminare mit Einladung ab, und Koecher nahm teil. Koecher zufolge empfahl Brzezinski ihn später der CIA – obwohl Brzezinskis Büro sagte, man könne sich dessen nicht entsinnen.

Daheim in der Tschechoslowakei löschte der August 1968 jegliche Hoffnung auf ein Ende des Totalitarismus aus. Während einer Säuberung der Spionageabwehrabteilung des ŠtB verloren Koechers Vorgesetzte ihre Arbeit und er wurde in den USA auf die Straße gesetzt.

Entmutigt durch diese Entwicklung und mit wenig Sympathie für die handverlesenen Hardliner der Sowjets, das Land zu regieren, wandte sich Koecher an das FBI, mit dem Versuch sich selbst zu stellen – eine Geschichte, die das FBI bestätigte. Obwohl Koecher bisher dem ŠtB wenig an förmlichen Informationen geliefert hatte, lief sein Status als ausländischer Agent auf ein Verbrechen hinaus. Indem er die Wahrheit sagte, dachte Koecher, könnte er eine Haft umgehen und ein Kandidat für eine Umgruppierung werden, um den Amerikanern über die Sowjets zu berichten, und in den USA bleiben dürfen.

Es interessiert sie überhaupt nicht .“ sagte Koecher. „Das FBI war in Sachen Auslandsspionage nicht gerade informiert; sie konzentrierten sich auf die Mafia.“

ŠtB-Akten aus der Zeit weisen auf Koechers flatterhafte Loyalitäten hin. „Ich hätte bereitwillig die Seiten gewechselt.“ gestand Koecher ein. Der sowjetische Überfall der Tschechoslowakei hatte seinen Optimismus vergällt, dass sein Land einen neuen Weg nach vorne einschlagen würde – so-genannter „Sozialismus mit menschlichem Antlitz.“ War sein Antrieb einst teilweise Idealismus, war nun Selbsterhaltung seine primäre Motivation.

Ein ŠtB-Bericht von 1969 beschrieb Koecher als „nachlässig in Begriffen der Mithilfe nach Operationsrichtlinien,“ und bemerkte, „er gab nicht einen Hinweis.“ 1970 und 1971 gaben die Tschechen an, sein „Nachrichtenpensum ist unterdurchschnittlich“ und kritisierten ihn dafür, die „guten Kontakte bei Angestellten von Radio Free Europe“ nicht genutzt zu haben.

Obwohl er nicht davon begeistert war, mit seinen neuen Vorgesetzten beim ŠtB zu arbeiten, kündigte Koecher nicht, noch unternahm er aggressiveren Schritte um sich den amerikanischen Behörden zu stellen. Im Gegenteil, er ging weiterhin der Arbeit bei der CIA nach. „Das quält mich immer noch, es war einfach Trägheit und vielleicht Neugierde.“ sagte Koecher. „Faust verkaufte seine Seele an den Teufel, um alles in Erfahrung zu bringen, um mächtig zu sein – und das war bestimmt auch teilweise für mich so.“

Im November 1972 bestand er die Einstellungsuntersuchung der CIA und wurde als Übersetzer und Analyst eingestellt. Bis dahin war er bloß eine keimende Quelle aus einem mittelgroßen kommunistischen Land. Plötzlich waren hohe Vertreter in Moskau sehr interessiert an diesem Tschechen, der dort Wurzeln schlug, wo es kein anderer Sowjetagent konnte – im Herzen des amerikanischen Geheimdienstapparats.

Derweil arbeitete Hana im Diamantenhandel, und die Koechers wurden wohlhabend. Ihr Nachtleben gedieh, und sie begannen Swinger- und Partnertauschparties zu besuchen. Die freizügigen Spione wurden 1988 zum Hintergrund eines lebhaften Buchs vom ehemaligen Washington Post-Journalisten Ronald Kessler, aber Koecher spielte den Stellenwert derartiger außerplanmäßiger Tätigkeiten für seine Arbeit herunter, im Gegensatz zu ehemaligen tschechischen und russischen Geheimdienstmitarbeitern.

Heute ist es nicht mehr so beliebt, aber damals taten es viele Leute.“ sagte er.

Während Koecher nach Prag aus dem Inneren der CIA berichtete, waren sich die Tschechen nicht sicher, wie sie mit ihrer Schachfigur umgehen sollten. 1975 war Koecher immer unzufriedener mit den langweiligen Forderungen des ŠtB. „Sie wollten Informationen wie z.B. alle Autokennzeichen der Angestellten und so weiter, total dämlich.“ sagte er.

Ungeduld ist ein Merkmal, das in den ŠtB-Akten oft erwähnt wird, und unter ihrem schädlichen Einfluss sandte Koecher eine Kurzmitteilung nach Prag und kritisierte die Operationen des ŠtB. Entsetzt von derartiger Aufmüpfigkeit und verunsichert, wie damit umzugehen sei, reichten die Tschechen das Dokument nach Moskau weiter. Es landete auf dem Tisch von Yuri Andropov, damals KGB-Chef und später sowjetischer Premierminister.

Aber statt Koecher zu tadeln, lobte Andropov seine Entschlusskraft und befahl, dass ihm 40 000 Dollar gesandt wurden. Nur die Hälfte des Geldes schaffte es zu Koecher, aber es war genug für eine Anzahlung einer kostspieligen Zwei-Schlafzimmer-Wohnung im neu errichteten Park Regis-Gebäude in Manhattan. Das Paar kaufte ebenfalls einen blauen BMW.

In Prag nun verhasst, in Moskau wertgeschätzt, begann Koechers Berühmtheit das auszubrüten, was KGB-Chef Kryuchkov „Unglück“ nannte, während sich der Fleischwolf des Kalten Krieges zu drehen begann. In einer der ŠtB-Akten, in einem langwierigen Absatz, der sich sehr kritisch mit Koechers Arbeit auseinandersetzt, ist seine Unterstützung der Sowjets ersichtlich: „Unsere Freunde [die Sowjets] sagen, seine Notizen sind sehr informativ. Auch wenn ihre Prüfung schwer sein wird, könnten sie zur Enttarnung von [amerikanischen] Agenten führen.“

Im September wurde Koecher nach Prag zitiert wegen, dachte er, regelmäßigen Treffen mit Vorgesetzten. Sie waren alles andere. Weil er länger als ein Jahrzehnt im Ausland verbracht hatte, argwöhnten sowohl der KGB als auch der ŠtB, dass Koecher auf die amerikanische Seite übergelaufen war. Zwischen einsamen Hügeln 30 km südöstlich von Prag, in einer dreistöckigen Villa des ŠtB in der Stadt Čtyřkoly – einst ein geheimer Unterschlupf für den internationalen Terroristen Carlos der Schakal – wurde Koecher verhört, oder abgeschürft, im ŠtB-Sprech, sieben Tage lang.

Sein Chef-Vernehmer war Oleg Kalugin, der jüngste KGB-General der Geschichte, Kopf der sowjetischen Auslandsspionageabwehr und eine der schlüpfrigsten Gestalten aus der späten Zeit des Kalten Krieges. Ihr Austausch ist auf Audio-Aufnahmen und Abschriften dokumentiert, und die Konfrontation entfachte eine verbitterte Feindschaft, die bis zum heutigen Tag anhält.

Sie versuchten mich zu brechen.“ sagte Koecher. „Sie versuchten mir zu befehlen auf einer Pressekonferenz zu erscheinen und Havel und Gefolge zu beschuldigen, sie seien von den Amerikanern bezahlt worden. Ich sagte ‘Leckt mich, mach ich nicht.’“

Weniger farbenfroh bemerken die Akten des ŠtB, dass Mitarbeiter Koecher anwiesen im tschechischen Fernsehen aufzutreten und die Arbeit der CIA in der Dritten Welt in Verruf zu bringen. Er weigerte sich. Laut dem ŠtB „schließt Kalugin richtig, dass er „nicht ausschließen kann, dass [Koecher] mit der CIA kooperiert.“

Jahre später mutmaßte ein Dokument aus dem Jahr 1985 dass der ŠtB und der KGB – d.h. Kalugin – falsch damit lagen, dass Koecher die Seiten gewechselt hatte, und schloss, dass sein „ungebührliches Benehmen und negative Charaktereigenschaften als Verrat missdeutet wurden.“

Obwohl Koecher zugibt, dass er es in Betracht zog, sprang er nie auf die amerikanische Seite über. Damals jedoch zählte Kalugins Meinung hoch, und er empfahl Koecher aus dem Geheimdienstkreislauf zu entfernen. Koecher wurde am 16. September 1976 aus seinem Verhör entlassen.

Der ŠtB befahl ihm, die CIA zu verlassen oder „physisch liquidiert“ zu werden, erinnert sich Koecher. Gemäß ŠtB-Akten kam er auf eine Liste „unerwünschter Personen“ und Aufnahmen belegen, dass der ŠtB seine und Hanas Post mindestens für sechs Jahre überprüfte. Die Akten belegen ebenso, dass Koecher der Spionage überdrüssig wurde.

Ich war bereits alt und war es satt Leute zu täuschen.“ sagte Koecher.

Den ŠtB-Akten zufolge erzählte Koecher den Tschechen, dass er sich in Österreich niederlassen und ein Haus kaufen wollte. Stattdessen war er auf dem Weg nach New York.

Ich denke, ich bin frei.“ sagte er.

Er war es nicht.

Koecher gibt an, seine wichtigste Arbeit im Namen der Sowjets sei die Sabotage amerikanischer Bemühungen gewesen, Agenten in Lateinamerika zu rekrutieren, mitunter ein berüchtigter Fall in Bogota, Kolumbien.

Auch wenn er darauf beharrt, dass seine Spionage niemals unmittelbar darin mündete, dass jemand getötet wurde, war Koecher 1977 in den Tod von Aleksandr Ogorodnik verwickelt, einem sowjetischen Diplomaten, der für das Außenministerium in Moskau gearbeitet hatte. Der Fall beleuchtet, mehr als jeder andere der mit Koecher zur Sprache kam, die verstrickten Bindungen, die der Geheimdienstarbeit anhaften. Er wirft auch die Frage auf, ob Spionage die Fähigkeit besitzt, verlässliche Informationen zu gewinnen.

Konkurrierende Erzählungen haben aufgedeckt, was mit Ogorodnik passierte, und nahezu keins der beteiligten Prinzipien ist komplett zuverlässig. Ex-CIA-Agenten waren ungewöhnlich freimütig über die Umstände von Ogorodniks Tod, aber Teile der Sicherheitsakten aus der Zeit des Kommunismus werfen Fragen über die Beteiligung des zuvor genannten Kalugin auf, heute amerikanischer Staatsbürger, der in den Vororten von Washington D.C. lebt mit einem zweiten Wohnsitz im Erholungsgebiet am Atlantikstrand in Ocean City, Maryland. Die ŠtB-Akten beschreiben ein Treffen zwischen Koecher und Kalugin 1976 ausführlich, und weisen darauf hin, dass tschechoslowakische Geheimdienste später schlossen, dass Kalugin zu der Zeit diskret für die CIA arbeitete.

Koechers Abneigung vor seinem alten Gegner ist greifbar. Abwechselnd bezieht er sich auf Kalugin, als „widerlich“, „Abschaum“, „Pack“, und „ein Mörder“. Andere gebrauchten mildere Worte, ab beschwören trotzdem ein verblüffendes Bild. Ex-CIA-Chef William Colby beschrieb Kalugin einmal als: „Geschmeidig wie Seide, der glatteste Typ, den ich seit Jahren gesehen habe … Mit eigenen Absichten, natürlich.“ Spionage-Schriftsteller John Le Carré verwies auf Kalugin als: „Einer jener ehemaligen Feinde der westlichen Demokratie, die einen nahtlosen Übergang von ihrer Seite auf unsere hinbekommen haben. Wenn man ihm zuhört könnte man entschuldigen, dass man angenommen hatte, man sei schon immer auf der gleichen Seite gewesen.“

Vielleicht waren Sie es.

Koecher arbeitete an einem CIA-Projekt mit, um Sowjet-Mitarbeiter mit Sitz in Lateinamerika zu finden, die zur amerikanischen Seite überlaufen könnten. Er lauschte mit Wanzen in verschiedenen Sowjetbotschaften, als die CIA Abtrünnige suchte. Koecher sagte, er warnte die die Sowjets regelmäßig vor amerikanischen Zielen, die dann von Moskau gewarnt wurden, beobachtet oder woanders hin versetzt.

Gemäß den Erzählungen von CIA-Mitarbeitern, rekrutierte der Dienst Ogorodnik (Tarnname Trigon) für ihre Arbeit 1973.

War Ogorodnik einmal nach Moskau zurückgekehrt, so geht die CIA-Geschichte, verriet Koecher den Sowjets, dass er ein amerikanischer Spion war. Im Juni 1977 verhafteten die Sowjets Ogorodnik.

Früheren Veröffentlichungen zufolge wurde Ogorodnik gezwungen, ein Geständnis zu unterschreiben, während er in Haft saß. Er verlangte das mit seinem bevorzugten Mont Blanc-Stift zu tun. Darin war eine Cyanid-Pille, die er schluckte und auf der Stelle starb. Aldrich Ames, ein Ex-CIA-Agent, der eine lebenslange Haftstrafe für Spionage im Auftrag der Sowjetunion verbüßt, soll Ogorodniks Führungsoffizier gewesen sein, und hat öffentlich ausgesagt, er habe das Cyanid besorgt.

Koecher bestreitet diese Erzählung und verneint dass er Ogorodnik verraten habe indem er Moskau über die Anwerbung durch die CIA informierte. Während seiner wochenlangen Vernehmung durch Kalugin 1976 hatte Koecher sich für Ogorodniks Treue gegenüber der Sowjetunion verbürgt – die Audioaufnahme davon existiert noch.

Stattdessen vermuten Koecher und andere, dass Kalugin ein Doppelagent war, der für die CIA arbeitete, und dass er die Hauptrolle bei Ogorodniks Tod spielte. Koecher verweist auf sein Treffen mit Kalugin 1976, und seine eigenes Beharren darauf, dass Ogorodnik den Sowjets gegenüber loyal blieb.

Kalugin hat bestritten, jemals für die CIA gearbeitet zu haben, oder dass er eine unmittelbare Rolle bei Ogorodniks Tod spielte.

Koecher sagt, er verriet dem KGB, dass die CIA Ogorodnik als potentiellen Agenten im Visier hatte. Er glaubt, Kalugin befahl Ogorodnik dann mitzuspielen, bevor er ihn zurück nach Moskau schickte, unter dem Vorwand den Amerikanern falsche Informationen einzutrichtern. Entsprechend dieser Theorie opferte Kalugin Ogorodnik um seine Stellung in der sowjetischen Hierarchie zu wahren, und als Informationsquelle für die CIA.

Ein KGB-Bericht, der nicht verifiziert werden kann, besagte, dass Ogorodnik an Herzversagen starb, nicht wegen Suizid. Man wusste von seinem Herzproblem. Die gleiche Geschichte taucht in den russisch-sprachigen Memoiren von Igor Peretruchin auf, einem KGB-Agenten und der eigentliche Offizier, der ihn verhaftet hatte.

Peretruchin beschreibt auch eine ungewöhnliche Gefängnisepisode, als eine zweite Gruppe von KGB-Agenten eintrifft, den Rang ausspielte und Peretruchin und seine Kollegen anwies, Ogorokniks Gemach zu verlassen, während er noch lebte. Sollte das stimmen, könnte das auf Kalugins Hand im Spiel verweisen.

Nur eine Handvoll Leute werden jemals die Wahrheit über den Fall Ogorodnik wissen, aber, angesichts der Dokumentation, die zeigt, wie Koecher sich für Ogorokniks Loyalität der Sowjetunion gegenüber verbürgte, scheint es fragwürdig, dass Koecher die Hauptursache war.

Kalugin, auf der anderen Seite, war in mehrere prominente Ermordungen verwickelt. In einem Essay in der New York Times von 1995 zitiert der Autor Le Carré Kalugin, der zugibt der Kopf hinter dem KGB-Mord am BBC-Journalisten Georgi Markov gewesen zu sein, einem bulgarischen Regimekritiker, der auf der Waterloo Bridge in London ermordet wurde. Angeblich benutzten die Agenten einen Regenschirm, um ihm ein Ricin-Kügelchen zu injizieren. Kalugin erzählte Le Carré: „Wir sind keine Kinder. Ich war der Anführer für die ganze Sache, um Himmels willen! Keine Ausführung konnte erfolgen bevor sie über meinen Tisch gegangen war, verstanden?“

Markov war in Abwesenheit bereits durch ein bulgarisches Gericht zum Tode verurteilt worden, aber die Bulgaren waren furchtbar. Sie konnten gar nichts. Wir mussten alles für sie tun: den Typen einweisen, den Schirm bauen, das Gift montieren.“

1994 verhaftete Scotland Yard Kalugin am Flughafen Heathrow wegen Verdacht auf Beteiligung am Mord an Markov, ließ ihn jedoch frei unter Angabe mangelnder Beweise.

Die KGB-Obrigkeit hatte ihre Misstrauen gegenüber Kalugin, nachdem er als Chef der Spionageabwehr versagt hatte, amerikanische Agenten zu enttarnen. KGB-Chef Kryuchkov, Dirigent des Putschversuchs von 1991 gegen Gorbatschow, – erzählte 2004 in einer kanadischen Fernsehdokumentation: „Während Kalugin Chef der Spionageabwehr war, enttarnten wir nicht einen einzigen amerikanischen Agenten … Diese Tatsache allein sagt viel aus.“

Nach der Schürsitzung durch Kalugin kehrte Koecher nach New York zurück und bekam eine Stelle um Philosophie zu lehren. Hana arbeitete weiterhin mit Diamanten. Unter Drohungen des ŠtB kündigte Koecher seine Arbeit beim CIA, wenngleich er gelegentliche Beratertätigkeiten bei dem Dienst annahm. Es war ruhig, das Leben in Manhattan war gut und die Koechers fingen an zu denken, sie könnten ihre Tage in den USA verbringen. Aber 1982 hinterließ ein Mann einen Brief in Hanas Bürobriefkasten in der East 47 Avenue und Avenue C. Er empfahl Koecher in später an dem Tag an einer Straßenecke zu treffen. „Ich ging dorthin, um zu verstehen, was vor sich geht.“ sagte Koecher.

Der Mann, den Koecher traf, war Jan Fila (Tarnname Sturma), ein tschechischer Agent, der von der UN aus operierte. Das ŠtB wollte Koecher reaktivieren. „Er entschuldigte sich im Namen der tschechischen Geheimdienste und bat mich zurückzukehren.“ sagte Koecher. ŠtB-Akten aus der Zeit bemerken erneuertes Vertrauen in Koecher als Spion, einschließlich „Bestätigung von Rinos entscheidenden Befunden“ in der Vergangenheit und seine Unterstützung durch „sowjetische Freunde“. Sein wiederbelebter Ruf, mit Moskau als größtem Fürsprecher, entspricht dem Untergang Kalugins, der 1980 als Chef der der ausländischen Spionageabwehr zum stellvertretenden Chef der Leningrader Abteilung des KGB degradiert wurde.

Zu der Zeit bekamen die Sowjets namentlich Angst vor der neuen Rhetorik aus Washington. „Die Russen fuhren aus der Haut, weil die Gruppe, die mit Ronald Reagan kam, wie [der stellvertretende Verteidigungsminister Richard] Pearl und [Verteidigungsminister Caspar] Weinberger und so weiter, wirklich verrückt waren und die Russen ernsthaft glaubten, sie bereiteten einen Überraschungsangriff vor, was sie (auch) taten.“ sagte Koecher.

Er fing wieder an zu spionieren, reaktivierte alte Bekanntschaften. Die Akten aus diesen Jahren beziehen sich auf Treffen, die „von Freunden“ organisiert wurden – Russen. Auch wenn sie kein offizieller Agent war, war Hana „eine Dienstmitarbeiterin“ laut Akten des ŠtB, und machte Botengänge als Kurier, der reichte Nachrichten weiter, in Koechers Auftrag, in Kaugummi-Paketen oder Zigaretten (Benson & Hedges, Dunhill oder Kent). Für jeden Gang bekam sie 500 Dollar oder mehr.

Im Dezember 1983 hatten Koecher und Fila ein Treffen in einer Wiener Sauna. Koecher schlug vor, NGOs als Mittel zur Durchführung von Geheimdienstarbeit zu gründen – eine Idee, die in ŠtB-Akten als nahezu absurd dargestellt wird, aber im 21. Jahrhundert gängige Praxis im Spionagehandwerk ist. Laut ŠtB endete das Jahr „gut“, aber 1984 würde es nicht.

Das FBI begann die Koechers zu verfolgen. Sie geben an, das drei Jahre lang getan zu haben, Koechers Heim und Auto verwanzt zu haben und Hanas Büro und „alle Requisiten die man im Fall von Spionage einsetzt.“ sagte David Major, derzeit ein hoher Spionageabwehr-Mitarbeiter des FBI.

Um 04 Uhr 15 am Morgen des 27. November 1984, vor dem Barbizon Hotel, wurde Koecher wegen des Vorwurfs der Spionage verhaftet. Der Mann, der angesetzt wurde ihn zu belangen, war der Staatsanwalt für den südlichen Bezirk von New York, Rudolph Guiliani, der später Bürgermeister der Stadt wurde. Zu der Zeit hielt Guiliani eine Pressekonferenz ab und behauptete, dass „praktisch jede Information, die in [Koechers] Besitz genommen wurde, weitergegeben wurde“ an das ŠtB. Aber Guilianis Strafverfolgung geriet unverzüglich in Schwierigkeiten.

Bevor es Koecher verhaftete, bot das FBI an – Koecher zufolge und bestätigt von Major – wieder für die CIA zu arbeiten, und wiederum die Sowjets auszuspionieren. Das hätte Koecher zu einem sehr fragwürdigen, umgedrehten Doppelagenten gemacht.Grundsätzlich unzuverlässig, haben derartige Agenten ihre Bereitschaft über ihre Treue zu lügen bereits bewiesen. „Auf lange Sicht kann man das nicht machen, du kannst ihnen nie trauen, und es ist nie erfolgreich passiert.“ sagte Major.

Angesichts eines Lebens im Gefängnis, sagte Koecher, sei er „gerne“ bereit gewesen umzufallen und er erzählte dem FBI einiges, was er wusste. „Ich war ziemlich glücklich als sie anboten, mich umzudrehen.“ sagte Koecher. „Ich war glücklich in den Vereinigten Staaten zu leben.“

Hana wurde als wichtige Zeugin festgenommen, nachdem sie sich weigerte zu reden und nach einem Anwalt verlangte. Als das FBI nicht Wort hielt mit seinem Angebot, Koecher Immunität zu gewähren, wurden die Geständnisse, die er gemacht hatte, vor Gericht unzulässig. Hana zum reden zu bringen war die letzte Hoffnung für eine Verurteilung. „Wir benutzen dies als Fallstudie darüber, wie man Dinge falsch machen kann.“ sagte Major.

Das Justizministerium klagte Hana an wegen Missachtung des Gerichts an, wegen Weigerung vor einer Großen Jury auszusagen. Sie warfen ihr vor, dass sie an der Begehung der Verbrechen beteiligt war und das daher Privilegien für Ehepartner nicht zählten. Sie verbrachte vier Monate im Gefängnis bevor vor sie bis zur Berufung entlassen wurde.

Sie gewann den Fall, dann jedoch legte das Justizministerium Berufung gegen die Entscheidung ein. Der Fall endete vor dem Höchsten Gericht der USA , wobei die amerikanische Bürgerrechtsvereinigung zustimmte, Hana zu vertreten. Der Columbia Rechtsprofessor Gerard Lynch wurde als Verteidiger eingesetzt.

Sie erinnerte mich an eine Dame von der Upper East Side.“ sagte Lynch, der jetzt ein Bundesrichter ist. Sie kam mir ruhig und gesammelt für jemanden vor, der so viel Zeit im Gefängnis verbracht hatte.“

Lynch erörterte den Fall, aber es gab nie eine Entscheidung. „Ich hörte indirekt heraus, dass ein Handel in Arbeit war.“ sagte er.

Koecher, der mit Gangstern und Mördern eingekerkert war, entwickelte eine Freundschaft mit Sandy Alexander – einem Hells Angel, der wegen Drogen saß. Laut Alexander kam eines Tages unerklärlicherweise ein neuer Zellengenosse mit Rasierklingen. Binnen Tagen, als die Insassen sich zum Abendessen einreihten, griff der Mann Koecher an. Alexander hielt ihn auf und die Wachen brachten den Mann weg. Sie sahen ihn nie wieder.

Da er nun um sein Leben bangte, ließ Koecher von einem Anwalt einen Brief an die Sowjets schicken, der auf dem Tisch des KGB-Chefs Kryuchkov landete. „Er besagte einfach, dass mein Leben bedroht war.“ sagte Koecher. „Ich schlug vor, dass sie mich gegen Sharansky austauschen.“

Ein paar Monate später, Anfang 1986, telefonierte Koecher mit Hana. „Du bekommst jeden Tag einen Anruf.“ sagte er. An dem Tag verriet sie ihm, dass ein Anwalt namens Vogel für ihn zuständig war, sagte er. Innerhalb von Wochen saß Koecher in einem goldenen Mercedes mit Vogels Frau Helga am Steuer, auf dem Weg zur ostdeutschen Grenze. Wie Major bemerkte, gibt es immer einen Hinweis, wenn ein Spion enttarnt wird, bevor er verneinen musste, wer das FBI auf Koecher verwies.

Der offizielle FBI-Bericht machte Kalugin verantwortlich. Sokolow, Koechers Führungsoffizier beim KGB, verdeutlichte es, als er 2004 verkündete: „Koecher wurde von General Kalugin verraten, der für die CIA arbeitete.“

Die Amerikaner waren gleichermaßen erpicht die Schuld von sich zu weisen. „Ich versichere ihnen, dass er nicht von Oleg Kalugin hintergangen wurde.“ sagte Major. „Da können sie Gift drauf nehmen.“

Nun scheint es so, dass Fila, der tschechische Agent, der Koecher in den frühen 80-ern reaktivierte, ihn verriet. Der offizielle Historiker der CIA, Benjamin Fischer, schrieb, dass die amerikanische Regierung zu der Zeit Informationen von einem tschechoslowakischen Geheimdienstoffizier erhielt, und Fila verschwand später im Dezember 1989, einen Monat nach der Samtenen Revolution der Tschechoslowakei – wahrscheinlich mit einer neuen Identität in den USA.

Vor dem Hintergrund dieses Gewirrs von Doppelagenten und vielseitigen Geschichten, wenn seine Theorie stimmt, könnte es bedeuten, das es am Ende ein Tscheche war, der für die Amerikaner arbeitete, der einen tschechischen Amerikaner betrog, der für die Russen arbeitete. Während jeder damit beschäftigt war, das zu klären, war der Kalte Krieg zu Ende, und (das) überraschte sie alle.

Von einem Sessel in einem kleinen tschechischen Dorf aus, entgeht Koecher die Ironie des Ganzen nicht. Einst zuhause im Nachtleben von Manhattan, sitzt er jetzt in Khakihosen zwischen Stapeln wissenschaftlicher Schinken. Inmitten all der Doppelzüngigkeit und Aufregung, scheint eine Wahrheit ans Licht gekommen zu sein.

Die Welt ist wirklich am Arsch, und das hat eine Menge mit Geheimdiensten zu tun.“ sagte er.

Benjamin Cunningham ist ein in Prag ansässiger Autor und Journalist. Er arbeitet für den Economist, Politico, die Los Angeles Review of Books und ist Gastkolumnist für die slowakische SME.

Quelle: https://www.theguardian.com/world/2016/jun/30/how-a-czech-super-spy-infiltrated-cia-karel-koecher

Übersetzung: Thorsten Ramin