Wie der Kleinkriminelle Nakoula Bassely Nakoula einen Zusammenbruch im Nahen Osten entfachte 14.9.2012

von Christopher Dickey

14.September 2012

Der Low-budget-Film des Meth-Kochs Nakoula Bassely Nakoula, der den Propheten Mohammed verunglimpft, hat zu anti-amerikanischen Demonstrationen im Nahen Osten und zu einer Menschenjagd in Libyen geführt, doch die Unruhen werden von der Politik im jeweiligen Land genauso angeheizt wie von religiöser Wut.

Die Jagd nach den Mördern des Botschafters der Vereinigten Staaten und drei anderer Amerikaner in Libyen wird eng, gerade weil sich die Proteste und Unruhen, die die Voraus- setzungen für den Mord schufen, ausweiten. Am Freitag werden Gebete in der gesamten muslimischen Welt eine enorme Plattform für den öffentlichen Zorn bieten. Die Muslim- Bruderschaft, die jetzt Ägyptens Regierung beherrscht, ruft eine Million Leute auf, in Kairo zu demonstrieren.

Ein bewaffneter Mann schwenkt ein Gewehr während eines Angriffs im US-Konsulatsgebäude in Benghasi, Libyen am 11 September 2012. (AFP / Getty Images)

Libyens neuer Premierminister Mustafa Abu Shagur sagte am Donnerstag, dass Verdächtige festgenommen worden seien und “ein Riesenfortschritt gemacht wurde“ bei der Suche nach jenen, die das Konsulat der Vereinigten Staaten in Benghasi am Dienstag angriffen. Botschafter Chris Stevens und ein weiterer Diplomat wurden im wilden Durcheinander im Gebäude getötet. Die beiden anderen, die starben, waren ein ehemaliger U.S. Navy SEAL, der Berichten nach als freier Mitarbeiter versuchte, MANPAD (Man Portable Air Defense System) Luftabwehrraketen aus den Händen lybischer Milizen und Radikaler aufzutreiben, und ein SEAL im Dienst, der auf Rettungsmission zum geheimen Unterschlupf in Benghasi geschickt wurde, in den drei Dutzend Angestellte in Sicherheit geflohen waren.

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„Wir haben ein paar Namen und Bilder,“ berichtete Abu Shagur der Agence France Presse. „Verhaftungen wurden vorgenommen und weitere bahnen sich an, während wir reden.“ Er benannte keine spezielle Gruppe, sagte, er würde abwarten bis alle Fakten reingekommen wären. Aber von Mitgliedern einer nebulösen Dschihadisten-Organisation, die al-Qaida wohlgesinnt ist, Ansar al Sharia, weiß man, dass sie an den Aufständen am Konsulat mitwirkten.

All das findet vor dem Hintergrund anti-amerikanischer Demonstrationen statt, die plötzlich in der gesamten muslimischen Welt ausbrechen: am offenkundigsten in Ägypten und im Jemen, wo zeitweise Teile der U.S.-Botschaft besetzt wurden, aber auch in Tunesien, Gaza, Iran, und Irak, für den Washington hunderte von Milliarden Dollar ausgegeben hat—und Tausende Leben—um ihn zu befreien, zu besetzen, und zu versuchen ihn wieder aufzubauen.

Die unmittelbare Ursache für die Proteste war ein im letzten Jahr in Kalifornien produzierter derber Film, der Anfang diesen Monats in Auszügen auf Arabisch auf Youtube gestellt wurde, genau pünktlich für die Unruhen, um mit dem Jahrestag der Angriffe auf die Vereinigten Staaten am 11.September 2001 zusammenzufallen. Die zwielichten und schwer zu fassenden Produzenten waren, verschiedenen Berichten zufolge, koptische Christen, die in den Vereinigten Staaten wohnen, ,,deren Ziel es ist, den Islam als gewalttätige und heuchlerische Religion zu demonstrieren. Der angebliche Regisseur, Nakoula Bassely Nakoula, ist ein koptischer Christ, der ehemals behauptet hatte, ein israelischer Jude zu sein. Er besitzt in Kalifornien ein Vorstrafenregister, das Gefängnis für drogenbedingte Straftaten und Betrug umfasst.“

Indem sie den Propheten Mohammed als einen blutdürstigen, sexuell Perversen porträtierten, machten sich die Filmemacher daran, Muslime so schwer wie möglich zu beleidigen und zu erniedrigen, und so viel ist ihnen gelungen. Aber, einmal angefangen, werden die anhaltenden Proteste in den jeweiligen Ländern genauso sehr von der Poltik wie von religiöser Wut angeheizt. Radikale Jihadisen schüren den Zorn der Massen, um ihre Regierungen—besonders die jungen Demokratien—als schwach und nutzlos zu diffamieren.

In Ägypten, wo der frisch eingesetzte Präsident Mohammed Mursi aus der Muslim-Bruderschaft stammt, wird die Regierung von den eher extremen Salafisten abgelehnt, die erwarten zu demonstrieren, dass sie den Amerikanern bereits zu nahesteht, und zu sehr kooperiert.

Mit enormer Arbeitslosigkeit, besonders unter den Jungen, ist es einfach große Massen anzu- ziehen, und am ersten Tag der Mittwochs-Demonstrationen führten die ägyptischen „Ultras“, die sich bei Fußballspielen austoben, die Massen an, die die Mauern der U.S.-Botschaft belagerten. Demonstranten holten die amerikanische Flagge ein, die zurückblieb, und Donnerstag Nacht war der Fahnenmast schmucklos und die Straße von der Polizei gesperrt. Ein Transparent wurde über den Eingang der Botschaft gehängt: „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet,“ stand darauf,. Die Worte „United“ und „America“ waren aus dem Giebel des Eingang geschrubbt worden, und „Bin Laden“ als Graffiti daran entlanggekritzelt.

Im Jemen, wo die Vereinigten Staaten geholfen hatte, den Abgang der alten Regierung zu erleichtern und eine neue wählen zu lassen, ist es das wichtigste Ziel der Amerikaner, den bösartigsten Stamm von Al-Qaida anzugreifen, der noch existiert. Kurz bevor die Proteste anfingen, bestätigten amerikanische Behörden, dass sie einen weiteren führenden Al-Qaida- Kommandeur bei einem Luftangriff getötet hatten. Die Rache der Jihadisten könnte einer der Gründe sein, warum die Botschaft in Sana am Donnerstag angegriffen wurde. Aber Jemeniten boten auch noch andere Gründe, besonders weil die Sicherheitskräfte sich kaum oder überhaupt nicht wehrten.

Abdullah Abu Al-Ghaith, ein Professor der Politikwissenschaften an der Universität von Sana, sagte The Daily Beast, er denke, der ehemalige Präsident, Ali Abdullah Saleh, der immer noch viele Verbindungen bei der Polizei besäße, habe den Angriff geplant um seinen Nachfolger, Abd Ramo Mansour zu erniedrigen, bevor Mansour zum Ende diesen Monats Obama in den Vereinigten Staaten treffe. „Saleh wollte eine Blamage [für Mansour] vor den Vereinigten Staaten.“, sagte Abu Al-Ghaith.

Die Islamische Republik Iran, die von 1979 bis 1981 amerikanische Diplomaten als Geißeln nahm, prangert die Vereinigten Staaten regelmäßig als „den großen Teufel“ an, und anti- amerikanische Demonstrationen sind an der Tagesordnung. Aber Teherans Unterstützung des Assad-Regimes in Syrien hat es in der öffentlichen Meinung der meisten Araber und Muslime auf die Seite des Unrechts gestellt. Internationale Sanktionen, mit denen es aufgrund seines Atom- programms belegt wurde, legen seine Wirtschaft lahm. Darum nutzt das Regime die Wut, die der Film hervorgerufen hat, so weit es geht aus.

„Verhaftungen wurden vorgenommen und weitere bahnen sich an, während wir reden.“

Massoud Dehnamaki, ein ehemaliger Anführer der extremistischen Ansar Hisbollah in den 90- ern, jetzt ein regimefreundlicher Filmemacher, sagte The Daily Beast, dass die Vereinigten Staaten, um zu beweisen, dass sie nicht hinter dem Film stecken, die Verantwortlichen strafrechtlich verfolgen müssen. „Was sicher ist, ist dass Westler ihre eigene Freiheit darin sehen, andere zu beleidigen. Sie betrachten Freiheit als einspurige Autobahn, die sich nach ihren Bedürfnissen richtet. Sie respektieren den Glauben anderer Leute nicht.“, sagte er.

Die Unruhen haben gezeigt, dass die Fundamente der U.S.-Politik im Nahen Osten tatsächlich auf wackligen Beinen stehen. Seit Jahrzehnten hielt Washington Ausschau nach Stabilität, indem es vermeintlichen freundlich gesinnten Diktaturen, wie der in Tunesien und Ägypten, und in gewissem Maße berechenbaren Feinden wie den Assads in Syrien, vertraute. Seit Anfang Dezember 2010 haben die arabischen Aufstände viele dieser Tyrannen aus aus dem Amt gefegt. Seitdem musste Washington feststellen, dass es wenig Möglichkeiten hat, auf die neuen Regierungen einzuwirken—oder auf das Chaos—das sie ersetzte. Donnerstag Nacht sagte Obama, dass Ägypten, seit Jahrzehnten Washingtons stärkster Partner im Mittleren Osten, und ein Empfänger mehrerer Milliarden Dollar an U.S.-Hilfen pro Jahr, nicht mehr länger als „Verbündeter betrachtet werden kann, aber wir sehen in ihm auch keinen Feind“ —ein Kommentar, dem die Administration später irgendwie klein beigab.

Gehad El Haddad, ein Sprecher der Muslim-Bruderschaft, sagte, die Partei verstünde den sensiblen Zusammenhang, der Obamas Bemerkungen begleite und hoffe, das sei „keine Änderung der Politik.“

„Lasst uns nicht den Dialog des Vertrauens aufgeben, an dessen Aufbau wir in den vergangenen zwei Jahren so hart gearbeitet haben.“ sagte er.

Was Amerika bezüglich der Krise tun könne, sagte er, es sei nicht viel, und zu den Erklärungen— von Außenministerin Hillary Clinton am Mittwoch und eingangs von der Botschaft, „Das war das, worauf wir gewartetet haben,“ sagte er, „ das Einzige was sie jetzt tun können, ist den Dialog weiterführen.“

Gibt es wirklich bedeutende Unterbrechungen bei den Recherchen nach den Mördern von Benghasi, könnten die Enthüllungen helfen, die amerikanische und internationale Aufmerksamkeit eher auf eine handwoll Krimineller zu lenken, als auf die Masse der Demonstranten.

Von dem Moment an, als Obama zum ersten Mal die Morde an Stevens und den anderen ansprach, gelobte er, die Vereinigten Staaten würden mit der libyschen Regierung zusammen- arbeiten, „um die Mörder vor Gericht zu stellen, die unsere Leute angegriffen haben.“ Seitdem haben sowohl Hillary Clinton als auch Oberstaatsanwalt Eric Holder den gleichen Ton angeschlagen. Und die Umpositionierung der amerikanischen Kriegsschiffe, zusammen mit der Entsendung eines kleinen Marinekontingents nach Libyen, weist darauf hin, dass dann, falls die lokalen Behörden die Arbeit in einem Land, in dem Gesetz und Ordnung beide Mangelware sind, nicht erledigen können, die U.S.-Streitkräfte auf anderem Wege für Gerechtigkeit sorgen könnten. Das war die Methode, Al-Qaida-Anführer in der Wildnis Pakistans und des Jemen zu jagen, wo Anführer Nr.2 der Organisation auf der arabischen Halbinsel laut Meldungen Anfang der Woche getötet wurde.

Ein Prozess oder ein Schlag, der die libyschen Mörder auslöscht, wird die Probleme des Mittleren Ostens nicht alle lösen, sicher, aber es wäre von Vorteil für die Politik. Wirkliches Verbrechen— und Bestrafung—sind eine einfache und überzeugende Geschichte, einfach für amerikanische Wähler nachzuvollziehen, anders als der Morast interner Rivalitäten, Verschwörungen und Gegenverschwörungen, die die Proteste und Politik des neuen Mittleren Ostens kennzeichnen.

Zum Bericht beigetragen haben Ali Saeed, Vivian Salama, Omid Memarian, und Mike Giglio.

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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