Wer tötete den größten Spion des 20-sten Jahrhunderts?

Spionage

Die lange Lektüre

Als Ashraf Marwan von seinem Balkon einer Londoner Wohnung zu Tode stürzte, nahm er seine Geheimnisse mit sich. Arbeitete er für Ägypten oder Israel? Und führte die Enthüllung seiner Identität zu seinem Mörder?

Dienstag 15. September

Von Simon Parkin

So viel ist sicher: Ashraf Marwan, ein Mann, den manche als den größten Spion des 20-sten Jahrhunderts beschreiben, war lebendig als er vom Balkon seiner Londoner 4,4 Millionen Pfund (teuren) Wohnung in der fünften Etage stürzte. Der ägyptische Geschäftsmann landete, kurz nach ein Uhr dreißig morgens am 27. Juni 2007, im privaten Rosengarten der Nummer 24 Carlton House Terrace, eine Straße zu deren ehemaligen Bewohnern drei Premierminister gehören (Palmerston1, Earl Grey und Gladstone) und die ein paar hundert Meter vom Piccadilly Circus entfernt liegt. Der Mittagshimmel darüber war fürchterlich voller Helicopter, die über Tony Blairs teflonbeschichtetem Konvoi wimmelten, als er den Premierminister zum Buckingham Palace trug, wo er seinen Rücktritt einreichen würde. Eine Frau brüllte. Jemand rief die Polizei. Die Sanitäter kamen zu spät. Marwan starb an einer geplatzten Aorta.

Die Einzelheiten der letzten Minuten von Marwans Leben sind sehr viel undurchsichtiger. Nicht, dass es keine Zeugen gab: Am Morgen seines Todes trafen sich vier Männer im dritten Stock eines anliegenden Gebäudes, 116 Pall Mall, in einem Zimmer mit einer freien Sicht auf Marwans Balkon. Durch eine merkwürdige Wendung arbeiteten diese Männer – József Répási, Essam Shawki, Michael Parkhurst und John Roberts – für eine von Marwans Firmen, Ubichem PLC; sie warteten darauf, dass ihr Boss dazu stieß. Er war spät dran. Als sie gegen Mittag telefonierten, um herauszufinden warum, versicherte er der Gruppe, dass er bald bei ihnen sei.

Répási, der am Fenster zu seiner Linken saß, erinnert sich erschrocken gewesen zu sein durch einen seiner Kollegen, der aufschrie: „Seht, was Dr. Marwan tut!“ Zwei weitere Zeugen gaben an, dass sie zu der Zeit Marwan von seinem Balkon stürzen sahen. Als Répási sich zum Fenster bewegt hatte, sah er „Dr. Marwan fallen.“ Shawki, der damals Direktor von Ubichem war, rannte die Treppe hinunter um zu helfen. Die anderen drei Männer verblieben in dem Zimmer, entsetzt und fassungslos. Einen Augenblick darauf schaute Répási erneut aus dem Fenster, angestrengt versuchte er den Punkt auszumachen, an dem Marwan aufgekommen war. „Ich sah zwei nahöstlich aussehende Personen, die vom Balkon eines der Apartments herunterschauten.“ sagte er mir per Email, obwohl weder er noch einer seiner Kollegen wussten, ob die Männer auf dem Balkon von Apartment Nummer 10 standen oder nicht, Marwans Adresse.

Ist Marwan gesprungen oder wurde er gestoßen? Die Autopsieuntersuchung ergab Spuren von Antidepressiva in Dr. Marwans Blut. Ein Bericht seines Arztes besagt, dass er sich „ in letzter Zeit unter erheblichem Stress“ befand, und er hatte in zwei Monaten 10 Kg abgenommen. Aber es gibt Gründe Selbstmord zu bezweifeln. Es gab keine Nachricht. Marwan sollte abends in die USA fliegen, um seinen Rechtsanwalt zu treffen. Er war gerade in den Reform Club aufgenommen worden, zu dessen Mitgliedern Prince Charles und die ehemalige Chefin des MI5, Dame Stella Rimington gehören. Ein paar Tage zuvor hatte er seinem Enkel eine Playstation 3 zum Geburtstag gekauft. Marwan und seine Gattin, Mona Nasser, die Tochter des einstigen ägyptischen Präsidenten, hatten vor ihre fünf Enkelkinder mit in den Urlaub zu nehmen. Marwan hatte Pläne. Er hatte Absprachen. Er hatte Grund zu leben. „Es gibt keinen Beleg mentaler oder psychischer Störungen.“ sagte Gerichtmediziner William Dolman, nach einer Untersuchung von Marwans Tod 2010, die zu keiner Verurteilung führte. Es gab „keine Nachweise irgendeiner Absicht Suizid zu begehen“ schloss Dolman. Aber paradoxerweise erklärte er ebenfalls, es gebe „absolut keine Beweise“ die Behauptungen unterstützen, er sei ermordet worden.

Jedoch, während Marwan nicht vorgehabt haben mag sich sein Leben zu nehmen, mag er sicherlich darum gebangt haben. Als er das letzte Mal allein mit seiner Frau in seinem Apartment war, sagter er ihr, dass er „vielleicht getötet würde.“ Er fügte unheilvoll hinzu: „Ich habe viele unbekannte Feinde.“ In den Monaten vor seinem Tod erinnert sich Nasser, dass ihr Ehemann jede Nacht, bevor er ins Bett ging, die Tür und Schlösser überprüfte, eine neue Angewohnheit, die ihr zuvor in den 38 Jahren Ehe nie aufgefallen war.

Marwans Familie zufolge gab es ein weiteres Indiz am Schauplatz – oder, genauer, das Fehlen einer Spur. Das einzig bekannte Exemplar seiner Memoiren, die nahezu abgeschlossen waren, verschwand angeblich am Tag seines Todes aus seinem Bücherregal. Die drei Bände, jeder um die 200 Seiten stark, sowie die Bänder, auf die Marwan seine Texte diktiert hatte, wurden niemal wiedergefunden.

Einem Gelehrten zufolge hatte Marwan mit den Jahren für ägyptische, israelische, italienische, amerikanische und britische Geheimdienste gearbeitet; war er dabei Geheimnisse auszupacken, die Könige und Nationen in Verlegenheit bringen würden? Wer nahm die Dokumente, wenn sie wirklich existierten? Und war sein Tod Teil eines Plans? Marwan wer der dritte Ägypter, der in London lebte und unter derartigen Umständen starb. (Juni 2001: Die Schauspielerin Soad Hosny fällt vom Balkon des Stuart Towers, einem Wohnungsblock in Maida Vale2, nachdem sie an einen Verlag herangetreten war, sie bot an ihre Memoiren zu schreiben. August 1973: El-Leithy Nassif, ehemaliger Chef der Präsidentengarde des verstorbenen ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat, fällt vom Balkon exakt des selben Towers. Auch er schrieb an seinen Memoiren.) Alle drei Opfer hatten Verbindungen zu den ägyptischen Sicherheitsdiensten.

Die Untersuchung von Marwans Tod vernachlässigte viele Fragen. „Wir kenne die Tatsachen einfach nicht, trotz der sorgfältigen Ermittlung.“ berichtete Dolman, der Forensiker, dem Gericht 2010. In der Tat, nach drei Jahren Ermittlung durch zwei separate Mordkommissionen, einschließlich der elitären besonderen Verbrechensabteilung von Scotland Yard, verbleiben, wie Dolman es formuliert, „viele unbeantwortete Fragen.“ Die Geschichte ist verführerisch, denn ihre Rätsel passen nicht zu den äußeren Umständen des Tages – ein Tod zur Mittagszeit, mitten in London, mit Zeugen. Der Schauplatz steckt voller Hinweise, aber offensichtlich gibt es keine Aussagen, um die Geschichte zu einem Ende zu bringen. Und immer noch juckt Marwans Geschichte Neugierigen in der Nase. Der Türsteher in 24 Carlton House Terrace verriet mir, dass „etwa einmal im Jahr“ ein Journalist vorbei kommt, auf der Suche nach Antworten, was an dem Tag passiert ist. Stelle einen Antrag laut dem Informationsfreiheitsgesetz zum Thema Ashraf Marwan, und du wirst eine umfassende Liste erhalten, die viele der Ausnahmeregelungen umreißt, die britische Geheimdienstakten zu dem Thema schützen. Sowohl Marwans Leben und Tod belieben undurchsichtig, sie bestehen aus unscharfen Einzelheiten, die Verfasser von Todesanzeigen mit den vielen Wenn und Abern ganz kirre machen.

* * *

Exakt in dem Moment, in dem Ashraf Marwan von seinem Balkon stürzte, saß Ahron Bregman in seinem Büro in der Abteilung für Kriegsstudien am King’s College London, in Erwartung eines Anrufs des Agenten, der niemals eintraf. Nach ein paar Stunden ging Bregman, um nach Wimbledon zurückzukehren, wo er seine Familie zum Abendessen bei Nando’s ausführte. Als er das Restaurant verließ klingelte sein Mobiltelefon. Es war seine Schwester, die von Israel aus anrief: Marwan sei tot. Die Nachricht verwirrte Bregman, aber, im Zusammenhang mit ihrer verpatzten Verabredung, kam sie nicht ganz unerwartet. Marwan hatte ihm an den vorhergehenden Tagen auch eine Reihe verzweifelter Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Bregman wusste, dass sein Freund um sein Leben bangte. Außerdem wusste Bregman, dass er zum Teil für diese Situation verantwortlich war. Bregmans Bezieung zu Marwan war kompliziert. Sie hatten sich zuvor nur einmal persönlich getroffen, vier Jahre zuvor, im InterContinental Hotel in London. („Ich näherte mich vorsichtig durch kleine Straßen, um sicherzugehen nicht verfolgt zu werden.“ sagte Bregman. „Ich war spät dran. Er war bereits dort. Hochgewachsen. Er trug einen roten Schal.“) Dessen ungeachtet waren ihre Leben nun miteinander verbunden. Bevor Bregman in Marwans Leben getreten war, war der Ägypter bekannt, wenn man ihn überhaupt kannte, als wohlhabender Geschäftsmann und begeisterter Chelsea-Fan (er besaß 3,2% Anteile am Club und, einmal, übernahm eine seiner Immobiliengesellschaften sowohl die Plätze von Chelsea und Fulham, und verkaufte sie mit enormen Profit). Das alles änderte sich als Bregman auftauchte.

Marwan wurde 1944 in Ägypten geboren. Sein Vater war ein Militär-Offizier, der in der Brigade der Präsidentengarde diente. Im Alter von 21 Jahren promovierte Marwan mit Auszeichnung in chemischer Verfahrenstechnik an der Universität Kairo, und wurde zum Militär eingezogen. 1965 spielte Marwan Tennis in Heliopolis, einem Vorort von Ägyptens Hauptstadt, als er ein anziehendes junges Mädchen entdeckte, Mona Nasser, die dritte und bevorzugte Tochter des Präsidenten, die zu dem Zeitpunkt 17 war. Die Liebe gedieh, und das Paar heiratete im Jahr darauf, und erhob Marwan in die Kreise der Elite. Der junge Mann setzte seinen Militärdienst fort, weitere zwei Jahre, vor dem Umzug nach London, um dort mit dem Studium für einen Magister der Chemie zu beginnen.

Dort, behaupten einige Quellen, sei er unzufrieden mit der Familienbeihilfe gewesen, die ihm gewährt wurde. (Marwan war Zeit seines Lebens finanziell ehrgeizig; sein letztliches Vermögen überstieg 400 Millionen Pfund. Cabra Investments, der Name von Marwans Immobiliendachgesellschaft, bedeutet auf Arabisch „reichlich wachsen.“) Um sein Studenteneinkommen aufzubessern – einem Historiker zufolge – umwarb er die Frau eines kuweitischen Scheichs, die ihn mit zusätzlicher finanzieller Unterstützung versorgte. Als Präsident Nasser ein paar Monate darauf in London durch die ägyptische Botschaft von der Abmachung erfuhr, beorderte seinen Schwiegersohn nach Kairo zurück und verlangte, kurz gefasst, dass Marwan sich von seiner Tochter scheiden ließ. Das Paar lehnte das ab und mit der Zeit bruhigte sich Nasser. Stattdessen befahl er, dass Marwan in Kairo verblieb, und nur nach London flog um seine Studienpapiere einzureichen und Prüfungen abzulegen.

Im Frühling 1969, während das Weiße Album der Beatles weiterhin in den Charts klebte, besuchte Marwan London, augenscheinlich um einen Arzt in der Harley Street zu konsultieren, wegen eines Magenleidens. Dem eher theatralischen Bericht zufolge, den der Historiker Howard Blum in seinem Buch „Der Vortag der Vernichtung3“ aus dem Jahr 2003 vorlegte, einer Geschichte des Yom Kippur-Krieges, überreichte Marwan dem Arzt seine Röntgenbilder zusammen mit einer Akte, gefüllt mit ägyptischen Staatsdokumenten. Er verlangte, dass sie der israelischen Botschaft in London übergeben werden. Drei Tage später kontaktierte ein Agent des Mossad, der israelischen Entsprechung zum MI5, Marwan, als er durch Harrods bummelte, dem Londoner Kaufhaus (mit dessen zukünftigen Besitzer, Mohamed al-Fayed, er sich später befehden würde).

Stimmt nicht, sagen hohe Mossad-Agenten – die ihre eigene ebenso rege Version der Geschichte dem ehemaligen IDF (Israel Defence Forces, Anm. d. Übers.) Geheimdienst-Analytiker Uri Bar-Joseph für sein Buch Hamalach4 (Engel) von 2010 erzählten. Sie behaupten, Marwan habe die israelische Botschaft angerufen und verlangt mit einem Mitglied der Sicherheitsabteilung zu sprechen. Er wurde abgewiesen – mindestens zwei Mal – bevor ihm schließlich gestattet wurde eine Nachricht zu hinterlassen. Marwan gab sich mit Namen zu erkennen und erklärte, er wolle für israelische Geheimdienste arbeiten. Er beschloss, keine Telefonnummer zu hinterlassen, aber da er beabsichtigte am nächsten Tag nach Ägypten zurückzukehren, sagte er, er werde sich später am Abend erneut melden. Als er das tat gab es keine Antwort. Dieses Mal hinterließ Marwan die Telefionnummer seines Hotels.

Smuel Goren, der europäische Chef des Mossad, war zu dieser Zeit in London. Goren schnappte Marwans Nachricht auf und erkannte sogleich den Namen. Dank Marwans Nähe zu Ägyptens Führung, hatte der Mossad bereits eine Akte über ihn angelegt, als potentiellen Rekruten. Sie hatten sogar ein Foto von Marwan parat, eins das auf seiner Hochzeit vier Jahre zuvor aufgenommen worden war. Goren rief die Nummer an, die Marwan hinterlegt hatte, ihm war klar, die Zeit war knapp, und er riet ihm in seinem Hotelzimmer zu verweilen. Das Telefon klingelte wieder. Marwan sollte zu einem Café in der Nähe des Hotels gehen.

In dem Café saß ein Mann an einem der Tische, der die Zeitung las. Er schaute hinunter auf das Bild, das neben seiner Kaffetasse lag und verglich es mit dem saloppen Mann, der gerade durch die Vordertür hereingekommen war. Dann schaute er aus dem Fenster und nickte einer zweiten Person zu, die draußen wartete, die das Café betrat, auf Marwan zuschritt und sagte: „Mr. Marwan? Ich bin erfreut Sie zu treffen. Mein Name ist Misha.“ Marwan stand auf um seine Hand zu schütteln. Der Mann mit der Zeitung, Goren persönlich, verließ das Gebäude unbemerkt. Als sie miteinander sprachen, erzählte Marwan Misha (dessen wirklicher Vorname Dubi lautete) von seinen Verbindungen und was er den Israelis anbieten könne. Marwan schob einen Umschlag über den Tisch. „Das ist eine Probe von dem, was ich euch geben kann.“ sagte er. „Ich verlange jetzt nichts, aber ich erwarte bei unserem nächsten Treffen entschädigt zu werden.“ Seine Gebühr? 100 000 Dollar.

Der Mossad bezweifelte Marwans Absichten. Plante er, Doppelagent zu werden um Isreal mit falschen Informationen zu füttern, oder Geheimnisse an seinen Schwiegervater zurückzureichen? Marwan hatte darauf eine Antwort. Er sei, verriet er Misha, entsetzt dass Ägypten im 6-Tage-Krieg von 1967 unterlegen war. Er wolle einfach auf der Gewinnerseite sein. Nach dem Treffen trafen sich Misha und Goren in einem Taxi. Die beiden gingen Marwans Dokumente auf dem Weg zur Botschaft durch. Die Papiere schienen echt zu sein. „Material wie dieses von einer Quelle wie dieser gibt es ein Mal in tausend Jahren..“ sagte Goren an dem Tag, gemäß der Jerusalem Post. Nach Blum beschrieb ein anderer Mossad-Agent die Lage so, „als hätten wir jemanden, der in Nassers Bett schläft.“ Marwans Spitzname innerhalb des Mossad demonstriert den himmelsgleichen Blick, mit dem man ihn betrachten würde: Engel.

Marwan gewann in Ägypten weiterhin an Vertrauen. Nach dem Tod seines Schwiegervaters 1970 gab er mutmaßlich geheime israelische Dokumente an Nassers Nachfolger weiter, Anwar Sadat, und folglich gewann er mehr Einfluss. Jegliche Zweifel, den der Mossad weiterhin gegen Marwan gehegt haben mag, gewannen drei jahre später an Gewicht, als er im April 1973 eine Nachricht an die Israelis sandte, die vor einem bevorstehenden ägyptischen Angriff warnte. Israel sandte tausende Reservisten und mehrere Brigaden zum Sinai. Kein Angriff erfolgte. Der Alarmzustand kostete Israel Berichten zufolge um die 35 Millionen Dollar. Am 4. Oktober 1973 warnte der Agent Israel erneut vor einem sich abzeichnenden ägyptischen Überfall (Marwan rief seinen Führungsoffizier von Paris aus an, wo er sich auf einem Besuch mit der ägyptischen Gesandtschaft befand. Er sagte, er wolle über „jede Menge Chemikalien“ sprechen – das vereinbarte Codewort, um vor einem drohenden Krieg zu warenen.) Um acht Uhr am nächsten Morgen versammelte sich das israelische Kabinett zu einer Notfallsitzung. Sie entscheiden auf Marwans Warnung zu reagiern und begannen ihre Panzer zu mobilisieren. Dieses Mal war die Information richtig, wenn auch vier Stunden über das Ziel hinaus: Marwan warnte, dass die Ägypter bei Sonnenaufgang zuschlagen. Die Invasion begann vier Stunden früher, um zwei Uhr morgens.

Warum Betrat Marwan an jenem Abned das Café? Mit Sicherheit wusste er, dass seine Dienste begehrt waren. Zu diesem Zeitpunkt zählten Israels Bewohner weniger als drei Millionen. Das Militär des Landes bestand aus Reservisten, und die Regierung benötigte Informanten, um sie wissen zu lassen, wann die Reservisten mobilisert werden mussten. Marwans Antrieb enthält sicherlich den Schlüssel für seine wahren Loyalitäten, genau wie, vielleicht, die Identität seines letztlichen Mörders. Hat er, ohne Geld und schäumend auf seinen Schwiegervater, entschieden seine Dienste an Israel zu verkaufen in der Absicht reich zu werden? (Eine Quelle behauptet, dass er im Verlauf seiner Karriere mehr als 3 Millionen Dollar von den Israelis erhielt.) Oder hat er, als makelloser Patriot, einfach gehofft den Mossad mit katastrophalen Informationen zu versorgen, in der Rolle als Doppelagent?

Das Marwan mit den Israelis arbeitete wird nicht bestritten. Seine Ehefrau Mona sagte, dass sie ihn in den frühen 2000-er Jahren damit konfrontierte. Zunächst leugnete er Informationen and die Israelis weiterzugeben. Später gab er zu Informationen weiterzugeben, behauptete aber, sie seien falsch. Was ist die Wahrheit? Bregman meint, er kennt die Antwort. Aber ihn quält eine andere Frage: War er verantwortlich für den Tod des Agenten?

* * *

„Es ist ein großer Fehler lebende Spione zu entlarven.“ sagte Bregman zu mir, mit fachlichem Ernst. „Tun sie das nie. Tun Sie’s nicht. Auch wenn sie die Gelegenheit haben.“ Dann, um den Ratschlag mit Schmeichelei zu versüßen: „Ich weiß, dass sie schlau sind. Tun Sie’s nicht.“

Wir trafen uns an einem grauen Februarabend in seinem Büro am King’s College London, einer alten Universität voller labyrinthartiger Gänge und prolligem Mauerwerk. Hier saß Bregman am 27. Juni 2007, auf einen Anruf des Agenten wartend, der ihm sagen sollte, wo sie sich später am Tag treffen könnten. Der Anruf kam nie. Bregman war nicht übermäßig besorgt. Während ihrer fünf-jährigen Beziehung hatte er sich an Marwans Launenhaftigkeit gewöhnt – Angewohnheit eines Spions wegen Verfolgungswahn und Vorsichtsmaßnahme.

Sauber rasiert, mit Grübchen, mit einem Lächeln, und fast flüsternder Stimme, die mich verschwörerisch nach vorne beugen ließ, war Bregman zappelig und nervös, die Geschichte und seine Rolle darin zu erzählen. (Bregmans akribisch gesammelte Unterlagen zu der Sache, einschließlich Abschriften seiner Gespräche mit Marwan lagern im Archiv des College; der Autor von Eine Geschichte Israels5 will wohl seinen eigenen Platz in irgendeiner zukünftigen Ausgabe haben.)

Bregman ist einer der führenden Historiker der Kriege Israels im 20-sten Jahrhundert (er hat mehr als zehn Bücher zu dem Thema geschrieben und agierte als Berater für die BBC bei zwei verwandten Dokumentationen.) Mir gegenüber beschrieb er sich aber als „Akademiker mit der Seele eines Journalisten.“ Sein Talent für Recherchearbeit ist klar Teil der Geschichte, wie er Marwan als den berühmten Agenten „Angel“ identifizierte – Einzelheiten davon hat er nie zuvor verraten. „Ich glaubte, dass es möglich sei all die Literatur zum Yom Kippur-Krieg zu nehmen und seine Identität zu verorten. Als er über den Dokumenten und Erinnerungen grübelte, wuchs Bregmans Verdacht. Marwan wurde zu seinem Weißen Wal. „Ich brauchte irgendeine Bestätigung.“ sagt er. „Man kann nicht einfach jemandem vorwerfen ein Spion zu sein. Marwan war ein sehr reicher Mann; er hätte mich vor Gericht bringen können.“

Von 1999 an begann Bregman Marwan seine Artikel zuzuschicken, in der Hoffnung den Spion zu einem Eingeständnis zu bewegen. Nichts geschah. Schließlich schmiedete der Akademiker einen Plan. Er würde nach Israel reisen und den Buchverleger treffen, der die Memoiren von General Eli Zeira publiziert hatte, dem einstigen Direktor von Israels militärischem Geheimdienst, einige Jahre zuvor. Zeira, der aufgrund der falschen Informationen des Spions im April 1973 entlassen wurde, bezog sich in seinem Buch häufig auf den Engel. Meine Annahme war, dass selbst wenn Zeira den Namen niemals bestätigen würde, sein Verleger es vielleicht täte.“

Die beiden trafen sich in eim Café in Tel Aviv im Jahr 2000. „Ich plante das Treffen sehr sorgfältig.“ sagt Bregman. Der Akademiker setzte sich und plauderte. „Zehn Minuten im Gespräch, als er mit mir warm wurde aber mich noch nicht satt hatte, stellte ich die Frage.“ Bregman hätte nicht direkter sein können. „Ist Marwan ein Spion?“ Der Verleger schaute weg und grinste. „Das war meine Bestätigung.“ sagt Bregman. Marwan war der Engel.“

In London und im Buch blieb Bregman vorsichtig. In seinem ersten Buch zum Thema, Israels Kriege, veröffenlicht im späten Jahr 2000, bezog er sich auf Engel unvollständig als „Nassers rechte Hand.“ Er sandte Marwan eine Kopie. Keine Antwort. Ermutigt durch die Ignoranz ging Bregman in seinem zweiten Buch , Geschichte von Israel, weiter, das im September 2002 veröffentlicht wurde. „Ich schrieb, dass der Engel niemand von Nassers Verwandten sei.“ sagt Bregman. „Und ich behauptete, er werde gelegentlich chiffriert als sein ‚Schwiegersohn‘.“ Es war gelogen, gemacht um Marwan zu provozieren und anderen Journalisten einen Tipp zu geben. Wieder sandte Bregman Marwan eine Kopie seines Buches, dieses Mal mit dem Eintrag: „Für Ashraf, Held von Ägypten.“ Wieder nichts. Doch der Plan funktionierte. In Ägypten arrangierte ein anderer Journalist ein Interview mit Marwan und fragte ihn direkt, was er von Bregmans Behauptung halte. „Bregmans Buch ist eine dämliche Detektivgeschichte.“ antwortete Marwan.

„Ich war getroffen.“ erinnert sich Bregman. „Ich hatte an dem Buch vier Jahre gearbeitet. Wie konnte er es wagen?“ Nicht nur das, Bregman war überzeugt, dass Marwan „geblinzelt“ hatte. Indem er das Buch als Fiktion abtat, statt anzudrohen den Autor wegen Diffamierung vor Gericht zu bringen, hatte Marwan, glaubte Bregman, ihm weitere Bestätigung verschafft. „Der Journalist in mir wusste, ich hatte einen Knüller. Ihn nicht zu entlarven … es machte keinen Sinn.“ Mit einer Mischung aus Empörung und Sieggefühl gab Bregman in der nächsten Woche dem ägyptischen wöchentlichen Magazin Al-Ahram Al-Arabi ein Interview. Er traf den Journalisten des Blattes in einem Starbucks in Wimbledon (nah bei Nando’s, wo er, Jahre später, von Marwans Tod hören würde.) und während dem Verlauf des Gesprächs benannte er ausdrücklich Marwan als den Spion. In dem Interview sagte er: „Ich muss meinen guten Namen als Historiker verteidigen.“

Am 29. Dezember 2002, sieben Tage nachdem Bregmans Interview in Israel veröffentlicht wurde, war er in seinem Garten und fegte Winterlaub, als seine Frau ihn ins Haus rief. Da war ein Telefonanruf. Bregman nahm den Hörer. Ein Stimme am anderen Ende der Leitung sagte mit breitem arabischen Akzent: „Ich bin der Mann über den Sie geschrieben haben.“ Bregman antwortete: „Wie kann ich sicher sein?“ Die Stimme sagte schlicht: „Sie haben mir das Buch mit der Widmung geschickt … “

Die beiden gingen eine stotternde Beziehung ein. Bregman rief Marwans Sekretärin an, sooft er reden wollte. „Ich musste ihr ein Fax senden, um meine Identität zu bestätigen. Sie gab das dann an Marwan weiter, in London, der mich zwei Minuten später anrief.“ Oft würde Marwan anrufen, nichts sagen, aufhängen und Minuten später erneut anrufen – „Spionkram.“ sagte Bregman. Er würde sich nur als „das Thema ihres Buches“ zu erkennen geben. Er warnte Bregman, dass alle seine Anrufe sowohl vom ägyptischen und den britischen Geheimdiensten aufgenommen würden. Im Gegensatz zu Bregmans Erwartungen war Marwan nicht sauer. „Ich hatte ihn verwirrt, denke ich.“ sagt er. „Ein Akademiker, der aus dem Blauen heraus Dinge sagt … Er war logisch. Er verstand, dass sein Geheimnis gelüftet war. Er war schlau. Er veränderte mich. Er war reizend, aber auch jemand, der sehr brutal sein konnte. Man merkte es. Er benutzte seinen Charme. Er machre mich zu seinem Verteidiger. Mit einem Mal sah ich nicht mehr den schwer fassbaren Spion, sondern den Menschen mit Herzproblemen. Den Menschen unter Druck und dem ganzen anderen.“ Bregman erinnert sich, dass viele der Telefonate lang waren. „Er hatte niemanden, um über all das zu sprechen. Man kann [Spionage] nicht mit seiner Frau oder seinen Kindern besprechen.“

Schließlich fragte Bregman ob er Marwans Biographie schreiben könne. Marwan lehnte ab. „Er wollte ein Ende der Geschichte. Keine Biographie.“ Das ist rätselhaft im Lichte der maßgeblich fehledenden Memoiren. Warum sollte Marwan anfangen seine Geschichte aufzuschreiben, wenn er die Geschichte verdrängen wollte? „Die Millionen-Dollar-Frage.“ verriet mir Bregman. „Hat er wirklich jemals an dem Buch gearbeitet? Vielleicht war das seine Art und Weise mich vom schreiben abzuhalten.“ Als die Monate vergingen und Marwan Bregman nach Rat für den Prozess des Schreibens fragte – er fragte Bregman sogar, ob er das Buch verlegen würde, wenn er damit fertig sei – wurde der Akademiker zunehmend neugierig. „Ich fragte ihn von Zeit zu Zeit: Wie ist der Titel des Buches? Wann wird es fertig? Ist es in Englisch oder Arabisch? Er erzählte mir, es sein in Englisch, denn Araber lesen keine Bücher.“

Nach Marwans Tod wurde das Auffinden von Beweisen für Marwans Buch zur Obsession für Bregman. Er kontaktierte jedes Archiv im Königreich und in den USA um herauszufinden ob Marwan irgendeine Kopie hinterließ. Nur eine Befragte meldete sich bei ihm zurück: Marry Curry, eine Bibliothekarin des Nationalarchivs in Washington. In einer langen Email bestätigte Curry, dass Marwan die Archive zwei Mal besucht hatte, im Januar und März 2007, beide Male unangekündigt. Curry half Marwan nach seinem Namen in einer Datenbank freigegebener Regierungsdokumente zu suchen. Er tauchte in einer Abschrift eines Gesprächs zwischen Henry Kissinger und Ismail Fahmi auf, dem ägyptischen Außenminister, aus den Mitt-Siebzigern, in dem die drei Männer einen Waffenhandel besprechen. Marwan ging am Stock. Er erwähnte nie eine Aufzeichnung. Nachdem er zum zweiten Mal gegangen war, sandte Marwan Curry zwei Schachteln Godiva Schokolade. Er kehrte nie zurück. Bregman sagte der Polizei, dass er glaube, es gebe ein Buch, doch nun ist er nicht überzeugt. Trotz wiederholter Anfragen hat er nie ein Wort gesehen.

Die beiden trafen sich nur einmal persönlich, im Oktober 2003. Eingangs lud Marwan Bregman ein, sich im Dorchester Hotel zu treffen. „Für Israelis wie mich ist das Dorchester ein Albtraum.“ sagte Bregman. (Es war im Dorchester, im Juni 1982, Mitglieder einer palästinensischen Splittergruppe erschossen den israelischen Botschafter im Vereinigten Königreich und lösten den Libanonkrieg aus, in dem Bregman als Artillerieoffizier kämpfte.) Bregman bat darum, dass die Männer sich stattdessen im InterContinental in der Park Lane treffen. Marwan fürchtete bereits um sein Leben. Er erzählte Bregman, dass Howard Blums Buch von 2003 über den Yom Kippur-Krieg, das ihn ausdrücklich als den Engel benannte und im Detail beschrieb, wie der Spion anfing für die Israelis zu arbeiten „eine Einladung war, mich zu töten.“ Ihre Beziehung war einsam aber von Dauer; Bregman glaubt, Marwan wollte ihm die Version der Geschichte erzählen, dass der Spion aufhören wollte. Dennoch, ihre Freundschaft hatte etwas von Zuneigung. Marwan war auch einsam, sagte Bregman. Dann, 2007, wurde ihre Beziehung, wie Bregman es formuliert, „sehr viel dramatischer,“ mit den durchgedrehten Anrufbeantworternachrichten.

Während Bregman Marwan in Gefahr gebracht hatte, indem er ihn als den Engel entlarvte, war dies nach wie vor nur die Aussage eines Historikers. Keine höhere Gewalt hatte die Tatsache bestätigt. Das sollte noch früh genug passieren. In Israel war Marwan zum Gegenstand eines aufsehenerregenden Gerichtsprozesses zwischen zwei hohen israelischen Offizieren geworden, General Zeira (dessen Buch Bregman den Hinweis auf Marwans Identität geliefert hatte) und Zvi Zamir, dem ehemaligen Chef des Mossad. Zamir beschuldigte Zeira Marwans Identität an die Presse weitergegeben zu haben. Zeira verklagte Zamir wegen Verleumdung. Der Fall zog sich hin, bis der Richter, Theodore Or (Bregman zufolge „ein sehr robuster Kerl“) schließlich am 25. März 2007 entschied, dass Zeira die Identität des Engels an nicht autorisierte Personen weitergegeben habe. Das Urteil wurde drei Monate später öffentlich, am 14. Juni. Innerhalb von 13 Tagen war Marwan tot.

Als Bregman die Berichte des Urteils sah, in dem ein Richter offiziell Marwan erstmalig als den „Engel“ bezeichnete, schrieb er Marwan unverzüglich, um ihn zu warnen, dass sein Leben in Gefahr war. Irrtümlich sandte Bregman, der von Marwan gewarnt worden war, den Brief an die alte Adresse des Spions. „Normalerweise würde er innerhalb von 48 Stunden zurück sein.“ sagt er. „Ich hörte eine Woche lang nichts.“ Als Marwan den Brief schließlich erhielt, hinterließ er eine Triade panischer Nachrichten auf Bregmans Anrufbeantworter, alle im Rahmen einer Stunde. „Das hatte man noch nicht erlebt.“ sagt Bregman. „Das passierte innerhalb von fünf Jahren zum ersten Mal.“

Und so kam es, dass Ahron Bregman in seinem Büro auf einen Anruf von Ashraf Marwan wartete, am Todestag des Spions. Und so kam es, dass Bregman sich schrecklich schuldig fühlte. „Ich war ein großer Held als ich ihn auffliegen ließ.“ schrieb Bregman später. „Aber ein sehr kleiner als er starb.“

„Schau,“ sagte Bregman, jetzt leise, „Wir Journalisten sind manchmal so entschlossen die Nuss zu knacken, dass wir vergessen, dass es Dinge um uns herum gibt. Deine Familie. Seine Familie. Wir sind menschliche Wesen. Und dann hörst du eine Stimme. Du hörst ihn atmen. Du hörst ihn von seinen Herzbeschwerden sprechen. Und die Person, die du die ganze Zeit als Superheldenspion betrachtet hast, jemanden aus Gold und das Ganze? Es ist nicht wahr. Er ist ein menschliches Wesen.“

Ist Marwan gesprungen oder wurde er gestoßen? „Ihn zu töten bedurfte keiner körperlichen Tatkraft.“ verriet mir Bregman. „Du kannst zu einer Person sagen: Du hast zwei Söhne. Wenn wir sie in Ruhe lassen sollen, solltest du springen … Vielleicht so etwas. Aber die Untersuchung konnte es nicht entscheiden.“ Genauso, welche Nation oder Organisation hinter dem Anstoß gesteckt haben mag, mag er körperlich oder psychologisch gewesen sein?

„Ich weiß es nicht.“ sagt er. „Die Briten, vielleicht wissen sie etwas. Es liegt hier irgendwo.“

* * *

Wenn die Briten irgend etwas wissen, dann haben sie nicht geblinzelt. Die Polizei hat die beiden Männer identifiziert, die auf Marwans Balkon standen als er in seinen Tod stürzte, aber sie haben ihre Namen nie öffentlich gemacht. Alle Informationen Marwans Leben und Tod betreffend unterliegen vom 30. Juli 2015 an nicht weniger als sechs Ausnahmen des Informationsfreiheitsgesetzes, einschließlich:

Sektion 23(5) – Information bezüglich der Sicherheitsorgane

Sektion 24(2) – Nationale Sicherheit

Sektion 27(4) – Internationalen Beziehungen

Hosni Mubarak, zu der Zeit von Marwans Tod Präsident von Ägypten, ist das einzige nationale Oberhaupt, das einen Schuldigen nahegelegt hat (Überraschung: Lybier). Sollte Ägypten hinter Marwans Ermordung stecken, werden sie es sicherlich anders aussehen lassen. Die Beerdigung des Spions in Kairo war stattlich: Die ägyptische Flaggge und Marwans militärische Auszeichnungen zierten den Sarg. Mubaraks Sohn Gamal war anwesend, und der Präsident veröffentlichte sogar eine Erklärung, die besagte: „Ich ziehe seine Loyalität nicht in Zweifel.“

Aber das tut Zvi Zamir ebenfalls nicht, der einstige Chef des Mossad. Marwan spionierte treu für die Israelis aus Gründen des „Geldes und Egos.,“ sagte mir Zamir in einem Interview aus seinem Apartment in Tel Aviv, das Uri Bar-Joseph vereinbart hatte. Jetzt mit 90 wird Zamir ebenso vom Tod seines ehemaligen Agenten heimgesucht. „Nicht ein einziger Tag vergeht, ohne dass ich mich mit der Frage quäle, ob ich ihn nicht besser hätte schützen können.“ schreib er in seinen eigenen Momoiren; Mit offenen Augen.

Zur Zeit der Untersuchung sagte Marwans Frau Mona, dass sie glaube, Mossad-Agenten hätten ihren Mann ermordet. Zum einen würde die Ermordung eines ehemaligen Agenten, nachdem sein Name öffentlich wurde, wie eine Abschreckung für neue Rekruten wirken. Selbst wenn Israel geglaubt haben sollte, dass Marwan ein Doppelagent war, der für die Ägypter arbeitete, ist es besser nichts zu tun und durch ihr Schweigen anzudeuten, dass er ihrer Sache loyal gegenüberstand. Und bei all seinen Gesprächen mit Leuten, für die Marwan arbeitete, ist die Frage, wer Marwan war, auf der Strecke geblieben.

Im späten Juli, sechs Monate nach meinem ersten Versuch Kontakt mit Marwans Familie aufzunehmen, kam eine Antwort von Ahmed, dem jüngeren Sohn des verstorbenen Spions. (Dem britischen Rechtsanwalt der Familie, John Harding, wurde es zur Kenntnis geschickt.) Ahmed war einverstanden mich während eines Besuchs, von seinem Zuhause in Kairo aus, Anfang Juli in London zu treffen. Kurz nach Mitternacht, an einem Sonntag Morgen, erhielt ich eine Email, die mir mitteilte, ich solle mich am folgenden Tag in einer Hotellobby im Green Park enfinden.

Ich kam pünktlich; 15 Minuten später kam Ahmed durch die Schiebetür und winkte mich heraus. Charmant und stoppelig, mit 44 attraktiv, mit der resonanten Stimme eines Kettenrauchers ( er zieht, mit französischer Hingabe, an einer Philipp Morris-Zigarette, zwischen jedem gleichermaßen überlegten Satz.) Wir saßen draußen, in einem benachbarten Café. Ich zog mein Telefon aus meiner Tasche um unser Gespräch aufzunehmen, besorgt, dass wir uns zwischen dem umgebenden Getöse quietschender Reifen und Autohupen nicht hören könnten. „Ich schätze wir werden das beide aufnehmen.“ gab Ahmed zurück, und legte ein identisches Telefon neben meins.

Er erinnert sich an seinen Vater in Superlativen. Marwan war der „netteste Mann“, „das menschlichste Individuum“, „voller Leben“, “sehr lustig“. Er „verlor kaum je seine Geduld“ und war eine sehr überlegte Person. Ahmed zog mit seinem Vater mit neun Jahren nach London , im Jahr vor Präsident Sadats Ermordung (im Gegenstz zu vielen Berichten). Alles, was er von seinem Vater in Erinnerung hat in diesen frühen Jahre, war, dass er sehr viel reiste und las. Ahmed und sein Vater standen sich nahe. Sie redeten an den meisten Tagen, manchmal mehrfach, miteinander. Sie sprachen über Fußball. „Er war eine kluge Person.“ sagt er. „Ich mochte gern mit ihm reden.“

Ahmed war bei einer Versammlung in Kairo als sein Vater starb. Seine Sekretärin klingelte an, um zu fragen ob es ihm gut gehe, nicht wahrnehmend, dass er es noch nicht wusste. Ahmed sagte, er sei bei einer Versammlung und legte auf. Schließlich traf die Nachricht durch Ahmeds älteren Bruder Gamal ein: „Papa ist in Gottes Händen.“ Er erreichte London am nächsten Tag um sechs Uhr morgens.

Ich fragte ihn nach seinem mentalen Zustand bei all dem Durcheinander. Wollte er wissen was geschehen ist? „Wir wissen was passiert ist.“ sagte er, rasch. „Es ist sehr offensichtlich was geschah.“ Das ist eine seltsame Antwort in einem Fall der zwielichtig bleibt wegen seinem Mangel an Klarheit.

„Was ist passiert?“ fragte ich. „Es ist zwingend erforderlich, dass ich sehr vorsichtig bin und wählerisch mit meinen Worten.“ sagte er einen Moment später. „Es gab eine Untersuchung. Und bei der Untersuchung wurden viele Belege unterbreitet. Und der Richter sagte, er lehne die Möglichkeit, dass mein Vater sich sein Leben nahm, ab. Es gibt keine Beweise für was auch immer. Es ist also klar was nicht passiert ist.“

„Nun, um um darüber zu reden was geschehen ist, benötigt man bestimmte Mengen an Beweisen. Wie sich die Dinge entwickelt haben, bedeutet, es gab nicht eine einzige Person auf die man mit dem Finger zeigen konnte. Aber es ist offensichtlich was nicht geschah. Es war wichtig das zu klären. Für meinen Glauben. Für unsere Familie. Für die Geschichte.“

Sicher, die Gewissheit, dass sein Vater keinen Selbstmord begangen hat, eröffnet nur neue Fragen, sagte ich. Diese Fragen quälen mich. Hat er seinen Frieden gemacht mit dem Rätsel?

„Ich würde nicht sagen, dass ich meinen Frieden gefunden habe.“ sagt er. „Aber ich akzeptiere was passiert ist. Ich akzeptiere … „

Eine lange und mühsame Pause

„Ich akzeptiere dass mein Vater nicht mehr hier ist. Das ist Fakt. Vermisse ich ihn? Ja. Wünsche ich mir wir hätten mehr Zeit miteinander verbracht? Ja. Er war jung. Sehr jung. Es ist passiert. Was kann man noch tun? Wir werden niemals einen Namen herausfinden, um zu sagen wer es war. Manchmal muss man die Grenzen dessen, was man tun kann, hinnehmen.“

„Warum, glauben Sie, wurde er getötet?“ fragte ich.

„Ich muss sehr genau überlegen …“

„Warum?“

„Weil, wir reden über … Ich bin Vater.“

„Haben Sei Angst, dass es sogar jetzt noch Nachwirkungen geben könnte?“

„Was Menschen sagen und tun hat immer Konsequenzen. Jedoch werden die Dinge vor Gericht geregelt. Die Dinge werden intern geregelt. Die Dinge werden in der Gesellschaft geregelt. Die Geschichte wird erst offengelegt. Darum ziehe ich es vor vorsichtig zu sein.“

„Wer hat ihren Vater getötet?“

Eine weitere Pause.

„Jemand hatte Interesse daran.“ sagte er. „Sie hatten Gründe es zu tun. Man kann es einfach einsehen: Wer war diese Person? Was tat er? Dann kann man beginnen einen Haufen Möglichkeiten zu erkennen.“

„Wie man sagt,“ fährt er fort, „wenn man die Sonne mittags nicht sieht, dann weil man sie nicht sehen will. Sie ist genau dort.“

* * *

Mitten in unserem Gespräch klingelt das Telefon: Es ist Mona. Der eingehende Anruf stoppte Ahmeds Aufnahme, und hektisch leitete er seine Mutter an den Anrufbeantworter weiter. Bald rief sie wieder an; sich entschuldigend antwortete Ahmed auf Arabisch, stand auf und ging zum Ende der Straße, außer Hörweite. Ich saß dort und fragte mich, warum Ahmed sich mit mir getroffen hatte, einem ausländischen Journalisten; ich dachte mir, dass Mona, die gewiss von unserem Treffen wusste, sich meldete um zu schauen wie die Dinge liefen, um sichzugehen dass er nichts gesagt hatte, dass sie in Gefahr bringen könnte. Und dann erinnerte ich mich an etwas, dass Bregman mir Monate zuvor gesagt hatte, über das Gefühl von Frieden, das er verspürte, nachdem sein Geheimnis gelüftet war. „Du bist nur in Gefahr, wenn du die Information in dir trägst.“ sagte er. Sobald sie heraus ist, bist du nicht mehr so wichtig.“ Vielleicht.

Als Ahmed wieder an den Tisch kam, fragte ich ihn, ob all das London (für ihn) verdorben hätte. Bis vor Kurzem, sagte er, wo immer er auch hinging, sah er seinen Vater: die Schneider, bei denen sie ihre Kleidung kauften, der Laden, wo er Schokolade kaufte, die Pizzeria, wo sie immer das Gleiche bestellten, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Dann, sobald die Zeit verging, sagte Ahmed, dass er es als erledigt betrachtete als er die Stadt besuchte. „London ist London und die Erinnerung ist da.“ sagte er. Ich kann traurig darüber sein, dass er nicht mehr mit mir hier ist. Ich kann auch voller Freude und Stolz sein, mich an all die gemeinsame Zeit zu erinnern: Acht Jahre … sind genug Zeit für Wunden um mit der Heilung zu beginnen.“

Ich fragte ihn, was er von seinem Vater gelernt habe.

„Er sagte mir einmal: ‚Ahmed. Alles was du von der Welt wissen willst ist öffentlich. Du musst es dir nur anschauen und es erforschen und die Knoten miteinander verbinden. Alles und jegliches ist für uns erkennbar.“

Ein paar Wochen nachdem ich Marwans jüngsten Sohn getroffen ahtte, kontaktierte ich Bregman erneut. Ich fragte ihn, was er denke, warum Ahmed so bedachtsam mit seinen Worten sei. „Weil er glaubt, es handelt sich um Mord.“ antwortete er. „Besser die Klappe halten. Anders ist es zu gefährlich. Die Welt ist extrem nebulös.“

Ich entsinne mich, dass Bregman sein Buch Marwan widmete, einem „Helden von Ägypten.“ Und doch, nach so langer Zeit mit der Betrachtung des Falles, war es schwer nicht zu folgern, dass Ägypten am meisten durch Marwans Tod zu verlieren hatte, genau wie sie am meisten durch eine formales Eingeständnis zu verlieren hatten, dass Marwan ein doppeltes Spiel mit ihnen betrieben hatte. Dann sind da die anderen Leichen, von Londons Hochhäusern gestürzt. Marwans Ermordung ist eine weitere Masche in einem Muster, dass schwer zu ignorieren ist. Ich fragte Bregman gerade heraus was er zu sagen habe, um meinen Eindruck zu widerlegen, dass die Ägypter ihre Hand bei Marwans Ermordung mit im Spiel hatten. Er antwortete ehrlich: „Ich, nichts.“

Bregman beantwortete geduldig meine letzten Fragen, während er eigentlich bei seinem Urlaub in Wyoming entspannen sollte. Die Bedeutung ist klar; dies ist eine Geschichte, die den Historiker nicht ruhen lassen wird. Acht Jahre sind vergangen, und er entkommt den Fragen immer noch nicht. Und doch entscheidet er sich zu antworten, selbst wenn er keine Antworten hat – zweifellos weil es die selben Fragen snd, die er sich weiterhin selbst stellt. „Ich weiß nicht, ob Marwan wegen mir starb,“ sagte Bregman, „aber was ich weiß ist, dass es keine gute Idee war den lebenden Spion zu enttarnen. Es war ein großer Fehler.“

„Ich habe die Sache nie zu den Akten gelegt.“ sagt er mir, bevor wir uns schließlich verabschieden. „Es ist einfach zu bedeutend.“

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

Quelle: http://www.theguardian.com/world/2015/sep/15/who-killed-20th-centurys-greatest-spy-ashraf-marwan

1Siehe http://blogspot.thorstenramin.net/wp/die-groesste-festung-der-welt/

2http://www.hanover-residential.co.uk/Content/knowledge/Area-Guides/Welcome-to-Maida-Vale.aspx

3http://www.goodreads.com/book/show/685243.The_Eve_of_Destruction

4http://www.jpost.com/Magazine/Features/Our-mysterious-man-on-the-Nile

5http://www.theguardian.com/books/2014/jul/18/cursed-victory-history-israel-occupied-territories-ahron-bregman-review