Rachel Cusk „Nachwehen“

Wenn du dieses Buch liest, wirst du nicht heiraten

11. Aug, 2012

Eine neue Biographie über Scheidung ist so düster und authentisch, dass du vor der Hochzeit zurückschreckst, nur weil du darüber liest. Melissa Holbrook Pierson über Rachel Cusks radikale Unverblümtheit in Nachwehen.

Wir kauften das alte Bauernhaus vor einem Jahrzehnt, als wir eine frische Familie waren, in dem Vertrauen in die gemischten Hoffnungen, die charakteristisch für junge Paare sind: Alles wird gut, so lange wir für einander da sind. Und nicht für einander da zu sein war unvorstellbar. Als ich also die Gerüchte von der Frau hörte, die uns das Haus verkauft hatte – ihr Ehemann hatte jemanden online kennen gelernt und sie mit ihrem 5-jährigen Sohn und einer gerichtlichen Verfügung, das Haus zu verkaufen, allein gelassen, jammerschade – dachte ich, es müsse an ihr liegen, dieser Person, deren verzweifelte Wut nur das Image der Bank trübte. Da war etwas so düsteres und aufwühlendes, es stieß mich ab, und in der kommenden Woche stieß ich auf seine Spuren im Garten: Ein Durcheinander von Unkraut, das, beseitigt, verkümmerte Jahrespflanzen zum Vorschein kommen ließ, gepflanzt in der Erwartung des Frühlings, jetzt jedoch vergessen, und alle tot. Wer ließ es so weit kommen. Ich schluchzte.

Sechs Jahre später heulte ich aufgrund des Austauschs von Briefen und Rechnungen in just diesem Zimmer. Ich verstand nun, plötzlich und sehr gut. Mein Garten war seit Monaten nicht gepflegt worden. Sein unweigerliches Wachstum in Richtungen, die ich nicht vorhergesehen hatte, stand für die schreckliche Unberechenbarkeit von allem, das ich einst für vorhersehbar gehalten hatte.

Ein endloses Karussell begann sich in meinem Kopf zu drehen; wenn ich mir nur erklären könnte, was passiert war, würde dieses höllische Ding anhalten und ich könnte endlich etwas Frieden finden, endlich wieder essen und schlafen. Eines Nachts dachte ich, es hätte endlich bei mir geklingelt: Es war das Haus selbst, das mir und unserem 7-jährigen Sohn das gleiche Schicksal beschwert hatte, das ich sieben Jahre zuvor so scheinheilig übergangen hatte.

Es war nicht das Haus. Aber der Garten steht immer noch stellvertretend für den alles verzerrenden Abschnitt, den eine Scheidung darstellt: in Nachwehen stieß ich wieder darauf, der brutalen Beschwörung der britischen Autorin Rachel Cusk, ihrer eigenen Trennung. „Zuletzt ist unser Garten zugewachsen. Die Beete waren voller Unkraut. Das Gras eine Mähne.“

Scheidung ist die Mutter der Metapher. Man kann nicht frontal darauf zugehen; zu beschreiben wie es ist, ist die einzige Möglichkeit es zu erfassen. Allein, echt, ist es ein zerbrechliches Ei, das dir durch die Finger rinnt. (Gemerkt? Da ist es wieder.) Mein eigenes Bild für eine zerstörte Ehe war der zwei-mastige Schoner, der plötzlich verlangt, dass man an die Pinne und das Steuerrad denkt, die Segel refft und die Karten liest, alles auf einmal. Also ein Ding der Unmöglichkeit, dessen einziges Ergebnis der Wahnsinn sein kann. Für Cusk ist es „ein Puzzle, zerlegt in ein Häufchen zerbrochener Teile.“

Wie man es sich auch vorstellt, es bleibt eins der wenigen grundlegenden Geschehnisse in unserem Leben, die die Welt perfekt in zwei Teile spalten: Entweder gehörst du dazu, oder nicht. Entweder hast du die schauderhafte Unermesslichkeit erlebt, oder sie bleibt unsichtbar, der Abgrund, der seine Tiefe erst preisgibt, wenn du hineinfällst, und auf den Schlag wartest, der Boden bedeutet. Es gleicht der Geburt, nur dass du mit einem Kleinkind steigst, in Richtung eines Gipfels, der von Wolken verhüllt ist. Was du weißt ist, dass es scheinbar endlos ist, ein Gang, gemischt von Unglück und Staunen.

‘Aftermath: On Marriage and Separation’ zu deutsch „Nachwehen: Von Hochzeit und Trennung“ von Rachel Cusk. 160 Seiten. Farrar, Straus & Giroux. $20.

(Bild: Getty Images)

Cusk ging den Berg zum ersten Mal 2001 an, mit A Life’s Work. Ich las es kurz nachdem auch ich ein Kind bekommen hatte, und es war als wenn ich letztlich aufatmete, nachdem ich ein Jahr den Atem angehalten hatte. Demonstrativ gewandt und furchtlos stellte die Autorin zur Schau, was fast wie ein Zwang wirkte, an den Fäden des Deckchens zu ziehen, das vom Usus um die Mutterschaft gewickelt ist. Der gewöhnliche Hinweis, „in Berührung“ mit dem ungeborenen Kind zu kommen, erwidert sie „Als mein Bauch dicker und dicker wird, merke ich, dass in Berührung damit zu kommen ungefähr so nützlich ist, wie es das für ein Feld wäre, mit der Autobahn in Berührung zu kommen, die durch es hindurch gebaut wird.“ Das ist ab dieser Stelle kein sentimentaler Mist; sie berichtet diese genauen Empfindungen, die wir als unwichtig übergehen, ohne eine Blume vor den Mund zu nehmen, in Wirklichkeit sind sie aber unsere einzige Wahrheit.

Ihre Biographie der Scheidung weist den gleichen grausamen Geist auf, und gelegentlich miese Laune. Manchmal, so scheint es, ist diese Frau einfach in einem fiesen Gemütszustand. Ihre Beschwerde-Litanei und ihre Fehlersuche („Das Schwarz des Hasses fließt und fließt ungehindert durch mich hindurch“) wird ermüdend, aber so ging es mir selbst im ersten Jahr als der Strudel endlos wirbelte, und nur zurückhaltend versank. Nachwehen zu lesen ist wie ein Rückblick auf die sonderbare Erfahrung, deinen eigenen Tod zu erleben.

Da sind wir also, tief im sprudelnden Wirbel in dem der Autor versucht etwas zu verstehen, das von Natur aus dem Verständnis trotzt: gut für die Phänomenologie, nicht so gut für die Erzählung. Cusk weiß das natürlich, sie gehört zu der geistigen Brut, die es gewohnt ist, gedanklich mit jeder Situation fertig zu werden. „Falls mich jemand gefragt hätte, was das für eine Katastrophe war, die Besitz von meinem Leben ergriffen hat, hätte ich gefragt ob sie die Geschichte oder die Wahrheit hören wollen.“ Scheidung ist indessen kein philosophisches oder literarisches Konstrukt: Es ist ein animalisches. Es führt nicht zurück in die Gefühllosigkeit, wenn deine Kenntnisse der Orestie besonders brillant sind, oder das Gedicht deiner Beschreibung des sonderbarerweise veränderten Alltags (Zahnarztbesuch, erste Verabredungsversuche, Suche nach einem Kindermädchen) bemerkbar überirdisch sind. Das all das unglücklich verändert wirkt, hat nichts damit zu tun, das die neue Weltordnung von Grund auf eine andere ist. Nachwehendemonstriert dennoch spitzzüngig, dass es sich für eine lange Weile gewiss so anfühlt.

Für einige eine lange, lange Zeit: Sharon Olds‘ Gedichtzyklus Stag’s Leap1(der bei Knopf erscheint) deckt viele Jahre ab, in denen sie an der nicht erloschen Glut der Liebe zu ihrem Gatten klebte, der sie verließ. Posttraumatisches Stresssyndrom in Versen, so sehen es die Dichter, in einem fassungslosen Ton, der einem die Züge entgleiten lässt. „Und auf einer Party, oder in einer Menge, Jahre / nachdem er gegangen ist, entsteht ein nahezu / sichtbares Bild meines Mannes …“ Man erwartet, das Gedicht beschreibt ein vergebliches erstes Treffen; nur um der Abwechslung willen, es wäre eine Erleichterung „die Brusthaarbüschel von jemand anderem“ zu erblicken. Schließlich ist es das bewegende „nach dem ersten Rendezvous“ das sowohl unsere Menschlichkeit in all ihrer Stumpfsinnigkeit wiedergibt – wir lernen nicht allzu gut aus unseren Fehlern, was? – und die Gelübde, die wir im Leben auf uns nehmen, von dem die Liebe nicht zu trennen ist.

Für den ausgebufften Leser (was Cusk zum Glück ist), stellen Vorkommnisse wie eine Scheidung eine Herausforderung dar: Besitz mich, versteh mich – schreib mich auf! Das erste Jahr nach meiner Trennung verbrachte ich damit, mich fieberhaft genau darum zu bemühen. „Mein Gott,“ sagten meine Freunde, „das hilft dir, das Trauma zu bewältigen.“ Nein, dachte ich, dafür ist mein Therapeut da. Ich kenne den Unterschied zwischen „bewältigen“ und „Literatur schaffen.“

Es stellte sich heraus, dass ich nichts davon wusste. Erst als ich eine andere Scheidungs-Biographie gelesen hatte, Suzanne Finnamores Split, verspürte ich tiefe Dankbarkeit über das gefällte Urteil meines Herausgebers, darüber, was ich für meine eigene Philosophie der Scheidung hielt: Die Asche war noch nicht kalt. Finnamore – die auch über Mutterschaft geschrieben hatte, wodurch die beiden möglicherweise zu den einzigen Verfassern von Ratgebern für die fünfzig Prozent wurden – wartete jahrelang, bevor sie das Thema anging, das neu einfach zu sehr brennt.

Es ist Cusks Begabung geschuldet, dass sie etwas daraus machen konnte, dass den Leser nicht rasend macht, nur ab und zu in Wallung bringt; sie jedoch, als frisch Geschiedene, wurde zu Asche verbrannt. So ist es immer. Aber manchmal entsteht daraus ein Phoenix. Gelegentlich nimmt der Vogel die Form eines Buches an.

Die Autorin von vier nicht-fiktionalen Arbeiten, einschl. The Place You Love Is Gone und The Perfect Vehicle, Melissa Holbrook Pierson hat an zahlreichen erschienenen Büchern und Filmen mitgewirkt.

1 Etwa. Der Sprung des Hirschs

Schreibe einen Kommentar