Was und warum man von Zentralasien wissen sollte


15. August 2013

Von Ahmed Rashid

Eine usbekische Patrouille im Fergana-Tal, an der Grenze von Usbekistan zu Kirgistan, 2002.

In der eiskalten Nacht vom 12. Dezember 1991 stand ich auf dem eisigen Belag des Flughafens außerhalb von Ashkabad, der Hauptstadt der sowjetischen Republik von Turkmenistan und schaute zu, wie die fünf ehemaligen Chefs der kommunistischen Partei und zukünftige Präsidenten der Republiken von Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan in Fellmänteln und –mützen ankamen. Die Ehrenwache, die Militärkapelle und die Tanzmädchen führten mit gefrorenen Blumen in der Hand ausgefeilte Übungen vor, während sie zitterten als die Flugzeuge der Würdenträger landeten.

Es war ein schwieriger Zeitpunkt in der Weltgeschichte. Vier Tage zuvor hatten Boris Jelzin, Präsident von Russland, und die Staatsoberhäupter der Ukraine und von Weißrussland einen Vertrag zur Auflösung der Sowjetunion unterzeichnet. Die fünf Republiken waren jetzt plötzlich unabhängig, aber niemand hatte den Staatsoberhäuptern in Zentralasien selbst Bescheid gesagt. Wütend, frustriert, ängstlich, der Abhängigkeit von ihrem „Mütterchen Russland“ bewusst, und entsetzt von den Konsequenzen, brachten die Anführer die ganze Nacht damit zu, über ihre Zukunft zu diskutieren.

Es war befremdend, die Erben der Eroberer der Welt – Dschingis Khan, Tamerlan und Babur – so geduckt zu sehen. Sie waren an Moskau auf vielerlei Art gebunden, von Stromnetzen über Straßen, Schienen und Telefonnetze. Zentralasien war zu einer riesigen Kolonie geworden, die Rohstoffe wie Baumwolle, Weizen, Metalle, Öl und Gas für die sowjetische Industrie im westlichen Russland produzierte. Sie befürchteten einen ökonomischen und sozialen Zusammenbruch, als Jelzin sie aus dem Reich vertrieb. In dieser Nacht erzählte mir ein stellvertretender turkmenischer Außenminister: „Wir feiern nicht – wir beklagen unsere Unabhängigkeit.“

Am nächsten Morgen erklärten die Staatsoberhäupter, sie würden sich alle der so genannten Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) anschließen. Es gab Zweifel, welche zentralasiatischen Staaten das überleben würden und viele der 51 Millionen Menschen, Mitglieder einiger hundert verschiedener Ethnien, brachen nach Russland auf. Die Geburt neuer Nationen hatte noch nie unter so vielen Zweifeln, Angst und Mangel an Zuversicht bei genau den Leuten stattgefunden, die befreit worden waren.

Es ist wichtig, sich an diese Vorgeschichte zu erinnern, wenn wir uns Zentralasien heute anschauen, zweiundzwanzig Jahre später und angesichts eines weiteren bedeutsamen Wandels –

dem Abzug der Kräfte der USA und der NATO aus Afghanistan 2014. Die Länder Zentralasiens haben trotz Unterdrückung und fehlender Reformen in allen fünf Staaten, einem Bürgerkrieg in Tadschikistan, und Protesten, Massakern und dem wirtschaftlichen Untergang in Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan, überlebt. Nur die Energie produzierenden Staaten von Kasachstan und Turkmenistan sind wohlhabender geworden. Kasachstans Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das sich jetzt auf 13.900 US-Dollar beläuft, und Turkmenistans BIP von 8.500$, machen zusammen zwei Drittel der gesamten Bruttoinlandsprodukte von Zentralasien aus, laut Weltfaktenbuch der CIA. Im Gegensatz stehen Tadschikistans und Kirgisistans BIPs bei kaum über 2.000$.

Seit dem 11. September und wegen Zentralasiens Grenzen zu Afghanistan zeigen die großen Mächte – Russland, China und die USA – erneut Interesse an der Region. Bisher haben die Staatsoberhäupter Zentralasiens eine Großmacht gegen die andere ausgespielt, in einem gerissenen und gnadenlosen Spiel, das darin besteht den größten Nutzen aus Krediten, Investitionen, Waffen oder Mieten für Stützpunkte herauszuschlagen. Wie 1991 hat Zentralasien einen Wendepunkt erreicht, und es macht sich echte Sorgen darum, was jetzt passiert. Werden die Taliban zurückkehren um Afghanistan zu erobern und den islamistischen Gruppen aus Zentralasien den Weg zu ebnen, die eng mit Al-Qaida verbunden sind und ihre Truppen während ihrer Zeit in Pakistan vergrößert haben? Werden populistische Aufstände, die an den Arabischen Frühling erinnern, durch das Land fegen? In Kirgisistan haben sie es bereits zwei Mal getan, im März 2005 und April 2010, und zwei Präsidenten gestürzt.

Werden die schwächeren Staaten, denen es an wirtschaftlichen Ressourcen mangelt, zum Faustpfand für China oder Russland? Wird die wichtigste regionale Organisation, zu der sie alle gehören – die von China geführte Shanghai Cooperation Organization (SCO) – ihnen helfen, Instabilitäten zu überstehen, oder wird sie ihnen weiterhin helfen, ernsthafte Reformen aufzuschieben?

BÃœCHER UND BERICHTE ZU DIESER BESPRECHUNG

The Chinese Question Central Asia and Afghanistan:

in Central Asia: Insulation on the Silk Road,

Domestic Order, Social Change Between Eurasia and

and the Chinese Factor the Heart of Asia

von Marlène Laruelle ein Bericht von

und Sébastien Peyrouse. Shahrbanou Tadjbakhsh.

Columbia University Press, Peace Research Institute Oslo,

271 S., $60.00 62 S., www.prio.no

Great Games, Local Rules: Restless Valley: Revolution,

The New Great Power Contest Murder and Intrigue

in Central Asia in the Heart of Central Asia

von Alexander Cooley. von Philip Shishkin.

Oxford University Press, Yale University Press,

252 S., $29.95 316 S., $28.00

China’s Central Asian Problem

Ein Bericht der International Crisis Group.

35 S., www.crisis.group.org.

China und Zentralasien

Nicht eine der besprochenen Arbeiten enthält eine komplette Antwort auf diese Fragen, aber Alexander Cooleys Buch ist nah dran. Sie alle stimmen überein mit Chinas beispiellosem Zuwachs an Einfluss in Zentralasien. Marlène Laruelle und Sébastien Perouse, beide Wissenschaftler an der George Washington Universität in Washington D.C., legen in Die chinesische Frage in Zentralasien dar, dass China bereits die herrschende wirtschaftliche Macht der Region ist.

Ebenso hat China sich seit 1991 um ein entscheidendes Interesse gekümmert: Sicherzugehen, dass die Uiguren, Chinas größte muslimische Ethnie, die in der westlichen Provinz von Xinyang lebt, nicht mit der Unabhängigkeit droht, und dass die hunderttausende Uiguren in Zentralasien ihnen nicht dabei helfen. In den 1950-ern flohen viele Uiguren vor dem maoistischen Regime, um Schutz im sowjetischen Zentralasien zu suchen, wo man sie relativ gut behandelte.

Nach 1991 übte China starken Druck auf die drei zentralasiatischen Staaten aus, die an Xinyang grenzen – Kasachstan, Tadschikistan und Kirgisistan – um politische Aktivitäten der Uiguren auf ihrem Boden strikt zu unterbinden. China bot Anreize, etwa die Grenzstreitigkeiten zu beenden, die das Verhältnis zwischen China und der Sowjetunion seit Jahrzehnten geprägt hatten. Innerhalb von zehn Jahren waren die Grenzen zwischen China und den zentralasiatischen Staaten markiert und festgesetzt, und Chinas Einbindung in die Region berücksichtigt.

Noch immer sind uigurischer Nationalismus und islamischer Kampfgeist in Xinyang auf dem Vormarsch, da China die Provinz mit Han-Chinesen überflutet und die Muslime schwer unterdrückt hat. Während die Uiguren-Bevölkerungen in Zentralasien zu großen Teil zum Schweigen gebracht worden sind, haben einige Uiguren mit den Taliban in Pakistan und Afghanistan trainiert und gekämpft.

In den letzten zehn Jahren hat China viel in Zentralasien investiert. Larouelle und Peyrouse schreiben, dass .

in weniger als zehn Jahren hat sich China zu einem der drei Spitzenhandelspartner von jedem der drei zentralasiatischen Länder entwickelt. Es kontrolliert ein Viertel des kasachischen Öls und hat eine Pipeline gebaut, die vom Kaspischen Meer nach Xinyang führt; ist bevorzugter Kunde von Turkmenistans Gasexporten geworden; hat Kirgisistan in ein wirtschaftlich virtuelles Protektorat verwandelt, das in der Hauptsache durch Re-Exporte chinesischer Güter überlebt, und Tadschikistan in ein privilegiertes Tor zu seiner Präsenz in Afghanistan.

Die Ergebnisse der beiden Autoren erscheinen mir entscheidend für jede weitere Diskussion über Chinas zukünftige geopolitische Rolle in Asien zu sein. Ihre Handelsschemata demonstrieren den erstaunlichen Umfang chinesischer Investitionen. 2002 belief sich das Handelsvolumen zwischen China und Asien auf nicht mehr als 1 Milliarde Dollar. 2006 erreichte es 6 Milliarden und bis 2010 28 Milliarden. Zum Vergleich, Russlands Handelsvolumen belief sich 2010 nur auf 15 Milliarden Dollar. China hat die Handelsverbindungen, die China traditionell an Russland banden, unterbrochen.

China hat auch Russlands Monopol auf kasachisches Öl und turkmenisches Gas gebrochen. Jetzt befördern zwei chinesische Pipelines, eine beginnt in Atyrau an der kasachischen Küste des Kaspischen Meeres, und die andere in Turkmenistan, jeweils Öl und Gas durch die Weiten Zentralasiens nach Xinyang, von wo aus neue Pipelines ins industrielle Herz Chinas an der Küste gebaut werden. Die Gas-Pipeline wird bald Nebenspuren haben, die weitere Gasförderungen in Usbekistan, Kasachstan und schließlich in Afghanistan zusammenkehren werden. Cooley beschrieb in einem Interview „ein wachsendes, aufsaugendes Geräusch kommt aus dem Osten.“ Diese zentralasiatischen Energieressourcen versorgen China mit ungeheurer Sicherheit, da sie Chinas Abhängigkeit von über See importierter Energie verringern, die durch die USA begrenzt werden könnten.

Aber, China trifft in Zentralasien auch auf viel Feindseligkeit, so wie anderswo in der Dritten Welt, dafür, wie es die Region ausbeutet, ohne dafür viel zurückzugeben. Chinesische Firmen kommen mit ihren eigenen Arbeitern und Ausrüstungen, sie weigern sich Leute vor Ort anzuheuern, die Leute vor Ort einzuarbeiten oder große Mengen lokaler Waren und Produkte zu kaufen. Es ist üblich Verschwörungstheorien von China zu hören, dass sie Agrarland in Zentralasien aufkaufen oder Millionen seiner Bauern dorthin umsiedeln wollen. Zentralasiatische Völker fürchten sich vor chinesischem Einfluss, gerade weil ihre Anführer China umgarnen, das keine Fragen nach ihrem Mangel an Demokratie oder Menschenrechten stellt, oder nach ihrer Zurückhaltung bei der Einleitung wirtschaftlicher Reformen. Der Westen ist entschieden zu aufdringlich.

Betreffend Chinas Zentralasienproblem, ein kürzlicher Bericht der Internationalen Krisengruppe:

Chinas Geschäftspraktiken schaffen einen negativen Eindruck in einer Gegend, in der Vorbehalte gegen China … bereits gären … China sieht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den autoritären Regimen Zentralasiens und seinem eigenen, und in der Öffentlichkeit verteidigt es sich zumindest mit ähnlichen Floskeln.

Der Bericht legt nahe, dass China nicht ewig mit seinen derzeitigen Handels- und Investitionspraktiken in Zentralasien weitermachen kann, ohne sich sichtbar mehr darum zu kümmern, das Leben der Bevölkerung vor Ort zu verbessern. Bisher scheint China dieselbe Politik in Afghanistan zu verfolgen, mit dem es eine fünfzig Meilen lange Grenze im Korridor von Wakhan teilt. Während der letzten zehn Jahre hat es sich geweigert, den Afghanen ernsthaft zu helfen, ob in Sicherheitsfragen oder mit der Entwicklung einer Infrastruktur. In den letzten zwölf Jahren hat es Afghanistan mit gerade mal 2 Milliarden an Hilfen unterstützt – weniger als ein wesentlich ärmeres Indien beigesteuert hat, mit viel mehr aufgeklärten Projekten.

Wieder einmal schließt China Verträge für afghanische Rohstoffe, wenn sie lieferbar sind. China hat 3,5 Milliarden Dollar in die Kupfermine von Mes Anyak bei Kabul investiert, und hat Angebote für mehrere Ölfelder im Norden Afghanistans gemacht. Zweifellos wird der Zugriff der Märkte auf Afghanistans Mineralschätze Kabul verzweifelt benötigte Einnahmen verschaffen, und auf Dauer dabei helfen Afghanistan zu stabilisieren; aber das Graben nach Mineralien wird warten müssen, bis der Krieg beendet ist. China hat die Geduld den Bürgerkrieg auszusitzen, der noch lange über 2014 hinaus andauern kann, aber es gibt immer noch keine Garantie dafür, dass China Arbeitsplätze schaffen wird, Einarbeitungen vornimmt, oder überhaupt in das afghanische Volk und seine wirtschaftliche Zukunft investieren wird.

China hat die Staaten Zentralasiens in der Shanghai Cooperation Organisation zusammen gebracht, die sowohl China als auch Zentralasien als ihre bedeutendste internationale Organisation ansehen. Gegründet 1996, als die Fünf von Shanghai, umfasst sie jetzt vier zentralasiatische Staaten, Russland und China – Turkmenistan verhält sich neutral und ist kein Mitglied – während südliche Nachbarn, wie der Iran, Pakistan und Indien versuchen, ordentliche Mitglieder zu werden. Für viele westliche Analysten ist die SCO eine Organisation auf dem Papier, unfähig sich militärisch gemeinsam gegen den Terrorismus zu wehren oder größere Einigkeit unter den zentralasiatischen Anführern zu schaffen, die berüchtigt für ihren Widerwillen sind, miteinander zu kooperieren.

Bisher hat China seine wichtigsten Ziele erreicht. Die SCO hat unter seinem Einfluss bereitwillig das uigurische Problem erledigt, unter dem Schlachtruf, das Böse in Form von „Terrorismus, Separatismus und Extremismus“ zu bekämpfen, das, so weit es die Chinesen betrifft, weniger mit Al-Qaida als mit den Uiguren zu tun hat. China gebietet über erdrückenden Einfluss mit den zentralasiatischen Regimen, die es mit einem Transport- und Handelszugang nach Russland, der Türkei und den Kaukasus versorgt haben.

Wird China in den vor uns liegenden Jahren Verantwortung in Zentralasien wie Afghanistan übernehmen, mit seiner diplomatische Macht regional Frieden stiften, helfen eine Infrastruktur aufzubauen und in den ärmsten zentralasiatischen Staaten zu wirtschaftlichen Reformen ermutigen, wo es den größten Einfluss ausübt? Oder wird es weiterhin eine gierige Industriemacht sein, die vor politischen Verantwortlichkeiten in Zentralasien zurückschreckt und das Chaos in Afghanistan anderen überlässt?

Mikhail Klimentyev/ITAR-TASS/Corbis

Der usbekische Präsident Islam Karimov, der chinesische Präsident Hu Jintao, der kasachische Präsident Nursultan Nazarbayev, der russische Präsident Dmitry Medvedev, und der tadschikische Präsident Emomali Rahmon auf einer Versammlung der Shanghai Cooperation Organization, Astana, Kasachstan, Juni 2011

Bisher haben die Chinesen sich geweigert, beim Friedenstiften oder bei Verhandlungen mit den Taliban in Afghanistan oder zu helfen – dazu könnten sie beitragen. Sie haben in Pakistan gewaltigen Einfluss, wo die Chefetage der Taliban ihren Sitz hat. Noch haben sie es der SCO gestattet, sich an einer regionalen Einigung nach 2014 zu beteiligen, wenn die US-Truppen aus Afghanistan abziehen. Nur China wird die wirtschaftliche Stärke und die politische Kulanz haben, sowie die Ressourcen um das anstehende Machtvakuum zu füllen – aber es stellt sich die Frage, ob es überhaupt Verantwortung übernehmen will.

Die USA und Russland in Zentralasien

Die USA waren in Zentralasien weniger kurzsichtig als China. Cooleys, ein amerikanischer Wissenschaftler an der Columbia Universität und Sharbanou Tadjbakhsh, ein gebürtiger Iraner an der IEP1, sind bestens bekannt als führende Erforscher Zentralasiens. Sie enttäuschen nicht. Cooleys Buch bietet die bis heute übersichtlichste und am besten geschriebene Erzählung der zehnjährigen Beteiligung der Amerikaner in Zentralasien. Sowohl er wie Tadjbakhsh, der für eine norwegische Denkfabrik schreibt, sind sich einig, dass den USA eine strategische Weichenstellung in Zentralasien gefehlt hat.

Stattdessen haben seit 2001 drei verschiedene Administrationen, einschließlich der aktuellen, militärischer Zusammenarbeit mit den Staaten Zentralasiens Priorität eingeräumt, mit dem Ziel, die Tätigkeiten der USA und der NATO in Afghanistan zu unterstützen. Das hat die zentralasiatischen Anführer automatisch dahin geführt, andere Forderungen der USA, nach politischer Liberalisierung, Respekt vor den Menschenrechten und wirtschaftlichen Reformen, zu ignorieren. Zentralasien ist ein weiteres Beispiel dafür, was aus der bewaffneten Außenpolitik der USA seit 2001 geworden ist.

In Große Spiele, Lokale Riten, geht Cooley noch viel weiter, er untersucht wie das Zentralkommando der USA (CENTCOM) oftmals das Außenministerium und andere Teile der US-Regierung umgangen hat, indem es weiterhin Geld unter den zentralasiatischen Anführern und ihren omnipräsenten Geheimdiensten verteilte, obwohl es die offizielle Richtlinie der USA war, Hilfen zu kürzen. Das galt besonders, nachdem Präsident Islam Karimov von Usbekistan seinen Truppen im Jahr 2005 befohlen hatte, das Feuer auf eine Demonstration im Ferghana-Tal zu eröffnen, wobei achthundert Menschen umkamen. Die CENTCOM unterstützte weiterhin das usbekische Militär, selbst als das Außenministerium die Beziehung zu Karimov herunterfuhr. “Das Bekenntnis der Regierungen Zentralasiens zum Schutz der politischen Rechte und der Menschenrechtsnormen … sind im Namen der Terrorismusbekämpfung gevierteilt worden.“ schreibt Cooley.

Die wichtigsten Interessen der USA und der NATO sind es, in Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan Militärbasen zu bewahren, und um das zu hinzubekommen, haben sie breitflächig Korruption unter den herrschenden Eliten toleriert und sogar begünstigt. Nach Cooley waren nach 2008 enorme Bestechungsgelder nötig, um die Einwilligung der zentralasiatischen Eliten für den Bau des Northern Distribution Network (NDN) – des Straßen- und Schienensystems, das die eurasische Landmasse umspannt und Nachschübe für die Westmächte in Afghanistan befördert. Das war eine Alternative zur Route durch Pakistan. „Es scheint, dass weitere Operationen der USA in Afghanistan erfordern, dass man Zentralasiens Korruptions- und Regierungsprobleme toleriert und aktiv dazu beiträgt.“ schreibt Cooley. Jetzt, da die USA Truppen und Ausrüstung aus Afghanistan herausschaffen müssen, wird seine Abhängigkeit von der NDN noch größer, und die Staaten Zentralasiens werden zweifellos hohe Gebühren verlangen.

Seit 2003 haben die USA versucht, einen sehr viel weiter gefassten Blick auf die zentralasiatische Region zu fördern, den man die „Seidenstraßenstrategie“ nennt, und die den Bau großräumiger Infrastrukturprojekte umfasst, die dabei helfen könnten, die Region zu vereinen. Das beinhaltet eine lang erwartete Gas-Pipeline von Turkmenistan nach Pakistan durch das südliche Afghanistan, ein nationales Schienensystem für Afghanistan und die Umleitung von Elektrizität von Kigisistan nach Afghanistan und Pakistan. Aber eine solche Strategie wird man nicht lange verfolgen. Sie hängt vom Frieden mit den Taliban ab und einer nachvollziehbaren regionalen Lösung mit allen direkten Nachbarn Afghanistans – China, Iran, Tadschikistan, Uskebistan und Turkmenistan – und bezeichnend nahen Nachbarn – Indien, Russland und Saudi-Arabien. Nichts davon sieht wahrscheinlich aus.

Russland hat widersprüchliche Absichten in Zentralasien und Afghanistan. Es hat den USA dabei geholfen, Basen in Zentralasien einzurichten, aber dann hat es versucht die betreffenden Staaten zu zwingen, die Vereinbarungen über die Basen aufzukündigen. Es sagt, es hätte gern, dass die USA Afghanistan verlassen und ist steinhart gegen eine Resttruppe der NATO, die über 2014 hinaus bleibt, gleichzeitig fürchtet es die Folgen des weiterlaufenden Drogenhandels und den Einfluss der Taliban und drängt die USA schweigend, die Region nicht ganz aufzugeben. Russland schilt zentralasiatische Staaten, so wie Usbekistan, für Anbandeln mit den USA, gleichzeitig ermutigt es sie, das NDN Netzwerk aufzubauen, und andere Einrichtungen, die die USA gerne sähen. Konnte sich Zentralasien vor zwanzig Jahren noch nicht vorstellen, die Interessen Russlands zu durchkreuzen, trotzen sie ihm heute und instrumentalisieren es, zu Gunsten der USA und China.

Die Herrschaft der Diktatoren

Im Großen und Ganzen sind die Staaten Zentralasiens, bis auf das winzige Kirgisistan, Diktaturen. Seit zwanzig Jahren haben sie es nicht geschafft, die politischen und wirtschaftlichen Reformen umzusetzen, die in einigen anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion Anwendung fanden. Ihre internen Rivalitäten und der brutale Wettstreit unter ihren Anführern haben zu einem Mangel an Zusammenarbeit geführt und zu Versagen auf breitem Feld. In der eiskalten Nacht im Dezember 1991 versprachen die Anführer eine wirtschaftliche Union zu gründen, um zu überleben, doch davon ist nichts passiert. Es gibt keine Zusammenarbeit bei verzweifelt wichtigen Problemen wie Wasserverteilung, Elektrizitätsherstellung und –verteilung, oder der Kontrolle von Drogen und Terroristen aus Afghanistan.

In „Zentralasien und Afghanistan“ demonstriert Tadjbakhsh, wie jeder der zentralasiatischen Staaten eine andere Lösung für die Zukunft Afghanistans gefunden hat, wobei keiner von ihnen bereitwillig seinen Anspruch auf die Ressourcen für die Verbesserung der Region aufgibt. Sie erinnert daran, dass die Rivalitäten der Anführer durch die größeren geopolitischen Feindschaften zwischen China, Russland und den USA entstanden sind, aber das stimmt nicht ganz. Lokale Rivalitäten sind in den letzten beiden Jahrzehnten schlimmer geworden, da jedes Regime mehr und mehr korruptes, machthungriges, planloses Anführen anbot, statt eine Hoffnung auf Wandel. Der ICG-Bericht stellt fest:

Große Teile von Zentralasien sehen jedes Jahr unsicherer und instabiler aus. Korruption hat hier ihr Heim, Kriminalisierung der politischen Klasse ist verbreitet, das Sozialwesen schrumpft und die Sicherheitskräfte sind schwach.

Nun würden einige der Anführer gerne ihre Verwandtschaft in der Nachfolge sehen.

Islam Karimov von Usbekistan und Nursultan Nazarbayev von Kasachstan sind beide seit dreiundzwanzig Jahren an der Macht. Menschenrechtsorganisationen zufolge hat Karimov mit den Jahren einige zehntausende Menschen aus politischen Gründen ins Gefängnis sperren lassen, und Folter mit Methoden wie Menschen lebendig kochen sind nicht unbekannt. Turkmenistans erster Präsident, Saparmurat Niyazov, der 2006 starb, war von Visionen seiner Größe noch vor seinem Tod besessen, er sammelte geschätzte 2 Milliarden Dollar aus Gasverkäufen auf seinem persönlichen Konto an. Tadschikistans Elite bleibt an der Macht, einige Erzählungen behaupten, teilweise durch ihre Beteiligung am Drogenhandel von Afghanistan.

Die dringlichste und gefährlichste politische Krise könnte durch interne Machtkämpfe um die Nachfolgeschlacht der zwei Anführer der mächtigsten Staaten, Usbekistan und Kasachstan, entstehen. Karimov, fünfundsiebzig, und Nazarbayev, dreiundsiebzig, sind alt, krank und gebrechlich und es ist absolut nicht klar, wer sie beerbt. Karimovs mächtige, rücksichtslose und gleichzeitig glamouröse Tochter Gulnara, einundvierzig, wird als eine mögliche Nachfolgerin gehandelt, obwohl viele mächtige Usbeken gegen sie sein werden. Unzufriedenheit macht sich in Usbekistan breit, mit steigenden Nahrungsmittelpreisen, Arbeitslosigkeit, der Verschlechterung der Bildung und der medizinischen Versorgung, und verbreiteter Korruption.

In Kasachstan ist Dinara Nazarbayeva Kulibaeva, fünfundvierzig, eine von drei Präsidententöchtern, mit Timur Kulibaev verheiratet, einem millardenschweren Geschäftsmann, der jetzt der Kopf von KazEnergy ist, ein Favorit des Präsidenten und möglicher Nachfolger. Jede Schlacht zwischen den rivalisierenden Fraktionen um die Nachfolge könnte blutig enden, da staatliche Sicherheitsunternehmen und Sippen auf verschiedenen Seiten Stellung beziehen.

Die Bizarren, die Fremden, die Korrupten und die Großen sind alle erkennbar in Philip Shishkins Rastloses Tal: Revolution, Mord und Intrigen im Herzen Zentralasiens. Er schreibt primär über Usbekistan und Kirgisistan – an den gegenüberliegenden Enden der politischen Skala. Das kleine Kirgisistan besitzt eine Bevölkerung von nur 5,5 Millionen Menschen, die in den höchsten Gebirgszügen der Welt wohnen, ohne Ressourcen, außer Schafherden und dem Ertrag einer einzigen Goldmine. Sie haben hart daran gearbeitet ein demokratischer Statt zu werden – stürzten dafür zwei Präsidenten. Das Ergebnis bestand, nicht überraschend, in noch mehr Unglück und viel Durcheinander.

Shishkin, ein amerikanischer Journalist mit russischen Wurzeln, hält diese Geschehnisse in einer fernen Ecke der Welt mit einer atemlosen und poetischen Prosa fest. Unglücklicherweise ist er weder sehr an Geschichte interessiert – was für das Verständnis der Region grundlegend ist – noch am Islam, was für die Menschen in Zentralasien bedenklich ist, trotz der siebzig Jahre sowjetischem Atheismus. Dafür forscht er unerbittlich und erzählt anschließend die Geschichten von den korruptesten, und mächtigsten und auch den aufrichtigsten und bewundernswertesten Personen, die in diesen Bergen wohnen. Sein Kapitel über das Massaker von Andijan in Usbekistan im Jahr 2005 ist zum Teil faszinierend, weil er war zu der Zeit einer der wenigen westlichen Journalisten in Usbekistan, auch wenn man ihn vor der Stadt aufhielt, bis die Haufen toter Körper weggeräumt waren.

Tadjbakhsh schreibt, dass die zentralasiatischen Länder “erkennen, dass die Lage in Afghanistan immer noch sehr instabil ist, mit Perspektiven auf erneute Konflikte, deren Blut bis in ihre Region gelangen könnte, sollte es Flüchtlinge geben” – genau wie Kriegsherrentum und Drogenschmuggel.

Die Islamische Bewegung Usbekistans (IMU) und die Islamische Dschihad Union sind an Größe gewachsen und ihre Ideologie ist in den Jahren des Exils radikaler geworden. Die IMU stellte im Jahr 2000 für Kirgisistan und Tadschikistan eine große Bedrohung dar. Später schloss sie sich sowohl Al-Qaida wie den Taliban an und ihre Anführer versuchen jetzt, nach einem zwölfjährigen Aufenthalt in Pakistans Stammesgebieten, über Afghanistan wieder nach Zentralasien zu gelangen. Allein in diesem Jahr haben Spezialeinheiten der USA und der NATO in Nordafghanistan zwölf Operationen gegen IMU-Zellen ausgeführt, vier davon in der Provinz Kunduz, das an Tadschikistan angrenzt. Mindestens zwei Zellenanführer wurden gefangen genommen.

Außerdem bestehen die Ränge der IMU jetzt zum großen Teil aus türkischen Nationalitäten, von Turkmenen und Uiguren über Turkvölker und sogar türkische Migranten, die in Deutschland geboren wurden. Die IMU rekrutiert auch aus nicht-türkischen Gruppen, wie Tadschiken, Pakistanis und Kaschmiris. Teile der mächtigen pakistanischen Gruppierung Lashkar-e-Taiba sind ebenso enge Verbündete der IMU.

Die Fähigkeit der zentralasiatischen Staaten, diese extremistischen Gruppen zu bekämpfen wäre erfolgreicher, wenn sie ein gemeinsames Vorgehen bezüglich des Friedensstiftens in Afghanistan hätten, haben sie aber nicht. „Das Fehlen eines gemeinsamen Vorgehens bezüglich Afghanistan spiegelt den Mangel an Kooperation zwischen den Regionen und einer gemeinsamen Sicherheitsstrategie innerhalb [Zentralasiens],“ schreibt Tadjkabhsh. Jedes Land in Zentralasien hat eine eigene Strategie.

Stürmische Veränderungen könnten bevorstehen – sowohl intern, da die zentralasiatischen Staaten zu größeren Reformen und Demokratisierung durch Druck von unten gezwungen sind, und durch Politik, die die regionalen Großmächte verfolgen. Dass die USA die Region mehr oder weniger verlassen, während Russland eine tiefe wirtschaftliche und politische Krise erlebt, die von ihren Anführern ignoriert wird, wird China in Zentralasien und Afghanistan noch stärker machen. Was China mit all seiner Macht in der Region zu tun vermag, oder nicht, ist ein Rätsel.

Sir Halford Mackinder, der politische Theoretiker aus dem Neunzehnten Jahrhundert, sah in Zentralasien „die Achse der Weltpolitik“ und das „Kernland“, weil, wie er sagte, „es die größte natürliche Festung der Welt ist2.“ Er schätzte, dass wer auch immer Zentralasien kontrollierte, große Macht ausüben würde. Aber keine Macht hat dort die Kontrolle gewonnen, und die Schlacht um Einfluss wird ab 2014 verschiedene Richtungen nehmen. Eine der großen Gefahren für die USA und andere westliche Mächte wird es sein, weiterhin zu ignorieren und zu vernachlässigen, was dort geschieht. *

* Ein paar der Informationen für dieses Essay stammen aus meinen eigenen beiden Büchern über Zentralasien: Das Wiedererwachen Zentralasiens: Islam oder Nationalismus? (Droemer Verlag, 1994) und Heiliger Krieg am Hindukusch – Der Kampf um Macht und Glauben in Zentralasien (Yale University Press, 2002; Penguin, 2003)

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/central-asia/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

1 L’institut d’études politiques (IEP) de Paris, Institut für Politikwissenschaften

Weiterführende Literatur :

The Chinese Question in Central Asia: Domestic Order, Social Change and the Chinese Factor 
by Marlène Laruelle and Sébastien Peyrouse
Columbia University Press, 271 pp., $60.00

Great Games, Local Rules: The New Great Power Contest in Central Asia 
by Alexander Cooley
Oxford University Press, 252 pp., $29.95

Central Asia and Afghanistan: Insulation on the Silk Road, Between Eurasia and the Heart of Asia 
a report by Shahrbanou Tadjbakhsh
Peace Research Institute Oslo, 62 pp., available at www.prio.no

Restless Valley: Revolution, Murder and Intrigue in the Heart of Central Asia 
by Philip Shishkin
Yale University Press, 316 pp., $28.00

China’s Central Asian Problem 
a report by the International Crisis Group
35 pp., available at www.crisisgroup.org

2 Siehe auch: http://www.thorstenramin.net/Links/DGS-Einleitung.html

Kapitel 12: Die größte Festung der Welt

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