Was 2012 für Afghanistan bedeutet hat

BBC News,
30 Dezember 2012

Von Ahmed Rashid

Nach fast einem Jahr angespannter Beziehungen zwischen allen Hauptakteuren in Afghanistan, gab es am Ende des Jahres 2012 einen Stoß diplomatischer Aktivitäten, die wieder einmal Erwartungen auf Frieden schüren, schreibt Journalist und Autor Ahmed Rashid.

Die erneute Hoffnung konzentriert sich auf einen dramatischen Kurswechsel in Pakistans Militär und Geheimdienst (ISI), bei dem zum ersten Mal Maßnahmen umgesetzt werden, die die Taliban dazu bewegen könnten, den Dialog mit Kabul zu suchen. Der ISI hatte in diesem Jahr an die 100 Taliban Anführer und Kämpfer eingesperrt, die es wagten, mit dem Regime in Kabul, mit den Amerikanern oder der UN zu reden.

Aber bis zum Dezember hat der ISI 19 von ihnen freigelassen und versprochen, den Rest auch gehen zu lassen, einschl. der Nummer 2 der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar.

Der ISI hat nun versprochen, jeden Taliban zu drängen, den er freigelassen hat, ihre Anführer zu Gesprächen mit Kabul zu ermuntern, was im nächsten Jahr frühzeitig +zu einem Waffenstillstand führen könnte, und den USA und der NATO erlauben würde, das Land 2014 in Frieden zu verlassen und die Hoffnung, dass nicht automatisch ein Bürgerkrieg folgt.

In der zweiten Jahreshälfte fanden wichtige Treffen der Kerngruppe der Länder, die nach einer Einigung streben – den USA, Pakistan und Afghanistan – in Gastgeberstädten in der Türkei, Großbritannien und Zentralasien statt. Die Taliban trafen sich mit Afghanen der Nord-Allianz, die sich gegen sie stellt, zunächst im japanischen Kyoto im Juni, und im Dezember, dann in Paris.

Scharfe Differenzen

Trotzdem fing das Jahr armselig an. Der erhoffte Durchbruch in den Geheimgesprächen zwischen den USA, Deutschland und den Taliban fanden 2011 in Katar statt und endeten 2012 früh ergebnislos. Die erste vertrauensbildende Maßnahme, die in der Freilassung von fünf Taliban-Anführern aus dem Gefängnis auf Guantanamo durch die USA, im Austausch für die Freilassung des US-Soldaten Bowe Bergdahl durch die Taliban, scheiterte.

Im März kündigten die Taliban alle Kontakte zu den USA auf, sagten, Washington habe seine Eingangsversprechen, die Gefangenen freizulassen, gebrochen.

Derweil hatte der afghanische Präsident Hamid Karzai die Eröffnung eines Verbindungsbüros der Taliban in Katar verweigert, während Pakistan gekränkt war, weil es nicht an der Katarsache beteiligt war.

Es gab auch scharfe Differenzen in den Verwaltungen aller Akteure. Das US-Militär verweigerte Gespräche mit den Taliban und untergrub Initiativen des State Departments (Außenministerium).

Das Versagen der US-Regierung, einheitlich zu handeln und von Präsident Obama, eine durchsetzungsfähigere Rolle zu spielen, führte zum Versagen der USA eine einheitliche Strategie zu verfolgen. Das afghanische Kabinett war ähnlich uneins über Gespräche mit den Taliban und seine Minister ließen dauernd heikle Gespräche und Dokumente an die Presse durchsickern, um die Friedensbemühungen zu unterwandern.

Differenzen der Taliban

Indessen entstand eine scharfe und wichtige Debatte unter den Taliban – Hardliner rieten zum Krieg bis zum Sieg während die Moderaten die Gründe für Friedensgespräche verstanden. Mullah Mohammed Omar schien immer noch in einer mächtigen, entscheidenden Position zu sein, aber er äußerte sich nicht öffentlich zu der Debatte.

Ein Bewertung der US-Geheimdienste im Januar, sowie ein Bericht des Pentagon im Dezember, schlossen beide, dass die Taliban die Hoffnung, die Kontrolle in Afghanistan zu übernehmen, nicht aufgegeben hatten, und dass Korruption, schlechte Staatsführung und die kontinuierlich sicheren Häfen der Taliban in Pakistan zum Versagen, Afghanistan zu stabilisieren, beitrugen,

Derweil verschlechterte sich die Beziehung der Taliban zu ihrem Hauptsponsor Pakistan beträchtlich.

Die Taliban stellten im Februar schockiert fest, dass der Oberanführer und vormalige Verteidigungsminister Mullah Obaidullah Akhund an einem Herzanfall in einem pakistanischen Gefängnis gestorben war, und dass der ISI die Nachricht zurückgehalten hatte.

Der ISI hielt auch den ehrenwerten Mullah Baradar seit unbestimmter Zeit im Gefängnis fest, und jeder, der mit der Regierung Afghanistans redete, wurde ebenfalls eingesperrt. Ihren mannigfaltigen Gesprächspartnern teilten die Taliban ihre Kritik am ISI und Pakistans negativer Rolle im Friedensprozess offen mit.

Aber die Taliban waren auch gespalten. Im März verhaftete das Oberkommando der Taliban zwei Kommandeure aus den Zabul und Ghazni Provinzen wegen Disziplinlosigkeit, während in den drei Folgemonaten drei Mitglieder des Militärrats der Taliban wegen Korruption verhaftet wurden.

Hardliner-Taliban gingen zum Spaß auf Mord aus – am bekanntesten wurden der Mord in Kabul am 13. Mai, an Maulvi Arsale Rahmani, einem ehemaligen Taliban, der jetzt Mitglied im Hohen Friedensrat war, einer Institution, die sich um Frieden mit den Taliban bemüht. Agha Jan Motasim, ein ehemaliger Finanzminister und ein weiteres führendes Talibanmitglied, das zu Friedensgesprächen riet, wurde in Karachi niedergeschossen, überlebte aber und suchte mit seiner Familie Asyl in der Türkei.

Strategische Veränderung

Inzwischen erlangten die Beziehungen zwischen Pakistan, den USA und Afghanistan einen Tiefpunkt. Für sieben Monate war die strategische Straße zwischen Karachi und der afghanischen Grenze für NATO-Nachschübe gesperrt, dank der verschiedenen Streitpunkte der beiden Länder. Pakistan wurde nicht zu der NATO-Konferenz in Chicago im Mai eingeladen.

Das Militär war wütend wegen der Vorwürfe, dass afghanische Geheimdienst duldete, dass dem militanten paschtunischen Anführer aus Swat, Mullah Fazlullah, Zuflucht gewährt wurde, der eine Basis in der afghanischen Provinz von Kunar eingerichtet hatte. Fazlullah hatte, mit ungefähr 1500 Männern, tödliche Angriffe auf pakistanische Armeeaußenposten entlang der Grenze organisiert. Pakistan rächte sich, indem es afghanische Dörfer in Kunar und Nuristan beschoss.

Der erste Hinweis auf einen Durchbruch bei der Verbesserung der Beziehung kam im Juli, als Omar Daudzai, der afghanische Botschafter in Pakistan, vom ISI mitgenommen wurde, um kurzerhand Mullah Baradar in einem geheimen Unterschlupf zu treffen. Es gab kein Folgetreffen und wieder entstand ein Wortgefecht zwischen Pakistan und Afghanistan

Als die Gewalt durch pakistanische Taliban zunahm, und Pakistans wirtschaftliche, soziale und Außenpolitikprobleme sich vergrößerten, akzeptierte das Militär schließlich die Notwendigkeit eine Änderung der Strategie, die auch Pakistans Krise zu Hause zugute kommen könnte.

Im November wurden neun Talibanmitglieder aus pakistanischen Gefängnissen entlassen, dicht gefolgt von einer weiteren Gruppe von neun. In direktem Widerspruch zu vormaligen Anweisungen des ISI in dem Jahr, wurden die Taliban gezwungen einen Eid zu schwören, dass sie ihre Talibanfreunde überzeugen würden, die Aussöhnung mit Kabul zu unterstützen.

Im Dezember erleichterten die UN den Taliban zu reisen und es gab viele Vermutungen, welches Land der beste Ort für Gespräche zwischen den Taliban und Kabul sei – Saudi-Arabien, die Türkei oder Katar.

Die USA gaben 688 Millionen $ (525 Millionen €) an Militärhilfen für Pakistan frei, was seine Solvenzprobleme löste und signalisierte, dass sich die Beziehungen jetzt verbessert hatten. Das US Militär war dennoch weiterhin skeptisch, wegen Pakistans Kehrtwende in Sachen Taliban.

Entscheidendes Jahr

Es gab einen weiteren Rückschlag, als Assadullah Khalid, der Kopf des afghanischen Geheimdienstes, von einem Suizidattentäter schwer verletzt wurde. Wieder machte Hamid Karzai Pakistan verantwortlich und es bedurfte eines weiteren Gipfels in Istanbul um sicherzustellen, dass der Angriff die Zusammenarbeit der beiden Länder nicht aus der Bahn bringen würde.

Zeit ist jetzt wesentlich. Jegliche Gespräche werden Monate dauern, vielleicht Jahre, aber alle, – sogar die Taliban – würden gern einen Waffenstillstand vor 2014 sehen. Würde der erst einmal eintreten, könnte es mehr fruchtbare Gespräche zwischen den Taliban und Kabul über die Machtverteilung geben, die zu einer politischen Einigung führen könnte.

Da im April 2014 in Afghanistan Wahlen fällig sind – und Herr Karzai nicht kandidieren kann – gibt es eine echte Chance für eine neue und gestärkte Führung, die die Taliban als Verhandlungspartner akzeptieren würden.

Der neue Außenminister der USA, John Kerry, kennt die Region gut, hat eine wichtige Rolle dabei gespielt, die Gemüter in Kabul und Islamabad in den vergangenen vier Jahren zu besänftigen und hat das Vertrauen der lokalen Anführer. Es wird an ihm liegen, den afghanischen Friedensgesprächen die Bedeutung beizumessen, die einen Erfolg garantieren.

Ein großer Teil hängt davon ab, ob Pakistan Reife, Konzilianz und einen echten Wunsch nach Frieden in der Region an den Tag legt. Es muss bald einen Zeitplan aufstellen, so dass den Taliban keine andere Möglichkeit bleibt, als nach Hause zu gehen und mit Kabul einen Kompromiss zu erarbeiten. Aber am Ende werden es die Afghanen sein, die über ihre eigene Zukunft entscheiden und auf eine friedliche Lösung hinarbeiten. Das kommende Jahr ist sehr wichtig

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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