Warum Übersetzung der Überprüfung bedarf

Tim Parks

23. Oktober 2018

Ist Übersetzung ein Lehrfach oder eine Motivation? Ein Katalog, der mir von einem kleinen amerikanischen Verlag zugesandt wurde, beginnt mit der Benennung all der Übersetzer der ausländischen Titel, die das Unternehmen anbietet, lädt den Leser ein den Menschen zu danken, die die englischen Ausgaben dieser Bücher ermöglichten.

Ich gehe zum Universitätskurs Übersetzung, dessen Planüberschrift ein Zitat von Paul Auster ist: „Übersetzer sind die dunklen Helden der Literatur, die häufig vergessenen Mittel … die es uns ermöglichen zu verstehen, dass wir alle, aus allen Teilen der Welt, in einer Welt leben.“

Ich gehe zu der Übersetzungskonferenz, wo der Hauptreferent zufrieden feststellt, dass die Zeit, als ein Sprecher ein Übersetzungsbeispiel anführte, es besprach, und ihre oder seine bessere Ausgabe empfahl — „die Zeit der Übersetzungspolizei“ — zum Glück vorbei ist. Gegen Ende der selben Konferenz ist ein verehrter Pionier der Translationsstudien erfreut, dass „alles, was wir hier gehört haben, den pedantischen Fragen der Genauigkeit und dem alten Drang spottet, einige Übersetzungen als gut oder schlecht zu strukturieren.“

Wenn ein Mitglied der „Translationspolizei“ sich outet, wird es gescholten. Ich schlage die New York Times auf und finde einen bösen Brief von einigen sehr respektierten Namen in der Übersetzungsgemeinschaft. Sie fallen über Benjamin Mosers negative Besprechung von Kate Briggs jüngstem Buch über Übersetzung her, This Little Art. Moser hat Einwände gegen Briggs Bemerkung, dass „wir Übersetzungen benötigen. Die Welt, die englisch-sprachige Welt, braucht Übersetzungen. Offensichtlich und dringend braucht sie die; und wir.“ Er dachte, die Behauptung benötigte Modifizierung: Welche Übersetzung, warum? Ebenso war er nicht beeindruckt von Briggs Begeisterung für die erste Übersetzerin ins Englische von Thomas Manns Romanen,  Helen Low-Porter, deren Deutsch, da ist man sich generell einig, Defizite aufwies, die dazu führten, dass es in den englischen Versionen einen Haufen Fehler gab. Diejenigen, die den Brief an die Times schrieben, beklagen Mosers „vereinfachendes und rückgewandtes … Bestehen auf Sorgfalt.“ Übersetzung ist ein kompliziertes Thema, stellen sie fest, und Genauigkeit kein Problem, dass einfach zu lokalisieren ist.

Derweil führt mich jemand zum Übersetzer Online-Forum, wo ein gewisser Tim Gutteridge, ein britischer Übersetzer mit Sitz in Spanien, behauptet, dass Kritik an einer Übersetzung für eindeutige Fehler kaum ein Verbrechen ist — Sprachkompetenz ist die Basis des Übersetzens, oder nicht? — und wird von Kollegen gescholten, die meinen es sei „nicht ethisch“; Übersetzer benötigen Unterstützung, keine Kritik. Liest man den Gedankengang, sieht es eher so aus, als überwachten sie ihn, und nicht anders herum. Auf jeden Fall wird das Problem heute in der Übersetzungsgemeinschaft so aufmerksam wahrgenommen, dass die Herausgeber von „In Other Words“, der pro Jahr zweimaligen Veröffentlichung des British Centre for Literary Translation entschieden, den Leitartikel der bevorstehenden Januarausgabe der Ethik der Übersetzungskritik zu widmen.

All das sollte vielleicht ermutigen. Literatur in der Übersetzung war nie ein Hauptanliegen der angelsächsischen Welt. Während in einem Land wie Italien mehr als die Hälfte der veröffentlichten Belletristik übersetzt wird, ist der Marktanteil in den USA viel geringer, irgendwo bei drei Prozent. Übersetzer werden schlecht bezahlt und das, zum großen Teil, sang und klanglos. Wie ermutigend ist es da, zu sehen, dass die Befürworter der übersetzten Literatur und eine beherzte Verteidigung derjenigen, die diese Kunst betreiben, zunehmen. 2010 schrieb ich diese Worte:

Mann wird nie genau wissen, was ein Übersetzer getan hat. Er [oder sie] liest mit manischer Aufmerksamkeit für Betonung und kulturelle Bedeutung, im Bewusstsein aller Bücher, die hinter diesem einen stehen; dann machen sie [oder er] sich daran, dieses unmöglich komplexe Ding in seiner [oder ihrer] eigenen Sprache neu zu schreiben, alles neu zu erarbeiten, verändern alles um es das Gleiche bleiben zu lassen, oder so nah wie möglich mit der eigenen Erfahrung [des Übersetzers] des Originals. In jedem Satz muss die getreuste Beziehung kombiniert werden mit dem ergiebigsten Ideenreichtum. Stell dir vor, den schiefen Turm von Pisa ins Zentrum Manhattans zu schaffen und jeden davon zu überzeugen, er sei am richtigen Ort; das ist der Umfang der Aufgabe.

Ich kam trotzdem zu dem Schluss, dadurch, dass ich mir nahelegte, Literatur sei tatsächlich so wunderbar reich an Betonung und sie zu übersetzen durchweg eine  mühsame Aufgabe, dass „wir auf Nummer sicher gehen müssen, die besten Übersetzer zu bekommen.“

Kommen wir auf den Katalog zurück, der den Übersetzern der Verlage dankt. Es ist natürlich richtig, dass ein Übersetzer die englische Ausgabe eines ausländischen Romans ermöglicht. Dennoch, dank des Urhebergesetzes ist es ebenso richtig, dass eine neue Übersetzung das Erscheinen aller anderen Übersetzungen des gleichen Buches sehr lange verhindert. Hat Don Bartlett Knasgaard erst einmal übersetzt, oder Ann Goldstein Ferrante oder Lorin Stein Houellebecq, haben englische Leser jahrzehntelang keine Gelegenheit, die Version von jemand anderem zu lesen. Sollte das betreffende Buch unseren Kulturkreis betreten, unser kollektiv Unterbewusstes, wird es das, zum Guten oder Schlechten, durch die erste Übersetzung.

Selbst wenn es um Übersetzungen geht, deren Urheberschutz lange ausgelaufen ist, ihre Autoren seit siebzig Jahren und mehr tot, kann der damit verbundene Aufwand so beachtlich sein, dass nur ein Versuch mit dem Buch möglich ist. Nachdem Farad, Strauß und Giroux so großzügig waren, alle dreitausend Seiten des umständlich schwierigen philosophischen Tagebuchs des italienischen Poeten aus dem Neunzehnten Jahrhundert, Giacomo Leopardi, zu übersetzen, dem Zibaldone, ist es kaum wahrscheinlich, dass eine weitere komplette Ausgabe zu unseren Lebzeiten erscheinen wird. Jede Übersetzung ist eine Gelegenheit, die man nutzt oder auslässt. Deshalb eine Verantwortung für beide, sowohl den Verlag wie den Übersetzer.

Stell dir vor  ich lese ein Buch um es zu besprechen, etwas aus dem Italienischen, einer Sprache, die ich gut kenne, da ich nun seit nahezu vierzig Jahren in dem Land lebe. Ich vergnüge mich mit der ausgezeichneten Handlung, den Figuren, den Beschreibungen, und freue mich darauf positiv darüber zu schreiben.

Dann fällt mir etwas seltsames auf. „An diesem Punkt,“ lese ich, „war es klar, dass als sie gestand, sie überhaupt kaum darüber nachgedacht hatte.“ Ich hatte den Eindruck, dass unsere Heldin nicht gestanden hatte und dass sie nicht zu dem Leuten gehörte, die wichtige Dinge taten ohne darüber nachzudenken. Ich lade das Original auf meinen Kindle herunter und finde:

A questo punto risultava chiaro che lei a confessare non ci pensava neanche.”

Wörtlich: „An diesem Punkt wurde klar, dass sie, was das Geständnis angeht, sie nicht einmal darüber nachdachte.“ Geläufiger: „An diesem Punkt wurde klar, dass sie nicht einmal darüber nachdachte zu gestehen.“

Hier haben wir also den konventionellen Fehler, eine Umkehrung der Bedeutung. Das ist keine Kleinigkeit, keine Frage ob der Übersetzer eine schöpferische Entscheidung zu einer besonderen Lesart des Textes traf. Einfach ein Fehler. Wir alle machen sie. Es ist möglicherweise genauso der Fehler des Herausgebers wie der des Übersetzers. Und wen interessiert es soundso? Das Buch ist immer noch amüsant. Weiterhin.

Nur dass ich auf Übersetzungsprobleme aufmerksam gemacht worden bin — und vermutlich wurde ich eingeladen, das Buch zu besprechen, weil ich Italienisch kenne — mir fallen ab jetzt alle möglichen kleinen Ausrutscher und Ungenauigkeiten auf.

Ach, wie gut er mich verstanden hat.“ heißt es an einer Stelle im Englischen, „meine Aufregung der Erfahrung wurde umgehend zu Erinnerung.“

Der zweite Teil des Satzes scheint mir nicht richtig zu sein. Im Italienischen heißt es: “la mia ansia che l’esperienza diventasse subito memoria.” Was so viel heißt wie: „meine Ungeduld dass Erfahrung sofort sofort zu Erinnerung werden sollte.“ In der Klemme mit der Dehnbarkeit des “ansia” (das nicht immer einfach die gleiche Wurzel hat wie Aufregung) ist dem Übersetzer die Wirkung des Konjunktivs „diventasse“ entgangen, und somit hat er den Sinn verkehrt. Wir machen uns keinen Kopf darum, dass Erfahrung zu Erinnerung wird; vielmehr wollen wir dass es so schnell wie möglich zu Erinnerung wird. Nochmal, es ist keine Frage der kreativen Interpretation; was wir hier haben ist ein eindeutiges Verlesen. Genauso, später, wenn das italienische banco, eine Bank, verwechselt wird  mit banca, eine Bank (im Sinne eines Finanzinstituts).

So gehts weiter. Ich genieße das Buch weiterhin, das großartig ist, und das meiste davon kommt ausgezeichnet rüber, dennoch gibt es Dutzende dieser Mängel. Was soll ein Kritiker da machen? Erwähne ich zwei oder drei Fehler, wirft man mir Federfuchserei vor, ich haue mit meinem Wisse auf den Putz, vernachlässige die größere Leistung des Übersetzers. Und ich will das Buch empfehlen, es ist eine klasse Lektüre, und, trotz dieser Mängel, ein tiefsinniger Roman. Trotzdem, es wäre eine bessere Lektüre, wenn das Italienische des Übersetzers besser gewesen wäre, und das ist eine wichtige Betrachtung bei der Besprechung literarischer Übersetzungen.

Überhaupt kenne ich viele Autoren, die diese Fehler nicht gemacht hätten, und deren Englisch ähnlich flüssig und elegant ist. Natürlich sage ich in meiner Besprechung nichts über die Qualität der Übersetzung und konzentriere ich mich einfach auf das Buch, wird man mir vorwerfen, dem Ko-Autoren des Romans keinen Respekt zu zollen, wie man jetzt manchmal auf Übersetzer Bezug nimmt.

Nun nehmen wir einmal an ich umgehe dieses Problem mit irgendeiner oberflächlichen Bemerkung am Ende meiner Kritik — „eine erfolgreiche, aber uneinheitliche Übersetzung“ — nur um kurz darauf zu hören, dass die Übersetzung einen angesehenen Preis gewonnen hat. Das neue Interesse an übersetzter Literatur bringt eine Fülle neuer Übersetzungspreise mit sich: für Übersetzungen aus besonderen Sprachen oder irgendeiner Sprache, für junge Übersetzer, für weiblicher Übersetzer, für sowohl das Buch und die Übersetzung, oder nur für die Übersetzung und so fort. Nun, die Logik der Preise besteht darin, dass einige Übersetzer, oder Übersetzungen, besser sind als andere und nicht alle Fassungen gleich; was soll ich also denken, wenn diese Übersetzung — mit all ihren Makeln — gewinnt?

Hat sie trotz der Übersetzungsprobleme gewonnen, weil es ein toller Roman bleibt, in welchem Fall  der Preis eher der Verdienst des Autoren ist als der des Übersetzers? Haben die Preisrichter die Probleme, die ich fand, nicht wahrgenommen? Wie gut kennen sie Italienisch? Hatten sie die Zeit um die Bücher, die für den Preis in Frage kommen, gründlich zu lesen? Vor allem, sollte ich andienen Punkt etwas sagen, sollte ich etwas schreiben? Oder zumindest den Herausgebern eine Notiz zukommen lassen, sie sie auffordern die Fehler in einer späteren Ausgabe zu berichtigen? Beinhaltet der Gedanke, dass jemand für eine Übersetzung gelobt und gefeiert wird nicht dass man dafür auch kritisiert werden kann?

„Wir ziehen alle an einem Strang,“ bemerkte der Wegbereiter der Translationsstudien am Ende unserer Konferenz; besonders unter jungen Übersetzern gebe es eine Leidenschaft, eine „Fanatismus“, die bewundernswert und ermutigend seien.

Die Sehnsucht nach Einigkeit und Solidarität ist verständlich, und zweifellos teilen wir im Wesentlichen die Leidenschaft für literarische Übersetzung und den Wusch, dass die Gepflogenheit gedeiht. Darum investieren wir so viel Zeit in das Lernen unserer Sprachen und arbeiten an unserem Schreiben — damit unsere Übersetzungen besser werden. Das ist die Logik hinter jedem Kurs der Übersetzung lehrt: das man sich verbessern kann. Ist jemand nicht glücklich mit dem Strang, oder mit Strängen im allgemeinen, dann gebt ihnen Gehör.

Übersetzung: Thorsten Ramin

Quelle: https://www.nybooks.com/daily/2018/10/23/why-translation-deserves-scrutiny/