Warum die Sektiererei die muslimischen Gesellschaften auseinanderreißt.

Financial Times Comment A List. 23. August 2013

Von Ahmed Rashid

Das gegenwärtige Chaos in Ägypten wird viele katastrophale Ergebnisse zeitigen, aber jenes von welchem jeder Muslim befürchtet, dass es die schlimmsten Konsequenzen für die weitere arabische Welt haben wird, ist die zunehmende Verbreitung des Sektenwesens und der Intoleranz, die nun aus dem wichtigsten arabischen Staat der Welt und dem Jahrhunderte alten arabischen Bollwerk des Denkens, des Lernens und der Toleranz strömen werden.

Bereits während die Muslimbruderschaft und die Armee in Kairos Straßen weiterkämpfen, werden Ägyptens gefährdete christliche Kopten dafür verantwortlich gemacht – wegen Verbrüderung mit dem Militär oder den USA, oder eben weil sie anders sind. Zehn Prozent von Ägyptens 85 Millionen Menschen sind Christen und sie haben Dutzende ihrer Kirchen und Symbole in den vergangenen zwei Jahren niederbrennen sehen.

In Syrien, wo 8 Prozent seiner Bevölkerung von 23 Millionen Menschen Christen sind, passiert dasselbe, da den Christen die Schuld gegeben wird und sie von beiden Seiten getötet werden. Im Irak, wo tausende Menschen – hauptsächlich Schiiten – allein im Juli starben, versucht Al-Qaida ernst zu machen, indem sie alle Nicht-Muslime auslöschen und sogar die Mehrheit der Schiiten, die nicht der intoleranten Auslegung des sunnitischen Islam des Terrornetzwerks folgen.

Jenseits des Mittleren Ostens hat das Sektierertum Pakistan wie nie zuvor im Griff, da sunnitische Extremisten Christen, Schiiten, Ahmadis und seit Neuestem Ismaeliten niederschießen – die am wenigsten gewalttätige und verantwortungsbewusste Konfession hat praktisch eigenhändig Pakistans Bildungsapparat und Lehrinstitutionen aufgebaut. Pakistans 700 000 Mann starke Armee und seine schwache, zaudernde Regierung scheinen unfähig oder nicht willens zu sein, die Gewalt oder den Zusammenbruch in einen Zustand des Terrors, der durch Terroristen entfesselt wurde, zu beenden.

Die Wahrheit ist, dass kein Muslim in der Geschichte jemals in einem Staat gelebt hat, der zu 100 Prozent zu einer Konfession gehörte, oder nur einem orthodoxen sunnitischen Staat. Der Prophet Mohammed lebte unter Juden und Menschen vieler Religionen, einschließlich derer, die man damals Götzenanbeter oder Heiden nannte. Der Koran gibt spezielle und wiederholte Anweisungen, wie Muslime Nicht-Muslime behandeln sollen – indem sie sie beschützen.

Das machte den Islam willkommen in vielen Teilen der antiken Welt, wo ethnische Minderheiten unter Unterdrückung der einen oder anderen Sorte ächzten. Es war die muslimische Welt, die die Juden aufnahm, nachdem sie im 15. Jahrhundert aus dem katholischen Spanien vertrieben worden waren.

Muslimische Reiche der Vergangenheit gedeihten durch die Bewilligung für viele islamische Konfessionen und Nicht-Msulime, unter ihrem Schutz zu leben. Gescheiterte muslimische Reiche und Herrscher waren immer die, die darauf bestanden einen Staat mit einer Religion durchzusetzen. Die Lehren der Geschichte sind so gut wie vergessen, denn in dieser modernen Welt kannten die Muslime noch nie ein Ausmaß an Sektierertum, das heute muslimische Gesellschaften spaltet.

In der modernen Zeit muss die Verantwortung von allen Seiten geteilt werden, da der Extremismus die muslimische Politik auf der ganzen Welt ergriffen hat – so wie der schiitische Extremismus, der während der iranischen Revolution entstand und vielen Gesellschaften und Schiiten aufgebürdet wurde; Sunnitischer Extremismus entstand nicht einfach mit der Geburt von Al-Qaida, sondern aufgrund der früheren massiven Finanzierung des Wahabismus und andereer Formen extremistischen Denkens, durch die gerade zu Reichtum gekommenen Öl-Monarchien des Golfs.

Wäre das Geld, das Saudi-Arabien und andere Golfstaaten seit den 70-ern ausgegeben haben um zu versuchen den Wahabismus zu verbreiten, stattdessen in die Alphabetisierung jeden muslimischen Kindes geflossen, würde die muslimische Welt heute eher in Nobelpreisen wühlen, als das Zentrum des Analphabetentums und der Ignoranz zu sein. Saudi-Arabien erlaubt Christen, oder jenenen anderer Konfessionen, noch nicht einmal in ihrem Land zu beten – ein kompletter Widerspruch zu dem, was der Prophet predigte.

Das soll nicht heißen, dass es das Sektierertum nicht schon gegeben hat, bevor die frühe islamische Welt in die Mehrheit der Sunniten und der Minderheit der Schiiten gespalten wurde, aber es war immer verborgen, bis es durch politische Kräfte oder Herrscher geschürt worden war, mit dem Ziel den Staat zu beherrschen oder das religiöse Gemeinwesen. Als bestes Beispiel müssen wir uns nur die christliche Welt ansehen. Jahrhundertelange Krieg zwischen Protestanten und Katholiken – der destruktive Wunsch nach den Geboten einer Religion zu herrschen – blutete Europa aus und unterstützte die Gründung Amerikas.

Aber in der heutigen Welt ist der methodische Wahn vieler muslimischer Herrscher weniger nachvollziehbar. Als Pakistan 1947 das Licht der Welt erblickte, waren dem Gelehrten Farahnaz Ispahani zufolge 23 Prozent seiner Bevölkerung Nicht-Muslime. Jetzt beträgt die Zahl 3 Prozent. Als Pakistaner der Generation der Mitternachtskinder habe ich einer ständigen Prozession des Verschwindens der Minderheiten zugeschaut.

Zuerst wurden die englischsprachigen Inder von intoleranten Regimen und extremisten sunnitischen Gläubigen ausgewiesen, gefolgt von den Hindus und Sikh, die kurz darauf gingen. Die Christen folgten, und dann eine Fülle muslimischer Sekten, die nun alle auf der Suche nach ausländischen Papieren sind – Ismaeliten, Ahmadis, Schiiten, Bohras und indische Muslime. Die Antreiber der Sektiererei waren nicht ausschließlich Extremisten, sondern Politiker, Generale oder Bürokraten. Niemand an der Macht ist jetzt in der Lage, die Minderheiten zu verteidigen.

Ägypten wird schnell intolerant gegenüber seinen Minderheiten werden, nicht nur weil Extremisten mit einem Mal die Angelegenheit in der Hand haben, sondern weil die herrschenden Eliten es für gelegen erachten, intolerant zu sein. Intoleranz ist ein politischer Akt der Rache, der Vergeltung und der Unterwerfung. Sie hat nichts mit Religion zu tun, denn sie richtet sich gegen die Lehren des Islam.

Sollten Muslime jemals gezwungen sein, in einheitlichen Ländern mit einer Konfessionen zu leben, werden sie nicht länger wahre Muslime sein, denn der Islam erlaubt das nicht. Aber wer wird sich der wahren Religion entsinnen, wenn eine Konfession nach der anderen von den Bränden des Extremismus eliminiert wird.

Der Urheber ist Bestseller-Autor mehrerer Bücher über Afghanistan, Pakistan und Zentralasien, zuletzt “Abstieg ins Chaos”.

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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