Warum Afghanistans Anrainer Drogenzustrom befürchten

 BBC 02. Juni 2015

Von Ahmed Rashid

Die Angst besteht davor, dass mehr Drogen Afghanistan über Zentralasien verlassen.

Könnten vermehrte Kämpfe im Norden Afghanistans zu einem Anstieg der Drogenflüsse führen, die Tadschikistan und Zentralasien Richtung Russland und Europa durchqueren? Das fragen sich hohe Vertreter dort.

„Die Drogenfrage orientiert sich an Afghanistan wegen der Drogen, die wir von dort erbeuten.“ sagte mir Generalleutnant Rustam Nazarov, Chef der Drogenkontrollbehörde von Tadschikistan, in Dushanbe.

Er gab an, dass Afghanistan bereits 90% des weltweiten Opiumanbaus produziere, und dieser Zufluss zunehmen könne, wenn Afghanistans Regierung die Kontrolle über die löchrige afghanisch-tadschikische Grenze verliere, die zum großen Teil allein aus dem Pandsch-Fluss besteht.

Hunderte afghanischer und pakistanischer Taliban und Kämpfer aus Zentralasien, aus einem halben Dutzend verschiedener Gruppen, haben die Kontrolle über große Teile der nördlichen Provinzen Afghanistans übernommen, die an Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan grenzen.

„Wir sehen eine sich verschärfende militärische Lage in Afghanistan und der Drogenstrom wird zunehmen, je mehr die Kriegsherren und Extremisten die afghanische Seite der Grenze kontrollieren.“ sagte General Nazarov.

Große Teile der Finanzierung dieser bewaffneten Gruppen stammen laut General Nazarov und westlichen Diplomaten in Dushanbe aus dem Drogenhandel. Die Kampfgruppen aus Zentralasien sind die wichtigesten Schleuser für Drogen auf dem Weg nach Russland, Europa und, zunehmend, auch China.

„Alle zentralasiatischen Gruppen, wie die Islamische Bewegung Usbekistans (IMU) und Ansarullah, ebenfalls die verschiedenen Splittergruppen der Taliban und des Islamischen Staates, sind am Drogenhandel beteiligt.“ sagte General Nazarov.

Der IS ist ein verglichen neuer Spieler in der Region und hat seinen Einfluss in Afghanistan in den letzten Monaten ausgebaut. Früher lieferten die Afghanen einfach Schiffsladungen an die Grenze und übergaben sie an Gruppen aus Zentralasien, aber heute leben afghanische Vertreter der Taliban in Moskau und anderen Städten in Russland, sagen tadschikische Drogenbeauftragte, um einen Anteil an den riesigen Profiten zu bekommen, die gemacht werden, wenn die Drogen Russland und Europa erst einmal erreicht haben.

Der Heroinpreis steigt von 20,000 $ pro Kilo an der tadschikisch-afghanischen Grenze bis zu astronomischen 400,000 $ in Paris oder London. Internationale Händler werden nun in Europa aus dem Geschäft gedrängt, durch Afghanen und Zentralasiaten, die direkt mit den Nachschubquellen in Afghanistan zusammenarbeiten, sagen tadschikische Drogenbeauftragte und westliche Diplomaten in Dushanbe.

Der russische Außenminister Sergej Lavrov warnte kürzlich davor, dass „die Drogenproduktion in Afghanistan in einem erschreckenden Tempo wächst und die Einkommen nicht nur von terroristischen Gruppen im Land aufgesaugt werden, sondern auch über die Grenze hinaus.“ 2014 erbeutete die tadschikische Drogenkontrollbehörde sechs Tonnen Heroin und Opium, aber das ist immer noch ein unbedeutender Teil der 6,500 Tonnen, die in Afghanistan produziert werden.

‚Verschlechterung‘

Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) gab an, dass die Gesamtfläche für Opiumanbau in Afghanistan im Jahr 2014 um 7% anstieg, obwohl sich die Produktion auf nur neun der 34 Provinzen Afghanistans beschränkt.

General Nazarov schätzt, dass 20 -22% der afghanischen Drogen sich durch Tadschikistan und Usbekistan auf den Weg nach Europa machen. Weitere 45% gehen durch den Iran und etwa 38% durch Pakistan. Es ist unmöglich derartige Zahlen zu verifizieren – andere Drogenbehörden veröffentliche keine Schätzungen.

Die Drogenkontrollbehörde in Tadschikistan ist ein Stern unter den ausführenden Organen der Regierung, in der Korruption und Unwirtschaftlichkeit generell weit verbreitet sind. Die Behörde ist von der UNODC belobigt worden, von der OSZE, und von der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ).

General Nazarov erzählte von einer Zeit in der Sowjet-Ära in den 1970-ern, als tadschikische Grenzposten nur 10-15 Kg im Jahr festsetzten – das meist davon Marihuana. Er sagte, die Flut von Opium und Heroin ging nach dem Bürgerkrieg los und begann in den 90-ern.

Das erste Heroin an der tadschikischen Grenze wurde 1995 beschlagnahmt. Die Drogenkontrollbehörde wurde vier Jahre später gegründet. Was Vertreter in Russland und Zentralasien in Rage bringt, ist die Frage, warum NATO und US-Truppen sich nicht wirkungsvoller mit dem Drogenproblem befasst haben, nachdem sie 2001 nach Afghanistan kamen.

„Sie hatten keine Strategie zur Drogenbekämpfung und jetzt müssen wir uns um das immer größer werdende Problem kümmern.“ sagt General Nazarov. Die Drogenwelle wird mit Sicherheit gravierender. Sowohl China und Russland erleiden riesige Zunahmen von Drogenabhängigkeit im eigenen Land, das Händlern einen neuen Markt bietet und noch mehr Geld.

Es besteht weiterhin keine internationale Absprache, wie der fortschreitende Anstieg der Drogenerzeugung in Afghanistan selbst beendet werden kann. Bis das passiert, werden Afghanistans Anrainer weiterhin Angst haben.

Ahmed Rashid

Ahmed Rashid ist pakistanischer Journalist und Autor mit Sitz in Lahore

Sein letztes Buch ist Pakistan am Abgrund – Die Zukunft von Amerika, Pakistan und Afghanistan

Frühere Werke sind Abstieg ins Chaos und Taliban, Erstausgabe 2000, das zum Bestseller avancierte

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin