Warum afghanische Flüchtlinge nach Europa kommen

Financial Times 26. September 2015

Ahmed Rashid

Neben den Syrern und Irakern, die der Gewalt daheim entfliehen und nach Europa strömen, geben auch viele Afghanen ihr Land auf. Der Bürgerkrieg mit den Taliban setzt sich unvermindert fort, obwohl die letzten US-und NATO-Truppen ihren Abzug vorbereiten.

Afghanen bilden die drittgrößte Gruppe derer, die in Deutschland ankommen, nach Syrern und Irakern, erzählten mir deutsche Vertreter letzte Woche. Wenn alle Zugänge nach Europa gezählt sind, könnten Afghanen die zweithöchste Zahl jüngster Eintreffender ausmachen, gemäß einem hohen UN-Vertreter in Genf. Er sagte, viele Afghanen waren bereits seit Monaten in der Türkei, dem Iran und Griechenland am warten, zu dem Zeitpunkt als die europäischen Grenzen fielen. Der UNHCR schätzt, dass in den ersten sechs Monaten des Jahres 2015 nahezu 80 000 Afghanen in Europa Asyl beantragten, im Vergleich zu 24 000 im selben Zeitraum des letzten Jahres.

Die Tragödie der Afghanen wird durch die Tatsache verkompliziert, dass, obwohl die Internationale Gemeinschaft sich keinen neuen Plan hat einfallen lassen um den Krieg in Syrien zu beenden, es zumindest versucht wird – während Afghanistan kaum irgendwie international beachtet wird.

Stattdessen haben sich Angiffe der Taliban vermehrt, die Regierung weiß nicht weiter und nach dem Rückzug der meisten westlichen Armeen zu Beginn des Jahres befindet sich das Land mitten in einer wirtschaftlichen Rezession.

Die schlimmste Nachricht ist, laut dem UN-Vertreter, dass viele der Afghanen, die versuchen nach Deutschland zu kommen, die besten und schlausten sind: Gebildete junge Mittelklasse-Afghanen, die nach 9/11 volljährig wurden und gut bezahlten Arbeiten nachgingen, wähend die USA und die NATO im Land waren. Jetzt hat die Mehrheit ihre Arbeit verloren, sie sehen keine Chance für eine wirtschaftlcihe Wiederbelebung und darum gehen sie.

Die Deutschen befürchten zurecht einen noch größeren Exodus afghanischer Flüchtlinge, wenn die verbleibenden 12 000 US- und NATO-Soldaten sich zurückziehen. Deutsche Diplomaten verrieten mir, dass ihr Truppenkontingent, das sein Lager in der nördlichen Stadt Mazar-e-Scharif hat, noch bleiben würde, wenn die Amerikaner es ebenfalls täten. Jedoch haben Vertreter der USA derlei Nachfragen zurückgewiesen.

Viele der Afghanen, die in Europa ankommen, kommen aus Pakistan, wo es immer noch 1,5 Millionen gemeldete und 1 Million nicht gemeldete afghanische Flüchtlinge gibt – ein Rest der Bevölkerung der afghanischen Kriege in den 1980-ern und 90-ern. Pakistan weigert sich nun, diese Flüchtlinge über das Ende dieses Jahres hinaus zu beherbergen und wird sie zwingen, wieder nach Afghanistan zu gehen, wenn es der Internationalen Gemeinschaft nicht gelingt, eine Lösung zu finden. Darum verlassen viele afghanische Familien Pakistan und machen die gefahrvollen Busfahrten durch den Iran und die Türkei, um zu versuchen Europa zu erreichen.

Eine weitere starke Quelle für afghanische Flüchtlinge sind die Hasaras, die im Visier der Taliban und al-Qaida stehen, weil sie schiitisch sind. Noch ärger – einige schiitische Flüchtlinge aus den Hasaras werden im Iran angeheuert, um für Präsident Bashar al-Assad zu kämpfen, und das macht sie noch schneller zur Zielscheibe für sunnitische Extremisten in Pakistan, im Iran und in Afghanistan.

Präsident Barack Obama hat zu Afghanistan und seiner Flüchtlingskrise bisher geschwiegen, auch wenn ansässige und europäische Länder immer noch auf die Amerikaner warten, um den Krieg zu beenden und mehr wirtschaftliche Hilfe für die Regierung bereitzustellen. Der komplette amerikanische Rückzug seiner Truppen im nächsten Jahr verringert die Wahrscheinlichkeit einer afghanischen Schlichtung jedoch.

Auch wenn man in Washington wegen des Zusammenbruchs der amerikanischen Macht und seines Einflusses unter Herrn Obama viel lamentiert, bleibt es bei der Tatsache, dass die Anführung der USA weiterhin unfähig ist, Krisen wie die in Afghanistan zu bewältigen. Die afghanische Flüchtlingskrise ist das Ergebnis einer Vernetzung von mehr als drei Jahrzehnten Krieg, Invasionen, islamistischem Extremismus und einer Vielzahl von Vertreibungen von Bevölkerungen.

Dennoch sind die Taliban eher zu Friedensgesprächen bereit, als der Islamische Staat es jemals sein wird, und Afghanistan ist eher zu einer politische Einigung bereit als Syrien es für lange Zeit sein wird.

Wohin man auch schaut, die Migrantenkrise ist engstens mit den Kriegen vernetzt, die Länder in der Region plagen. Man sollte sich diese Kriege dringend noch einmal anschauen und nachdenken, wie man sie durch Diplomatie und Verhandlungen beendet. Passiert das nicht, sollten wir mit großen Teilen der Zivilbevölkerung in Syrien und Afghanistan rechnen, die ihre Heimat aufgeben.

Quelle: http://blogs.ft.com/the-exchange/2015/09/26/why-afghan-refugees-are-heading-for-europe/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin