Vorsicht vor Pakistans kleinen Atomwaffen


The Financial Times ‘A’ List, 22. O
ktober 2013

Von Ahmed Rashid.

Wenn Premierminister Nawaz Sharif am Mittwoch im Weißen Haus auf Präsident Obama stößt,wird ihre Begegnung entscheidend für den zukünftigen Kurs amerikanisch-pakistanischer Beziehungen sein. Ein Punkt ganz oben auf der Tagesordnung – neben der Zukunft Afghanistans, Pakistan selbst als sehr geschwächtem Staat und Angriffen durch Terrorgruppen – wird das Nuklearprogramm des Landes sein. Pakistans rasche Entwicklung nuklearer Waffen für das Schlachtfeld wirft in der Region und im Ausland viele Fragen auf.

Westliche Analysten schätzen, dass Pakistan zwischen 100 und 120 nukleare Waffen besitzt, weit mehr als sein Gegner Indien, von dem man glaubt, es habe 90 bis 100. Pakistan hat mehrfache Lieferkapazitäten, etwa Kurz- und Langstreckenraketen und Flugsysteme. Bald wird es auch Flottenkapazitäten haben, mit Flugkörpern, die vom Meer aus gestartet werden.

Weniger bekannt ist, dass Pakistan heute eins der am schnellsten wachsenden Kriegs- oder taktischen Nuklearwaffenprogramme auf der Welt hat, westlichen Regierungsbeamten zufolge, mit denen ich gesprochen habe. Die Amerikaner entwickelten in den 1950-ern die Fähigkeit, Kurzstreckenraketen, Artillerie und Panzergranaten mit kleinen Nuklearsprengköpfen zu bestücken – was Pakistan offensichtlich jetzt tut, und äußerst erfolgreich.

„Die wichtigste Entwicklung in den vergangenen Jahren war die Schaffung einer „bestehenden“ Nuklearwaffe für den Krieg, die Pakistan die Möglichkeit verschafft, Atomwaffen im Krieg einzusetzen.“ schreibt Christopher Clary in einem Essay über Pakistanische Atombomben, das vom amerikanischen National Bureau of Asian Research veröffentlicht wurde.

Westliche Regierungsvertreter sagen, die Gefahren solcher Waffen seinen vielfältig. Sie werden in großen Zahlen produziert, sind klein und können deshalb leichter gestohlen oder entführt werden von extremistischen Gruppen, die in Pakistan freimütig agieren; kleinere Atomwaffen machen die Entscheidung leichter, einen begrenzten Atomkrieg zu riskieren, falls Islamabad erwägt, dass es von Indiens viel größeren konventionell bewaffneten Truppen besiegt wird; und derartige Waffen können gezielt auf, sagen wir mal, einfallende indische Militärformationen gerichtet werden, wodurch der reine Atomkrieg ausgelöst würde.

Pakistan weigert sich, ein „Erstschlagabkommen“ über Nuklearwaffen ins strategische Visier zu nehmen, und darum hat jede Krise, in die die beiden Länder verwickelt waren seit sie Atommächte geworden sind, Islamabad gezwungen, eine bedrohliche und waghalsige Haltung einzunehmen um einem Totalen Krieg mit Indien aus dem Weg zu gehen, den es sicherlich verlieren würde. „Kleine Nuklearwaffen machen es für Entscheidungsträger psychologisch leichter, sie zu benutzen, eher als über einen totalen Atomkrieg.“ sagt ein westlicher Experte.

Pakistanische Regierungsvertreter führen Verschiedenes zu ihren Gunsten an. Trotz Überfällen auf Flughäfen, Militärbasen und anderer prekärer Orte, hätten Terroristen noch nie nukleares Material gestohlen, noch wären sie in der Lage gewesen, es zu erwerben – auch wenn es immer ein erstes Mal gibt.

Dann gibt es die genauso bedrohliche Haltung indischer Kräfte, die einen Schlachtplan mit dem Namen „Kalter Anfang“ entwickelt haben, der den Vorteil ihrer sehr viel größeren konventionellen Truppen nutzt, um einen schnellen Sieg über bestimmte pakistanische Truppen oder Grenzregionen zu erlangen, bevor Islamabad voll mobilisieren kann.

Die pakistanische Armee, die eine sehr lange Grenze zu Indien verteidigen muss, und nicht die Truppen oder Reserven hat um es entsprechend zu tun, befürchtet genau so eine Strategie. Indien leugnet eine Kalter Anfang-Strategie überhaupt zu haben, was Gespräche zwischen den beiden Ländern noch komplizierter macht.

Die wirkliche Sorge westlicher Länder im Augenblick, ist nicht dass zwei rationale Regierungen in den Krieg ziehen, aber dass ihnen die Stellvertreterkriege, die sie gegeneinander führen, ihnen aus der Kontrolle geraten. Terrorgruppen, die in der Vergangenheit vom pakistanischen Militär finanziert wurden und sich unter keiner Kontrolle befinden, könnten ein Kriegstrauma an der Grenze auslösen, genau wie bei den Angriffen von 2008 in Mumbai durch die Lashkar-e-Taiba, als 166 Inder getötet wurden. Andersherum stichelt Indien Pakistan, da es vermeintlich Separatisten in Belutschistan unterstützt.

In den letzten Wochen haben Ängste durch terroristische Angriffe, entweder auf indische Truppen in der umstrittenen Region Kaschmir, oder auf zivile Ziele in beiden Ländern, zu verschiedenen akuten Spannungen geführt.

Es ist immer noch schwierig, die pakistanische Armee davon zu überzeugen, dass die wirkliche Bedrohung nicht von Indien ausgeht, sondern von der Ausdehnung des islamischen Extremismus und terroristischer Gruppen auf seinem Boden. Die Armee sieht sich auch vor Fragen durch eine Öffentlichkeit gestellt, die das Atomprogramm selbst stark befürwortet, sich aber fragt, warum Pakistan so eine große Waffenkammer benötigt, wo es doch bereits eine wirksame Abschreckung gegen Indien besitzt und warum man immer noch so viel für neue Bomben ausgibt, wo die Wirtschaft in sich versinkt. Bisher bekam sie noch keine passende Antwort.

Beide, Indien und Pakistan geben einen außergewöhnlichen Geldbetrag für ihre Atomwaffenprogramme aus, die sich die ganze Zeit immer weiter ausdehnen und wachsen, zu einem sehr hohen Preis für ihre jeweiligen Völker, die zum großen Teil in Armut versinken.

Pakistans größere nukleare Waffenkammer und die Entwicklung taktischer Waffen, und Indiens riesiges Entwicklungsprogramm für Trägerraketen hat nur ein neues Wettrüsten in der Region angefacht, dass jetzt nicht nur um die Größe der Bomben geführt wird, sondern auch um Transportsysteme.

Die beiden Länder mögen sich vielleicht weder, noch vertrauen sie sich, aber ihre Nuklearwaffenprogramme sind völlig aus dem Gleichgewicht geraten, mit wirtschaftlichen und anderen Realitäten vor Ort. Wer aber soll es ihnen sagen, wenn es gegenwärtig keine internationalen oder regionalen Bemühungen gibt, die Gespräche zwischen beiden zu leiten und dieses enorm gefährliche Spiel aufzuhalten? Die Sorgen des Westens um Pakistans winzige nukleare Sprengkörper sollten in einen größeres Abkommen einfließen, das sowohl Islamabad wie Neu Delhi zu einem Abkommen drängt, das die jetzige unkontrollierbare Bombe in der Gewalt hat, zwischen zwei Ländern, die drei Mal bewiesen haben, dass sie gegeneinander in den Krieg ziehen können.

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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