Von Mumbai nach Paris

Ahmed Rashid

The New York Review of Books. November 16, 2015

Das Blutbad an Unschuldigen in Paris hat einen drastischen Wandel der Taktiken und Strategien der ISIS hervorgekehrt. Einige Zeit glaubte man, dass das vorrangige Ziel der ISIS eher darin besteht, Land einzunehmen und zu (be-)halten und ein einziges Kalifat im den aktuellen Grenzen des Mittleren Osten zu (er-)schaffen, als den Westen zu bombardieren oder aufsehenerregende Angriffe wie das Einstürzen der Zwillingstürme in New York abzuziehen. Derartige Angriffe auf den sogenannten „fernen Feind“, die darauf zielen, die kapitalistische (Welt-)Ordnung zu zerstören, waren lange Zeit die Aufgabe von al-Qaida; wogegen die viel jüngere ISIS, im Bestreben den „vertrauten“ Feind in der Levante zu besiegen, bevorzugt, ihr Kalifat jetzt zu gründen.

Aber die jüngste Reihe von ISIS-Angriffen im Mittleren Osten und nun in Europa legen nahe, dass seine Ziele und Methoden komplexer sind. Im Oktober wurde ein Bombenattentat, bei dem 102 Menschen starben, der ISIS von der Türkischen Regierung in die Schuhe geschoben. Ein paar Wochen später behauptete der Verbündete der ISIS im Sinai ein russisches Verkehrsflugzeug zum Absturz gebracht zu haben, wobei 224 Menschen starben. Am 12. November behauptete die ISIS verantwortlich für ein doppeltes Selbstmordattentat in einer vollen Einkaufsstraße in einer Hisbollah-Hochburg in Beirut zu sein, das 44 Tote hinterließ. Es gab Bombenattentate in Baghdad. Und dann kam Paris.

Tatsächlich ist keines dieser Ziele zufällig. Was sie zeigen ist, dass die ISIS nun entschlossen ist, Angriffe gegen die Staaten zu lancieren, die Krieg gegen sie führen. Die Türkei hat der Regierung der Vereinigten Staaten gerade die Erlaubnis erteilt einige ihrer Luftwaffenstützpunkte für Angriffe gegen die ISIS zu benutzen; die Hisbollah hilft Bashar al-Assad die ISIS zu bekämpfen. Die Russen bombardieren nun die ISIS und andere Gruppierungen, während die Franzosen entscheidende Partner des Anti-ISIS-Bündnisses sind. Französische Kampfflugzeuge, die die ISIS von Pisten in den Golfstaaten aus bombardieren, bekommen Nachschub, da die Französische Regierung ihren einzigen Flugzeugträger zum Golf entsendet.

Die Botschaft der ISIS ist daher klar – die Gruppierung führt einen vorsätzlich totalen Krieg gegen all die Länder, die antreten, um sie zu bekämpfen. Nochmal, dies ist kein Versuch die westliche Ordnung zu dezimieren, wie al-Qaida es versucht hat, noch ist es eine Reaktion auf die Bösartigkeiten westlicher Heiden. Es ist eine direkte Reaktion auf das, was der ISIS von den Koalitionsmächten angetan wird. Die ISIS versucht die Koalition zu schwächen und zu entzweien, in die Länder, die jetzt vielleicht etwas vorsichtiger agieren oder sich sogar aus der Koalition zurückziehen, und diejenigen, die bleiben und weiterhin im Visier der ISIS stehen. Es zeigt sich bereits, dass die Arabischen Golfstaaten – einschließlich Saudi-Arabien, das die größte Luftwaffe in der Gegend besitzt – ihren Anteil am Bombenfeldzug in Syrien radikal reduziert haben. Stattdessen haben sie sich auf ihren Krieg im Jemen konzentriert, der wirklich ein Nebenschauplatz ist, verglichen mit der Bedrohung, die der Islamische Staat darstellt, und der sie sich jetzt stellen sollten.

Die Angriffe von Paris zeigen ebenfalls, dass die ISIS einige wichtige taktische Lektionen von anderen Extremistengruppen gelernt hat. Im November 2008 landeten pakistanische Räuber, die zur Laschkar-e-Taiba (LET) gehörten, der Extremistengruppe mit Sitz in Lahore, per Boot an der Küste von Mumbai, betraten die Stadt und, entsprechend einer durchgeplanten Operation, griffen sie bekannte zivile Adressen an,– mitunter ein Café, zwei Hotels, einen Bahnhof, ein jüdisches Zentrum und eine Einkaufstraße. Insgesamt wurden 166 Menschen getötet und weitere hunderte verletzt, bevor die Sicherheitskräfte die Angreifer auslöschen konnten, vornehmlich im Fünf-Sterne-Hotel Taj Mahal, wo zweiundfünfzug Menschen starben. Die gesamte Stadt war drei Tage lang belagert – der am längsten währende Terrorangriff in der Geschichte.

LET, die in den 1980-ern und 90-ern vom pakistanischen Militär als Hilfsstreitkräfte gegen Indien ausgebildet wurde, hat terroristische Angriffe hauptsächlich gegen indisches Militär im indischen Kaschmir ausgeführt, und gegen ein paar indische Ziele anderswo, wie Indiens Botschaft in Kabul. Ihre Ideologie ertreckt sich nicht auf die Gründung eines globalen Kalifates oder einen globalen Gotteskrieg, was die Gruppe eher orthodox, konservativ und in ihren Zielen begrenzt erscheinen lässt. Das ist die Entschuldigung, die von der pakistansichen Regierung benutzt wird, die LET nicht bis auf weiters aufzulösen, auch wenn Pakistans Armeechef General Raheel Sharif, der jetzt Washington besucht, geschworen hat, alle terroristischen Gruppierungen mit Sitz in Pakistan auf die Dauer aufzulösen.

Seit 9/11 hat die LET ihren Namen mehrmals geändert und humanitäre Hilfsorganisationen und harmlose religiöse Gruppen gegründet, die alle rasch auf eine schwarze Liste von terroristischen Gruppen der Vereinten Nationen gesetzt wurden. Zuletzt folgte Pakistan der UN und verbot Medienberichte über ihre Aktivitäten, aber die neuen Organsiationen selbst wurden nicht verboten.

Die wichtigsten Neuerungen der LET in dschihadistischer Kriegsführung sind Großangriffe auf zivile Ziele und die Strategie, lieber bis zum Tod zu kämpfen als sich selbst in die Luft zu sprengen. Während Selbstmordkommandos, die von anderen Kaschmirgruppen eingesetzt wurden um die indische Armee zu bekämpfen, in den 1990-ern üblich waren, lehnt LET Suizid ab, weil er un-islamisch ist (Suizid wird im Koran besonders verurteilt). Folglich wurden Belagerungen, bei denen ausgebildte Extremisten angreifen und bis zum Tode kämpfen, üblich. Das sei, so die Gruppe, das Gütesiegel eines wahrhaften muslimischen Märtyrers.

Bestände das Risiko bei einem solchen Angriff lebendig gefasst zu werden, könnte ein Sprengstoffgürtel benutzt werden, aber hat man seinen Kühnheit erst einmal durch harten Kampf bewiesen, könnte man derartige Selbstmorde als letzte Maßnahme rechtfertigen, um nicht gefasst zu werden oder gezwungen zu sein, Informationen über deine Kameraden preiszugeben. LET-Kämpfer wurden in Belagerungstaktiken ausgebildet und solange wie möglich Geißeln für Propagandazwecke zu nehmen. Halb-automatische Kalashnikov-Gewehre, Granaten, Rauchbomben und Pistolen wurden die Waffen erster Wahl – Taktiken, die auch beim Charlie-Hebdo-Blutbad benutzt wurden, und jetzt von der ISIS.

Am Freitag in Paris bedienten sich die Strategen der ISIS einer Kombination der Taktiken, die in Mumbai angewandt wurden, mitunter Angriffe auf zivile Gegenden und eine versuchte Belagerung, sowie Selbstmordkommandos, um maximales Durcheinander zu erzeugen. In der Bataclan Konzerthalle versuchten Angreifer eine ausgedehnte Belagerung, nur beschäftigte sich die französische Polizei zu schnell mit der Geißelkrise, dass die ISIS Vorteile aus der Situation hätte ziehen konnte. Innerhalb einer Stunde war die Halle gestürmt und erfolgreich von der Polizei zurückerobert. Am Stade de France, wo ein Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland lief, weswegen der französische Präsident François Hollande anwesend war, scheinen Angreifer mit Sprengstoffgürteln vorgehabt zu haben, sich selbst unter den 80.000 Anhängern in die Luft zu sprengen, die zuschauten. Jedoch von den Wachleuten am Eintritt gehindert, jagten sie sich an den Toren selbst in die Luft, bevor sie festgenommen würden.

Ansonsten wurde viel von dem ISIS-Drehbuch für Paris – die minutiöse Planung, die Auswahl ungeschützter Ziele, die mannigfaltigen simultanen Angriffe durch verschiedene Mannschaften, um Chaosstimmung in den Straßen zu verbreiten, das geschaffene Durcheinander – durch das angeregt, was die LET in Mumbai anwandte. Bei derartigen Angriffen wird nichts dem Zufall überlassen, nichts ist außerplanmäßig.

Seit den Angriffen von Mumbai haben sich europäische Vertreter in Europa auf Angriffe wie den von Paris vorbereitet; und französische Sicherheitskräfte scheinen, trotz eines Geheimdienstversagens, gut reagiert zu haben, indem sie weitere Morde im Stadium verhinderten. Besonders britische Vertreter haben betont, dass britische Spezialeinsatztruppen umgeschult wurden, um auf derartige Angriffe besser reagieren zu können. „Seit den abgestimmten Schusswaffenangriffen in Mumbai 2008 arbeiten wir alle zusammen, um dafür zu sorgen, dass wir auf einen derartigen Angriff reagieren können.“ sagte Premierminister David Cameron im Anschluss an die Geschehnisse in Paris. „Es ist klar, dass die Bedrohung durch die ISIL (Islamischer Staat des Irak und der Levante) wächst.“

Aber trotz aller Vorbereitung, viele zivile Gegenden in Europa und im Westen sind äußerst schwer vor terroristischen Bedrohungen zu sichern. Nichts wäre effektiver um die ISIS zu bekämpfen als der erfolgreiche Abschluss des gemeinsamen Friedenplans, der nun zwischen den Großmächten und syrischen Gruppen verhandelt wird, vor allem aber zwischen Russland und den USA. Indem man die verschiedenen Länder, die in den syrischen Krieg verwickelt sind, zu einer Front vereinigt, wie es nach den Angriffen vom 11. September passierte, könnte ein solcher Plan die Bemühungen der ISIS zunichte machen, unbarmherzig die Differenzen zwischen den Großmächten und regionalen Ländern auszunutzen.

Derartige Friedenbemühungen begannen in Wien, aber sie kommen fünf Jahre zu spät. Inzwischen hat die ISIS der bereits angespannten Flüchtlingskrise in Europa eine weitere Wunde zugefügt, während die Gefahr weiterer Angriffe in Großbritannien, Deutschland und anderen Ländern, die sich an der Koalition gegen die ISIS beteiligen, größer ist denn je.

16. November 2015, 10:30 p.m.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/middle-east/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin