Unabhängigkeit des Journalismus

Von Noam Chomsky

Chomsky.info, 7. January 2017

Mark Twain sagte bekanntlich, dass „wir durch die Güte Gottes in unserem Land diese unbeschreiblich wertvollen drei Dinge besitzen: Die Freiheit der Rede, die Freiheit des Gewissens, und die Umsicht, keine von ihnen zu gebrauchen.“

In seiner unveröffentlichten Einführung in Farm der Tiere, die der „literarischen Zensur“ im freien England gewidmet war, fügte George Orwell einen Grund für diese Umsicht hinzu: Es gibt, schrieb er, ein „allgemeines stilles Abkommen, dass es keinen Sinn macht, diese ungewöhnliche Tatsache zu erwähnen.“ Das stillschweigende Übereinkommen verhängt eine „verschleierte Zensur“ basierend auf „einer Orthodoxie, einem Ideenfundus, von dem man annimmt, dass alle rechtgläubigen Leute ihn hinnehmen ohne Fragen zu stellen,“ und „jeder, der die vorherrschende Meinung in Frage stellt, wird feststellen, dass man mit überraschender Effizienz zum Schweigen gebracht wird,“ auch ohne „jegliches offizielle Verbot.“

Wir erleben die Ausübung dieser Umsicht permanent in freien Gesellschaften. Siehe die Invasion des UK im Irak, ein Lehrbuchfall von Aggression ohne glaubwürdigen Vorwand, das „größte internationale Verbrechen“ laut den Nürnberger Prozessen. Es ist legitim zu sagen, dass es ein „dummer Krieg“ war, ein „strategischer Irrtum“, sogar „der größte strategische Fehler in der jüngeren Geschichte der amerikanischen Außenpolitik“ mit Präsident Obamas Worten, die von der liberalen Kritik gerühmt wurde. Aber „es würde nicht funktionieren“ zu sagen was es war, das Verbrechen des Jahrhunderts, auch wenn man nicht derart zögern würde, hätte ein offizieller Feind ein weit geringeres Vergehen begangen.

Die vorherrschende Orthodoxie kommt mit Gestalten wie General/Präsident Ulysses S. Grant nicht gut klar, der meinte, dass es niemals einen „ruchloseren Krieg gab, als der, den die Vereinigten Staaten gegen Mexiko führten“, man übernahm den heutigen Südwesten der USA und Kalifornien, und der seinen Scham Ausdruck verlieh, nicht „den moralischen Mut zum Rückzug“ zu besitzen und stattdessen an dem Verbrechen teilzuhaben.

Sich der herrschenden Orthodoxie unterzuordnen hat Folgen. Die nicht so stillschweigende Neuigkeit ist, dass wir nur intelligente Kriege führen sollten, die keine Fehler sind, Kriege die ihren Zweck erfüllen – per Definition gerecht und rechtens, der herrschenden Orthodoxie gemäß, selbst wenn es in Wahrheit „schlimme Kriege“ sind, Kapitalverbrechen. Veranschaulichungen spotten zahlenmäßig der Erwähnung. In einigen Fällen, wie dem Verbrechen des Jahrhunderts, ist die Vorgehensweise in angesehenen Kreisen praktisch ausnahmslos. Ein weiterer vertrauter Aspekt der Anpassung an die aktuelle Orthodoxie ist die gelegentliche Verwendung einer orthodoxen Dämonisierung der offiziellen Feinde. Um ein nahezu zufälliges Beispiel zu nehmen, aus der Ausgabe der New York Times, die gerade jetzt genau vor mir liegt, da warnt ein sehr kompetenter Wirtschaftsjournalist vor dem Populismus des offiziellen Dämons Hugo Chavez, der, einst gewählt in den späten 90-ern, „weiterhin jede demokratische Institution bekämpfte, die ihm im Weg stand.“ Wenden wir uns der wirklichen Welt zu, war es die US-Regierung, mit der begeisterten Unterstützung der New York Times, die (allermindestens) den militärischen Putsch voll unterstützte, der die Chavez Regierung stürzte – kurz, bevor er durch einen Volksaufstand wieder rückgängig gemacht wurde. Chavez, was man auch immer von ihm hält, er gewann mehrfach Wahlen, die durch internationale Beobachter als frei und gerecht erklärt wurden, einschließlich der Carter-Stiftung, deren Gründer, Ex-Präsident Jimmy Carter sagte, dass „von den 92 Wahlen, die wir überwacht haben, würde ich sagen, dass der Wahlvorgang in Venezuela der beste der Welt ist.“ Und Venezuela unter Chavez rangierte regelmäßig sehr hoch in den internationalen Umfragen nach öffentlicher Unterstützung der Regierung, und nach Demokratie (Latinobarómetro Chile).

Es bestanden zweifellos demokratische Defizite in den Chavez-Jahren, wie die Unterdrückung durch den Sender RCTV, die immense Ablehnung auslöste. Ich schloss mich an, in der Meinung dass das in unserer freien Gesellschaft nicht geschehen darf. Wenn ein bekannter Fernsehsender in den USA einen militärischen Putsch unterstützt hätte, wie RCTV es tat, dann würde er nicht ein paar Jahre später verdrängt werden, weil er nicht existieren würde: Die Verantwortlichen wären im Gefängnis, wenn sie noch leben würden. Aber die Orthodoxie übersteht die bloßen Fakten mühelos.

Misslingt die Beschaffung relevanter Informationen, hat das ebenso Folgen. Vielleicht sollten Amerikaner wissen, dass die Umfragen, die von der führenden amerikanischen Umfrageagentur gemacht wurden, ergaben, dass ein Jahrzehnt nach dem Verbrechen des Jahrhunderts, die weltweite Meinung die Vereinigten Staaten als größte Bedrohung des Weltfriedens betrachtete, nahezu konkurrenzlos; der Iran mit Sicherheit nicht, der diesen Preis in amerikanischen Stellungnahmen erhält. Vielleicht hätte die Presse, anstatt die Tatsache zu verbergen, sich eher an ihre Pflicht halten sollen, die öffentliche Wahrnehmung davon zu unterrichten, zusammen mit einigen Überlegungen, was es bedeutet, welche Lektion es für die Politik ergibt. Nochmal, Versäumen von Pflichten hat Folgen.

Beispiele wie diese, die sehr zahlreich sind, sind ernst genug, aber es gibt andere, die noch viel folgenschwerer sind. Zum Beispiel der Wahlkampf von 2016 im mächtigsten Land der Weltgeschichte. Die Berichterstattung war gewaltig, und aufschlussreich. Problemen wichen die Kandidaten fast komplett aus, die Kritik ignorierte sie praktisch, im Einklang mit dem journalistischen Prinzip, dass „Objektivität“ bedeutet, sorgfältig darüber zu berichten was die Reichen tun und sagen, nicht was sie auslassen. Das Prinzip gilt, selbst wenn das Schicksal der Spezies auf dem Spiel steht – unter den gegebenen Umständen: Sowohl ds Risiko eines Atomkriegs und die fatale Bedrohung durch Umweltkatastrophen.

Das Versäumnis erreichte am 8. November einen spektakulären Höhepunkt, einem wahrlich historischen Tag. An diesem Tag gelangen Donald Trump zwei Siege. Über den weniger wichtigen wurde überschwänglich in den Medien berichtet, mit fast 3 Millionen weniger Stimmen als sein Gegner, dank der rückschreitenden Eigenschaften des amerikanischen Wahlsystems. Der weit wichtigere Sieg geschah praktisch lautlos: Trumps Sieg in Marrakesch, Marokko, wo sich ein Jahr zuvor etwa 200 Nationen trafen um dem Pariser Abkommen zu einem ernsthaften Inhalt zu verhelfen. Am 8. November stoppten die Vorgänge. Der Rest der Konferenz widmete sich vor allem der Rettung der Hoffnung, denn die USA zogen sich nicht nur aus dem Unterfangen zurück, sondern engagierten sich es zu sabotieren, durch den starken Anstieg des Gebrauchs fossiler Brennstoffe, Abbau von Regulierungen, und der Ablehnung des Versprechens, Entwicklungsländern zu helfen, sich erneuerbaren Energien zuzuwenden.

Alles das auf dem Spiel stand bei Trumps wichtigstem Sieg waren die Chancen auf organisiertes menschlichen Lebens in jeglicher Form, die wir kennen. Entsprechend war die Berichterstattung praktisch gleich null, dem gleichen Konzept der „Objektivität“ verpflichtet wie die Praxis und Dogmen der Macht es vorsehen.

Eine wahrhaft unabhängige Presse verwirft die Funkton der Unterordnung unter Macht und Autorität. Sie schlägt die Orthodoxie in den Wind, fragt was „rechtgläubige Menschen hinnehmen ohne zu fragen,“ schiebt den Schleier der stillschweigenden Zensur beiseite, macht der Öffentlichkeit die Informationen und das Meinungs- und Ideenspektrum zugänglich, die Vorraussetzungen sind für die sinnvolle Beteiligung am sozialen und politischen Leben, und darüber hinaus bietet sie Menschen eine Plattform um an der Debatte und Diskussion teilzunehmen, über die Probleme, die sie angehen. Indem sie das tut, dient sie ihrer Funktion als Fundament einer freien und demokratischen Gesellschaft.

Übersetzung: Thorsten Ramin

Quelle: https://chomsky.info/01072017/