Ãœber die Sprache

Von Stephen Fry

Ich denke es ist keine Ãœbertreibung zu sagen, und die Meisten werden zustimmen, dass einer der gravierendsten Tiefpunkte unserer einzigartigen Kultur in den letzten 100 Jahren gewiss die Massenvernichtung von 8 Millionen Juden, sowie Sinti und Roma, und Anderer, durch die Nazis war. Die „Endlösung“ des Judas-Problems in Europa, wie sie es nannten, die endgültige Lösung des Jüdischen Problems in Europa. Nun ist es enorm schwierig zu denken wie gewöhnliche Leute, und Deutsche sind genauso gewöhnliche Leute wie wir, und wenn wir das nicht glauben, dann tun wir ihnen an, was sie den Juden angetan haben, denn, wie wir erfahren werden, hieße das, ihnen eine rassistische Beurteilung zuzuschreiben, „wie die Deutschen“, und du nötigst sie ihnen auf. Ich denke, wir sind alle reif genug, um zu wissen, dass es die Menschheit war, die einer anderen Gruppe der Menschheit etwas zufügte. Und das es sehr außergewöhnlich war. Wir haben zu unserer eigenen Lebenszeit Beispiele dafür in Ruanda und Burundi gesehen, und wir sahen es woanders, wo Massaker extremer Unmenschlichkeit stattgefunden haben. Und bei jedem, bei jedem dieser genozidalen Augenblicke oder Versuche des kompletten Völkermords, wurde vorher eine Sprache wieder und wieder und wieder benutzt, um die Leute, die getötet werden sollten, im politischen Verständnis ihrer Feinde zu entmenschlichen. Mit anderen Worten, es begann in den Dreißigern des 19-ten Jahrhunderts, vielleicht ein wenig vorher, aber die Juden waren „Ratten“, waren „Ungeziefer“ und „Sünde“, waren „Affenmenschen“, menschliche Affen, „Untermenschen“, sie waren untermenschlich, sie waren Affen, sie waren „Ratten“, sie waren „Ungeziefer“, sie waren ein „Bazillus“, sie waren ein „Virus“, sie waren alles, nur keine menschlichen Wesen. Und das Gleiche passierte im Radio, als die Hutu und Tutsi nacheinander suchten. Wieder wurde das Wort „Ratten“ gebraucht, „Ungeziefer“ und „Läuse“, und „Insekten“, und wenn du damit anfängst Woche für Woche für Woche für Woche für Woche diejenigen latent zu beschmutzen und gegen sie zu opponieren, die du soundso nicht gerade leiden kannst, gewöhnst du dich permanent an den Gedanken, dass sie eigentlich gar keine Menschen sind. Dann, so scheint es, wird es möglich ihnen Dinge anzutun, die wir als absolut unmenschlich bezeichnen würden, entmenschlicht, ohne Menschlichkeit, bezeichnenderweise sind wir die einzig bekannte Art, die so etwas tut. Es ist erstaunlich und wichtig, daran zu denken, dass die Sprache uns nicht nur unsere Freiheit garantiert, den freien Austausch von Gedanken wie diesem, bei dem man alles sagen darf, und wobei man hofft, dass jeder die Würde und Richtigkeit der Debatte bemerkt, die nicht grausam und unhöflich ist, und nicht spöttisch und höhnisch, nicht widerlich, verzerrend und natürlich Gewalt schürend. Solange Gedanken frei ausgetauscht werden, können wir mehr oder weniger von einem gewissen Maß an Stabilität in unserer Gesellschaft ausgehen. Aber in dem Moment, in dem wir beginnen besondere Sprache für besondere Leute und besondere Formen der Beleidigung für besondere Gruppen von Leuten zu benutzen, können wir sehr eindeutig feststellen, und die Geschichte beweist es wieder und wieder, dass Leute dann plötzlich ganz einfach fähig sind, einfache Leute, fähig zu töten. Es gibt ein erstaunliches Buch, „Schöne Zeiten“, das kürzlich ins Englische übersetzt wurde, unter dem Titel „Those were the days„. Und es ist schrecklich zu lesen, weil es so (ordinär) einfach ist. Es besteht einfach aus Briefen, die die Wächter und Soldaten und SS-Mitglieder und Offiziere der Todeslager in Auschwitz und Treblinka zu ihren Familien nach Hause geschickt haben. Und ein typischer Brief hört sich so an: „Oh du wärst so stolz auf die Männer. Heute gab es eine Sonderaktion und ein Zug fuhr ein, von dem man uns nichts gesagt hatte. Es waren 700 Neulinge, die abgefertigt werden mussten. Ich war so stolz auf die Männer. Vor allem, weil es so anstrengend war. Und die Männer haben sich nicht ein Mal beschwert, als sie daran gingen. Sag dem kleinen Klaus, dass ich das Ergebnis seines Geschichtstests gesehen habe, und wenn er keine bessere Note bekommt, werde ich ziemlich sauer auf ihn sein. Abgesehen davon, ich schicke dir eine Flasche Pflaumenschnaps.“ Und du liest das durch und du weißt, dass „Sonderaktion“ 700 Leute bedeutete, Männer, Frauen und Kinder, die gekommen waren, um vergast, umgebracht und verbrannt zu werden. Und er schreibt nach Hause an die Seinen, es handelt sich um einen Vater, der einen leidenschaftlichen Brief an eine Mutter schreibt. Es ist so menschlich, dass es einen nachdenklich macht, wie das passiert sein kann. Und am Anfang steht die Sprache. Und darum müssen wir auf unsere Sprache achten, oder zumindest auf der Hut sein und über sie nachdenken.

Deutsch von Thorsten Ramin

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