Türkei tritt im Kampf gegen den Islamischen Staat aus dem Schatten

BBC SOUTH ASIA NEWS 1. AUGUST 2015

Von Ahmed Rashid.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan kommt am Samstag zu einem Treffen mit Premierminister Nawaz Sharif nach Pakistan, da Ankara sich als einer der Hauptakteure der Region neu aufstellt, schreibt der Autor und Journalist Ahmed Rashid.

Vor weniger als zwei Jahren war die Türkei ein wichtiger Akteur in Zentral- und Südasien.

Türkische Diplomaten vermittelten bei Friedensgesprächen zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung und zwischen Indien und Pakistan.

Die Türkei schuf eine neue regionale Kooperation in Afghanistan durch seinen Istanbul-Prozess, während man die Auflösung der fünf zentralasiatischen Republiken absicherte und dafür sorgte, dass sie nicht in die Hände von Russland fallen.

Durch sie wurden selbst interne politische Streitigkeiten in Pakistan, zwischen der Regierung und der Opposition geschlichtet. Jeder, so schien es, vertraute der Türkei.

Dann war plötzlich alles vorbei.

Die Türkei verschwand von der Weltbühne und verwickelte sich in seine eigenen vielfältigen Probleme..

Am signifikantesten für die Region war, dass Ankara nichts tat, um ausländische Kämpfer an seinen Grenzen aufzuhalten, die sich der Gruppe Islamischer Staat (IS) anschlossen, die im Irak und Syrien verheerende Schäden anrichtete und ihre Tentakeln schnell nach Afghanistan, Pakistan und Zentralasien ausbreitete.

Kämpfer des IS löschten Städte wie Kobane aus, das nah an der Grenze zur Türkei lag. Das Verschwinden der Türkei und ihr anschließende schweigsames Einverständnis, indem man es IS-Kämpfern gestattete, über ihre Grenzen zu gehen, verursachte große Fassungslosigkeit in der zentralasiatischen Region, denn dort sieht man jeden Monat zu, wie hunderte Jugendliche sich dem IS anschließen.

In Afghanistan begann praktisch eine Massenschlägerei, denn der Iran zwang junge Hazara- Schiiten für Präsident Assad zu kämpfen, während andere Mullahs Paschtunen und Tadschiken rekrutierten, um für den IS zu kämpfen.

Inzwischen übernahm China eine wichtige Rolle in der Region – mit den gleichen Zielen wie die Türkei – aber methodischer, indem man Frieden zwischen den Taliban und Kabul aushandelte und zwischen Indien und Pakistan, und schließlich Indien und Pakistan die volle Mitgliedschaft in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit verlieh.

Der Tod von 32 Menschen bei einem Bombenanschlag in Suruc sorgte in der ganzen Türkei für Kummer.

Nun endlich könnte sich die Türkei wieder regional beteiligen.

In den letzten Tagen hat sie ihre militärische Präsenz im Mittleren Osten revitalisiert, indem sie eine lang erwartete Kehrtwende gegen den IS unternahm.

Man versprach das Einsickern ausländischer Kämpfer durch die Türkei zu unterbinden, gegen IS-Zellen hart vorzugehen und versprach, im Kampf gegen den IS in der gesamten Region eine Führungsrolle einzunehmen.

Nur die Türkei hat eine Armee mit einer halben Million Soldaten, Feuerkraft und Gerät auf NATO-Niveau, und den Willen, es mit dem IS aufzunehmen und die Truppen, es zu tun.

Der IS stellt nun „eine nationale Sicherheitsbedrohung für die Tükei“ dar, erklärte ein hoher Vertreter in Ankara vor Kurzem der New York Times.

Das alles ist Musik für die Ohren der Regierungen in Süd- und Zentralasien, die auf der Suche nach einer Führungsmacht wie der Türkei sind, um einen gemeinsamen Plan gegen den IS zu entwickeln.

Die USA werden in der Region als weichende Macht betrachtet, da sie sich aus Afghanistan zurückziehen und keine Rolle mehr bei der Vermittlung eines Konfliktendes spielen, in Afghanistan oder zwischen Indien und Pakistan.

Darüber hinaus gibt es kaum Konkurrenz zwischen der Türkei, China und den USA , da alle die gleichen Ziele verfolgen.

Pakistans Sicherheitskräfte kümmern sich um die Bedrohung durch Gruppen, die dem IS zugehören.

Alle diese Regierungen sind schwer besorgt wegen des Einsickern des IS in ihre Länder. Afghanistan erlebt bereits einen heftigen Machtkampf, wobei junge Taliban ihren Anführern davonlaufen und sich dem IS anschließen.

Pakistan erlebt ein Wettrennen einiger Gruppen, sich zu Anführern der IS-Bewegung zu erklären, obwohl in Wirklichkeit der Anführer des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, keinen derartigen Führer oder eine Gruppe dazu erkoren hat.

In Zentralasien hat der IS die höchsten Reihen der Regierungen infiltriert, mit der Desertierung  von Oberst Gulmuod Khalimov zum IS, dem Kommandeur der Sondereinsatztruppen Tadschikistans.

‚Unterminieren und Provozieren‘

Auch wenn diese Länder ähnliche Bedrohungen durch den IS, al-Qaida und die Taliban erleben, gibt es keinen gemeinsamen Plan und nur ein Minimum an militärischer und geheimdienstlicher Zusammenarbeit.

Dabei könnte die Türkei, die das Vertrauen all dieser Länder genießt, eine tragende Rolle spielen.

Der Istanbul-Prozess der Türkei, der zum Ziel hat, alle Länder der Region an einen Tisch zu bringen, könnte seine Rolle erweitern um einen gemeinsamen miltärischen Plan zur Bekämpfung des IS zu entwerfen.

Das nächste Gipfeltreffen seiner Mitglieder soll im Dezember in Islamabad stattfinden.

Türkische Kriegspläne zielen auf Kämpfer in Syrien.

Der IS war mit seinen Absichten stets offener. Er wollte schon immer die Türkei in dem regionale Konflikt beteiligen, um die islamistische Regierung als pro-westlich zu denunzieren.

Der IS wollte auch die türkische Macht in der Region unterminieren und den Sitz des letzten Kaifates angreifen – der Ottomanen – die in der Türkei ein halbes Jahrtausend regierten, damit der IS sein eigenes Kalifat errichten kann.

Der IS hat Zellen in der Türkei aufgebaut, von denen eine den provokativen Selbstmordanschlag am 20. Juli ausführte, bei dem in der Grenzstadt Suruc 32 Menschen getötet und 100 verletzt wurden.

Die Türken hielten enorme Demonstrationen ab und forderten, der Staat müsse die Menschen beschützen – das führte zur türkischen Kehrtwende.

Jetzt wird die Türkei IS-Stellungen in Syrien bombadieren, und die der türkischen Kurden.

Man gestattet US-Kampfflugzeugen den Stützpunkt Incirlik im Süden der Türkei zu benutzen um IS-Ziele zu bombardieren – was die Flugzeit für amerikanische Flugzeuge erheblich verkürzt.

Die Beteiligung der Türkei könnte das Schlachtfeld gegen den IS kippen, und sicherlich könnten die Rekruten gefasst werden, die sich ihm anschließen wollen.

Aus all diesen Gründen ist die Rückkehr der Türkei zu einer Schlüsselrolle gegen den IS in der Region des Mittleren Ostens den Anführern von Afghanistan, Pakistan und Zentralasien sehr willkommen.

Sie setzen darauf, dass sie helfen kann, ihre vielen Kriege gegen den IS reibungslos zu koordinieren, um diese neueste Bedrohung schließlich zu bekämpfen und für Stabilität in der Region zu sorgen.

Ahmed Rashid ist ein pakistanischer Journalist und Autor mit Sitz in Lahore.

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin