Tod von Taliban-Anführer entfacht einen riskanten Machtkampf

Financial Times – The Exchange, 24. May 2016

Von Ahmed Rashid

Die Ermordung von Mullah Akhtar Mansour, des Talibanchefs, durch amerikanische Drohnen in einer abgelegenen Ecke in Pakistan, hat gewiss den jahrelangen Stillstand der Friedensgespräche zwischen den Taliban und der Regierung in Kabul gebrochen. Dennoch, dieses beispiellose Eingreifen der USA hat benachbarte Länder ebenso gezwungen, die Talib, al-Qaida und andere extremistische Gruppen ihre Pläne zu überdenken.

Amerikanische Drohnen trafen das Auto in der Provinz Belutschistan, in der Mansour reiste, angeblich auf dem Rückweg von einem Treffen mit Vertretern des Iran und denjenigen Talib, die nun in Pakistan leben. Es war der erste US-Schlag, da Pakistan Angriffe nie die Genehmigung für Angriffe der USA in der südwestlich gelegenen Provinz erteilt hat, die heute gleichzeitig Heimat des Taliban-Hauptquartiers und des Führungsrates ist.

Mansour wurde zum Talibananführer gewählt, im Anschluss an einen Machtkampf im vergangenen Jahr, zu dem es nach dem Tod von Mullah Mohammed Omar kam, dem Gründer der Talib. Anschließend baute er seine Stellung rücksichtslos aus, indem er die Taliban, die für Friedensgespräche mit Kabul waren, vernichtete; Sirajuddin Haqqani, Anführer der mörderischen Haqqani-Gruppe beförderte er zum stellvertretenden Chef der Taliban; und mit der Ingangsetzung einer großräumigen Offensive in diesem Jahr sind nun ein Drittel der afghanischenBezirke in der Hand der Taliban.

Als er im letzten Jahr in Quetta zum Anführer gewählt wurde, der Hauptstadt von Belutschistan,auf einer Versammlung von 5000 Talib, wurde Mansour vom pakistanischen Militär unterstützt. Diese Hilfe mag in den letzten Monaten weniger geworden sein, angesichts seiner Weigerung Gespräche mit Kabul zu beginnen, auf Drängen eines Friedenskommitees aus vier Nationen, bestehend aus Pakistan, China, Afghanistan und den USA.

Seit mehr als einem Jahr verspricht Pakistan den anderen Nationen und dem afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani, dass es die Talib zu Friedensgesprächen an den Tisch bringe. Es versagte und dem Westen und Kabul gingen die Geduld aus. Pakistan hat lang daran geglaubt, dass seine nationalen Interessen es erforderten, einigen Einfluss auf die Taliban zu bewahren; aber dieser Einfluss ist entweder abgeflaut oder absichtlich nie genutzt worden. Inzwischen sieht Herr Ghani einer komplizierten politischen Krise ins Auge, mit Kriegsherren, die erstarken und einer straken politischen Opposition, die meint er habe zu lange auf Zugeständnisse von Pakistan gewartet.

Die stagnierenden Friedensgespräche, Pakistans Weigerung sich von der Beherbergung der Haqqanis und andere Extremisten zu distanzieren, und sein Unwillen Druck auf die Taliban auszuüben indem man ihre Nachschublinien von Pakistan aus unterbricht, haben die Amerikaner erzürnt, die die meisten ihrer 10 000 Soldaten im kommenden Jahr abziehen wollen. Washington hat die festgefahrene Situation nun aufgebrochen, wodurch Herr Ghani und seine belagerte Armee einige Zeit gewinnen mögen, da die Talib sich um die Wahl eines neuen Anführers zanken und die Länder in der Region ihre Taktiken überdenken.

Dennoch hat die Tötung von Mansour dringende Probleme geschaffen, deren Ausgang unvorhersagbar ist. Es wird nahezu gewiss einen harten Machtkampf geben, und vielleicht weitere Zersplitterungen innerhalb der Talib; die Extremisten werden wahrscheinlich schwören Rache für Mansours Tod zu nehmen und den Krieg intensivieren während andere auf einem Anführer bestehen, der Gespräche mit Kabul aufnimmt. Nahezu sicher wird es mehrere Anwärter um die Führung geben.

Außerdem ist al-Qaida mal wider ein wichtiger Akteur in Afghanistan, und seine Kader werden zweifellos einen unnachgiebigen Anführer unterstützen, wie andere Gruppierungen in Pakistan und Zentralasien, die unter dem Schutz der Talib stehen.

Ebenso wird es zu eine regionalen Machtkampf kommen. Iran gewährt bereits einigen Talibangruppierungen aus dem Westen Afghanistans Zuflucht, um Pakistans Einfluss auf die Anführer der Kämpfer zu untergraben. Pakistan beschuldigt Indien den Iran zu unterstützen und eigene Beziehungen zu den Talib zu unterhalten, was Indien verneint. Russland hat laut Diplomaten in Zentralasien Gespräche mit den Talib begonnen. Eine Verschärfung der regionalen Rivalitäten erinnert an den afghanischen Bürgerkrieg in den 1990ern, der von allen Anliegern Afghanistans angefacht wurde, wobei jeder die eine oder andere Seite unterstützte.

Derweil hat Pakistan klargemacht, dass es die amerikanischen Angriffe als einen Verstoß gegen sine Souveränität betrachtet. Das Militär – das die Außen- und zunehmend die Innenpolitik beherrscht – beschuldigt die USA an der Seite Indiens zu stehen, und gegen Pakistans Interessen zu sein. Die Beziehungen erreichten einen neuen Tiefpunkt, nachdem der US-Kongress kürzlich Kredite an Pakistan für den Kauf von F-16 Kampfjets verweigerte und dafür stimmte, geschätzte 450 Millionen $ an Hilfen zu blockieren.

Inzwischen besteht kein Zweifel mehr daran, dass die USA zunehmend nervös werden, da Präsident Obamas Amtszeit sich dem Ende nähert und kein Ende der Taliban-Offensiven in Sicht ist. Das Letzte was Herr Obama will, ist gezwungen zu sein noch mehr Truppen nach Afghanistan zu entsenden, da er gerade die Welt davon zu überseugen versucht, dass Afganistan eine amerikanische Erfolgsgeschichte ist.

Das Gipfeltreffen der NATO in Warschau Anfang Juli und andere wichtige EU-Treffen im frühen Oktober werden entscheiden, welche Strategie der Westen verfolgen wird, in militärischen Begriffen und in finanziellen, um die verzweifelte wirtschaftliche Misere in Afghanistan zu verbessern.

Die Amerikaner haben das Potpourri der Probleme aufgeschüttelt – was am Ende passiert ist sowohl unvorhersagbar wie gefährlich für Afghanen, die im permanenten Kriegszustand sind – seit 1979.

Der Verfasser ist Autor mehrerer Bücher über Afghanistan, Pakistan und Zentralasien, zuletzte ‚Pakistan am Abgrund‘.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Übersetzung: Thorsten Ramin