Theo Farrells ʻNicht zu gewinnenʼ beweist, Großbritannien hatte nie eine Chance in Afghanistan

Und die Öffentlichkeit ist sogar noch weniger informiert als 2001

von Ahmed Rashid / 24. Januar 2018 / 

Prospect Magazine

Die ersten britischen Truppen, die eingeplant waren zur Luftbasis in Bagram außerhalb von Kabul zu fliegen, hätten es fast nicht geschafft. Anführer der Nordallianz (NA), die ein paar Tage zuvor die Taliban aus der Stadt vertrieben hatten, mit der Hilfe von amerikanischen Spezialkräften, verweigerten dem britischen Flugzeug die Landeerlaubnis. Ihr Anführer, Abdullah Abdullah, war aufgebracht weil London Truppen sandte ohne zunächst um Erlaubnis zu fragen. Er rief den Chef der UN-Mission in Afghanistan an, Francesc Vendrell, und teilte ihm leicht alarmiert mit, dass „die Briten einmarschieren!“ — wie sie es im 19. Jahrhundert zwei Mal getan hatten. Jack Straw, der Außenminister, erinnerte sich, dass „die Hölle losbrach.“ Am Ende beruhigte sich die Führung der NA und erlaubte den Briten zu landen.

Die ersten britischen Soldaten hatten kaum einen Hinweis auf ihre Entsendung bekommen, keinen strategischen Plan und ihnen fehlte die passende Ausrüstung. Nur zwei Monate nach 9/11 war derartige Unordnung und mangelnde Vorbereitung vielleicht nachvollziehbar. Doch Whitehall war in den folgenden Jahren wiederholt ebenso unvorbereitet. Es begann zappenduster.

Theo Farrells Buch heißt Nicht zu gewinnen, und aus gutem Grund: was in den 13 Jahren danach folgte, war eine ununterbrochene Geschichte von Fehlberechnungen, Unordnung, Überstrapazierung, schlechter Planung und politischer Lähmung. Die Briten waren gefangen zwischen edel gesinnten Versprechen an Afghanistan und Hinterzimmer-Abmachungen mit Amerika und Pakistan. Die USA schauten immer auf den Irak, der immer als die wichtigere Beute erschien. Und die Afghanen, die ein Gefühl für imperialen Pfusch haben, hatten in dem Konflikt eigene Prioritäten. Hier zu gewinnen war quasi unmöglich: Wie Farrell am Anfang des Buchs nahelegt, „im Rückblick hätte Britannien aufgeben sollen, solange sie noch konnten“ Ende 2002. Zu der Zeit als die Truppen des UK sich 2014 zurückzogen (ein paar Mitarbeiter sind immer noch dort in „beratender Funktion“), waren 453 britische Soldaten getötet worden und 2 000 verwundet, 600 erlitten „lebens-verändernde“ Verwundungen. Die geschätzten Kosten lagen bei 37 Milliarden Pfund.

Das soll nicht heißen, dass es zu Beginn nicht siegreiche Tage gab. Durch unmittelbar vorhergehende, erfolgreichen Interventionen im Kosovo und Sierra Leone war Tony Blair zunächst begeistert vom Gedanken des Nationenaufbaus. Als er das erste westliche Oberhaupt war, das in Kabul landete nachdem die Taliban im Januar 2002 gefallen waren, versprach der Premierminister den Afghanen, dass der Westen den Kurs halten würde.

Das waren nicht nur schöne Worte. Angesichts der amerikanischen Skepsis – George W. Bush hatte seinen eigenen Widerstand gegen Staatenbildung klar gemacht, und der amerikanische Nationale Sicherheitsrat veröffentlichte ein kontroverses Papier, das behauptete, Friedenserhalt sei ein „fehlgeschlagener Plan“ – setzten die Briten einen UN-Plan zur Sicherung Kabuls erfolgreich um, unter Kontrolle der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (Isaf), die vom britischen General John McKoll geleitet wurde. Obwohl Soldaten aus einigen anderen Ländern sich weigerten ihre gepanzerten Fahrzeuge zu verlassen, bestand McKoll darauf, dass diese Männer zu Fuß durch die Basare patrouillierten, wo sie von Afghanen begrüßt wurden, die ihnen Blumen, Süßigkeiten und Früchte anboten.

Dieser Erfolg war von kurzer Dauer. Als sich die UN nach friedenssichernden Soldaten für alle großen Städte und Autostrecken erkundigten, lehnte der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ab, und wies McKoll mehrfach zurecht – lehnte sogar ein Treffen mit ihm ab, als er Kabul besuchte, laut meiner Quellen.

Innerhalb von Wochen erkannte Whitehall, dass Bush den Irak im Visier hatte und keine Pläne, große Truppenstärken in Afghanistan zur Verfügung zu stellen, oder sich gar mit Staatsaufbau zu beschäftigen. Blair schwenkte um, eine Wendung, die gefährliche Folgen für die britische Außen- und Innenpolitik haben sollte. „Im Frühjahr 2002 hatte Blair die Entscheidung getroffen, ’sich eng an Amerika zu schmiegen‘ um die unilateralen Tendenzen der Bush-Adminitration bestmöglich zu moderieren.“ schreibt Farrell. „Wie ein Berater von Nr.10 (Downing Street) erklärte, ‚was wir tun wollten, war amerikanische Entscheidungen beeinflussen, um in Washington mitzuspielen.’“

Tatsächlich sollte Blair, wie hohe britische Vertreter Farrell (und mir) verzagt klar machten, dadurch, dass er nach der amerikanischen Pfeife tanzte, jeglichen Einfluss verlieren. Es war die totale Katastrophe: Großbritannien wurde zum Stadthalter der Amerikaner im Irak, während die Amerikaner kein Interesse daran hatten, britische Ratschläge zu Afghanistan ernst zu nehmen.

Wie Farrell beweist, als er die Geschichte des britischen Kriegs in Afghanistan erzählt, ist es schwierig, die Wirkung amerikanischer Entscheidungen und Prioritäten zu unterschätzen. Washington lieferte eine offenbar endlose Litanei von Verweigerungen. Genauso wie den Gedanken einer landesweiten internationalen Friedenstruppe abzulehnen, verweigerten die Amerikaner im November 2001 auch eine Kapitulation der Taliban anzuerkennen, und später lehnten sie es ab, dass der afghanische Präsident Hamid Karzai Gespräche mit den Taliban oder Iran aufnahm. Sie wollten sich auch nicht an der Vernichtung von Mohn beteiligen, was laut Britannien wesentlich für eine praktikable Drogenpolitik in dem Land war.

In den ersten vier Jahren des Krieges weigerten die USA sich tatsächlich eine professionelle afghanische Armee zu gründen, stattdessen griffen sie auf Kriegsherren zurück, um Osama bin Laden zu fangen und auf dem Land den Frieden zu wahren, was ihnen äußerst misslang. Bis 2005 waren nie mehr als 25 000 Soldaten im Land – kaum genug, um die großen Städte zu kontrollieren, geschweige denn das Land.

Schließlich, als sich die USA im Irak festgefahren hatten, übergab Washington das afghanische „Joch“ an die NATO. Aber für die meisten NATO-Länder endete es mit dem Einsatz von Truppen, die durch Dutzende von Weigerungen aufgehalten wurden, dabei ging es um alles, von der Ablehnung, ausländische Soldaten in ihren Hubschraubern zu befördern bis zu kompletten Verboten, in Kämpfe verwickelt zu werden. Bis 2005 wurden jahrelang Gelegenheiten verschwendet. Zu dieser Zeit versteckten sich die Überreste der Taliban in Pakistan und der Nationenaufbau wäre durchaus möglich gewesen.

Im Januar 2006 wandte sich alles zum Schlechten, als das UK einer amerikanischen Anfrage entsprach, eine NATO-Ausdehnung in den Süden anzuführen. Der Verteidigungsminister – bemerkenswert bereit, sich mit den USA einverstanden zu erklären, dass „Großbritannien unter seinen Möglichkeiten blieb“ – erklärte sich einverstanden die Helmand-Provinz einzunehmen, während Kanada die Verantwortung für Kandahar übernahm. Die Briten hatten keine Ahnung worauf sie sich einließen. Später in dem Jahr verkündete Verteidigungsminister John Reid, dass „wie sehr glücklich wären in drei Jahren das Land zu verlassen ohne einen Schuss abgegeben zu haben.“ Ein Papier des Verteidigungsministeriums bekannte, dass „wir von den Orten nicht viel wussten.“

Whitehall stellte für den dreijährigen Einsatz 1 Milliarde Pfund zur Verfügung, mit dem gemeinsamen Konzept des UK für Helmand, das eine wirksame, repräsentative Regierung in Afghanistan erforderlich sei, mit Sicherheitskräften, die in der Lage seien eine Umgebung zu schaffen, in der nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung möglich ist, ohne nachhaltige Sicherheitsunterstützung durch die internationale Gemeinschaft.“ Wie Farrell schreibt, war dieses Anliegen „verblüffend, angesichts des Ausmaßes der Aufgabe,“ während „der gemeinsame Plan selbst auf eine Ansammlung ernsthafter Probleme hinwies.“ Nur 3 000 Soldaten wurden ursprünglich entsandt.

Farrell erwähnt das letzte, wichtigste Element nicht: Politische Geographie. Ein amerikanischer General hatte mir vorher erzählt, dass die USA sich nicht darum gekümmert hatten Talibanaktivitäten im Süden oder hinter der Grenze in Quetta, der Hauptstadt von Pakistans Provinz Belutschistan, zu überwachen, wo die Führung der Bewegung ihren Sitz hatte. Der General versicherte mir, dass „die NATO den Preis bezahlen würde, für den militärischen Mangel an Satellitenüberwachung.“

Zunächst waren die Briten ebenso völlig blind für den Stellenwert von Helmand für den Aufstand der Taliban und wie die Provinz es mit ihrer langen Wüstengrenze ermöglichte, dass Drogen das Land verließen und Rekruten und Munition hereinströmten. 2007 verwiesen alle Geheimdienstberichte auf Pakistans Rolle bei der Gewährung von Zuflucht, Ausbildung und Nachschub.

Als die Operation Helmand begann, bezogen Soldaten Stellung in den Provinzzentren, woraufhin sie nahezu umgehend belagert wurden. Die Probleme waren vielfältig: Zu wenig Truppen, zu wenig Nachschub-Hubschrauber, zu wenig schlachterprobte afghanische Einheiten. Überfordert in einer riesigen steinigen Wüste, kämpften die Soldaten um ihr Leben in mit Sandsäcken bewehrten Gebäuden, die aussahen wie ein Fort Apache aus einem John Wayne-Film, während ihr Anführer, General David Richards zunehmend dringende Bitten um mehr Mittel an das Verteidigungsministerium sandte.

Zusätzlich mussten britische Offiziere sich mit der verzwickten Stammespolitik der Gegend rumschlagen, während Präsident Karzai darauf bestand, seine Busenfreunde und Freunde im Amt der Gouverneure und Polizeichefs beizubehalten, selbst wenn sie Drogen schmuggelten oder mit den Taliban im Bunde waren. Acht Monate später, im August 2006, zogen sich die Briten aus Musa Qala zurück, einem Distriktzentrum in dem schwer gekämpft worden war. Die Kritik der USA war vernichtend.

Sonderbarerweise sagt Farrell nicht, warum die Briten es so lange ertrugen – obwohl ihre Soldaten die Leidtragenden der von Pakistan unterstützten Talibanverstärkung und Feuerkraft waren. Als ich britische Offiziere und Diplomaten nach ihrem Schweigen befragte, sagten sie mir, man habe sie davor gewarnt Pakistan in den Medien zu kritisieren, weil der Nachschub für die Armee in Helmand über den pakistanischen Hafen Karatschi hoch nach Quetta kam. Ein wichtigerer Grund, fand ich heraus, war der Versuch des MI6, eng mit Pakistans Geheimdienst (ISI) zu arbeiten um terroristische Anschläge britischer Pakistaner und Kaschmirer auf britischem Boden zu verhindern. Die Briten saßen in der Falle und mussten schweigen.

2009, als Obama 30 000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan beorderte, einschließlich 9 000 Marines nach Helmand mit 20 mal so vielen Hubschraubern als die Briten überhaupt besaßen, hatte sich die britische öffentliche Meinung entschieden gegen den Krieg in Afghanistan gewandt. Die Öffentlichkeit war nie ganz über die Gründe für die fortgesetzte Entsendung informiert worden, weil die Regierung bezüglich ihrer Absichten weit auseinander lag. Gordon Brown – der 2007 Premierminister wurde – glaubte nie an den Konflikt. Als General Richards befehlshabender Kommandeur der Landstreitkräfte des UK wurde, war er entsetzt von der Gleichgültigkeit in Whitehall und der Weigerung der Regierung auch nur zuzugeben, dass das Land immer noch im Krieg war.

Es sind viele Bücher zu dem Thema geschrieben worden, aber Farrells erstaunliche Recherche, seine klare Sicht und bündige Schreibe werden sie wahrscheinlich alle überdauern. Es gab so viele Kämpfe an so vielen verschiedenen Schlachtfronten, dass es dem Leser leichtfallen würde, durcheinander zu kommen – aber Farrell behält immer den Überblick.

Wie ein General überblickt er das Schlachtfeld aus der Höhe, beschreibt für uns jeden Winkel: Von den politischen Debatten in Washington, Berlin, London, Camp Bastion und Kabul bis zu den Gräben, wo die Minen losgingen und den Krankenhäusern, wo die Gliedmaßen der britischen Verwundeten amputiert wurden. Farrell schreckt vor den Leiden de Krieges nicht zurück.

Später erklärt der Autor in Nicht zu gewinnen in einem kurzen Exkurs die Veränderung der Taktik der Taliban und ihren umfassenden Einsatz von Minen und selbstgebauten Sprengsätzen (IEDs), die 2008 für über die Hälfte aller Toten bei den Einsatztruppen verantwortlich waren. Das fördert die Wirkung eine Sache zu beleuchten, die in dem Buch fehlt – eine einheitlichere Übersicht der Taktiken und Politik der Taliban.

Wer bildete ihre Truppen als die Briten eintrafen, im Gegensatz zu der Zeit als sie das Land verließen? Keine Zahlen bezüglich Kämpfern werden mitgeteilt und wenig dazu, wie sich Beweggründe, Ideologie, Strategie und Kriegstaktik der Taliban in einem Jahrzehnt verändert haben. Außerdem, wie hat sich die Beurteilung der britischen Armee und Geheimdienste zu den Taliban entwickelt? Es scheint lächerlich, dass die Briten selbst jetzt, vier Jahre nach dem Rückzug, immer noch kein Interesse an den Menschen haben sollen, die sie 13 Jahre lang bekämpften.

Heute ist Helmand fast komplett in den Händen der Taliban und anderer kämpfender Gruppen. Laschkar Gah, die Hauptstadt der Provinz, ist umzingelt; die Straßen sind unpassierbar. Heroin ist immer noch die bevorzugte Währung der Taliban, und Pakistan ist immer noch ein Anlaufhafen. Trotz der Opfer von Soldaten und Zivilisten – britischer, amerikanischer und afghanischer – war der Feldzug nach Helmand wahrscheinlich der umstrittenste und niederschmetterndste, den die britische Armee in der Moderne bestritten hat. Für sehr lange Zeit wird er für die britische Armee und Historiker eine wichtige Lektion sein – vor allem weil sich die islamistische Militanz weiter ausbreitet.

Ob jemand sie beherzigt ist jedoch eine schwere Frage. Die neueste Entsendung begrenzter Zahlen an britischen, amerikanischen und anderer Spezialeinsatzkräfte in den Irak, nach Syrien, Libyen und anderswohin, werden unter größerer Geheimhaltung vorgenommen als zuvor. Die britische Öffentlichkeit ist noch schlechter informiert als sie es 2001 war

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Übersetzung: Thorsten Ramin