Taliban-Angriff auf Ausländer in einem Café in Kabul wird wahrscheinlich das Desinteresse erhöhen

Aufmerksamkeit für Afghanistan schwindet bereits. Der Tod von 21 ausländischen Zivilisten wird den Rückzug des Westens nur zusätzlich beschleunigen.


von Emma Graham-Harrison

The Guardian

19. Januar 2014

Selbsmordattentate sind ein regelmäßiges Leid in Kabul, doch der Bombenangriff auf ein Restaurant, letzten Freitag, war ein seltener Schlag gegen die enge Gemeinschaft ausländischer Zivilisten in der Stadt – und riskiert, die internationale Unterstützung für das ringende Land einzufrieren. Die Taliban-Truppe wählte ein libanesisches Café, das schon seit Jahren geöffnet ist und bei Afghanen und Ausländern beliebt, mit bewaffneten Wächtern und Stahltüren, die Sicherheitsbedingungen von Gruppierungen wie bspw. der Vereinten Nationen erfüllen und noch von vergangenen Angriffen Schrammen haben.

Einzelheiten über die 21 Opfer sickerten am Wochenende durch; das Massaker verschonte kaum eine der bunten Gruppen von Ausländern, die sich im vergangenen Jahrzehnt in Kabul versammelt haben.

Unter den Toten befinden sich ein Wissenschaftler und ein Kommentator, Finanzspezialisten, ein erfahrener Afghanistanexperte, der versuchte Friedensgespräche mit den Aufständischen für die UN auszuhandeln, ein Wachmann, ein Kinderarzt, und ein Restaurator, der Berichten zufolge niedergeschossen wurde, als er versuchte seine Kunden zu schützen. Zwei Briten wurden verletzt. Die einzigen Ausländer, die auf der Totenliste fehlten, waren Soldaten.

„Das war ein Angriff auf ausländische Zivilisten, die vor allem zum Ziel wurden, weil sie Ausländer sind – ein rarer Anlass in diesem afghanischen Krieg.“ gab das Afghanische Analysten-Netzwerk in einem Bericht über die Morde an. „Es ist unwahrscheinlich, dass ein Angriff auf ein Restaurant internationale Einsätze zum Erliegen bringen wird, aber der psychologische Effekt sollte nicht unterschätzt werden.“

„Der Druck aus den Ursprungsländern wird wahrscheinlich steigen, man wird mehr Beschränkungen fordern oder den Abzug von Personal. Aber mehr Sicherheitsbestimmungen und weniger Personal bedeuten mehr Kompromisse bei der Qualität der Hilfen und der Menschenrechtspolitik.“

Organisationen überdenken bereits ihre Sicherheitsstrategien, sagten Entwicklungshelfer in Kabul. Die Folgen sind wahrscheinlich nicht dramatisch, aber die gesamten Auswirkungen einer langsamen Reduktion an Reise- und Treffpunkten werden nahezu sicher verheerend sein.

Auch wenn ausländische Organisationen unbeholfen, kurzsichtig oder komplett dumm sein können, und manchmal mitschuldig an der Verschwendung von Millionen von Dollar an Hilfen, so sind sie doch auch ein wesentlicher Bestandteil dabei, eine unterfinanzierte und unterbesetzte Regierung flott zu halten, und den allernötigsten Ernährungs- und Gesundheitsbedürfnissen einer der verletzlichsten Bevölkerungen der Welt zu genügen.

Ausländisches Interesse an Afghanistans Not flaute bereits ab, während die Kampftruppen reduziert werden und Soldaten sich auf den Weg nach Hause machen.

Sollten ausländische Zivilisten ebenso gezwungen sein, ihre Arbeit und Anforderungen einzuschränken, wird das wahrscheinlich einen weiteren Schritt Richtung Rückzug aus Kabul bedeuten.

Zu einer Zeit, zu der die USA darüber nachdenken, ob sie überhaupt Truppen in Afghanistan zurücklassen – und kaum ein Analyst meint, dass Gelder fließen werden, wenn die Soldaten verschwinden – dann ist das vielleicht genau das, was die Taliban beabsichtigen.

Rebellenangriffe konzentrierten sich in den letzten Jahren zum großen Teil auf Botschaften und militärische Basen, wo die Sicherheitsmaßnahmen während der letzten zehn Jahre zunahmen. Sie werden jetzt von gewaltigen Schutzmauern und defensiven Maschinengewehrposten umfasst, und von für Verkehr gesperrten Straßen.

Das führte zu sogar zu ziemlich durchdachten Attacken, wie einer neulich, bei der Dienstautos, gefälschte Pässe und NATO-Uniformen die Angreifer auf die Türschwelle der CIA in Kabul führten, was jedoch mit wenig Verlusten und kaum Wiederhall in den Weltmedien beendet werden konnte.

Im Gegensatz dazu prangte der Angriff vom Freitag auf Titelblättern der ganzen Welt.

Es scheint allerdings bereits die Regeln ausländischer Organisationen in Afghanistan zu verändern, genau wie ein tödlicher Angriff von 2009, auf ein Gästehaus der UNO, umwälzende Veränderungen auf die Methoden bewirkten, mit denen sie (die UNO) und andere Organisationen arbeiteten.

Am Sonntag versammelten sich einige Dutzend Aktivisten im Zentrum Kabuls und marschierten zum Ort des Bombenattentats, um Blumen für die Toten niederzulegen, mit Schildern auf denen stand: „Wir werden gewinnen, der Terrorismus wird verlieren.“

Es ware in seltener Trauerakt in einer Stadt, die seit Jahrzehnten unter Gewalt leidet – und vielleicht ein Zeichen dafür, wie viel für manche auf dem Spiel steht.

Quelle: http://www.theguardian.com/world/2014/jan/19/taliban-attack-kabul-cafe-may-accelerate-disengagement

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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