Sonderbare Sackgasse – Arabien und Israel sehen Iran als Bedrohung.

Financial Times A List, 24. November 2013

Von Ahmed Rashid in Abu Dhabi.

Die Kulisse was so bizarr wie verblüffend schön – ein luxuriöser Sieben-Sterne-Urlaubs- und Kurort, errichtet am Rand der Wüste Rub al Chali – einer der größten Wüsten der Welt, mit Sanddünen hoch wie Berge, Falknerei ist (hier) ein antiker Sport, in Dünenbuggies flitzt du durch das drei Meilen lange Anwesen und die Meeresfrüchte kommen frisch aus den Golf-Gewässern, die nur zwei Stunden entfernt sind.

Die Sicherheitskonferenz – die jährlich von den Vereinigten Arabischen Emiraten abgehalten wird – ist eine der unumwundetsten und aufrichtigsten in der Arabischen Welt. Letzte Woche waren Chef-Vertreter aus mehr als einem Dutzend arabischer Länder eingeladen, ein schwergewichtiges Kontingent von US-Vertretern und Experten, und einige europäische Außenminister. Einen Moment lang kam man sich vor wie bei der UNO, nur dass es dort draußen keinen Sand gibt.

Die Eröffnungszeremonie zeigte, was folgen sollte. Israels Präsident Shimon Peres wandte sich per Satellit aus seinem Büro an die Anwesenden – eine außergewöhnliche Geste der UAE1. Zu einem Thema war sich Peres gewiss auf offene Ohren zu stoßen: Iran.

Zunächst bekundeten israelische und anschließend arabische Vertreter ziemlichen Zorn und Misstrauen vor einem möglichen Nuklearabkommen zwischen den USA und dem Iran – aber aus unterschiedlichen Gründen. Das Abkommen, das anschließend am Sonntag in Genf unterzeichnet wurde, führte zu vorhersagbarer Kritik seitens der Araber und der Israelis.

Die Israelis trauen den Amerikanern nicht zu, ein kompromissfähiges Abkommen auszuhandeln, das die nuklearen Vorhaben des Iran komplett beendet. Für die Israelis ist ein Abkommen, das nicht jegliche Erinnerung an nukleare Technologie aus den Gehirnen aller iranischer Wissenschaftler löscht, gar kein Abkommen. Die Amerikaner haben derlei Kritik höflich ignoriert.

Arabische Anführer haben andere Kritikpunkte – dass ein nukleares Abkommen gut und recht ist, aber nur einen Aspekt behandelt, während die Arabischen Staaten unter mehr als nur einem Schlag ins Gesicht durch iranische Aggression leiden. Da gibt es Irans langfristige Unterstützung der Hisbollah im Libanon, die jetzt als Vertretung des Iran auf der Seite des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad kämpft. Es gibt die iranische Unterstützung der Hamas, die die Palästinenser spaltet, und die Mobilisierung der schiitischen Minderheiten in den Golfstaaten und im Jemen durch den Iran, zu versuchen, die herrschenden Familien zu stürzen. Darüber hinaus gießt der Iran Öl ins Feuer der Gewalt zwischen den schiitischen und sunnitischen Religionen, sagen die Araber.

Arabischen Anführern zufolge, wird das Untergraben der Arabischen Welt durch den Iran von den Amerikanern ignoriert, die Hand in Hand mit dem Iran davonlaufen werden, und die Probleme den Arabern überlassen. Was die Araber wollen, ist ein weit umfassenderes Abkommen mit dem Iran, das sich mit all ihren Anliegen befasst. Die Sanktionen sollten nur gelockert werden, wenn die Iraner aufhören sich in die Arabische Welt einzumischen. Die amerikanische Antwort lautet: Wartet bis wir das nukleare Problem vollständig gelöst haben. Das Ergebnis war eine derbe Geißelung der US-Politik seitens der arabischen Vertreter, sie im Stich gelassen zu haben. Und wer ist der engste Verbündete des Kosmos Arabicus, dabei für die Amerikaner zu übernehmen und den Iran zu isolieren – aber natürlich Israel!

Dieses Zusammenspiel israelischer und arabischer Anführer in der Sache Iran schmerzt die Amerikaner und den Iran, aber sie können wenig dagegen tun.

Die Ängste Israels und der Arabischen Welt vor den destabilisierenden Strategien des Iran sind echt. Aber die Araber sollten dem neuen iranischen Regime eine Chance geben, um zu sehen welche politischen Veränderungen das für die Region mit sich bringt.

Ich bin überzeugt, dass der Iran keinen Kompromiss über sein Nuklearprogramm eingehen kann, ohne die Fehler seiner unproduktiven Strategien in der Arabischen Welt zu erkennen. Wenn es dem Iran ernst ist mit dem Ende der Isolierung, dann muss er in der eigenen Nachbarschaft anfangen.

Arabische Anführer bringt ihr kurzfristig wachsender Anti-Amerikanismus näher an die arabische Bevölkerung. Aber das ist kein Ersatz für neue Strategien und Reformen. Die arabischen Staaten, die vom Arabischen Frühling nur unwesentlich betroffen sind, können sich nicht ewig auf brutale Repressionen oder Geldverteilung, um die Unterstützung des Volkes zu erkaufen, verlassen, ohne ein paar substantielle politische Reformen umzusetzen. Minderheiten in der Arabischen Welt, wie die Schiiten und Christen, müssen mit Respekt und als gleichberechtigte Bürger behandelt werden.

Ihrerseits hat die Obama-Administration eine Sache klargemacht, die von den arabischen Regimen gewürdigt werden sollte: Washington hegt nicht den Wunsch, das Interesse oder Ziel eine weitere amerikanische Angriffsarmee in den Mittleren Osten zu entsenden.

Die USA sind es leid, in anderen Ländern über einen gewissen Punkt hinaus einzugreifen. Auch die Arabische Welt muss aufhören, die USA als einzigen Partner zu betrachten, der das Überleben des Regimes am Arabischen Golf garantieren kann. Die kleinsten Golfstaaten benötigen nun einen starke, klare und deutliche Politik, die für mehr Harmonie in der Nachbarschaft und interne Reformen sorgt. Darum wird das Iran-Abkommen, auf lange Sicht, von Nutzen sein.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

1Unites Arab Emirates – Vereinigte Arabische Emirate

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