Sharifs verfehlte Chance mit den Taliban Ernst zu machen

Financial Times, The ‘A’ List. 4. Februar 2014

Von Ahmed Rashid.

Gerade als Pakistaner, ausländische Diplomaten und die Welt sich für eine „Jetzt wird’s Ernst“-Rede umarmten, in der endlich —endlich — nach Monaten des Zauderns und Vertagens, Premierminister Nawaz Sharif eine Offensive gegen die mörderischen pakistanischen Taliban ankündigte, erstaunte er jeden, indem er der Rebellengruppe eine weitere Schonfrist für Gespräche anbot.

Ein paar Stunden bevor der Premierminister sich am 29. Januar an das Parlament wandte, verkündeten die Taliban stolz in Karatschi drei Milizen getötet und 11 verwundet zu haben. Vorher war im Januar Karatschis höchster Polizeibeamter bei einem sorgfältig geplanten Bombenangriff ums Leben gekommen. Große Teile der 20-Millionen Menschen Megastadt befinden sich jetzt unter Kontrolle der Taliban, deren traditioneller Wohnsitz sich 2400 Km im Norden.

Direkte Angriffe auf die Armee haben zugenommen. Am 20. September besaß ein Suizidattentäter, als Müllmann verkleidet, die Frechheit das schwer bewachte Armeehauptquartier in Rawalpindi anzugreifen, er tötete sieben Soldaten, fünf Zivilisten, und verletzte 34 Soldaten. Einen Tag zuvor waren 24 Soldaten bei einem unverfrorenen Angriff auf die Garnison in Bannu, im Nordwesten Pakistans, getötet worden.

Anderweitig hat die militante Sunnitengruppe Lashkar-e-Jhangvi, die den Taliban treu verbunden ist, hunderte von Schiiten getötet. Am 22. Januar wurden schiitische Pilger bei einem Suizidangriff bei Quetta getötet. Andere Minderheiten, wie die Christen, wurden bei Massakern durch alle Gruppen zum Zeil.

Pakistan erlebt eine Runde beispielloser, unerbittlicher Gewalt, die nicht nur den Nordwesten ergriffen hat, wo die Taliban residieren, sondern das gesamte Land.

„Militante Gruppen … operieren in ganz Pakistan praktisch straflos, weil der Gesetzesvollzug sich entweder blind stellt, oder machtlos scheint, Angriffe zu verhindern.“ sagt Human Rights Watch in seinem Jahresbericht. Der Bericht von Ende Januar besagt, die Angriffe der Taliban laufen inzwischen auf Kriegsverbrechen hinaus.

Mehr als 20 Polio-Impfer — viele von ihnen junge weibliche Schwestern — sind von den Taliban getötet worden. Bill Gates, dessen Stiftung bei der Finanzierung der Aktion hilft, Pakistan von Polio zu befreien, hat angeregt sein Programm einzustellen. „Die Gewalt in Pakistan ist böse.“ sagte er am 22 Januar in New Yrok zu Reportern.

Seit er vor sieben Monaten an die Macht kam, hat Herr Sharif mindestens drei Mal angeboten, Friedensgespräche mit den Taliban zu führen, die sie genauso oft ablehnten. Dennoch, viele Leute dachten dieses Mal werde es anders laufen.

Es gab tägliche Treffen mit einem wütenden und enttäuschten Armeechef, der ihn drängte zu handeln, jedoch genauso darauf bestand, dass die Regierung öffentliche Unterstützung mobilisiere und alle Militäraktionen übernehme. Anweisungen seiner Partei, der Pakistan Muslim League, waren erdrückend für Militäroperationen. Ausländische Würdenträger, wie Nick Clegg, der britische Vize-Außemninster, beharrten, Pakistan werde vom Extremismus bedroht.

Inzwischen waren der Rummel und die Ãœberzeugung so fortgeschritten, eine Offensive stehe bevor, dass 13000 Stammleute und ihre Familien aus Nordwaziristan, wo man sie erwartete, flohen,

Aber wieder war nichts anders. Herr Sharif wiederholte das gleiche Mantra, riet den Taliban zu Gesprächen, ernannte ein Komitee vier Loyaler darunter zwei Journalisten — um den Gesprächsprozess zu beginnen. Gleichzeitig verschwieg er Details zum Standpunkt des Staates: Die roten Markierungen, den Zeitrahmen, das Gesprächsnetzwerk oder das Mandat für das Komitee. Es war bloß ein weiteres vages Angebot für Waffenstillstand und Gespräche, würden die Taliban die Regierung nur in die Pflicht nehmen indem sie antworteten

Demgegenüber sind die Taliban nie von ihren Zielen abgewichen: Zerstörung des Staates, Schaffung eines Kalifates und die Einsetzung islamischer Gesetze.

Mehrere Dinge müssen vorliegen, bevor die Regierung die Extremisten verfolgen kann. Die mächtige Armee will, dass die Zivilisten politische Verantwortung für jegliche Offensive übernehmen und fest für den erwarteten Rückschlag der Taliban einstehen,der in Form von vermehrten Selbstmordkommandos kommen wird. Herr Sharif muss die Öffentlichkeit und die Medien auf dem Fundament eines Krieges mobilisieren und vereinen. Die Regierung muss Notlager einrichten, in Vorbereitung auf fliehender und kämpfender Stämme. Armee und Regierung müssen auf einer Seite stehen.

Herr Sharif hat nicht angedeutet, dass er bereit ist eine dieser bedeutenden Voraussetzungen zu erfüllen, was es noch zweifelhafter erscheinen lässt, ob er es mit einem Angriff oder nur Gesprächen ernst meint. Gespräche aus einer Machtposition, oder unter Drohung mit Krieg, könnten einige Taliban davon überzeugen, dass es Zeit zum Reden ist. Aber zu einer Zeit auf einen Dialog zu hoffen, zu der es dem Staat nicht gelingt, den geringsten Druck auf die Taliban auszuüben, oder sich verweigern, Bedingungen zu schaffen, die die Souveränität des Staates erhalte, riecht nach Kapitulation und Schwäche.

Pakistans wirkliche Krise handelte immer von seiner Herrschaftselite, der militärischen und der zivilen, die sich weigerte, die notwendigen Schritte zu unternehmen um ein moderner demokratischer Staat zu werden. Den Extremismus auszumerzen ist die erste Grundvoraussetzung für ökonomische und soziale Entwicklung. Bilawal Bhotto, Sohn der einstigen Premierministerin Benazir Bhutto, formulierte es lapidar auf Twitter, als er sagte, Pakistan benötigt einen Winston Churchill, keinen Zyklus von Neville Chamberlaines. Fehlende Führung und Versagen des Weitblicks bleiben die dringlichsten Seiten der heutigen Atommacht Pakistan.

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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