Russische Expansion nach Transkaukasien und Zentralasien

Die russische Expansion nach Transoxanien und in die kaukasische Region, die in der Eingliederung von mehr als fünfzig Millionen Muslimen in die Sowjetunion gipfeln sollte, begann im Fünfzehnten Jahrhundert, als die Herrscher von Moskau das tatarische Joch abstreiften.

Imam Schamyl von Dagestan (1797–1871), führte einen heldenhaften Feldzug (1834–59) gegen die Russen(siehe http://blogspot.thorstenramin.net/der-dschihad-des-imam-schamyl/) unter spiritueller Anleitung seines Schwiegervaters, einem Scheich des Naqshbandi-Sufi-Ordens. Auch wenn er am Ende besiegt und ins Exil geschickt wurde, blieb sein Andenken in Dagestan und Tschetschenien lebendig, wo es nachfolgende anti-russische und anti-sowjetische Revolten bis zum heutigen Tag befeuert.

In den 1550-ern hatte Moskau die autonomen Staaten von Kazan und Astrachan geschluckt, was ihm Kontrolle über die Wolga und die nördlichen Küsten des Kaspischen Meeres verlieh und den Weg zur Eroberung der kasachischen Steppe öffnete. Die Kasachen hatten sich aus der Konföderation türkisch-mongolischer Stämme zurückgezogen, die das Timuriden- und nachfolgende Reiche gegründet hatten, sie blieben kasak (frei umherstreifende) Herren der Steppen. Die Russen bauten eine Kette von Festungen zwischen dem Ural und dem Irtysch-Fluss. Das versetzte sie in die Lage, die gesamte Region unter russische Kontrolle zu bringen, ein Prozess, den die Beseitigung der kasachischen Khanate in den 1820-ern markierte. Dennoch, kasachische Widerstand, beseelt vom Islam, würde bis in die 1860-er andauern.

In der frühen Phase war die russische Herrschaft über muslimische Bevölkerungen äußerst rau. Der tatarische Adel einer erzwungenen Konvertierung unterworfen und aus den wichtigen Städten vertrieben. Ihr Land wurden an den russischen Adel und Klöster weitergereicht, die orthodoxe Leibeigene und Mönche darauf setzten. Die Politik war unter Katharina der Großen entspannt, die den Islam zivilisierter einschätzte als das Christentum. Muslimen wurde Religionsfreiheit garantiert, Moscheen wurden mit staatlicher Unterstützung gebaut, und Institutionen geschaffen, mit umfassender Kontrolle über die muslimische Bevölkerung. Die Situation sollte sich jedoch ändern. Auf der Krim, die Russland 1783 von den Ottomanen übernommen hatte, übernahmen Russen tatarisches Land und beschlagnahmten Waqfs (religiöse Stiftungen) zugunsten europäischer Kolonisten. Weiter östlich fielen die hauptsächlich ländlichen Völker des inneren Asien den Kolonisationsvorhaben der russischen Generale und dem Wunsch der Zaren anheim, die Handelsvorteile mit dem Iran, Indien und China, um eine Rivalität mit den Briten zu verhindern. (Siehe Das Große Spiel von Peter Hopkirk – deutsch von Thorsten Ramin) Taschkent wurde 1865 besetzt, Samarkand 1868, und Buchara wurde gezwungen, seine Tore für russische Händler zu öffnen. Im nördlichen Kaukasus bezwangen die Russen den Widerstand, der durch die Naqshbandi- und Qādirīya-Orden beflügelt wurde, sie stürzten den Islamischen Staat, den Imam Schamyl 1859 gegründet hatte. Bis 1900 war die zaristische Eroberung von Transkaukasien und Zentralasien praktisch abgeschlossen.

Fernab davon, das russische Zarenreich in Asien aufzulösen, führte die bolschewistische Revolution von 1917-18 zu dessen Konsolidierung. In ihrem Kampf gegen die eigenen konservativen religiösen Einrichtungen, schlossen sich intellektuelle Befürworter einer islamischen Reform, bekannt als Dschadidisten, der Kommunistischen Partei an. Sie hofften die russische Politik zu verändern, um den Bedürfnissen der muslimischen Bevölkerungen zu entsprechen und Variationen muslimischen Nationalismus im Verbund mit Sowjetrussland zu fördern. Die muslimischen Nationalisten wurden von Stalin und den Parteizentralisatoren ausmanövriert. Ihr führender Verfechter, Mir Said Galiev (Geboren 1880) wurde 1928 verhaftet und verschwand kurz darauf. Trotzdem ermutigte ein Sinn für gemeinsame Werte des Islam und des Kommunismus (soziale Gerechtigkeit, der Vorrang öffentlicher gegenüber privater Interessen, der Gemeinschaft gegenüber dem Individuum) sie für ihre Interessen in der Partei zu arbeiten, indem sie die Strategie der Taqiyya (Verstellung) übernahmen. Aber der offizielle Islam erlitt beträchtliche Angriffe in den 1930-ern, als Stalin seine „Zweite Revolution“ entfachte. Moscheen übergab man in die Hand der Union der Atheisten, um in Museen oder Unterhaltungsstätten umgewandelt zu werden, während zwei der fünf „Säulen“ des islamischen Glaubens, die Pilgerfahrt nach Mekka und die Einsammlung der Zakat (die religiöse Abgabe, die genutzt wird zur Erhaltung von Moscheen und um Gelder für die Bedürftigen bereitzustellen) faktisch verboten wurden. Das Verbot Arabischer Schrift, und ihre Ersetzung durch lateinische und später kyrillische Schrift, sorgten dafür, dass zukünftige sowjetische Generationen weit weniger Zugang zu den kanonischen Schriften des Islam haben würden als in der Vergangenheit.

Das Potential für politische Solidarität unter sowjetischen Muslimen wurde von einer absichtlichen Politik des Teilens und Herrschens in Angriff genommen. Zentralasiatische Staaten von heute verdanken ihre territoriale Existenz Stalin. Er antwortete auf die Bedrohng der Pan-türkischen und Pan-islamischen Nationalismen mit der Aufteilung der Gebiete des russischen Turkestan in die fünf Republiken Usbekistan, Turkmenistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan. Das wohlhabende Ferghana-Tal, das im Kern der Region liegt und schon immer eine einzelne wirtschaftliche Einheit bildete, wurde zwischen Usbeken, Tadschiken und Kirgisen aufgeteilt. Stalins Politik erforderte, dass heikle Unterschiede der Sprache,, Geschichte und Kultur zwischen diesen in erster Linie türkischen Völkern betont wurde, um die leninistischen Kriterien der Nationalität zu erfüllen, die eine gemeinsame Sprache verlangten, ein vereintes Gebiet, gemeinsames wirtschaftliches Leben und eine gemeinsame Kultur. Zu den neuen territorialen Aufteilungen kamen die Zwangsjacke der Kollektivierung und Monokultur. Unter Chrustschows Mutterlandprogramm wurden große Teile Kasachstans der Weizenproduktion übergeben, und als die hauptsächlich weidewirtschaftlichen Kasachen sich wehrten, wurden Slawen und andere Völker eingeschleppt, um die Arbeit zu erledigen. In Usbekistan wurden mehr als 60 Prozent der großen heimischen Produktion in Baumwolle verwandelt. Das diente den Interessen der herrschenden Parteieliten, von deren eigenen Mitgliedern einige in ungeheuren Betrug verwickelt wurden, der auf der systematischen Fälschung der Produktionszahlen beruhte. Es hinterließ ebenso eine verheerendes Umwelterbe, indem man alles außer Baumwolle von der Wasserzufuhr aussperrte und die Flüsse austrocknen ließ, einschließlich dem Aralsee.

Da er der Loyalität der Muslime während dem Zweiten Weltkrieg nicht vertraute, weil einige von ihnen mit den Deutschen kollaborierten, deportierte Stalin die gesamte Bevölkerung von Tschtschenien-Inguschetien und die gesamte tatarische Bevölkerung der Krim nach Zentralasien.

Auch wenn es zweifellos Vorteile gab, die sich aus der Industrialisierung und der Einführung einer nahezu universalen Alphabetisierung ergaben, führte der Rückzug der Sowjetmacht in Folge des Gotteskrieges in Afghanistan notwendigerweise zu einem Aufschwung der nicht-kommunistischen Ideologien, mitunter lokalen Nationalismen, Panturkismus und militanten Formen des Islam. Das Wiedererwachen islamischer Aktivitäten nach 1989, nach mehr als einem halben Jahrhundert der Unterdrückung, könnte zum Teil zulasten der mystischen Sufitraditionen gehen. Ursprünglich aus Zentralasien stammend, hatten sie ihre Wurzeln bewahrt. Vor allem der Naqshbandi-Sufismus konnte die offizielle Verfolgung überleben, da die Tradition der „stillen“ Rituale Treffen unter anderen Vorwänden ermöglichte.

Zusätzlich widerstanden Familiennetzwerke, die auf der Asabīya der erweiterten Verwandtschaftsgruppen gedeihten, indem sie Kontrolle über kommunistische Institutionen übernahmen. In Tschtschenien, wo Russland von 1994 bis 1996 und von 1999 bis 2002 zwei grausame Kriege führte, um die lokalen Unabhängigkeitsbewegungen zu unterdrücken, bieten der Widerstand der Sufi-Netzwerke und – gefolgschaften nach sieben Jahrzehnten sowjetischer Herrschaft eine bessere Erklärung für anti-russische Aktivitäten als der aus dem Ausland finanzierte Islamist oder „Wahhabismus“-Kämpfer, den Sprecher im Kremlin im Visier hatten.

In Zentralasien gelang es der alten kommunistischen Nomenklatur, trotz des Rückzugs von Russland und dem Kollaps der lokalen Wirtschaften, sich an die Macht zu klammern unter so-genannten demokratischen Etiketten, die die Realität der bürokratischen autoritären Herrschaft kaum verbergen.

Quelle: Historical Atlas of Islam (2004) by Malise Rithven and Azim Nanji

Übersetzung: Thorsten Ramin