Gebt Alarm

Laura Poitras spricht über Belangen der U.S.-Regierung und Hillary Clintons aberwitzigen Email-Fehlgriff

18.08.2015

von Marlow Stern

Die Oskargewinnerin und Regisseurin von „Citizenfour“ redet über Bespitzelung durch die NSA, Chelsea Manning, Obamas schreckliches Vermächtnis und mehr.

Laura Poitras war bereits alarmiert. Nach Abschluss der Filmarbeiten zu My Country, My Country, ihrer Dokumentation über das Leben im Irak unter der Besetzung durch die USA von 2006, behauptet die umjubelte Filmmacherin und Journalistin, ihr sei die höchste Bedrohungsstufe durch die Heimatschutzbehörde zugewiesen worden. Diese Bewertung führte zu einem Muster, dass sie „Kafkaeske Schikane“ nennt, durch amerikanische Grenzbewacher, die sie im Lauf der letzten sechs Jahre mehr als fünfzig Mal verhörten, durchsuchten oder festhielten. Auf der Suche nach Antworten reichte sie eine Folge von Anfragen über ihre Bewachung zwischen 2006 und 2012 nach dem Informationsfreiheitsgesetz ein. Die Anfragen stießen auf taube Ohren, darum reichte Poitras gegen Ende letzten Monats eine Klage gegen die US-Regierung ein, die die Herausgabe der Dokumente verlangt.

Man kann sich ihre Überraschung vorstellen, als sie am Freitag Nachmittag, mitten in der redaktionellen Bearbeitung eines eindrucksvolles Exposès über die Zusammenarbeit des Telekomriesen AT&T und der NSA, um Millionen Amerikaner auszuspionieren, eine Textmeldung erhielt, von keinem anderen als AT&T. „Wollen Sie Antworten?“ stand in der Nachricht. Schockiert und erstaunt dachte Poitras sich: „Ja, wir haben gerade ein paar Fragen.“

Das „wir“ auf das Poitras sich bezieht, ist ihr erlesenes Team von Mitverfassern an der Geschichte, mitunter Julia Angwin, Charlie Savage, Jeff Larson, Henrik Moltke, und James Risen—ein echtes Team journalistischer Avengers, die Ultron besiegen wollen. Und der Artikel, der mit lautem Getöse in der Sonntagsausgabe der New York Times erschien, diente als weiterer Beweis für das riesige Komplott, das die NSA zusammen mit beteiligten Unternehmen weiterhin begeht, um die Emails und Telefonate von Millionen Amerikanern auszuspionieren, ohne ihre Kenntnis.

Diese Regierungsverschwörung wurde natürlich vom Informanten Edward Snowden aufgedeckt, der Poitras erwählte – zusammen mit dem Kollegen und Intercept-Mitbegründer Glenn Greenwald – um sein Mammut-Archiv von als geheim eingestuften NSA-Dokumenten entgegenzunehmen und den zudringlichen Plan des Dienstes der Welt zu offenbaren. Darüber hinaus wurde die gesamte Snowden-Enthüllung in Echtzeit in ihrer packenden Dokumentation Citizenfour eingefangen. Für ihre Bemühungen heimste Poitras 2015 den Oskar für die beste Dokumentation ein und teilte 2014 den Pulitzerpreis für öffentliche Arbeit.

„Verflucht, weißt du, ich rufe dich gerade von einem AT&T-Telefon aus an, – das ist verflixt komisch.“ verrät Poitras mir.

Und im Lauf unseres eingehenden Gesprächs berührten wir alle Themen, NSA und Spionage, auch Obamas schlechten Umgang mit der Presse, Hillary Clintons aberwitzigen Email-Skandal, und Citizenfour, der am 25. August auf Blu-Ray und DVD erscheint.

Reden wir über deine bombenmäßige AT&T/NSA-Geschichte in der Times. Da sie aus den Snowden-Unterlagen stammt, wie lange hat sie gereift?

Mit dieser Geschichte bin ich vor einer ganzen Weile an die Times herangetreten, und das Lob gebührt den Berichterstattern von ProPublica und der Times, genau wie Henrik Moltke, mit dem ich zusammenarbeitete. Die Geschichte ist in etwa sechs Monaten zusammengestellt worden, aber es ist eine Geschichte von der mir klar war, dass sie eine Vorgeschichte haben muss. Es geht um Special Source Operations, oder das Verhältnis der NSA zu ihren Partnern, und diese Partner beinhalten AT&T, Zweit- und Drittpartner.

[Die NSA ist] sehr vorsichtig im Umgang mit der Sprache diese Partner nicht zu nennen, darum muss man tief graben. Alles wird in Codenamen festgehalten und man muss schauen, welche offenen Quellen die Berichterstattung nutzen kann, um die Dokumente zuzuordnen. ProPublica hat bei der Recherche der Beziehungen zwischen AT&T und der UN viel geleistet. Die UN bezahlen AT&T.

Bei welchem Telekom-Dienst sollen sich die Amerikaner dann anmelden?

[Lacht] Unglücklicherweise habe ich darauf keine Antwort. Ich habe auch an dem Artikel über PRISM mitgearbeitet, aber die Internetfirmen haben viel mehr getan, um die NSA zurückzuschlagen als die Telekomfirmen, und AT&T ist wahrscheinlich die schlimmste – sie haben sich nicht so gewehrt wie die anderen.

Was denken Sie, haben die drei großen Technologiefirmen – Google, Apple und Facebook – gegen die Überwachung durch die NSA getan?

Ich glaube, sie haben ihre Stellungen ganz gut gehalten. Sie waren genauso schockiert zu erfahren, was die NSA tat, wie von der Menge an Daten, die gesammelt wurden, und deshalb versuchten sie Verschlüsselungen zu implementieren – was sie bereits vorher hätten tun sollen, nun aber haben sie festgestellt, wie wichtig es ist. Ich unterstütze diese Bemühungen. Haben Sie je von einem Programm namens Signal oder Open Whisper Sytem gehört? Es ist das einfachste von allem. Ein freies Softwareprogramm für das iPhone, auf das man es herunterlädt, und dann werden Textnachrichten und Anrufe verschlüsselt. Das sollte jeder haben, und es wird mehr davon geben. Und WhatsApp benutzt nun auch [Verschlüsselung]. Ich bin ganz froh, dass Firmen wie Apple den Schritt nach vorne machen. Das soll nicht heißen, dass ich ihnen zu 100% vertraue, denn mit Eigentumsrechten weiß man nie.

Wird es weitere Enthüllungen durch die Snowden-Unterlagen geben, und wieviele Unterlagen muss man noch sichten?

Er ist immer noch eine Quelle, auch wenn er aus dem Schatten getreten ist, und ich habe die journalistische Verpflichtung, soll heißen Quellenschutz, darum fällt die Zahl der Dokumente in Bereiche, die ich nicht beantworten kann. Aber es gibt noch eine Menge mehr zu berichten, würde ich sagen. Mir gefallen Leute, die sagen, sie wünschten sich es käme noch mehr heraus, aber das ist einfach wirklich schwer einzuschätzen.

Reden wir über die Klage gegen die amerikanische Regierung, und die Belästigungen, die Sie laut eigener Aussage durch amerikanische Grenzbeamte ertragen mussten, was sich sehr hart anhört.

Ich wurde auch viel beachtet. Ich habe die FOIA1-Klage eingereicht, weil ich wissen wollte, wie das System funktioniert, und um so viele Informationen wie möglich über meinen Fall zu bekommen – jedoch auch im Namen von Leuten, die nicht so viel Beachtung genießen, und die vielleicht jedes Mal angehalten werden. Ich sage ihnen, jedes Mal, wenn ich in den vergangenen sechs Jahren nach Hause kam, waren dort Beamte am Flugzeug, die auf mich warteten. Lange Zeit dachte ich: „Das wird immer so sein,“ denn wir sind in dieser neuen Zeit, wo die Gesetzregeln an der Grenze nicht mehr gelten, und ich dachte, ich käme nie wieder nach Hause und würde für immer Fragen danach, wo ich gewesen bin, beantworten müssen.

Wie schlimm wurden die Belästigungen? Gab es Untersuchungen der Körperhöhlen?

Nein, derart bin ich physisch noch nie belästigt worden. Ich wurde auf verschiedene Weisen belästigt. Das Schlimmste war wahrscheinlich das Kopieren von Notizbüchern, und die Beschlagnahme meiner Computer, Telefone und Filmmaterialien. Aber man hat mich nie einer Leibesvisitation unterzogen. Es gibt viele Menschen, die keinen amerikanischen Ausweis besitzen, oder weiße Hautfarbe, die viel eher ins Visier geraten. Es gibt Fälle, wo Leute abgeurteilt wurden, in Gefängnisse der CIA verbracht, gefoltert, und dann auf die Straße geworfen, „Huch! Das war der falsche Name.“ Verglichen damit war meine Schikane eher ein Leichtgewicht.

Die Obama-Administration hat ein ziemlich erbärmliches Zeugnis, wenn es erstens um die Pressefreiheit und zweitens um die allgemeine staatliche Transparenz geht. Und die  Obama-Adminstration glänzt ebenso nicht, wenn es um die Erfüllung von FOIA-Anfragen geht.

Ich meine, das FOIA-Gesetz ist ein recht erstaunliches Gesetz, und die Tatsache, dass wir so ein Gesetz haben, sollte uns als Demokratie stolz machen. Dennoch, das Zeugnis [der Obama-Administration] ist wirklich mies, vor allem wenn es um irgendeinen Bereich geht, der die nationale Sicherheit betrifft. Da gibt es den berüchtigten Glomar Brief, in dem die NSA sagt, sie könne nichts „bestätigen oder dementieren“, Blablabla. Ich habe meine Aufnahme Jahre zuvor fortgesetzt und eine Antwort zu Glomar erhalten. In Begriffen des Presse-Vermächtnisses von Obama, sie ist nicht gut. Tatsächlich ist sie echt schlecht. Sie haben die AP (Associated Press) vorgeladen, und ich denke, der ungeheuerlichste Fall ist der von James Risen. Wirklich? Wenn die Regierung es auf unseren besten investigativen Journalisten abgesehen hat und das heute funktioniert, ist das wirklich ein erschreckendes Zeichen. Obama hatte die Gelegenheit zur Einstellung, aber er entschloss sich zur Fortsetzung und bemühte sich um Risens Vorladung. Darum ist das Vermächtnis so schrecklich. Es ist wirklich schrecklich. Und ich muss sagen, die Aussicht auf die (Wahl-)Kandidaten ermutigt mich auch nicht gerade.

Wo wir gerade von Kandidaten sprechen, Sie kennen sich mit Verschlüsselung aus, darum interessiert es mich was Sie über den Email-Skandal von Hillary Clinton denken.

Ich denke, eine ehemalige Außenministerin, die staatliche diplomatische Emails auf ihrem eigenen Server hat, ist wirklich ein beängstigender Präzedenzfall. Ich denke, das ist verrückt. In Begriffen grundsätzlicher Sicherheit, wer bedient den Server? Und wie ist so etwas möglich? Jeder, der ihr eine Email geschickt hat, wusste, dass sie nicht an eine .gov-Adresse ging, warum wurde das also nicht in ihrer Zeit als Außenministerin thematisiert? Und der Gedanke, dass sie 30 000 Emails löschen musste, weil darin … ihr Yoga-Plan stand? Das kaufe ich (ihr) nicht ab.

Genau. Die Löschung der Emails, das entspricht der Kultur staatlicher Geheimhaltung, gegen die Sie einen großen Teil ihrer Laufbahn gekämpft haben.

Es ist absolut haarsträubend. Es geht um die Kultur der Geheimhaltung und über dem Gesetz zu stehen. Es geht um Folgendes: Wir leben in einem Land, wo der Senat einen Bericht darüber erstellt hat, wie wir Menschen gefoltert haben, niemand ist jedoch jemals dafür verantwortlich gemacht worden, Menschen gefoltert zu haben, und es wurde durch die Regierung bestätigt und  legalisiert. Und uns wurde nur die zensierte Version des Folterberichts gezeigt. Die komplette Ausgabe fasst 6 000 Seiten. Und The Washington Post hat kürzlich berichtet, dass wir 14 000 Fotografien von geheimen Gefängnissen besitzen, also haben wir die „schwarzen Anlagen“ fotografiert, denn wir haben sie bezahlt – wir besaßen diese geheimen Orte, an denen wir Menschen gefoltert haben und sie brauchten Geld, und sie mussten nachweisen, wofür das Geld gebraucht wurde, also machten sie Fotos. Aber es gibt 14 000 Bilder, die von der Regierung vergessen wurden, sie als Teil der Entdeckung der Guantanamo-Fälle auszugeben, darum erfahren wir erst jetzt davon. Und um ihre Frage zu beantworten, Ich weiß nicht ob die Frage darin besteht, das irgendeiner der Kandidaten das ändern wird; ich glaube, unsere komplette Kultur muss sich verändern.

Ein weiterer Informant, Chelsea Manning – war vor Kurzem in den Nachrichten, und ihre Behandlung ist unzweideutig sadisitsch. Es wir berichtet, dass sie endlose Einzelhaft ertragen muss, wegen „Vergehen“ wie dem Besitz abgelaufener Zahnpasta und der Caitlyn Jenner-Ausgabe von Vanity Fair.

Es ist verheerend. Sie hat Kriegsverbrechen öffentlich gemacht, für die nie jemand zur Rechenschaft gezogen wurde, und doch muss sie diese Behandlung ertragen. Es ist herzzerbrechend. Ein wirklich beschämendes Kapitel amerikanischer Geschichte, dass jemand, der Straftaten der Regierung aufgedeckt hat, dieser Misshandlung ausgesetzt wird.

Und alles während sie sich verändert. Ich kann mir kaum vorstellen, welche psychologischen Traumata sie während dem gesamten Prozess durchstehen muss.

Ja. Mich begeistert, dass sie bekannter wird, und schreibt, und twittert. Das ist toll. Sie ist eine Kämpferin und wird für ihr moralisches Recht einstehen, und hoffentlich wird sie in nicht allzu ferner Zukunft begnadigt.

Glauben Sie, dass unsere Situation in den USA bezüglich der Regierungsüberwachung sich verbessert, oder bewegen wir uns auf eine Orwell’sche Zukunft zu?

Wir müssen unser politisches Leitbild ändern, damit wir wieder nach dem Gesetz leben, dahin zurück, und aufhören Geheimhaltung, Folter und Überwachung zu betreiben. Es muss besser werden. Es muss einfach. Ich habe Citizenfour in Deutschland gemacht, und nun, Deutschland ist eine der eher funktionierenden und besten Demokratien, in Begriffen des Schutzes des Rechts auf Privatsphäre. Darum lasst uns alle hoffen, dass dies ein böses Kapitel ist und wir es überstehen werden.

Welche Wirkung hat Citizenfour auf Amerikaner gehabt, die von der staatlichen Ãœberwachung betroffen waren?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Für mich ist das ein Film, der mit tollen Leuten gemacht wurde, die eine Menge Risiken auf sich nahmen – nicht nur ich. Alle gingen echte Risiken ein, und es findet weiterhin eine terrorisierende Untersuchung des Journalimus im UK statt, und das ist die Umgebung, in der die Berichterstattung stattfand und der Film produziert wurde. Für mich ist das beste an dem Film, dass er Anklang findet, nicht weil das nur etwas über den Film aussagt, sondern dass es das Risiko wert war – und das ist nicht immer gesagt. Es gab eine Zeit, als ich in Berlin war, da war ich nicht sicher ob ich wieder zurück in die Vereinigten Staaten kommen würde, als gewisse Politiker darüber sprachen, uns anzuklagen. Darum besteht für mich die Anerkennung des Films auch in der Anerkennung der Bedeutung des Eingehens von Risiken.

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

Quelle: http://www.thedailybeast.com/articles/2015/08/18/laura-poitras-discusses-suing-the-u-s-government-hillary-clinton-s-crazy-email-blunder.html

1Freedom of Information Act