Pakistans Hardliner schützt ihr politischer Einfluss vor dem Gesetz

Viele Gemäßigte sind besorgt, dass Maulana Ahmed Ludhianvi kandidieren darf, obwohl ihm Terrorübergriffe vorgeworfen werden.

Jon Boone in Jhang, Pakistan

guardian.co.uk, Freitag 10. Mai 2013

„Es verstößt gegen die meisten fundamentalen Grundrechte, wenn man jeden Tag auf die Polizeiwache muss.“ sagt Maulana Ahmed Ludhianvi.

Bild: Arif Ali/AFP/Getty Images

Mit Geld wird in der Moschee zum Freitagsgebet gewöhnlich nicht herumgeworfen, am heiligen Wochentag des Islams.

Aber als Mulana Ahmed Ludhianvi die 1500 Anhänger aufruft, in der gerammelt vollen Kirche, die die Seitengassen von Jhang überschattet, greifen sie in ihre Taschen um seinen Wahlkampf zu unterstützen, ergeben werfen sie zerknitterte Banknoten in die Richtung ihres Anführers.

„Seid ihr den Kalifen des Islam treu ergeben?“ schreit er in die Menge. „Steht auf und spendet euer Geld wie strömenden Regen.“

Es gibt strenge Regeln, die geglichen Wahlkampf in Moscheen verbieten, aber es besteht zu bezweifeln, ob es je Konsequenzen nach sich zieht. Ludhianvis Kritiker sagen, er kommt mit weit Schlimmerem davon weil die Polizei, die Gerichte und die Wahlbehörden zu viel Angst davor haben, ihn anzurühren.

Viele sind beunruhigt, dass ein Mann, der immer wieder unter Terrorismusverdacht im Gefängnis war und Hass gegen Pakistans Minderheit der Schiiten gestiftet hat, überhaupt antreten darf.

Ludhianvi ist einer aus einem Dutzend islamistischer Hardliner-Kandidaten, die am Samstag zur Wahl antreten, deren Namen in einer Klausel des Anti-Terrorismus-Gesetzes genannt werden, das der Polizei erlaubt, jeden genau zu beobachten, der der Beteiligung an Terrorismus oder konfessioneller Gewalt verdächtigt wird.

In der Theorie ist Ludhianvi verpflichtet, sich jeden Tag auf der Polizeiwache zu melden, was er aber nie tut, sagt er.

„Er ist ein erklärter Straftäter, er sollte verhaftet werden statt kandidieren zu dürfen.“ sagt Waquas Akram, der ehemalige Inhaber des Sitzes von Jhang aus der Pakistanischen Muslimliga Nawaz (PML-N), der jetzt einen extrem eng ausgetragenen Wahlkampf für einen anderen Kandidaten meistert, seinen Vater.

Akram sagt, Ludhianvi könnte von der Kandidatur auch anders abgehalten werden, auch weil man mehrere anhängende Gerichtsprozesse gegen ihn gar nicht erst eingeleitet hat. „Er erwähnte nicht einen einzigen Fall gegen ihn, aber kein Gericht will unsere Petition anhören.“ sagte er dem Guardian auf einem Treffen der Parteimitarbeiter in einem Wahlkampf-Hauptquartier, einschließlich einem mobilen Käfig mit einem dösenden Löwen – die Großkatze ist das Symbol der PML-N.

Ludhianvi war einer der Anführer der verbotenen Sunniten-Sekte mit Namen Sipah-e-Sabah Pakistan (SSP), die mit hunderten von Morden an Schiiten in Zusammenhang steht, einer Minderheitenglaubensgemeinschaft des Islam. In den letzten Jahren haben Bewaffnete Schiiten auf verlassenen Bergstraßen aus den Bussen gezerrt und Suizidkommandos haben Blutbäder in den Hauptstädten angerichtet.

Lashkar-e-Jhangvi, eine abgespaltene Organisation des SSP, ist eine der gefährlichsten Terrorgruppen Pakistans. Obwohl die SSP vor mehr als einem Jahrzehnt verboten wurde, änderte sie ihren Namen einfach in Ahle Sunnat Wal Jamat (ASWJ), deren Kopf Ludhianvi ist. Die ASWJ sagt, sie stellt mehr Kandidaten für die nationalen und Provinz-Versammlungen als je zuvor.

Die Perspektive, dass Ludhianvi einen Sitz im Parlament gewinnt, wird als Zeichen gewertet werden, dass Pakistan es nicht schafft, einer der ernsthaftesten Sicherheitsbedrohungen des Landes Herr zu werden.

Ludhianvi, der 2008 zweiter wurde, scheint gut vorbereitet um den Sitz, für den er sich in Jhang bewirbt, zu besetzen, einer baufälligen Stadt, die der Ausgangsort brutaler Glaubensauseinandersetzungen in den 80-ern war. Aktivisten behaupten, die Stimmung gegen die Schiiten sei als Antwort auf wirtschaftliche Nöte unter Landarbeitern gewachsen, die gegen ihre Schiitischen Grundbesitzer rebellierten. Es gibt jedoch auch viele sunnitische Grundbesitzer in Jhang, einem riesigen Gebiet, das mehrere Sitze in der Nationalversammlung hat.

Ludhianvis Anhänger, die alle kleine Leitern tragen – das Wahlsymbol der Allianz religiöser Parteien, zu der die ASWJ gehört – haben mit unglaublicher Anstrengung Klinken geputzt, um genug Stimmen zu bekommen.

Im Gespräch mit dem Guardian sagte Ludhianvi nach Gebeten im Schlafzimmer des Gästehauses der Moschee, das solle für seine Kandidatur kein Hindernis sein, er sei nie verurteilt worden. „Es verstößt gegen die meisten fundamentalen Grundrechte, wenn man jeden Tag zu einer Polizeiwache gehen muss, oder ohne Prozess in eine Zelle gesteckt zu werden.“ klagte er.

Und wirklich, eine verbreitete Beschwerde betrifft Pakistans Umgang mit Extremisten, die, obwohl sie von Zeit zu Zeit festgenommen werden, am Ende freigelassen werden, wenn Gras darüber gewachsen ist.

Hasan Askari Rizvi, ein Sicherheitsberater, gab an, Kandidaten wie Ludhianvi werden auch von der politischen Macht beschützt, die sie zu Wahlzeiten an den Tag legen.

Er sagte: „Diese Gruppen benutzen die Demokratie um ihr Überleben sicherzustellen. Sie schaffen den Raum, der sie befähigt herumzulaufen und ihre extremistischen Pläne zu verfolgen und Gewalt zu verbreiten. Der Regierung fällt es dann sehr schwer sie zu kontrollieren.“

Seit Wochen reist Ludhianvi in einem vier-Rad-getriebenen Wagen in seinem Wahlbezirk herum, hält Wahlreden und stellt sich selbst als regulären Politiker dar.

„Ich hege keinen Plan gegen die Schiiten, Ich will Frieden.“ sagt er. „Alles was wir wollen ist, dass das Gesetz der Scharia komplett angewandt wird.“

Er sagt seine größten Bemühungen, falls er ins Parlament einzieht, wird es sein, einen Entwurf zu unterstützen, der die viel kritisierten Blasphemiegesetze noch strenger gestaltet und Sanktionen einführen, wie das Hände abhacken bei Dieben.

Aber seine Anhänger sprechen offen über ihre tiefe Abneigung für Schiiten. Mohammad Anwar Saeed, ein Helfer Ludhianvis, sagte weitere Klauseln des erhofften Entwurfs würden ein Verbot für Schiiten umfassen, ihre Religion irgendwo auszuüben, außer an ihren eigenen heiligen Stätten.

Traditionell ziehen Mitglieder der Schiiten-Gemeinschaft im Monat Muharram durch die Straßen, in öffentlicher Trauer und sogar Selbstgeißelung, was konservative Sunniten verachten.

Ein weiterer Arbeiter lachte auf Anfrage, warum die Partei nicht bei den Schiiten der Stadt werbe, über die Idee: „Die Schiiten sind wie Hunde, wir können ihnen nicht raten, uns zu wählen.“ sagte er.

Es gibt Anti-Terror-Experten, die argumentieren, dass Gruppen wie die ASWJ ermutigt werden sollten am politischen Prozess teilzunehmen. Sie hoffen, sie werden sich weitgehend eher legalen Tätigkeiten widmen, wie predigen und Wohlfahrtsorganisationen zu betreiben, als Gewalt und Terror zu verbreiten.

Andere sind sich nicht so sicher. „Als sie in letzter Zeit in Jhang Politik betrieben haben, töteten sie mehr Leute als sonst.“ Sagte Akram, das ehemalige Mitglied der Nationalversammlung von Jhang. „Es gab mehr Terror, mehr Verbrechen und mehr Angriffe auf die Schiiten.“

Die Ansicht vertreten auch Jhangs beunruhigte Schiiten-Gemeinschaften, die sich noch gut an das letzte Mal erinnern, als ein SSP-Anführer 2002 den Sitz innehatte. „Ich war noch ein Kind, aber ich erinnere mich Körper, dass Leichen auf den Straßen lagen und jede Nacht Ausgangssperre war.“ sagte Sadar Farrukh, ein junger Englischlehrer und Mitglied der Schiitengemeinde. „Wir wollen nicht zu dieser Zeit zurück.“

Quelle: http://www.guardian.co.uk/world/2013/may/10/pakistan-hardliners-maulana-ahmed-ludhianvi

 

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

Schreibe einen Kommentar