Pakistan braucht eine eindeutige Darstellung um dem Terrorismus zu begegnen

Financial Times A List, 3. Oktober 2013

Von Ahmed Rashid.

Die Pakistaner sitzen auf einem Vulkan. Bevor die wichtigsten Interessengruppen des Landes – die Armee, die Politiker und die Mullahs – nicht die Kurve kriegen und Null Toleranz für Gewalt verkünden, wird Pakistan seinen Krieg gegen den Extremismus und Terrorismus verlieren.

Mehr als 200 Menschen sind vergangene Woche bei einem terroristischen Angriff getötet worden, einschließlich eines Armeegenerals, 85 christlich Kirchgänger in Peshawar, und Hausfrauen in Karatschi. Am Sonntag tötete eine gewaltige Autobombe 40 Menschen in Peshawar – der dritte terroristische Angriff innerhalb einer Woche.

Das Land ist noch nie in einem derartigen Feuersturm von säkularen und religiösen Extremisten untergegangen, die das Recht in die eigene Hand genommen haben. Nawaz Sharif, der Premierminister, war gezwungen, seine anfänglichen Aufrufe zu Gesprächen mit den Taliban Pakistans rückgängig zu machen und kündigt nun eine härtere Politik an. Bisher ist unklar, welche Politik er verfolgen wird.

Derartige Ungewissheit hat bereits Spannungen zwischen Islamabad und seinen Nachbarn erzeugt – zwei davon, Indien und Afghanistan, nannten Pakistan das Kernzentrum des gebietsweisen Terrorismus in der Region – und hat die Internationale Gemeinschaft verprellt.

Pakistan leidet unter drei großen Aufständen. Im Nordwesten greifen die pakistanischen Taliban das Militär und gefährdete Teile der Gesellschaft an, wie die schiitischen und christlichen Minderheiten. Des weiteren versuchen südliche Separatisten ein unabhängiges Belutschistan zu gründen. Karatschi ist ein Mahlstrom von Milizen, Mafia und Unzufriedenen, deren gewalttätiges Vorgehen den Haupthafen und Handelszentrum des Landes schwer beschädigt haben.

Die Flut terroristischer Übergriffe und das Fehlen einer ernsthafter Gegenmaßnahmen, haben die fortwährenden tiefen Klüfte zwischen der Armee und der Zivil-Regierung offenbart.

Auch wenn das Militär brutal unter Feuer geriet – ein General und ein Oberst wurden Mitte September von den Taliban getötet – hat es lange eine zweigleisige Politik gegenüber den Kämpfern verfolgt. Auf der einen Seite gibt es die Kämpfer, die nicht als Feinde Pakistans beurteilt werden und denen es gestattet ist, im indischen Kaschmir oder Afghanistan zu kämpfen; auf der anderen Seite sind diejenigen, die sich verpflichtet haben, den pakistanischen Staat unterwandern, und die von der Armee verfolgt werden.

Im Augenblick ist die Armee nicht für direkte Gespräche mit den staatsfeindlichen Splittergruppen der pakistanischen Taliban, auch wenn sie sich nicht gegen Herrn Sharifs Aufruf zu Gesprächen gewandt hat. Aber das Militär ist auch nicht willens eine Offensive gegen die pakistanischen Taliban in ihren Basen in Nord-Wasiristan einzuleiten, denn das würde sich auf die afghanischen Taliban auswirken, die sie als „Freunde“ betrachten – die Armee möchte die afghanischen Taliban weiterhin als stellvertretende Macht benutzen, um die zukünftige politische Gestaltung Pakistans zu beeinflussen.

Ebenso, verfolgen die wichtigsten politischen Parteien des Landes einen zweigleisigen Ansatz gegenüber Kämpfern, beschützen die, die sie als nützlich für ihre Interessen betrachten. Politische Parteien versuchen keine militanten Gruppen in ihren Zentren entstehen zu lassen – zum Beispiel im Punjab, der Hochburg der herrschenden Pakistanischen Muslimliga. Unter den Gruppen, die im Punjab Zuflucht finden, ist auch die bösartige Lashkar-e-Jhangvi, die hunderte von Schiiten im ganzen Land massakriert hat, und Laskhar-e-Toiba, die weiterhin im indischen Kaschmir kämpft.

In Karatschi, wo die Gewalt jeden Tag zwei Dutzend Opfer fordert, beschützen politische Parteien ihre Distrikte auch, indem sie sich auf Handel mit den Kämpfern oder der Mafia einlassen. In den vergangenen Monaten schaut Karatschi auch einer weiteren Herausforderung ins Gesicht – ein Anstieg der von Taliban angebahnten Bankraube, Lösegeld-Entführungen, Schutzgelderpressungen und Morde.

Für einige Politiker ist die Alternative offensichtlich zu erschreckend, um sie in Betracht zu ziehen. Der Führungskader der Awami-Nationalpartei, die erbittert gegen die Taliban ist, ist praktisch durch Selbstmordkommandos der Taliban ausgelöscht worden – eine Strategie, die Politiker, Richter und Polizei entsetzt und den Staatsapparat zum Erliegen bringt.

Derweil hinterfragen die Oberhäupter des Islam und andere konservative religiöse Parteien, sogar die Existenz solcher Gruppen wie al-Qaida und den Taliban, und machen eine vermeintliche amerikanisch-indisch-zionistische Verschwörung dafür verantwortlich. Ähnliche Ansichten vertreten und bekennen etablierte Politiker, mitunter Imran Khan, der ehemalige Kricketspieler, was nur für zusätzliche Konfusion in der öffentlichen Meinung sorgt.

Weder die Politiker, die Armee, noch die Ulema – religiöse Anführer – haben der Öffentlichkeit eine eindeutige und schlüssige Darstellung geliefert, die erklärt, wie und warum diese Gruppen in Pakistan gewachsen sind, noch verurteilen sie ihre mörderischen Taten ausdrücklich oder bieten eine wirksame Strategie gegen die Bedrohung.

Das Fehlen einer eindeutigen Darstellung, die von allen Teilen des Staates vertreten wird – zivil und militärisch- hat zu dem derzeitigen Durcheinander geführt, zu Angst und Ablehnung innerhalb einer zutiefst verstörten Öffentlichkeit, die gleichzeitig versucht, mit einem massiven wirtschaftlichen Abwärtstrend, akuten Arbeitslosenzahlen unter der Jugend und dem Mangel an elektrischer Energie fertig zu werden. Die Gewalt hat eine verheerende Wirkung auf Herrn Sharifs Bemühungen eine eingebrochene Wirtschaft wiederzubeleben und die Beziehungen zu den Nachbarn zu verbessern, mit denen Pakistan seine Handelsbeziehungen instandsetzen muss.

Im Juni waren die Hoffnungen hoch, als Herr Sharif gewählt wurde und einen intensiven Dialog mit dem Militär, Politikern und zivilen Experten darüber begann, wie man eine schlüssige Terrorismusbekämpfung entwickeln könne. Eine derartige Initiative, verkündete er, würde die Schaffung eines Nationalen Sicherheitsrates, das Teilen von Informationen zwischen dem Militär und zivilen Einrichtungen, und eine nachvollziehbare Strategie, die verschiedene mehrdimensionale Taktiken, mitunter den Gebrauch von Gewalt, wirtschaftliche Entwicklung und möglichen Dialog mit einigen Taliban, umfassen.

Am Ende aber griff Herr Sharif auf das zurück, was er und seine Partei in der Vergangenheit in der Provinz Punjab praktiziert haben – den Weg des letzten Widerstands – eine Strategie, die insgesamt darin besteht, mit den Taliban zu sprechen, selbst als sie kein Interesse an Gesprächen ausdrückten und ihren mörderischen Rausch weiter verfolgten.

Bevor es keine Null-Toleranz-Politik für Extremisten gilt, die von allen zivilen und militärischen Institutionen zum Ausdruck gebracht und praktiziert wird, wird die Gewalt in Pakistan wahrscheinlich zu weit größeren sozialen Eruptionen führen, die am Ende unkontrollierbar werden.

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

Schreibe einen Kommentar