Orhan Pamuks Istanbul

Orhan Pamuks Kurzbiografie Istanbul porträtierte einen „armen und verworrenen“ Ort, der jedoch voller lumpiger Schönheit ist. Christopher de Bellaigue ist erstaunt, wie wenig von dieser Schönheit in der vibrierenden aber vulgären Stadt von heute noch übrig ist.

von Christopher de Bellaigue

The Guardian, Samstag 26. Oktober 2013

 

1996 war ich ein junger Ausländer in der türkischen Hauptstadt Ankara. Ich lernte Türkisch mit Emel Hanim, einem freundlichen und geduldigen Lehrer des Sprachinstituts oben an der Straße, und das erste Buch, das ich voreilig zu lesen vorschlug, entpuppte sich als eins der schwersten in der Sprache. Die ersten Sätze des Romans schienen falsch herum gebaut zu sein, doch, nach einiger Anstrengung von der Seite Emels, verstand ich, was der Autor mir sagen wollte: ein bleiernes, winterliches Licht über einer schlafenden Frau, ihr Nacken etwas sonderbar tief gebeugt; dies inmitten des Lärms von der Straße draußen, die Krüge der Sahlepverkäufer schürfen über den Gehsteig, das Gemurmel eines Kleinbus(Stadt-)führers.

Wir lasen Orhan Pamuks Das Schwarze Buch, das vom weit entfernten Istanbul handelte. Pamuks Geschichte eines Mannes namens Galip, der seine untreue Frau verfolgt und deshalb die Identität und Rolle eines anderen Mannes, Jelal, annimmt, war verstörender als alles, was ich in der Stadt erlebt hatte – und lustiger. Selbst der Bosporus, das würdevollste Gewässer der Welt, war ein Quell des Schreckens in Das Schwarze Buch, sein Wasser zog sich zurück und entblößte versunkene Galeonen und Limonadenflaschen, während die Insassen vorbeifahrender Busse die Fensterspalten gegen den „Gestank von Fleisch und Schmutz“ verstopften, und ich gaffte auf „die Flammen, die von dem furchtbaren Abgrund, der unten klaffte, aufstiegen.“

Für jemanden in Ankara, das gebaut wurde, um die Hauptstadt der modernen türkischen Republik zu sein, war das alles Neuland. Ich stellte fest, dass ich mich danach sehnte in dieser maroden und verrotteten Stadt zu sein, über die zu lesen mir so schwer fiel. Und es tat mir leid für Emel.

Ein paar Jahre später, nachdem ich nach Istanbul gezogen war, schrieb Pamuk eine Biografie über seine Kindheit und sein Heranwachsen, sie heißt Istanbul. Als ich sie las, stellte ich fest, dass sie eine unangemeldete Begleitung all seiner Romane ist, besonders aber für Das Schwarze Buch. Galip, der einsame Flâneur, hatte viel von Pamuk selbst, wie auch der verdrängte Jelal – wie Pamuk ein Sammler vergessener Kuriositäten aus Istanbuls Vergangenheit. Dann war da die Einsicht, die Pamuks komplette Schriften begleitet, dass Identitäten provisorisch sein können. „Schon mit jungen Jahren,“ beginnt Istanbul, „hatte ich den Verdacht, dass es in meiner Welt mehr gab, als ich sehen konnte: Irgendwo in den Straßen von Istanbul, in einem Haus das unserem glich, lebte ein anderer Orhan, der mir so sehr glich, dass er als mein Zwilling durchgehen konnte, gar als mein Doppelgänger.“

Istanbulwurde 2005 veröffentlicht, nach drei Jahren gemäßigter islamistischer Regierung der AK-Partei von Recep Tayyip Erdoğan, die anfing die Nachwirkungen von Atatürks fortschrittlicher Revolution der 20-er und 30-er Jahre des 19. Jahrhunderts zurückzudrängen. Es war interessant, gerade von einem derartigen Aufklärer daran erinnert zu werden, wogegen die Islamisten rebellierten. Beheimatet in Nişantaşı, das Blankenese von Istanbul, war Pamuks Familie zu den modernen Türken geworden, die die Revolution hervorbringen sollte. Aber kein türkischer Autor hatte die Kosten dieser Revolution derart aufgedeckt, wie Pamuk es getan hatte – zuerst in Schnee, seinem Roman über den islamischen Extremismus, der in den Weiten des Ostens der Türkei spielt, und nun in Istanbul.

Erinnerungen an die Familienwohnung in den 50-ern und 60-ern zeigen ein Leben ohne Tiefgang. Das Klavier wurde nie gespielt, das Porzellan war in Vitrinen eingeschlossen, und die Paravents verhüllten alles. Die Revolution der Türkei hatte ihre säkularen Kinder geschaffen, sie waren herausgeputzt und vordergründig Europäer, aber der Glauben war verloren. Familien wie die Pamuks hatten gelernt die Religion abzulegen, doch ohne sie stellte sich ihnen die grundsätzliche Frage nach dem Sein „in banger Verwirrung und schmerzenvoller Einsamkeit.“

InIstanbulwurde all das geschildert als ein vergilbter Rückfall in die Verwahrlosung. Eins nach dem anderen brannten die ottomanischen Herrenhäuser ab – es gab nachts kein größeres Spektakel als ein wirkliches gutes Feuer – und die christlichen und jüdischen Viertel wurden durch Pogrome entleert. Verlotterte Wohnblöcke wuchsen dort, wo einst die Villen standen, und die Hanglage wurden von illegalen Baracken bevölkert, gecekondunennen es die Türken, oder „nachts hingestellt.“ Die einstige Hauptstadt des Reichs war jetzt so auffallend inselartig (wie sie nun erscheint) das westliche Gäste sich in Interviews in der lokalen Presse wiederfanden. Auf langen Spaziergängen, die sein Bild von der Stadt formten, empfand Pamuk eine melancholische Freude inmitten der byzantinischen und ottomanischen Ruinen, die alten Mauern ragten zwischen Friedhöfen, verlassenen Holzhäusern und unerwarteten Wäldchen – ein Ort, „so arm und verworren, dass er im Traum nicht wieder zu der gleichen Blüte des Wohlstands, der Macht und Kultur aufsteigen kann.“

Über Pamuks Istanbul scheint Ruskins „Die sieben Leuchter der Baukunst“ zu schweben – die Gebäude zeugen von Leiden, ihre Säulen ragen auf aus dem Schatten des Todes. Pamuk erlernte seine Begutachtung der Stadt durch den deutschen Künstler Antoine-Ignace Melling, dessen weite, horizontale Stadtlandschaften sich in ihm wiederfinden, wie Canaletto es mit der Wiedergabe ihrer Details getan hätte, oder der Franzose Gerard de Nerval und Theophile Gautier, die beide in der Mitte des 19. Jahrhunderts in ihren Slums weilten. Dann sind da noch Pamuks Urahnen in türkischen Schriften, „vier einsame traurige Autoren“ die ihre bedrückende Wahrnehmung nationaler Verzweiflung überwanden, mit dem Ende des Imperiums und dem Anbruch einer nachgeahmten, angeschlagenen Republik, die sich so nach kulturellem Selbstvertrauen sehnte, dass sie alles vom Westen entlehnte, indem sie aus der gleichen Nachbarschaft alles abschöpften, was sie an Würde und Bestand finden konnten.

Wie der Dichter Yahya Kemal, der Romancier Ahmet Hamdi Tanpinar, der populäre Historiker Resat Ekrem Kocu und der Memoirenschreiber Adulhak Sinasi Hisar, und auch Orhan Pamuk. Die Schönheit der ärmeren Viertel der Stadt, schrieb er in Istanbul, liegt in den „zusammenfallenden Stadtmauern, in den Wiesen, dem Efeu, dem Unkraut und den Bäumen, was auch auf den Türmen und Befestigungen wuchs, als ich ein Kind war … die Farbpaletten waren so zahlreich, dass es schwer war, sie nicht als beabsichtigt zu betrachten.“

Wenn all das den westlichen Leser anspricht, liegt das teilweise an Pamuks ästhetischer Verpflichtung dem Westen gegenüber; für mich ist das Verständnis noch größer, denn ich habe an diesem Ort gewohnt. Meine Wohnung lag in Beyoğlu, dem verwahrlosten europäischen Viertel, wo Pamuk zeitweise wohnte, und ich war oft am Taksim-Platz, dem Angelpunkt seiner Züge durch die Stadt. Auch ich ging auf Streifzüge durch das alte Istanbul, zwischen den abblätternden Holzhäusern, die Stadtmauern entlang, und, obwohl der Prozess des unaufhaltbaren Verschmelzens, den Pamuk beschreibt, vielleicht in den 90-ern noch zunahm, war der Dunstkreis der Stadt im wesentlichen derselbe, der es in seiner Jugend gewesen war.

Ich stelle mir die Frage, ob Pamuk erkannt hat, dass er mit Istanbul nicht nur ein Epitaph für die Gestalt der Stadt geschrieben hat, sondern auch für seine Art die Stadt zu betrachten. Denn so liest sich seine Biografie heute. In den vergangenen zehn Jahren, in denen die türkische Wirtschaft floriert hat, tat es auch Istanbul, und es wird von einer neuen Gewalt verändert. Viele von Pamuks Ruinen sind verschwunden, oder verschwinden, oder sind von „Restauratoren“ in Nachbildungen ihrer selbst verwandelt worden. Ohne diese Ruinen verschwindet die romantische Vorstellung.

Das bringt uns zurück zum moderaten Islamisten Erdogan und seinen Vorhaben mit der Stadt. Als geborener Istanbuler empfindet der Premierminister der Türkei in den vergangenen zehn Jahren keine der säkularen Zwiespältigkeiten gegenüber dem Sitz des Ottomanischen Reiches. Seine fortlaufenden Wahlsiege repräsentieren den Triumph der strenggläubigen, provinziellen Türken, die die Säkularisierer verachten gelernt haben– und die sie von der Spitze des Haufens verdrängt haben. Erdogan wollte Istanbul schon lange fördern, damit es die Region wieder anführen kann. Die etwa 100 Milliarden Dollar, die ausländische Investoren in den letzten zehn Jahren in die türkische Wirtschaft pumpten, haben ihn ermutigt das zu versuchen.

Bereits jetzt wächst Europas größte Stadt Istanbul(mit einer Bevölkerung von 13 Millionen) um eine halbe Million Menschen pro Jahr. Hochhäuser sind über die gefeierte Skyline emporgeschossen, genau wie hunderttausende neuer Häuser, einschließlich Unterkünfte für die Armen. Aber es ist die ehrgeizige fromme Mittelklasse, die am engsten mit Erdogan verbunden ist; sie leben in neuen, umzäunten Gemeinden, kaufen in neuen Einkaufszentren ein und beten in den neo-ottomanischen Moscheen, die der Premierminister so liebt. Die Verwandlung der Stadt geschieht mit verblüffender Geschwindigkeit und zu jeder Stunde. Taxifahrer sind von den neuen Tunneln und Überführungen verwirrt. Flutbeleuchtete Bagger, die einen Abgrund entlang kriechen, der das neue Stadium des Besiktas-Fußballvereins beherbergen wird, rufen George Bellows schwindelerregende Schilderung der Baugruben in New York vor einem Jahrhundert ins Gedächtnis.

In den kommenden paar Jahren wird Istanbul zur Heimat eines der größten Flughäfen der Welt werden, eine weitere gargantueske Brücke über den Bosporus (es gibt bereits zwei) und vielleicht ein Kanal, der das Schwarze Meer mit dem Marmarameer verbindet – all dies dient zwei neuen Nachbarschaften, von denen jede eine Million Einwohner zählt, und jede wird zu großen Teilen von Freunden des Premierministers gebaut. Der Bosporus wird von einer riesigen Moschee beherrscht werden, die genau aussieht wie die Moscheen vor 400 Jahren – mit der Ausnahme, dass ihre Minarette größer sind. Istanbul ist nicht länger „arm und verworren.“ Es dreht sich alles um Geschmacklosigkeit und Überzeugung.

Langsam drängt sich ein Blickwinkel auf. Ich kenne eine liberale Frau, die es nur mit den größten Mühen geschafft hat, in eine der neuen, vergatterten Gemeinden aufgenommen zu werden. Zunächst weigerten sich Immobilienmakler, ihr eine Wohnung zu überlassen, aus dem Grund, weil sie alleinstehend war. Als sie diese Hürde schließlich genommen hatte, wurde sie von der Nutzung des (ausschließlich Frauen) Schwimmbades ausgeschlossen, nachdem sie zugegeben hatte, keine Jungfrau zu sein; sie könnte Mitschwimmer(inne)n etwas ekliges hinterlassen. Die andere Frau, die in ihrem Block wohnt, verbrachte viel Zeit damit, sich Serien über die ottomanischen Sultane anzuschauen. Sie luden meine liberale Freundin zu Koranschulungen ein und liehen ihr Kataloge von Victorias Secret. Es ist schön ein ausreichendes Einkommen zu haben; ihre Ehemänner legten lange Tage in den Einkaufszonen ein. Das ist das Leben, das viele Türken anstreben: Eine Mischung aus Islam und Amerika, die Erdogan Wirklich hat werden lassen. Viele Türken – sogar die Mehrheit – aber nicht alle.

Die Unruhen, zu denen es in diesem Sommer in der Türkei kam, waren eine Rebellion der Liberalen gegen Regierungspläne, den Taksim-Platz mit Geschäften, Nostalgie und Gott vollzustopfen. (Die Pläne für ein Einkaufszentrum in nachgebauten ottomanischen Häusern; Erdogan hat lange Pläne für eine Moschee an genau dem Platz gehegt.) Es war ein Aufstand gegen den Druck zur Anpassung, das Verständnis des Premierministers von Straffreiheit und den Geruch nach Korruption, der jede Planungsentscheidung in dieser Stadt umweht. Also überlebt der Taksim-Platz – allein – als baufällige und windige Zuflucht von Kebab-Ständen, für eine kleines aber kultiges Denkmal von Atatürk, und Asphaltflächen, auf denen früher die städtischen Busse standen.

Als ich in der Nähe des Taksim lebte, fantasierte ich über über einen fähigen Anführer, der kommen und dort aufräumen würde, es geeignet machen würde für einen Mittelpunkt in diesem Teil der Stadt. Jetzt, da die Türkei ein solches Oberhaupt hat, verstehe ich die Gefahren. Das Istanbul, das verschwunden ist, das Istanbul ausIstanbul, warkrank und vielleicht verwahrlost. Aber es war ein Ort von seltener Schönheit und ich würde es den türkischen Frauen von Stepford jederzeit vorziehen.

• Christopher de Bellaigue ist der Autor von Rebel Land: Among Turkey’s Forgotten Peoples (2010).

Quelle: http://www.theguardian.com/books/2013/oct/26/christopher-bellaigue-orhan-pamuk-turkey

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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