Noam Chomsky: „Kein Individuum ändert allein etwas!“ 22.03.2013

Noam Chomsky ist einer der kontroversesten Denker der Welt. Jetzt, mit 84, reflektiert er die Arbeit seines Lebens, aktuelle Geschehnisse in Syrien und Israel, und die Liebe seines Lebens – seine Frau.

Von Aida Edemariam

The Guardian, Freitag 22.März 2013

Ich wuchs während der Depression auf. Leute kamen an die Tür und versuchten Lumpen zu verkaufen – da war ich vier.” … Noam Chomsky.

Bild: Graeme Robertson für The Guardian

Es mochte regnen wie aus Kübeln, Wasser aus den Regenrinnen laufen und sich schnell und weit über die Euston Road in London verteilen, aber das hielt die Schlange nicht auf, die fast bis an den Bahnhof Euston anwuchs. Im Friend’s House, einem Sitzungssaal der Quäker, war die Aufregung greifbar. Leute auf der Suche nach Freunden und Sitzen, mit kaum verhüllter Nervosität, schauten alle auf die Bühne, bis, etwa 15min später, ein kleiner, leicht vorgebeugter alter Mann die Bühne vorsichtig erklomm und Platz nahm. Den Saal erfüllte Jubel und Applaus, mit Pfiffen und Schreien.

Noam Chomsky, sagten zwei Sprecher (eine davon ist Mariam Said, deren letzten Ehemann, Edward, dieser Vortrag ehrt) „braucht nicht vorgestellt zu werden“. Eine müde Formulierung, aber sie hat ihren Grund: In einem Buchladen, die Straße herunter, ist die politische Abteilung in Biographien, Nachschlagewerke, die Clintons, Obama, Thatcher, Marx und Noam Chomsky unterteilt. Er führte die Liste von globalen Denkern in Außenpolitik und Zeitschriften zum ersten Mal 2005 an (die jüngste führt ihn jedoch, vielleicht weil sie eine neue Herausgeberschaft widerspiegelt und unter eine neue Rubrik fällt, gar nicht auf). Eine Studie der am häufigsten zitierten akademischen Quellen aller Zeiten befand ihn auf Rang acht, genau hinter Platon und Freud. Die List zählt die Bibel mit.

Als er anfängt zu reden, ist es ein Gleichklang, der keinen speziellen rednerischen Anspruch an das Publikum stellt, tatsächlich ist er fast einschläfernd. Letzten Oktober, erzählt er dem Publikum, hat er zum ersten Mal Gaza besucht. Innerhalb von fünf Minuten zeigen sich viele Eigenarten von Chomskys politischen Schreiben und Reden: seine Wut, seine außergewöhnliche Bezugs- und Erfahrungsskala – Berichterstattung aus Gaza, persönliches Zeugnis, detaillierte Kenntnisse der alten ägyptischen Regierung, seinen Geheimdienst, die neue ägyptische Regierung, den historischen Hintergrund der Besetzung durch Israel, neuste Nachrichtenberichte (von Bewässerungen, die die Ägypter benutzen, um Tunnel in Gaza zu fluten, und von Israelis, um gewaltlose Demonstranten zu zerstreuen). Tatsache auf Tatsache auf Tatsache, aber ebenso ein vernichtender, mitreißender Sarkasmus – die Gräueltaten werden „von Europa wie gewöhnlich höflich toleriert“. Derbe, eindringliche Wendungen – die „scheußlich verkohlten Körper ermordeter Kinder“; Körper „im Todeskampf“ – reihen sich aneinander, bis sie fast so etwas wie Interpunktion sind.

Man könnte argumentieren, dass das notwendig ist, einfach eine Beschreibung von Gräueln, über die berichtet werden muss. Die Fakten sprechen für sich: Die Adjektive und der Sarkasmus haben die widersprüchliche Wirkung, sie herabzustufen, der Welt ein enttäuschend rohes und vereinfachendes Argument aufzubürden. „Die Sätze,“ schrieb Larissa MacFarquhar in einem brillanten New Yorker Porträt von Noam Chomsky von vor 10 Jahren, „ sind Vorwürfe der Schuld, aber nicht vom Standpunkt der Unschuld oder Hoffnung auf Besserung: Chomskys Sarkasmus ist der finstere Blick auf eine gefallene Welt, der Spott eines Überlebenden aus der Hölle, auf ihre erbleichten Unwissenden“ – und darum, auf komische Art, unbeweglich und unfruchtbar.

Um fair zu sein, er hat – wie er am nächsten Tag ausführt als er unter der prachtvollen, Gewölbedecke des VIP-Bereichs im St. Pancras Renaissance Hotels sitzt – nicht immer vor Bekehrten, noch vor skeptisch Aufgeschlossenen gepredigt. „Diese [begeisterte Aufnahme] ist radikal verschieden von dem, wie es vor fünf Jahren war, als ich tatsächlich [in Gesprächen über Israel-Palästina] unter Polizeischutz stehen musste, weil das Publikum so feindsinnig war.“ Seine Stimme ist kaum hörbar und auch einsilbig, und er ist leicht taub, was die Unterhaltung ein wenig zu einer Herausforderung macht. Aber er antwortet herzlich und ernst, wenn auch nicht immer direkt – eine Überraschung, irgendwie, bei jemandem, der sich den Ruf für die Gewalt seiner Argumente eingetragen hat, und das Bedürfnis, um jeden Preis zu gewinnen. „Da ist wirklich eine Alpha-Männchen-Dominanz am Werk.“ sagte einst ein Kollege über ihn. „Er hat etwas vom Dominanzgehabe eines Primaten. Das Niederstarren. Der vernichtende Ton der Stimme.” Man weiß von Studenten, dass sie ihn zu zweit besuchten, so dass der eine den anderen verteidigen konnte. Aber es ist vielleicht wenig überraschend, wenn man feststellt, dass er bis zu sieben Stunden am Tag damit verbringen kann, E-Mails von Fans und der interessierten Öffentlichkeit zu beantworten. Und in der riesigen Hotelhalle macht er einen leicht zerbrechlichen Eindruck.

Chomsky, der Sohn jüdischer Lehrer, die zur (vor-)letzten Jahrhundertwende aus der Ukraine und Russland auswanderten, fing an als Zionist – aber die Art Zionist, die einen sozialistischen Staat wollte, in dem Juden und Araber gleichberechtigt zusammenarbeiten. Seitdem wird ihm Antisemitismus vorgeworfen (aufgrund dessen, dass er vor ca. 35 Jahren das Recht auf freie Äußerung eines französischen Professoren verteidigte, der später wegen der Leugnung des Holocaust verurteilt wurde), und, wie The Nationi einmal ausführte, ist es eine Wirkung der Begrenzungen, die Strittigkeiten über den Mittleren Osten in seinem Heimatland einmal gesetzt waren, dass er an einem Punkt den Ruf erworben hatte, Amerikas bekanntester, sich selbst hassender Jude zu sein. Heute streitet er unermüdlich für die Rechte der Palästinenser. In der Rede von dieser Woche zitierte er verschiedene Reaktionen auf die Oslo-Verträge, die im September 20 Jahre alt werden, mitunter einer Beschreibung, die sie „eine höllische Falle“ nennen. Er antwortete auf eine Frage, ob Israel in 50 Jahren immer noch existieren wird, indem er unter anderem sagte, dass „Israel Ziele verfolgt, die seine Sicherheitsbedrohung maximieren … Ziele, die Wachstum über Sicherheit stellen … Ziele, die es moralisch degradieren, die zu seiner Isolation, seiner Delegitimation, wie sie es jetzt nennen, und sehr wahrscheinlich zu seiner schließlichen Vernichtung führen. Das ist nicht unmöglich.“ Obama kam diese Woche in Israel an, in Begleitung der niedrigsten Erwartung, die je einem US-Präsidenten, der das Land besuchte, beigemessen wurde. Ich weise Chomsky darauf hin, dass es so viel mehr Hoffnung gab, als Obama gewählt wurde. „Es gab Illusionen. Er gelangte mit dramatischen Reden über Hoffnung und Veränderung ins Amt, aber dahinter steckte nie viel Substanz.“ antwortet er.

Er scheint vorsichtig optimistisch gegenüber dem Arabischen Frühling zu sein, in dem er ein „klassisches Beispiel … [einer] mächtigen Basisbewegung, vor allem in Tunesien und Ägypten“ sieht. – aber er gibt sich offen ironisch bezüglich der Beziehung des Westens zu dem, was auf dem Grund geschieht. “Am Vorabend des Tahrir Square in Ägypten, gab es eine große Umfrage, die befand das überwältigende – 80-90%, so ähnliche Zahlen – Ägypter die Hauptbedrohung für sie in den USA und Israel sahen. Sie mögen den Iran nicht – Araber mögen den Iran generell nicht – aber sie betrachteten ihn nicht als Bedrohung. Tatsächlich dachte eine beträchtliche Anzahl von Ägyptern, der Region würde es besser gehen, wenn der Iran nukleare Waffen hätte. Nicht weil sie wollten, dass der Iran Nuklearwaffen besitzt, sondern um der wirklichen Bedrohungen etwas entgegenzusetzen. Das ist offensichtlich nicht die Art Politik, der der Westen zuhören will. Andere Umfragewerte fallen etwas anders aus, aber die Grundgeschichte ist die selbe – was Ägypten will, ist nicht was der Westen sehen will. Darum lehnen sie die Demokratie ab.“

Was denkt Chomsky, der einige mit seiner Ablehnung des „neuen militärischen Humanismus“ erzürnt hat, sollte, wenn überhaupt, in Syrien getan werden? Sollte der Westen die Opposition bewaffnen? Sollten sie eingreifen? „Ich tendiere dazu zu denken, dass die Unterstützung mit Waffen den Konflikt eskalieren lassen wird. Ich glaube, es muss eine Art Verhandlungslösung geben. Die Frage ist, von welcher Art. Aber primär muss es sie unter Syrern geben. Außenstehende können versuchen, bei der Aufstellung der Bedingungen zu helfen, und zweifellos begeht die Regierung viele Gräueltaten, und die Opposition einige, aber nicht so viele. Es besteht die Bedrohung, dass das Land auf einem Kurs der Selbstvernichtung ist. Niemand will das.“

Zum ersten Mal betrat Chomsky 1959 die öffentliche Bühne, mit dem Argument, beschrieben in einer Buchkritik (aber auch bereits in seinem ersten Buch, das zwei Jahre zuvor erschien), dass, entgegen der vorherrschenden Meinung, Kinder lernten Sprache durch Nachahmung und Zwang (also Behaviorismus), wesentliche grammatikalische Strukturen bereits bei der Geburt vorhanden seien. Das Argument revolutionierte die Studien der Linguistik; es hatte Auswirkungen für jeden, der das Bewusstsein studierte. Es hat auch interessante, wenn auch problematische Auswirkungen auf seine politischen Ansichten. Wenn wir mit inhärenten Strukturen der Linguistik und mit ausgeprägtem moralischen Bewusstsein geboren werden, ist das nicht die Sorte Determinismus, die jegliche politische Aktivität abstreitet? Was macht den Streit für Veränderung überhaupt aus?

Die meisten freiheitlichen Ansichten erkennen den gleichen Standpunkt an.“ antwortet er. „Dass es Instinkte gibt, grundlegende Bedingungen der menschlichen Natur, die zu einer bevorzugten Sozialordnung führen. Und wirklich, ob du irgendeine Politik favorisierst – Reform, Revolution, Stabilität, Regression, was immer – wenn du zumindest etwas moralisch bist, dann weil du denkst, es ist gut für die Menschen. Und gut für die Menschen heißt, passend zu ihrer grundsätzlichen Natur. Also, wer du auch bist, was du auch denkst, du hast ein paar stillschweigende Annahmen über die menschliche Natur … Die Frage ist: Wonach streben wir bei der Entwicklung einer sozialen Ordnung, die grundlegenden menschlichen Bedürfnissen zuträglich ist? Werden Menschen geboren, um einem Herren zu dienen, oder werden sie geboren, um frei zu sein, schöpferische Individuen, die mit anderen arbeiten, ihr eigenes Leben erforschen, erschaffen und entwickeln? Ich meine, wenn Menschen total unstrukturierte Wesen wären, wären sie … ein Werkzeug, dass von äußeren Kräften exakt geformt werden könnte. Darum, wenn man sich die Geschichte dessen anguckt, was man den Radikalen Behaviorismus nennt, [wo] man komplett von äußeren Kräften geformt wird – sprechen [sich dessen Vertreter] aus, wie ihrer Meinung nach die Gesellschaft sein sollte, nämlich totalistisch.“

Chomsky, der jetzt 84 ist, war sein ganzes Leben politisch aktiv; sein erster veröffentlichter Artikel wandte sich tatsächlich gegen den Faschismus und wurde geschrieben als er 10 war. Woher kommt der Zorn? „Ich wuchs während der Depression auf. Meine Eltern hatten Arbeit, aber viele aus der Familie gehörten zur arbeitslosen Arbeiterklasse, also hatten sie gar keine Arbeit. Ich bekam Armut und Repressionen direkt mit. Leute kamen an die Tür und versuchten Lumpen zu verkaufen – da war ich vier Jahre alt. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter in einem Einkaufswagen fuhr, am Textilarbeiterstreik vorbei, wo die Frauen draußen streikten und die Polizei sie blutig schlug.“

Er traf Carol, die seine Frau werden sollte, zu etwa der gleichen Zeit, als er fünf Jahre alt war. Sie heirateten als sie 19 und er 21 war, und waren zusammen, bis sie fast 60 Jahre später starb, 2008. Er spricht permanent von ihr, gibt man ihm die Gelegenheit: Wie ernst sie seinen Zeitplan nahm, wenn sie auf Reisen waren (sie begleitete ihn oft auf Vortragsreisen), dass man sie in Lateinamerika El Commandante nannte; die verschiedenen bürokratischen Gerangel, in die sie auf der ganzen Welt gerieten. Vor allem setzte sie auch eine Ausgewogenheit in seinem Leben durch: stellte sicher, dass er nachts eine Stunde fernsah, ins Kino und zu Konzerten ging, förderte seine Liebe zum Segeln (einmal besaß er eine kleine Flotte von Segelbooten, und ein Motorboot); sie fuhr Wasserski bis sie 75 war.

Doch sie war auch politisch involviert: Sie nahm ihre Töchter (sie haben drei Kinder: zwei Mädchen und einen Jungen) mit zu Demonstrationen; er erzählt mir eine Geschichte wie sie, als sie gegen den Vietnamkrieg demonstrierten, einmal beide am gleichen Tag verhaftet wurden. „Und du darfst einmal telefonieren. Also rief meine Frau unsere ältere Tochter an, die damals 12 war, schätz’ ich, und erzählte ihr: ‚Wir kommen heute Nacht nicht nach Hause. Kannst du auf die beiden Kinder aufpassen?“’ So ist das Leben.“ Ein anderes Mal, als es so aussah, als würde er für lange Zeit eingesperrt werden, ging sie wieder an die Hochschule, um auf einen PhD zu studieren, damit sie die Kinder allein durchbringen konnte. Es ist sinnlos, sagte er vor einem paar Jahren zu einem Befrager, wenn eine Frau vor ihrem Mann stirbt, „denn Frauen organisieren viel besser, sie reden und unterstützen einander. Mein ältester und engster Freund ist im Büro gleich neben meinem; wir haben nicht einmal über Carol geredet.“ Seine älteste Tochter hilft ihm jetzt oft. „Es ist eine Zeit der Veränderung, irgendwie.“

Denkt er, dass er in all den Jahren des Redens und Streitens und Schreibens jemals eine bestimmte Sache verändert hat? „Ich denke nicht, dass ein Einzelner allein etwas ändert. Martin Luther King war eine wichtige Gestalt, aber er könnte nicht gesagt haben: „Das habe ich verändert.“ Er wurde in einer Stimmung bekannt, die vor allem junge Leute geschaffen hatten, die das Fundament bildeten. „In den frühen Jahren der Antikriegsbewegung beteiligten wir uns alle am Organisieren und Schreiben und Reden, und nach und nach konnten gewisse Leute gewisse Dinge leichter und effektiver tun, also verabschiedete ich mich vor allem vom Organisieren – ich meinte, das Lehren und Schreiben sei wirkungsvoller. Andere, Freunde von mir, taten das Gegenteil. Aber sie sind nicht weniger einflussreich. Nur eben unbekannt.“

Im höhlenartigen Friend’s House lauten die letzten Worte seiner Rede: „Bevor die Mächtigen nicht fähig sind, die Würde ihrer Opfer anzuerkennen … bleiben unüberbrückbare Hindernisse, und die Welt ist zur Gewalt verdammt, zur Grausamkeit und erbittertem Leiden.“ Das sind düstere Begriffe, aber er geht unter stürmischem Beifall.

Dieser Artikel wurde am 23.März 2013 berichtigt, um den Satz, der sich auf Chomsky bezieht und des Antisemitismus bezichtigt wurde, zu klären. Der Artikel wurde erneut am 24.März berichtigt. Ein falscher Bezug auf Chomsky, er sei „Amerikas bekanntester, sich selbst hassender Jude“ genannt worden, wurde gelöscht. Der Fehler ergab sich aus einem Zitat, das falsch verstanden worden war.

Quelle: https://www.theguardian.com/world/2013/mar/22/noam-chomsky-no-individual-changes-anything-alone

Übersetzung: Thorsten Ramin

i http://www.thenation.com/

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