Nawaz Sharif: Magnat vom rechten Flügel hat über die Liberalen gesiegt – vorerst

Der neue Premierminister, der einst ein islamisches Kalifat aus Pakistan machen wollte, wird von der Wählerschaft als größte Hoffnung des Landes betrachtet

Von Jon Boone

guardian.co.uk, Freitag 17. Mai 2013

Nawaz Sharif beginnt seine dritte Amtszeit als Premierminister nach einem erdrutschartigen Wahlsieg

Bild: K.M. Chaudary/AP

Vergangenen Samstag versammelte sich eine Menge aus Anwälten, Journalisten und Akademikern im Wohnzimmer eines der bekanntesten Menschenrechtsaktivistin Pakistans in Lahore, um sich am Buffet zu bedienen und sich die Ergebnisse der historischen Wahl anzuschauen, die sich auf zwei riesigen Fernsehern darboten.

Die Gästeliste bestand aus einem Wer ist Wer der linken Szene Pakistans, Leute, von denen man eher erwartet, dass sie die Pakistanische Volkspartei (PPP) wählen. Aber es gab keine Händeschütteln als klar wurde, dass Nawaz Sharif, der Magnat vom rechten Flügel, der einst versucht hatte, aus Pakistan ein islamisches Kalifat zu machen, dabei war eine beispiellose dritte Amtsperiode mit schlagender Mehrheit zu gewinnen. Wenn überhaupt, stimmte man schweigend zu.

„Gerade jetzt glauben die Leute, dass er der Beste ist, den das Land zu bieten hat.“ sagte eine Medienvertreterin. „Zehn Jahre zuvor wären die Liberalen sehr misstrauisch gewesen.“

Während zwei Amtszeiten in den 1990-ern ließ Sharif Journalisten einsperren, versuchte die Scharia einzuführen und entließ das Oberste Gericht. Als Milliarden-Stahl-Magnat wurde ihm vorgeworfen, dass ein Teil seines Reichtums aus Schmiergeldern für Regierungsverträge, illegalen Abschreibungen und offensichtlicher Steuerhinterziehung stammte. Berichten zufolge zahlte er 1999 nur 10 Dollar Einkommensteuer.

Aber alte Gegner und langjährige Freunde sagen, Sharif hat sich verändert. Sie behaupten, der 63 Jahre alte Anführer der Pakistanischen Muslimliga Nawaz (PML-N) sei am besten ausgerüstet, um beängstigende Nachrichten, einschließlich einer zusammenbrechenden Wirtschaft, Energieknappheit und eine nie endende Welle des Extremismus zu bewältigen

Sharif hat mit seiner Weigerung gepunktet, mit dem Militär zu konspirieren um die letzte Regierung zu stürzen, was in einem Land mit dreimaliger Militärherrschaft irgendwie Tradition hat. Stattdessen entschied er sich dafür, der strauchelnden Koalition unter Führung der PPP zu gewähren, die erste gewählte Regierung zu stellen, die jemals eine volle fünfjährige Legislaturperiode absolviert hat. Er erntete den Spott der Kritiker, die ihn beschuldigten eine „gemütliche Opposition“ zu führen.

Derartige Geduld ist schon eine Veränderung für einen Mann, der in den späten 70-ern in die Politik ging um familiäre Interessen zu vertreten, nachdem die PPP die Fabriken seines Vaters verstaatlicht hatte. Indem sie ihr Glück mit Zia-ul-Haq versuchten, dem Militärdiktator, der nach 1978 zehn Jahre lang herrschte, gewannen die Sharifs ihr Eigentum zurück. In den 1980-ern fungierte Nawaz als Finanzminister und Ministerpräsident des Punjab, Pakistans wohlhabendster und bevölkerungsreichster Provinz.

Er wurde von 1990-1993 zum ersten Mal Premierminister, als er sich darauf spezialisierte, jedem den Kampf anzusagen, der ihm im Weg war, mitunter Präsident Gulam Ishaq Khan, der versuchte Sharif zu feuern bevor er sich mit dem Militär verschwören konnte, um Neuwahlen zu erzwingen.

In seiner zweiten Regierung 1997 achtete er darauf Gegner auszutauschen, einschließlich den Militärchef, General Jehangir Karamat, den er durch einen ausgewählten General namens Pervez Muscharraf ersetzte. Das war ein Fehler – Muscharraf sollte Sharif später verhaften lassen, nachdem er im Oktober 1999 gegen ihn geputscht hatte.

Sharif sagt, seine gesamte Perspektive habe sich durch das Elend der Verhaftung und des Exils in Saudi-Arabien und Groß-Britannien verändert. Größten Schmerz bereitete ihm, dass ihm verboten wurde nach Pakistan zurückzukehren, um seinen Vater zu beerdigen.

2007 kehrte er schließlich als ein veränderter Mann zurück, und nicht nur, worauf seine Feinde gerne hinweisen, weil seine kahle Haarpracht künstlich bereichert worden war. Er war überzeugt, Pakistan könne nur Erfolg haben wenn das Militär damit aufhören würde, sich in demokratische Regierungen einzumischen.

Während seiner 14-monatigen Haft sah er eine BBC-Sendung, in der erfahrene indische Politiker über die größten Errungenschaften des Landes seit der Unabhängigkeit debattierten. „Nach einanhalbstündiger Debatte war man sich einig, dass Indiens größte Errungenschaft darin besteht, dass es die Unantastbarkeit der Wahlurne bewahrt hat..“ erzählte Sharif vor Kurzem Pakistans Newsweek. Niemand erwähnte die Atombombe. Niemand sagte Straßen, Brücken und Autobahnen. Niemand sagte etwas anderes.”

Trotz all seiner Bemühungen Pakistans zerbrechliche Demokratie zu beschützen, ist Sharif besessen von großen Infrastruktur-Projekten, deren Wert in Einzelfall fragwürdig ist. Während seiner zweiten Amtszeit ließ er eine Autobahn von Lahore nach Islamabad bauen, und verschwendete Zeit um den Fortschritt zu begutachten. Heute ist es eine prächtige, ebene Straße, aber meistens leer. Kritiker sagen, die Autobahn sei 60 Meilen länger als nötig, um politischen Verbündeten gefällig zu sein, die wollten dass sie durch ihren Wahlbezirk führt.

Er verspricht weitere Autobahnen und eine Hochgeschwindigkeitszug von Karatschi nach Peschawar. In den vergangenen fünf Jahren, in denen die Pakistanische Muslimliga Nawaz die Provinzregierung des Punjab kontrollierte, wurde er für teure Pläne kritisiert, mitunter gebe er viel des Bildungsetats für eine handvoll Vorzeigeschulen1 für schlechtergestellte Kinder aus.

Als Anhänger des freien Marktes hofft er, Pakistans Subventionen verschlingende staatliche Wirtschaft zu regenerieren, und spricht sich für eine Privatisierung der Bahn und der nationalen Fluglinie aus. Er ist ebenso entschlossen, Anstrengungen wieder aufzunehmen, die während seiner letzten Regierung unternommen wurden, um die Beziehungen zu Indien zu verbessern. Die beiden Länder lagen seit 1947 drei Mal miteinander im Krieg.

Heutzutage ist es für Inder und Pakistaner nahezu unmöglich durch ihre ehemalige gemeinsame Heimat zu reisen. Der Handel ist unbedeutend und Pakistan ist gezwungen, große Mengen seiner mageren öffentlichen Einnahmen für die Verteidigung auszugeben.

In diesem Jahr sagte Sharif zum Caravan Magazine, dass Indien und Pakistan in einem Rüstungswettlauf fest stecken. „Wir verschwenden all unser Geld für F-16. Sie kaufen Panzer, wir kaufen auch Panzer. Wir verschwenden all unsere Schätze. Beide Länder haben Milliarden von Dollar mit dem Aufbau einer Abwehr vergeudet.“ sagte er. „Ich denke wir sollten uns mit Indien zusammensetzen. Beide Länder – sie müssen es zusammen tun – wie Amerika und die Sowjetunion es gelöst haben, so müssen Indien und Pakistan es auch lösen.“

Der eingeschlossene Angriff auf Pakistans Verteidigungshaushalt ist extrem gewagt. Wenige Politiker trauen sich, es mit der allmächtigen militärischen Organisation aufzunehmen und riskieren es, dass ihr Patriotismus in Frage gestellt wird.

Gerade ein paar Tage vor der Wahl in der letzten Woche erzählte Sharif einem indischen Journalisten, dass würde eine Untersuchung der Angriffe von 2008 auf Mumbai anordnen, für den Pakistans Geheimdienst beschuldigt wurde, dahinter zu stecken.

„Manchmal sind Konservative gut darin, Frieden mit ihren Feinden zu schließen.“ Sagt Mushahid Hussain, ein Mitglied von Sharifs zweiten Regierungskabinett, der jetzt jedoch Senator einer anderen Partei ist. „Herr Sharif kommt aus dem Herzland des Punjab, aus einer Partei rechts von der Mitte mit islamischer Einfärbung. Das verleiht ihm eine glaubwürdigere Stellung um den Friedensprozess vorwärts zu bringen, ohne für Beschwichtigung angegriffen zu werden.“

Einige befürchten, die Euphorie über die allgemeinen Wahlen trübe die Erinnerung der Menschen an Sharif, den schwachen Funktionär mit einem schlechten Auge für Einzelheiten. Ihm wurde vorgeworfen seine Generale tanzten im Reigen um ihn herum, während sie Truppen über die Kontrolllinie schickten, die Kaschmir im Sommer 1999 teilte, um strategisch wichtige Außenposten im Kargil-Distrikt zu besetzen.

Der katastrophale Schachzug brachte die beiden Nuklearstaaten an den Rand des Krieges. Sharif sagt, man ließ ihn unwissend. „Er wurde informiert, aber konnte einfach nicht verstehen, was sie ihm erzählten.“ sagt Ayaz Amir, ein scharfzüngiger Ex-Parlamentarier, der die Muslimliga vor Kurzem verließ.

Es wurde berichtet, er habe nur kommentiert, dass die belegten Brote sehr gut waren.“

Obwohl er jetzt zum Retter der Wirtschaft befördert worden ist, 1999 hatte er den Vorsitz über eine Wirtschaft, die von internationalen Sanktionen geschwächt war, die verhängt wurden, nachdem Sharif im Mai 1998 fatalerweise entschied, eine nukleare Waffe zu testen.

„Die Menschen haben vergessen, dass es, als Muscharraf ihn ablöste, nationale Feierlichkeiten gab, Leute schenkten sich in den Supermärkten Süßigkeiten.“ sagt Shaukat Qadir, ein pensionierter Brigadegeneral. „Da war diese Ahnung, dass Sharif das Land nicht in die richtige Richtung geführt hatte, er regierte nicht gut und er sorgte sich nicht um die Wirtschaft.

Einige behaupten Pakistan habe sich seit 1999 mindestens so verändert, wie der korpulente Premierminister. Eine autokratische Herrschaft sei wesentlich komplexer, angesichts der Entstehung einer entschlossen unabhängigen Justiz und streitlustiger, diversifizierter Medien.

Frieden mit Indien mag leichter herzustellen sein, weil Pakistan jetzt die Bombe hat, sagte Hussain. Pakistan ist heute selbstbewusster [durch Nukleare Waffen], und haben ebenfalls die Bedrohung vor einer Invasion und die Angst von einem größeren, bedrohlichen Nachbarn verschlungen zu werden, beseitigt. Nach 9/11 besteht die wichtigste Bedrohung für Pakistan nicht mehr in Indien, sondern in seinem Inneren, in Terrorismus und Extremismus innerhalb Pakistans.

Sharifs Absichten bezüglich Extremisten machen vielen weiterhin Sorgen. Der Pakistanische Muslimliga (PML-N) wurde vorgeworfen, religiös motivierte Terroristen in ihrem Zentrum, dem Punjab, zu ignorieren, im Gegenzug dafür, in Ruhe gelassen zu werden. Ihre Verteidiger sagen, die Muslimliga hatte einfach keine Wahl, wenn sie die nötigen Sitze gewinnen wollte. „Er war immer schon rechts orientiert.“ sagt Raza Rabbani, ein alter Senator der Pakistanischen Volkspartei. „Die Versuchung war in der Vergangenheit da, seinen rechten islamischen Wahlkreis damit zu befriedigen, dass er sagte: ‚Ich habe die Scharia eingeführt.’“

1999 versuchte Sharif, aus Pakistan ein islamistisches Kalifat unter Scharia-Recht zu machen, dem islamischen Rechtssystem aus dem siebten Jahrhundert, mit ihm als mächtigem Herrscher. Rabbani sagte, er sei ein „wenig skeptisch“, ob Sharifs politische Ansichten sich fundamental geändert habe.

Andere sind bereit Sharif im Zweifelsfall zu vertrauen. Ein ehemaliger Gegner sagte, die Jahre im Exil in Saudi-Arabien hätten Sharif halbwegs von jeglicher Begeisterung kuriert, die Religion zur wichtigsten nationalen Angelegenheit zu machen.

Sharif sagte, er bedaure seine starke Unterstützung der Taliban in den späten 1990-ern, Pakistan solle sich nicht länger anstrengen sich in die Angelegenheiten des kleinen Nachbarlandes einzumischen.

„Wie die meisten Pakistaner ist er ein recht guter Muslim, was den Glauben und zentrale Rituale und die Fahrt nach Mekka angeht.“ sagte Hussain. Aber in kulturellen Begriffen ist er ziemlich entspannt. Er mag Musik und Filme und hat einen guten Sinn für Humor. Er ist nicht der durchschnittliche Typ eines ernsten, schmollenden Fundis.“

Aber, Sharif wird hart daran arbeiten müssen, das Vertrauen, das ihm der erdrutschartige Sieg mit einem historischen guten Ergebnis beschert hat, zu behalten.

„Tatsächlich hat er gewonnen, weil die Regierung der Pakistanischen Volkspartei (Pakistan Peoples Party) so tölpelhaft und unfähig war, dass sie die Pakistanische Muslimliga (PML-N) gut aussehen ließen.“ sagte Amir. „Sehr bald wird der Applaus verstummen. Die Siegeseuphorie der Wahl wird verklingen und die Realität wird sie ablösen.“

Kurzprofil

Geburtsdatum 25. Dezember 1949

Alter 63

Höhepunkt zum dritten Mal wiedergewählt zum Premierminister, nachdem ihn politische Lästergenossen schon lange abgeschrieben hatten.

Tiefpunkt Wegen Verwicklung in einen Militärputsch Im Oktober 1999, wurde Sharif festgenommen, und wegen Terrorismus auf Bewährung ins Exil nach Saudi-Arabien geschickt.

Was er sagt „Muscharraf hat Pakistan zerstört. Er folgt blind Amerikas Anweisungen. Ganz Pakistan schwimmt im Blut.

Was gesagt wird „Die Regierung von Herrn Nawaz Sharif versuchte die Armee in die Politik zu ziehen, sie zu destabilisieren und Zwietracht in ihren Reihen zu säen.“ Pervez Muscharraf.

1 Daanish Schulen sind ein innovatives Bildungsprojekt der Regierung Sharif in Pakistan aus dem Jahre 2011.

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