Nadezhda Tolokonnikova von Pussy Riot: Warum Ich in den Hungerstreik trete

In einem offenen Brief erklärt das inhaftierte Pussy-Riot- Mitglied, warum die brutalen Bedingungen in der Strafkolonie Nr.14 dazu geführt haben, dass sie sich aus Protest in den Hungerstreik begeben hat

guardian.co.uk Montag, der 23September 2013


Nadezhda Tolokonnikova von Pussy Riot vor Gericht 2012.

Bild: Aleshkovsky Mitya/ Aleshkovsky Mitya/ITAR-TASS Photo/Corbis

Von Montag, dem 23. September an, begebe ich mich in den Hungerstreik. Das ist eine extreme Methode, aber meiner Überzeugung nach der einzige Weg aus der derzeitigen Lage.

Die Verwaltung der Kolonie weigert sich, mich anzuhören. Aber ich, im Gegenzug, weigere mich, meine Forderungen aufzugeben. Ich werde mich nicht still verhalten und resigniert zuschauen, wenn meine Mitgefangenen unter der Belastung sklavereiähnlicher Bedingungen zusammenbrechen. Ich verlange, dass die Verwaltung die Menschenrechte respektiert; Ich verlange, dass das Mordwinische Lager in Einklang mit dem Gesetz arbeitet. Ich verlange, dass wir wie Menschen, nicht wie Sklaven behandelt werden.

Es ist ein Jahr vergangen, seit ich in Strafkolonie Nr.14 ankam, außerhalb des Dorfs in MordwinienWie es unter Gefangenen heißt: Wer noch nie in Mordwinien saß, saß überhaupt noch nicht. Ich hörte zum ersten Mal von den Mordwinischen Gefängniskolonien, als ich noch im Untersuchungsgefängnis Nr.6 in Moskau festgehalten wurde. Sie haben die höchsten Sicherheitsstufen, die längsten Arbeitstage und die schamlosesten Rechtsbrüche. Wenn sie dich nach Mordwinien schicken, ist es, als gingst du zum Schafott. Bist zum letzten Moment hoffst du: ‚Vielleicht schicken sie dich am Ende gar nicht nach Mordwinien? Vielleicht wird es abgeblasen?‘ Nichts wurde abgeblasen, und im Herbst 2012 kam ich im Lager, an den Ufern des Flusses Partsa, an.

Mordwinien begrüßte mich mit den Worten des stellvertretenden Chefs der Strafkolonie, Oberstleutnant Kupriyanov, der de facto Verwaltungschef unserer Kolonie ist. ‚Sie sollten wissen, dass wen es um Politik geht, ich Stalinist bin.‘ Oberst Kulagin, der andere Chefverwalter – die Kolonie wird gemeinsam geführt – rief mich herein zu einem Gespräch, an meinem ersten Tag hier, mit dem Ziel mich zu zwingen, meine Schuld einzugestehen. ‚Du hast Pech gehabt, nicht wahr? Du bist zu zwei Jahren in der Kolonie verurteilt worden. Gewöhnlich ändern Menschen ihre Meinungen, wenn ihnen schlechtes widerfährt. Wenn du so bald wie möglich Bewährung bekommen willst, muss du deine Schuld zugeben. Wenn nicht, wirst du keine Bewährung bekommen.‘ Ich sagte ihm sofort, dass ich nur 8 Stunden am Tag Arbeiten würde, wie es das Arbeitsrecht vorsieht. ‚Das Recht ist die eine Sache – worum es wirklich geht, ist dass du deine Quote erfüllst. Wenn nicht, arbeitest du Überstunden. Du solltest wissen, dass wir stärkere Willen als deinen gebrochen haben.‘ war Kulagins Antwort.

Mein Trupp in der Nähstube arbeitet 16 bis 17 Stunden am Tag. Von 7 Uhr 30 am Morgen bis um 00:30 in der Nacht. Im besten Fall bekommen wir vier Stunden Schlaf pro Nacht. Wir haben jeden Monat anderthalb Tage frei. Wir arbeiten nahezu jeden Sonntag. Gefangene legen aus [ihrem] eigenen Wunsch Petitionen zum arbeiten am Wochenende vor. Tatsächlich gibt es diesen Wunsch natürlich gar nicht. Diese Petitionen werden auf Befehl der Verwaltung geschrieben und unter dem Druck der Gefangenen, die helfen, sie zu erzwingen.

Niemand wagt sich diesen Befehlen nicht zu gehorchen und solche Petitionen nicht zu unterstützen, die den Sonntag zum Arbeitstag machen sollen, was bedeutet bis um 1 Uhr morgens zu arbeiten. Einmal wollte eine 50 Jahre alte Frau um 8 Uhr abends zurück in den Aufenthaltsbereich, statt um 00 Uhr 30, damit sie um 10 zu Bett gehen könnte und einmal in der Woche 8 Stunden Schlabekommen. Sie fühlte sich krank; sie hatte Bluthochdruck. Daraufhin hielt man eine Versammlung ab um der Frau einen Dämpfer zu versetzen, sie zu beleidigen und sie zu erniedrigen, sie als Parasiten zu brandmarken. ‚Glaubst du, du bist die einzige die länger schlafen will? Du musst härter arbeiten, du Kuh!‘ Kommt jemand aus dem Trupp auf Anweisung des Arztes nicht zur Arbeit, werden auch sie geschurigelt. ‚Ich arbeitete mit 40° Fieber, und es war ok. Was denkst du, wer wird die Lücke für dich füllen?‘

Mein Wohntrupp im Lager begrüßte mich mit den Worten einer Mitgefangenen, die ihren neunjährigen Aufenthalt beendete, ‚Die Schweine haben Angst dich selbst anzufassen. Sie wollen, dass es durch die Hände der Insassen geschieht.‘ , In der Kolonie sind die Insassen, die für die Trupps verantwortlich sind, genau wie ihre älteren Mitglieder, diejenigen, denen es obliegt, ihre Mitgefangenen der Rechte zu berauben, sie zu terrorisieren, und sie zu sprachlosen Sklaven zu machen – alles auf Befehl der Verwaltung.

Für die Aufrechterhaltung von Disziplin und Gehorsam gibt es ein umfassendes System inoffizieller Bestrafungen. Gefangene werden gezwungen, in der Lokalka [einem fensterlosen Gang zwischen zwei Bereichen im Lager] zu bleiben, bis die Lichter ausgehen (der Gefangene darf nicht in die Unterkünfte gehen; egal ob Herbst oder Winter. Im zweiten Trupp, der aus Arbeitsunfähigen und Alten besteht, gab es eine Frau, die am Ende so schlimme Erfrierungen erlitt, nach einem Tag in der Lokalka, dass sie ihre Finger amputieren mussten und einen ihrer Füße.); verspielte Hygieneprivilegien (dem Gefangenen ist es verboten, sich zu waschen oder die Waschräume zu benutzen); verspielte Auftrags- und Teestubenprivilegien (Dem Gefangenen ist es verboten ihr eigenes Essen zu verzehren, oder Getränke).Es ist gleichzeitig witzig und beängstigend, wenn eine 40 Jahre alte Frau dir erzählt: ‚Es sieht so aus, als würden wir heute bestraft werden! Ich frage mich, ob wir morgen auch bestraft werden.‘ Sie kann die Nähstube nicht verlassen um zu pinkeln oder ein Bonbon aus ihrer Tasche zu holen. Es ist verboten.

Da sie nur noch an Schlaf denken und ein Schlückchen Tee, wird der schikanierte und dreckige Gefangene gehorsam formbar in den Händen der Verwaltung, die uns ausschließlich als kostenlose Sklavenarbeit betrachtet. Dadurch betrug mein Gehalt im Juni 2013 29 (29!) Rubel [67cent] für den Monat. Unser Trupp näht 150 Polizeiuniformen am Tag. Wohin geht das Geld, das sie dafür bekommen?

Das Lager hat einige Male Finanzierungen zugewiesen bekommen, für komplett neue Ausrüstung um Nähmaschinen von ihren Arbeitern neu anmalen zu lassen. Wir nähen mit technisch und sittlich ausgepumpten Maschinen. Dem Arbeitsgesetz zufolge müssen, wenn die Ausrüstung nicht den aktuellen Industriestandards entspricht, die Quoten im Verhältnis zu den wirklichen Handelsabkommen stehen. Aber die Quoten steigen einfach nur, noch dazu plötzlich und wie durch ein Wunder. ‚Wenn du ihnen vor Augen führst, dass du 100 Uniformen am Tag liefern kannst, werden sie das Minimum auf 120 anheben!‘ sagen ehemalige Maschinenführer. Und du kannst auch gar nicht anders als liefern, oder deine ganze Einheit wird bestraft, der ganze Trupp. Die Bestrafung wird zum Beispiel sein, dass ihr alle stundenlang im Hof stehen müsst. Ohne Erlaubnis aufs Klo zu gehen, oder ein Schlückchen Wasser zu trinken.

Zwei Wochen ist es her, da wurden die Quoten für alle Trupps der Kolonie willkürlich um 50 Einheiten hochgesetzt. Lag das Minimum vorher bei 50 Uniformen pro Tag, jetzt sind es 150. Das Arbeitsgesetz sagt, Arbeiter müssen von einer Veränderung nicht weniger als zwei Monate benachrichtigt werden, bevor sie durchgeführt wird. In PC-14 wachten wir einfach eines Tages auf um festzustellen, dass wir eine neue Quote hatten, weil die Administratoren unseres Ausbeuterbude (so nennen die Gefangenen die Kolonie) zufällig die Idee hatten.

Die Anzahl der Leute in der Truppe nimmt ab (sie kommen frei oder werden versetzt), aber die Quote wächst. Im Ergebnis müssen die, die zurückbleiben, immer härter und härter arbeiten. Die Mechaniker sagen, dass sie nicht die nötigen Teile haben, um die Maschinen zu reparieren, und dass sie sie nicht bekommen werden. ‚Es gibt keine Ersatzteile! Wann kommen sie? Machst du Witze? Das ist Russland. Wozu die Frage?‘

Während meiner ersten paar Monate im Arbeitsbereich, wurde ich praktisch zum Mechaniker. Ich brachte es mir selbst notwendigerweise bei. Ich schmiss mich auf meine Maschine, Schraubenzieher in der Hand, verzweifelt, sie zu reparieren. Deine Hände sind voller Nadelstiche und bedeckt von Kratzern, dein Blut auf dem ganzen Arbeitstisch, aber dennoch, du nähst weiter. Du bist Teil des Fließbandes, und du musst deine Aufgabe erledigen, genau wie die erfahrenen Näher(innen). Inzwischen versagt die verdammte Maschine. Weil du neu bist und es einen Mangel gibt, hast du am Ende das schlimmste Gerät – den schwächsten Motor der Kette. Und jetzt ist sie wieder kaputt, und wieder einmal rennst du los um den Mechaniker zu finden, der unmöglich aufzuspüren ist. Sie brüllen dich an, sie schimpfen dich aus, weil du die Produktion verlangsamst. Es gibt in der Kolonie auch keine Nähkurse. Neulinge werden kurzerhand vor ihre Maschinen gesetzt und mit Aufträgen versorgt.

Wenn du nicht Tolokonnikova wärst, hätten wir die Scheiße schon lange aus dir herausgeprügelt.‘ sagen Mitgefangene mit engem Bezug zur Verwaltung. Das stimmt: andere werden zusammengeschlagen. Weil sie nicht Schritt halten können. Sie schlagen sie in die Nieren, ins Gesicht. Gefangene selbst liefern diese Schläge und nicht ein einziger davon geschieht ohne Zustimmung und vollen Kenntnis der Verwaltung. Vor einem Jahr, bevor ich hierher kam, wurde eine Zigeuner-Frau aus der dritten Einheit zu Tode geprügelt (das ist die Belastungseinheit, in die man Gefangene versetzt, die tägliche Schläge erdulden müssen). Sie starb in der medizinischen Abteilung von PC-14. Die Verwaltung konnte es vertuschen: der offizielle Grund für ihren Tod war ein Herzschlag. In einer anderen Einheit wurden neue Näherinnen, die nicht mehr konnten, gezwungen sich auszuziehen und nackt zu nähen. Niemand wagt es, sich bei der Verwaltung zu beschweren, denn alles was sie tun werden, ist lächeln und die Gefangenen wieder in ihre Einheit schicken, wo die ‚Petze‘ auf Anweisung exakt dieser Verwaltung geschlagen wird. Für die Verwaltung der Kolonie ist kontrollierte Schikane eine praktische Methode um Gefangene zu totaler Unterwerfung unter ihren systematischen Missbrauch der Menschenrechte zu zwingen.

Eine bedrohliche, nervöse Stimmung durchdringt den Arbeitsbereich. Unaufhörlicher Schlafentzug, übermannt von dem endlosen Rennen um unmenschliche Quoten zu erfüllen, sind Gefangene dauernd kurz davor zusammenzubrechen, schreien sich an, kämpfen wegen den geringsten Anlässen. Gerade wurde einer jungen Frau mit einer Schere in den Kopf gestochen, weil sie nicht zeitig genug ein paar Unterhosen abgab. Eine andere versuchte sich den Bauch mit einer Metallsäge zu öffnen. Sie hielten sie auf.

Wer sich 2010 in PC-14 befand, dem Jahr von Rauch und Feuer, sagte, dass, während die Flächenbrände sich den Koloniemauern näherten, Gefangene in den Arbeitsbereich gingen, um ihre Quoten zu erfüllen. Aufgrund des Rauchs konnte man keine zwei Meter weit sehen, aber, mit Taschentüchern vor dem Gesicht, gingen sie alle trotzdem zur Arbeit. Aufgrund der Notfalllage, brachte man Gefangene nicht zu Mahlzeiten in die Cafeteria. Mehrere Frauen erzählten mir, das sie so schrecklichen Hunger hatten, dass sie anfingen Tagebücher zu schreiben, um den Schrecken zu dokumentieren, der ihnen widerfuhr. Als die Feuer schließlich gelöscht waren, merzte die Lagersicherheit diese Tagebücher gründlich aus, so dass keins von ihnen nach draußen gelangen konnte.

Die hygienischen und Wohnbedingungen des Lagers sind beabsichtigt, um dem Gefangenen das Gefühl u vermitteln, er sei ein dreckiges Tier ohne Rechte. Obwohl es ‚Hygieneräume‘ in den Schlafräumen gibt, gibt es auch einen ‚allgemeinen Hygieneraum‘ mit einer korrigierenden und bestrafenden Absicht. Der Raum fasst fünf,; trotzdem werden alle 800 Gefangenen dorthin geschickt, um sich zu waschen. Wir dürfen uns nicht in den Hygieneräumen in unseren Unterkünften waschen – das wäre zu einfach. Im ‚allgemeinen Hygieneraum‘, im unaufhörlichen Gedränge, versuchen Frauen mit kleinen Zubern ihre ‚Kindermädchen‘ (wie sie sie in Mordwinien nennen) so schnell wie möglich zu waschen, eine auf die andere gestapelt. Wir dürfen uns einmal in der Woche die Haare waschen. Dennoch wird sogar dieser Badetag abgesagt. Eine Pumpe wird versagen oder die Sanitäranlagen werden ausgestellt. Manchmal konnte sich meine Einheit zwei oder drei Wochen lang nicht waschen.

Wenn die Sanitäranlagen ausfallen, spritzt Urin und Fäkalklumpen fliegen aus den Hygieneräumen. Wir haben gelernt, die Leitungen selbst freizumachen, aber der Erfolg hält nur kurz an – bald sind sie wieder verstopft. Die Kolonie hat keine Spirale, um die Leitungen zu reinigen. Wir können einmal die Woche waschen. Die Wäscherei ist ein kleiner Raum mit drei Hähnen, aus denen schwach Wasser strömt.

Es muss auch eine Korrekturmaßnahme sein, den Gefangenen nur trockenes Brot zu geben, stark verwässerte Milch, extrem geröstete Hirse und verfaulte Kartoffeln. Diesen Sommer brachten sie haufenweise Säcke voller schleimiger, schwarzer Kartoffeln mit. Dann verfütterten sie sie an uns.

Die Verstöße gegen Lebens- und Arbeitsbedingungen in PC-14 sind endlos. Meine größte und wichtigste Sorge ist jedoch größer als alle zusammen. Sie besteht darin, das die Verwaltung der Kolonie verhindert, dass irgendeine Beschwerde oder Anspruch bezüglich der Bedingungen in PC-14 die Kolonie verlässt, und das mit den härtesten Mitteln. Die Verwaltung zwingt Menschen zum Schweigen. Sie macht nicht davor halt, dich zu diesem Zweck mit den untersten und grausamsten Mitteln zu erniedrigen. Alle anderen Probleme hängen an diesem einen – die erhöhten Quoten, der 16-Stunden-Tag, und so weiter. Die Verwaltung fühlt sich unantastbar; Achtlos unterdrückt sie Gefangene mit wachsender Härte. Ich, konnte nicht verstehen warum alle ruhig blieben, bis ich mich selbst mit der Flut konfrontiert sah, die Gefangene überrollt, die sich für das Reden entscheiden. Beschwerden verlassen das Gefängnis ganz einfach nicht. Die einzige Chance besteht darin, sich über Anwälte oder Verwandte zu beschweren. Die Verwaltung wird inzwischen versuchen, kleingeistig und rachsüchtig wie sie ist, mit all ihren Mechanismen Druck auf die Gefangene auszuüben, damit sie sieht, dass ihre Beschwerden niemandem helfen, sondern sie Dinge nur schlimmer macht. Sie bestrafen kollektiv: Du beschwerst dich, dass es kein heißes Wasser gibt, und sie drehen es ganz ab.

Im Mai 2013 legte mein Anwalt, Dmitry Dinze eine Beschwerde über die Bedingungen in PC-14 bei der Staatsanwaltschaft ein. Der stellvertretende Chef der Kolonie, Oberstleutnant Kupriyanov, machte die Bedingungen im Lager umgehend unertragbar. Es gab Durchsuchung auf Durchsuchung, eine Flut von Berichten über alle meine Bekanntschaften, die Beschlagnahme warmer Kleidung, und Drohungen der Beschlagnahme warmer Schuhe. Auf der Arbeit rächen sie sich mit komplizierten Nähaufgaben, erhöhten Quoten und fabrizierten Fehlfunktionen. Die Anführer der Einheit neben meiner, Oberstleutnant Kupriyanovs rechte Hände, verlangten unverhohlen, dass Gefangene mich bei der Arbeit störten, sodass man mich in die Strafzelle schicken konnte, wegen ‚Beschädigung staatlichen Eigentums‘. Sie wiesen Gefangene ebenso an, Streit mit mir zu suchen.

Es ist möglich alles zu ertragen, solange es nur dich betrifft. Aber die Methode der kollektiven Bestrafung wiegt schwerer. Das bedeutet, dass deine ganze Einheit, oder sogar die ganze Kolonie, deine Bestrafung mit dir aushalten muss. Dazu gehören, und das ist das Schlimmste, Menschen, die dir inzwischen etwas bedeuten. Einem meiner Freunde wurde die Bewährung verweigert, auf die sie seit sieben Jahren gewartet hatte, und hart arbeitete, um ihre Arbeitsquoten zu übertreffen. Sie erhielt einen Verweis, weil sie Tee mit mir getrunken hatte. An diesem Tag versetzte sie Oberstleutnant Kupriyanov in eine andere Einheit. Eine weitere enge Bekanntschaft von mir, eine sehr gebildete Frau, wurde der ‚Stress-Einheit‘ für tägliche Schläge vorgeworfen, weil sie mit mir ein Dokument des Justizministeriums gelesen und diskutiert hatte, das heißt: ‚Bestimmungen für die tägliche Führung in Vollzugseinrichtungen.‘ Sie fertigten Berichte über jeden an, der mit mir sprach. Es tat mir weh, dass Menschen, an denen mir etwas liegt, gezwungen wurden zu leiden. Grinsend erklärte mir Oberstleutnant Kupriyanov anschließend: ‚Du hast vermutlich gar keine Freunde mehr!‘ Er erklärte, dass alles geschehe wegen Dinzes Beschwerde.

Jetzt sehe ich ein, dass ich im Mai in den Hungerstreik hätte treten sollen, als ich mich zum ersten Mal in dieser Situation befand. Dennoch, der enorme Druck, den die Verwaltung wegen meiner Taten auf meine Mitgefangenen ausübte, ließ mich den Vorgang des Archivierens von Beschwerden über die Zustände in der Kolonie beenden.

Drei Wochen zuvor, am 30. August, riet ich Oberstleutnant Kupriyanov, meinem Arbeitstrupp acht Stunden Schlaf Stunden zu bewilligen. ‚Gut,von Montag an wird der Trupp nur noch 8 Stunden auf einmal arbeiten.‘ antwortete er. Ich wusste, das war eine weitere Falle, weil es körperlich unmöglich ist, die erhöhte Quote in 8 Stunden zu bewältigen. Darum wird der Trupp nicht die Zeit haben und hinterher bestraft werden.

Sollte irgendwer herausfinden, dass du dahinter steckst, wirst du dich niemals wieder beschweren.‘ fuhr der Oberstleutnant fort. ‚Aber schließlich gibt es auch nichts, worüber man sich in dem Leben nach dem Tod beschweren könnte.‘ Kupriyanov machte eine Pause. ‚Und abschließend, frag nie nach etwas für andere. Frag nur für dich selbst. Ich arbeite schon seit vielen Jahren in den Lagern, und diejenigen, die zu mir kommen und etwas für andere wollen, wandern direkt aus meinem Büro in die Strafzelle. Du bist die erste, der das nicht passiert.‘

In den darauffolgenden Wochen wurde das Leben in meiner Abteilung und meinem Arbeitstrupp unmöglich. Gefangene mit engen Beziehungen zur Verwaltung begannen die anderen aufzustacheln, um sich zu rächen. ‚Tee und Nahrung sind verboten, keine Klopausen, Rauchverbot für eine Woche. Ihr werdet jetzt bestraft, bis ihr mit den Neulingen anders umgeht, und vor allem mit Tolokonnikova. Behandelt sie wie die Alteingesessenen euch behandelt haben. Wurdet ihr geschlagen? Na klar. Zerschlitzten sie eure Münder? Taten sie. Macht sie fertig. Ihr werdet nicht bestraft.‘

Wieder und wieder versuchen sie mich dazu zu bringen, gegen einen von ihnen zu kämpfen, aber was soll der Kampf mit Leuten, die nicht für sich selbst verantwortlich sind, die nur Befehle der Verwaltung ausführen?

Gefangene Mordwiniens fürchten sich vor ihren eigenen Schatten. Sie sind gelähmt vor Angst. Waren sie gestern noch gut auf dich zu sprechen und baten dich, ‚Mach etwas gegen den 16-Stunden-Tag!‘, nachdem die Verwaltung sich auf mich eingeschossen hatte, trauen sie sich nicht einmal mehr, mich anzusprechen.

Ich wandte mich an die Verwaltung mit einem Vorschlag, wie man mit dem Konflikt umgehen könne. Ich forderte, dass sie mir den Druck ersparen, den Sie fabrizieren, und über den die Gefangenen, die sie kontrollieren, verfügen.; dass sie die Sklavenarbeit in der Kolonie abschaffen, indem sie den Arbeitstag kürzen und die Quoten reduzieren, so dass sie dem Gesetz entsprechen. Der Druck hat nur zugenommen. Darum gehe ich, beginnend mit dem 23.September, in den Hungerstreik und weigere mich, an der Sklavenarbeit der Kolonie teilzuhaben. Ich werde dies tun, bis die Verwaltung beginnt, das Gesetz zu beachten und aufhört, eingesperrte Frauen wie Vieh zu behandeln, das die Gefilde der Justiz ausgespuckt haben, mit dem Zweck die Produktion der Nähindustrie aufzustocken; Bis sie uns behandeln wie Menschen.

Übersetzung aus dem Russischen: Bela Shayevich vom n+1 Magazindas den Fall von Pussy Riot ausführlich behandelt.

Quelle: http://www.theguardian.com/music/2013/sep/23/pussy-riot-hunger-strike-nadezhda-tolokonnikova

Übersetzung: Thorsten Ramin

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