Mich, mein Selbst und Ich komplett

Mich, mein Selbst und Ich

Stephen Greenblatt

AUSGABE 8. APRIL 2004

Solitary Sex: A Cultural History of Masturbation

von Thomas W. Laqueur

Zone, 501 S., $34.00

1.

Vor zwei Jahren, als ich den Vorsitz über einen Lehrstuhl mit dem Namen Geschichte und Literatur führte, hatte ich eine Idee, die mir zu der Zeit glänzend erschien. Wir hatten ein regelmäßiges Forum in dem wir Lesungen terminierten, das von ausgezeichneten Wissenschaftlern besucht wurde, deren Werke disziplinäre Grenzen kühn überquerten. Ich wollte meinen Freund und Ex-Berkeley-Kollegen Thomas Laqueur einladen, der, wie ich wusste, an einem ehrgeizigen neuen Buch arbeitete, das die Geschichte der Medizin mit Kulturgeschichte, Psychologie, Theologie und Literatur verwob.

Es war nicht nur eine Frage der Freundschaft; Laqueurs gefeiertes Buch von 1990, Making Sex – über die medizinischen Entdeckung oder Erfindung des sexuellen Unterschieds – hatte eine deutliche Wirkung auf ein breite Auswahl von Fächern, von der Wissenschaftsgeschichte bis zur Geschlechterforschung, von der Literaturkritik bis zur Kunstgeschichte. Erkenntnis oder Erfindung: Das gemeinsame Verständnis des Unterschieds zwischen Man und Frau verändere sich, behauptete Laqueur, weniger aufgrund empirischer Erkenntnisse als aufgrund einer komplexen sozialen Neubewertung. Sein Buch zeigte, dass die Menschen im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert nach und nach vom Modell des Einen Geschlechts – in dem der Körper der Frau als eine glücklicherweise unterlegene Form des Mannes angesehen wurde – zu einem Modell der Zwei Geschlechter, das die Gebärorgane als recht unterschiedlich einstufte. Das heißt, man verwarf den antiken Gedanken, dass die Vagina in Wirklichkeit ein verkümmerter Penis sei und begriff, dass das, von dem man dachte es sei ein Hodenhochstand bei der Frau, tatsächlich etwas ganz anderes war, etwas das man Ovarien oder Eierstöcke nennt. In literarischen Begriffen bewegte man sich von Shakespeares beherzten, burschikosen Heldinnen – Rosalinde oder Viola – zu Dickens‘ seltsam engelsgleichen Wesen – Agnes Wicklow oder Little Dorrit – die aus einem anderen Holz geschnitzt zu sein scheinen als Männer oder auf einem anderen Planeten aufgewachsen oder, genauer, innerlich anders.

Laqueurs jüngstes Buch, Einsamer Sex: Eine Kulturgeschichte der Masturbation, teilt mit Making Sex die gleiche verblüffende einleitende Prämisse: das etwas, das wir für wahr halten etwas das ohne etwas zu sagen funktioniert, etwas das ganz einfach Teil des menschlichen Wesens zu sein scheint, tatsächlich eine Geschichte hat, und darüber hinaus eine faszinierende, widersprüchliche und bedeutungsschwere Geschichte. Wen wundert es also, dass er wie jemand wirkte, dessen Schriften und Lesungen das Semester für die Studenten inspirieren würden. In der Tat begeisterte er das Semester, aber dabei passierte etwas seltsames: Es begann das große Bibbern. Die Panik erfasste nicht die Studenten – viele von ihnen müssen Verrückt nach Mary gesehen haben, bevor sie mündig wurden – sondern den Kern der Lehrer, die die Seminare leiteten und die Tutorien durchführten. Auch wenn sie gebildet und intensiv geschult waren, als sie damit konfrontiert wurden, die Geschichte der Masturbation  mit den Studenten zu diskutieren, erbleichten viele. Koprophagie hätte sie nicht geschockt, Sodomie hätte sie nicht aus dem Ruder gebracht, Inzest hätte ihr reges Interesse geweckt – aber Masturbation: Bitte, nur nicht das.

Auf einen Ansturm nervöser Gespräche folgend, berief ich einen Stab ein um die Große Masurbative Krise zu besprechen. Was mir zuerst auffiel war, dass jeder über Nacht übermäßig empfindlich für Zeideutigkeiten geworden war, als ob die Sprache selbst Fieber hätte. „Wann wird Laqueur kommen?“ (Glucksen) „Sein Besuch wirft viele Fragen auf.“ (Kichern) „Was sollen wir hoffen, wird nei dieser Diskussion herauskommen?“ (Lautes Gelächter) Vielleicht als Antwort auf diesen Ausbruch an Albernheit, stand eine erfahrene und normalerweise recht vernünftige Lehrerin auf und hielt eine dringende Ansprache. „Ich habe bereits zuvor Themen mit sexuellen Inhalten gelehrt,“ sagte sie ernst, „und eine Sache ist, glaube ich, von höchster Wichtigkeit: Es darf nicht gelacht werden. Wenn man es den Studenten einmal erlaubt, ist es vorbei.“

Angesichts der Tatsache, dass das Thema Masturbation Lachen zu provozieren pflegt, war das  peinlich genug, aber noch peinlicher war die Antwort eines anderen Lehrers: Es sei, erklärte er, nicht mit seinem Gewissen vereinbar, Studenten anzuweisen, Laqueurs neues Buch zu lesen, oder zu verlangen, dass sie die Lesung besuchen. Es sei nicht so, gab er zu, dass das Thema – die Beziehung zwischen der medizinischen Erfassung des menschlichen Verhaltens und der Vorstellung – unwichtig sei, es sollte aber nur in etwas besprochen werden, das er „nicht-zwingenden Rahmen“ nannte. Damit unetrschied es sich praktisch von jedem anderen Thema, das wir vergeben könnten. Da wir sein Gewissen nicht belasten wollten, entbund ich ihn von der Pflicht und sagte ihm, dass, sollten irgendwelche Studenten (denen ich die Möglichkeit gewähren würde) seine Bedenken teilen, ich sie mit Kapiteln aus Laqueurs tollem älterem Buch über viktorianische Sonntagsschulen und die Kultur der Arbeiterklasse unterrichten könnte. Am Ende wählte kein Student diese Möglichkeit.

Schließlich erhielt ich einen Anruf von einer kichernden Newseek Reporterin, die mir sagte, dass sie von der bevorstehenden Lehrveranstaltung gehört habe. „Super.“ sagte ich, „Ich fände es schön, wenn Sie über die ganze Vortragsreihe schreiben könnten, die für Geschichte und Literatur in diesem Jahr vorgesehen ist.“ Nein, antwortete sie, sie sei nur an dieser interessiert. Ich verstand nun, sagte ich mit abwehrender Gelassenheit, Sie haben ein besonderes Interesse an der Nosologie des achtzehnten Jahrhunderts. – der wissenschaftlichen Klassifizierung von Krankheiten. Sie klang enttäuscht, und das Magazin begnügte sich mit einer kurzen Erwähnung, dass der „moderne Meister der Masturbation“ in diesem Jahr in Harvard auspacken würde.

Ich hatte nun kapiert, dass es Laqueur um etwas ging, das zugleich abgefahrene und wichtig war. Warum hatte ich das nicht geahnt? Hatte ich nicht Portnoys Beschwerden gelesen und Seinfeld gesehen? In ihrer letzten Amtszeit, wurde die Gesundheitsministerin Jocelyn Elders gefeuert, so wurde es behauptet, wegen ihrer offensichtlichen Unterstützung des Nutzens der Maturbation für die öffentliche Gesundheit. Auf einer Pressekonferenz in Miami sagte Präsident Bill Clinton, ihre Sichtweise auf das Thema spiegele „Gegensätze mit Verwaltungspolitik und eigenen Überzeugungen“ wider. Masturbation ist praktisch ohnegleichen, im Bereich des mehr oder weniger universellen menschlichen Verhaltens, im Auslösen eines sonderbaren und sonderbar starken Zustands der Nervosität.

Diese Unruhe, stellt Laqueur fest, kann man nicht in allen Kulturen finden und sie ist kein Teil der fernen Ursprünge unserer eigenen Kultur. Im antiken Griechenland oder Rom konnte Masturbation Gegenstand vorübergehender Verlegenheit oder Spotts sein, aber sie war medizinisch oder kulturell nicht oder kaum von Bedeutung, so weit wir es sagen können. Noch erstaunlicher ist, behauptet Laqueur, sie ist im antiken jüdischen Denken nahezu unmöglich zu finden. Diese Behauptung erscheint zunächst fragwürdig, denn in Genesis 38 lesen wir, dass Onan „seinen Samen auf den Boden fallen ließ“, was den Herrn so verärgerte, das Er ihn tötete. Onanieren wurde allerdings ein Synonym für Masturbation, jedoch nicht für die Rabbis, die den Talmid und den Midrasch auslegen. Für sie bestand die Sünde des Onan nicht in der Masturbation, sondern in der absichtlichen Weigerung sich fortzupflanzen. Ihre bgrifflichen Kategorien – Fortpflanzung, Götzendienst, Unreinheit – hatte offenkundig keinen Platz für sündigen Genuss bei kostenloser, selbst erzeugter, sexueller Befriedigung. Einige Kommentatoren scheinen auf die Äußerung von Rabbi Eliezer – „Jeder, der seinen Penis in der Hand hat wenn er pinkelt, trägt Schuld an der Sintflut (oder am Sündenpfuhl, Anm. der Übersetzers) auf dieser Welt“ – diese Befriedigung nahezu zu verdammen, aber bei sieht man genauer hin, geht es diesen Kommentatoren auch nur um die Verschwendung von Samen.

Im Gegensatz dazu hatten mittelalterliche christliche Theologen eine klare Vorstellung von der Masturbation als Sünde, Laqueur behauptet jedoch, es sei keine Sünde gewesen, die sie besonders interessiert hätte. Mit Ausnahme des Abtes John Cassian aus dem 15. Jahrhundert, waren sie mehr um etwas besorgt, das Laqueur die Ethik sozialer Sexualität nennt, als sie es um einsamen Sex waren. Von Belang waren mesit „Perversionen der Sexualität als Perversionen des Geminschaftslebens, nicht als Rückzug in asoziale Autarkie.“ Innerhalb des Klosters konzentrierte sich die Angst weit eher auf Sodomie als auf Masturbation, während sie sich auf der Welt im Großen und Ganzen eher gegen Inzest, Sex mit Tieren, Unzucht und Ehebruch wandte.

Falls Theologen Genesis 38 überhaupt kommentierten, dann verurteilten sie Onan nicht für das was er tat, sondern dafür wozu er sich weigerte: So interpretierte Saint Augustine Onan als die Art Person, der es nicht schafft, zu tun was er kann um denen in Not zu helfen. Wie es sich für eine Religion geziemt, die das strenge rabbinische Gesetz zur Fortpflanzung ablehnt, und stattdessen die monastische Keuschheit hochleben lässt, hat sich der Streit an dieser Stelle von der Verpflichtung fruchtbar zu sein und sich zu vermehren entwunden, und ist transformiert in eine algemeinere moralischere Verpflichtung. Kirchenväter konnten vor allem die jüdische Hysterie über Onan nicht teilen, gerade weil die Kirche am meisten diejenigen belohnte, deren Frömmigkeit sie aus dem Teufelskreis des sexuellen Verkehrs und der Fortpflanzung ausbrechen ließ. Theologen erlaubten Masturbation nicht, aber sie nahmen sie auch nicht scharf ins Visier, denn die Sexualität an sich, und nicht nur die reprodukktive Sexualität, galt es zu überwinden. Ein sehr strenger Moralist, Raymond von Peñafort, warnte verheiratete Männer davor, sich selbst zu berühren, aber nur weil die Erregung dafür sorgen könnte, dass sie öfter mit ihren Ehefrauen kopulierten. Besser heiraten als brennen, aber man sollte es bei einem Minimum belassen. Nur ein Text aus dem frühen 15. Jahrhundert – ein dreiseitiges Handbuch „Über die Beichte der Masturbation“, dem Kanzler der Universität zu Paris zugeordnet, Jean de Gerson – wies Priester an, wie Beichten diseer Sünde zu entlocken seien, und der Text scheint nicht weit herumgekommen zu sein.

2.

Reformationstheologen veränderten das traditionelle Verständnis der Masturbation nicht wesentlich noch verstärkten sie das Interesse an ihr. Zwar geißelten Protestanten Katholiken vehement für die Schaffung von Institutionen – Kloster und Konvente – die nach ihrem Verständnis die Heirat verunglimpften und unweigerlich die Masturbation förderten. Heirat, predigten die Protestanten, sei keine enttäuschende Ersatzmöglichkeit für jene, die das höhere Ziel der Keuschheit nicht erfüllen; es sei die Erfüllung der Liebe der Menschen und Gottes. Sexuelle Befriedigung im Falle von Heirat, vorausgesetzt sie nehme nicht überhand und werde zum eigenen Wohl verfplgt, sei weder in sich sündig noch werde irgendein sündiger Makel durch das von Gott abgesegnete Ziel der Fortpflanzung ausgelöscht. Im Kielwasser von Luther und Calvin blieb die Masturbation als das erhalten, was die Rabbis in ihr gesehen hatten: Ein Akt, dessen Sünde in der Verweigerung der Fortpflanzung lag, der verschwenderischen Vergeudung von Samen.

In einem seiner frühen Sonette verdreht Shakespeare geistreich derartige „unsparsame“ Vergeudung zum ökonomischen Kunstfehler:

Verschwenderische Anmut, warum verzehrst du

das Vermächtnis der Schönheit?

Indem sie dem jungen Mann dertige Anmut vermacht, erwartet die Natur dass er sie an die nächste Generation weitergibt; stattdessen behält der „schöne Geizhals“ sie für sich und verweigert das Kind zu erschaffen, das sein Antlitz rechtmäßig in die Zukunft tragen sollte. Masturbatio ist in dem Sonett der perverse Missbrauch eines Vermächtnisses. Der junge Mannvrbracuht alles für sich, und wirft dadurch einen Reichtum fort, der rechtmäßig mehr Reichtum schaffen sollte:  

Um Verkehr mit sich allein zu haben,
Ihr, die ihr euer süßes Selbst betrügt.
Was wenn die Natur von dir fordert was vergangen:

Welche akzeptable Ausrede hast du?

Deine nicht genutzte Schönheit muss mit dir beerdigt werden,

Wer sie nutzte, soll dein Scharfrichter sein.

Der junge Mann, wie im Sonett beschrieben, ist ein „unrentabler Wucherer“, und wenn seine letzte Abrechnung gemacht ist, wird er im Rückstand sein. Die ökonomischen Bilder haben hier die sonderbare Wirkung den Wucher zu rühmen, der zu der Zeit sowohl als Sünde und als Verbrechen gilt. Es mag hier etwas autobiographisches vorliegen – der Autor von Der Kaufmann von Venedig war selbst gelegentlich ein Wucherer, so wie sein Vater – aber Shakespeare verarbeitete auch ein widerkehrendes Thema in der Geschichte der „modernen Masturbation“, die Laqueur betrifft: Vom achtzehnten Jahrhundert an vorwärts, wird Masturbation als Missbrauch biologischer und sozialer Ökonomie angegriffen. Noch demonstriert ein Gedicht wie das von Shakespeare nur, dass Masturbation im gesamt-modernen Kontext nicht existierte: indem er „Verkehr“ mit sich selbst hat, verschwendet der junge Mann seinen Samen, doch die Tat an zerstört nicht seine Gesundheit oder infiziert die gesamte soziale Ordnung.

Die Rennaissance bietet einige flüchtige Blicke auf die Masturbation, die eher den Genuss im Blick haben als die Verhinderung der Fortpflanzung. In den 1590-ern schreibt Shakespeares Zeitgenosse Thomas Nashe ein Gedicht über einen jungen Mann, der seine Freundin besuchte, die zur Miete wohnte, in einem Hurenhaus – nur aus Bequemlichkeit, wie sie ihm versicherte. Der Mann war nur durch ihren Anblick so erregt, dass er dem Unglück der frühzeitigen Ejakulation erlag, doch die zuvorkommende Dame schaffte es, ihn wieder zu erwecken. Jedoch nicht lange genug um sie selbst zu befriedigen: Zu seinem Verdruss gelang es der Dame nur, indem sie bei einem Dildo Trost zu suchte, was, wie sie erklärte, weit sicherer sei, als sich auf einen Mann zu verlassen. Dieses Stück Gesellschaftskomödie würde Laqueur „moderne“ Masturbetion nennen, denn für Nashe zählt di Verfolgung der Befriedigung mehr als die Verschwending von Samen, aber so weit sind wir noch nicht.

Laqueurs Point besteht nicht darin, dass Männer und Frauen in der Antike durchweg masturbierten, im Mittelalter und in der Renaissance – das kurz gefasste Beichtbuch, das Gerson zugerechnet wird, lässt vermuten, diese Handhabung sei universell, und der Historiker hat keinen Grund daran zu zweifeln – aber es wurde eher als nicht so wichtig betrachtet Eswich wird einfach zu unregelmäßig erwähnt um viel ausgemacht zu haben, und die wenigen Erwähnungen die belegt sind, scheinen ihre verhältnismäßige Unwichtigkeit zu bestätigen. Darum notierte Samuel Peps in seinem Tagebuch, neben den vielen Malen bei denen er einen geneigten Partner hatte, Zeitpunkte, zu denen er einsamen Sex genoss, aber die ließen in ihm keinen besonderen Scham aufkommen oder Selbstvorwürfe. Im Gegenteil, er spürte ein persönliches Triumphgefühl wenn er es sich besorgte, während er in einem Boot die Themse hinauf gebracht wurde, um sich zum Orgasmus zu bringen – um es „zu komplettieren“, wie er es nannte – allein mit der Stärke seiner Phantasie. Ohne seine Hände, erwähnte er stolz, hatte er es hinbekommen indem er einfach an ein Mädchen dachte, das er an dem Tag gesehen hatte um „eine Probe meiner Vorstellungskraft“ zu bieten. „Also ab ins Büro, Briefe schreiben.“ Nur bei so seltenen Gelegenheiten wie der feierlichen Messe an Weihnachten 1666, als die Ansicht der Queen und ihrer Damen ihn verführte, in der Kirche zu masturbieren, ließ sich Pepys Gewissen vernehmen, und auch das nur mit sehr leiser, dünner Stimme.

Die fundamentale Veränderung kam etwa ein halbes Jahrhundert später, und dann nicht weil man in der Masturbation eine furchtbare Sünde sah oder ein ökonomisches Verbrechen, sondern eher weil es zum erten Mal als ernsthafte Krankheit eingestuft wurde. „Moderne Masturbation,“ so beginnt Einsamer Sex, „kann mit einer seltenen Präzision in der Kulturgeschichte datiert werden.“ Sie entstand „im oder um das Jahr 1712“ mit der Veröffentlichung eines kurzen Absatzes mit einem sehr langen Titel in London: Onanie; oder, Die Abscheuliche Sünde der Selbstbefleckung und all ihrer Schröcklichen Folgen für beide GESCHLECHTER, mit Spirituellem und Ärztlichem Rat an jene, die sich bereits mit dieser entsetzlichen Praxis infiziert haben. Und wohlangebrachte Ermahnung der Jugend der Nation, beider Geschlechter … Der anonyme Autor – Laqueur identifizert ihn als John Marten, ein Quacksalber, der bereits andere mäßig harte Werke medizinischer Pornographie veröffentlicht hatte –  kündigte an, dass er zum Glück einen frommen Mediziner getroffen hatte, der Heilmittel für diese bisher unheilbare Krankheit gefunden hatte. Die Arznei ist teuer, aber angesichts der Ernsthaftigkeit der Lage, ist sie jeden Panny wert. Lesern wird geraten mit ihrem Namen nach ihnen zu fragen: Nach der „Stärkenden Tinktur“ und dem „Potenzpuder“.

Dort begann alles, sagt Laqueur. Die Frage ist natürlich, warum dieses schamlose Stück geldgieriger Kurpfuscherei, anstatt in den Müll geworfen zu werden, wie es ihm gebührte, als Grundstein einer ernsthaften medizinischen Tradition gedient haben soll, die kulturelle Voraussetzungen veränderten, die seit taudenden von Jahren als gesichert galten. Zum Teil war die Antwort ein schlauer Vermarktungstrick: Nachfolgende Ausgaben, und davon gab es viele, enthielten  nervenkitzelnde Briefe von Lesern, die keuchend ihre eigenen persönlichen Anfang der Masturbationssucht preisgaben und die befreiende Kraft der Patent-Arzneien bezeugten. Doch Marketing allein erklärt nicht warum „Onanie“ und verwandte Begriffe in den großen Enzyklopädien des achtezehnten Jahrhunderts auftauchen oder warum einer der einflussreichsten Mediziner in Frankreich,der gefeierte Samuel Auguste David Tissot den Gedanken, die Masturbation sei eine gefährliche Krankheit, aufgriff oder warum Tissots Arbeit von 1760, Die Onanie, unverzüglich zu literarischen Sensation in Europa wurde.

Tissot verscherbelte keine Tinkturen oder Kitzel, und er ließ sich auch nicht von einer älteren Arbeit vereinnehmen, deren Titel und Idee er scih zu Eigen machte: Der englische Traktat, schrieb er, „ist ein echtes Durcheinander … einer der zusammenhangslosesten Ausstöße, der seit langer Zeit erscheinen ist.“ Aber Tissot „erhob die Masturbation endgültig“, statt die wichtigesten Ideen zu verwerfen, so formuliert Laqueur es, „ins Zentrum der westlichen Kultur.“ Nicht lange danach trug nahezu jede medizinische Profession etwas unendlichen Liste von Bedenken gegen einsamen Sex bei, darunter spinale Tuberkulose, Epilepsie, Pickel, Wahnsinn, genereller Schwund und früher Tod. 

Was auch immer seine starke Angst antrieb – Tissot dachte Masturbation sei „viel furchtbarer“ als Pocken – es waren, laut Laqueur, nicht die Folgen eines empirischen Anstiegs der Masturbation. Keiner im achtzehnten Jahrhundert behauptete, es werde mehr masturbiert als jemals vorher – wie, hätten sie das, zum Teufel, auch herausfinden sollen? – und selbst wenn die Statistiken, die einen derartig wundersamen Anstieg bewiesen hätten, angestiegen wären, die schreckliche Angst vor dem Problem müsste immer noch erklärt werden. Ferner gab es keine neuen medizinischen Überlegungen, Erkenntnisse, oder auch nur Hypothesen, die erklären was so gefährlich angesehen an der Handlung. Und die alarmierende Vorstellung ihrer schrecklichen Folgen war nicht das Werk der Kirche und züchtiger Konservativer. Ihre Haltung hatte sich nicht verändert

Moderne masturbation – und das ist Laqueurs brillanter Punkt – war eine Schöpfung der Aufklärung. Es war das Zeitalter der Vernunft, des Siegs über den Aberglauben, und der tolerante, sogar begeisterten Akzeptanz der menschlichen Sexualität, die das Monster des Selbst-Missbrauchs beschwor. Vor Tissot und seinen gelehrten medizinischen Kollegen war es für die meisten gewöhnlichen Menschen möglich zu masturbieren, wie Pepys es getan hatte, ohne sich übermäßig schuldig zu fühlen. Nach Tissot, frönte jeder, der sich der geheimen Lust hingab, in dem vollen, elenden Bewusstsein der grausamen Konsequenzen. Masturbation war ein Angriff auf die Gesundheit, die Vernunft, die Hochzeit, und sogar die Befriedigung selbst. Denn die Ärzte der Aufklärung und ihre Verbündeten gestanden nicht ein, dass Masturbation eine Art der Befriedigung war, hingegen unbedeutend oder peinlich; es war allenfalls eine falsche Befriedigung, eine Perversion der Wirklichkeit. Damit war sie gefährlich und musste um jeden Preis verhindert werden.

Eine Beätigung dieser überraschenden Lösung kommt von jemandem, der kaum der Prüderie beschuldigt werden kann: Giacomo Casanova. Der große venezianische Liebhaber und Abenteurer erinnert sich an ein Gespärch in Istanbul, in den 1740-ern mit einem ausgezeichneten türkischen Philosophen, Yusuf Ali. „Er fragte, ob ich verheiratet sei.“ Casanova, der zu der Zeit immer noch in Betracht zog, Priester zu werden, antowrtete, er sei es nicht und hoffe nie darauf. „Was!“ antwortete Yusuf Ali. „Dann muss ich entweder glauben, Sie sind kein vollständiger Mann oder dass Sie sich mit Fluch beladen wollen, es sei denn Sie sagen mir, dass sie nur zum Schein Christ sind.“ „Ich bin ein vollständiger Mann und ich bin Christ.“ antwortete Casanova, und fügte freimütig hinzu, „Darüber hinaus sage ich Ihnen, dass ich echten Sex mag und dabei hoffe, viele Eroberungen genießen zu können.“

„Eure Religion spricht von Verdammung.“ sagte der muslimische Weise. „Ich bin sicher, dass ich ihr nicht anheimfalle, denn wenn wir unseren Priestern unsere Verbrechen gestehen, sind sie verpflichtet uns Absolution zu erteilen.“ In derselben offenen Stimmung antwortete Yusuf Ali, dass er diese Idee idiotisch finde, und dann fragte er, „Ist Masturbation bei euch ein Verbrechen?“ „Ein noch größeres Verbrechen als ungesetzlicher Verkehr.“ antwortete der Venezianer. „So kenne ich es,“ fuhr Yusuf Ali fort, „und es hat mich immer überrascht, denn jeder Gesetzgeber, der ein Gesetz verkündet, das er nicht durchsetzen kann, ist ein Narr. Ein Mann, der keine Frau hat, und der bei guter Gesundheit ist, kann nicht tun als zu masturbieren wenn er den Drang dazu verspürt.“

Casanovas Antwort kommt zum Kern der Geschichte, die Laqueur geschrieben hat, denn in ihr könne wir der christlichen Moral dabei zuschauen, wie sie der Medikalisierung den Weg frei macht:

Wir Christen glauben genau das Gegenteil. Wir behaupten, dass junge Männer, die der Parxis frönen, ihre Konstitution beeinträchtigen und ihr Leben verkürzen. In vielen Gemeinden werden sie genau beobachtet, und niemals lässt man ihnen die Zeit, das Verbrechen an sich selbst zu begehen.

Masturbation ist kein Verbrechen, weil es gegen göttliche Gesetze verstößt – Casanova ist viel zu weltlich um über diese Möglichkeit nachzugrübeln – sondern weil es für ihn das ist, was für und Rauchen oder Fettsucht sind.

Die Vorstellung von Gesundheitsrisiken beindrucken Yusuf Ali überhaupt nicht, der für die Versuche, sie durch Überwachung zum Erliegen zu bringen, gleichermaßen nur Verachtung übrig hat:

Diejenigen, die sie beobachten, sind Ignoranten, und diejenigen, die sie dafür bezahlen, sind Narren, denn das Verbot selbst muss das Verlangen, das Gesetz zu brechen, steigern, das so tyrannisch und gegen die Natur ist.

Diese Feststellung scheint selbst zu erklären, selbst für die westlichen Ärzte und Philosophen, deren aktuelle Meinungen Casanova widerspiegelt, das nicht das Verbot sondern die Handlung selbst gegen die Natur war. 

3.

Es gebe, behauptet Laqueur, drei Gründe warum die Aufklärung schloss, die Masturbation sei pervers und unnatürlich. Erstens, während alle anderen Formen der Sexualität mit Sicherheit sozial seien, wirkt die Masturbation – selbst wenn man sie in einer Gruppe betrieb oder von einem gottlosen Diener beigebracht bekam – bei ihren Höhepunkten zutiefst, unumkehrbar privat. Zweitens, das masturbative sexuelle Gefecht geschah nicht mit einer echten Person aus Fleisch und Blut, sondern mit einer Einbildung. Und drittens, anders als andere Verlangen konnte die süchtige Not zu masturbieren nicht gesättigt oder gemildert werden. „Alle Männer,  Frauen und Kinder schienen plötzlich Zugang zu den grenzenlosen Ausschweifungen der Befriedigung zu haben, was einst das Privileg römischer Eroberer war.

Privatleben, Vorstellungskraft, Unersättlichkeit: Jede dieser konstituierenden Eigenschaften des Aktes, den die Aufklärung zu fürchten und verabscheuen lehrte, ist, behauptet Laqueur, eine Eigenschaft der Aufklärung selbst. Tissot und seine Kollegen hatten die Schattenseite ihrer eigenen Welt gefunden: Das Interesse am Privatleben des Individuums, seine Wertschätzung der Vorstellungskraft, seine Begeisterung für die scheinbar grenzenlose Wirtschaftsproduktion und Konsum. Indem es die sozialen, politischen und religiösen Strukturen abbaute, die traditionell das menschliche Sein bestimmt hatten, brachte das acchtzehnte Jahrhundert stolz ein strahlendes Model für moralische Autonomie und Marktwirtschaft hervor – nur um herauszufinden, dass dieses Model ein zerstörerischer Irrweg war. Der Irrweg – der körperliche Akt der Masturbation – war nicht selbst so eindeutig schrecklich. Als Diderot und seine Entourage gebildeter Enzyklopädisten ihren abwägenden Blick auf das Thema aussprachen, gaben sie zu, dass mäßige Masturbation als Erleichterung für dringende sexuelle Begierden, denen ein befriedigenderes Ventil fehlte, normal genug ist. Aber das Problem bestand darin, dass „moderate Masturbation“ ein Widerspruch in sich war: Die wollüstige, wilde Vorstellungskraft konnte nie so einfach zurückzuhalten sein.

Masturbation waurde zu einem sexuellen Schreckgespenst, behauptet Laqueur, weil sie alle Ängste verkörperte, die dem neuen Sinn für soziale, psychologische und moralische Unabhängigkeit diametral gegenüber standen. Eine dramatische Steigerung der individuellen Autonomie war, wie er überzeugend dokumentiert, verbunden mit einer gesteigerten Angst vor unsozialer, nicht reproduktiver Befriedigung, Befriedigung, die von verführerischen Traumwesen geschürt wurde, die ununterbrochen vom wandelnden Bewusstsein erschaffen werden:

Das Aufklärungsprojekt der Befreiung – die frühe Jugend der Humanität – machte aus dem diskretesten, privaten, scheinbar harmlosen und schwierigsten zu ermittelnden Sexualakt das Kernstück eines Programms zur Überwachung der Phantasie, der Verlangens und des Selbst, das die Moderne selbst entfesselt hatte.

Die Gefahren vom einsamen Sex waren mit einer der aufschlussreichsten Modernen Innovationen verbunden. „Es war kein Zufall,“ schreibt Laqueur, in den vorsichtigen Sätzen eines Historikers, der begierig darauf ist, sogleich eine Verbindung herzustellen und dem Problem der Ursache auszuweichen, dass Onanie zur Zeit der ersten Börsenzusammenbrüche publiziert wurde, der Gründung der Bank von England, und dem Ausbruch der Tulpenblase. Masturbation ist die Sünde der zivilen Gesellschaft, der Kultur des Marktplatzes, der Welt in der traditionelle Schranken gegen Luxus Platz machen für philosophische Rechtfertigungen der Ausschweifung. Adam Smith, David Hume und Bernard Mandeville feierten alle auf ihre Art die fabelhafte selbstregulierende Beschaffenheit des Marktes, durch welche persönliche Zügellosigkeit und Gier in Allgemeininteresse verwandelt wurden. Masturbation mag auf den ersten Blick das logische Wahrzeichen des Marktes zu sein: Schließlich ist der potentiell grenzenlose Antrieb Wünsche zu befriedigen der Motor, der das ganze riesige Unternehmen antreibt.

Aber tatsächlich war es die einzige Form der Vergnügungssucht, die den selbstregulierenden Mechanismen entkam: Es war, erkannte Mandeville mit einem Schaudern, unaufhaltbar, zwanglos, unproduktiv und absolut gratis. Wesentlich besser, schrieb Mandeville in seiner Streitschrift für öffentliche Freudenhäuser (1724), dass Jungs Bordelle besuchen als dass sie „Missbrauch am eigenen Körper“ begehen.“

Es gibt eine zweite moderne Neuerung, die sich ebenso auf die Ängste konzentriert, die am einsamen Sex kleben: Einsames Lesen. „Es war kein Zufall (wieder Laqueur), dass Onanie im selben Jahrzehnt wie Dofoes Romane veröffentlicht wurde. Denn es war das Lesen – und nicht irendein Lesen, sondern das Lesen der Flut von Büchern, die am laufenden Band vom literarischen Markt produziert wurden – das vom achtzehnten Jahrhundert an alsbald die geheime Sünde widerspiegelte und sie erweckte. Der aktivierende Mechanismus in diesem Fall war die Einführung von Privaträumen, in denen Menschen allein sein konnten, zusammen mit eienr deutlichen Steigerung des privaten, einsamen Lesens. Die große literarische Form, die gemacht wurde um diese Räume zu füllen und die Lesegewohnheiten, die sie ermöglichten, war der Roman. Gewisse Romane waren natürlich speziell geschrieben, wie Rousseau es formulierte, um mit einer Hand gelesen zu werden. Doch es war nicht nur die Pornographie, durch die die Masturbation und der Roman eng verbunden waren. Romane lesen – selbst hochgesinnte, moralisch erhebende Romane – schufen eine gewisse Art von Bindung, einen innigen Einsatz der Vortellungskraft, eine körperliche Intensität, die, so befürchtete man, in eine schreckliche Leichtsinnigkeit umspringen könnte, zu den gefährlichen Ausschweifungen der Selbstbefriedigung.

Der aufschlussreiche Unterschied besteht an dieser Stelle in einer früheren kulturellen Neuerung, den öffentlichen Theatern, die zu Shakespeares Zeit energisch bekämpft wurden wegen ihrer angeblich erotischen Energie. Die Theater, behaupteten Moralapostel, seien „Tempel der Venus“. Erregte Zuschauer würden nach dem Stück angeblich davon eilen um in nahe gelegenen Wirtshäusern Liebe zu machen oder in geheimen Räumen, versteckt im Schauspielhaus. Der Vorwurf verrät selbstverständlich nichts über das, was Theaterbesucher wirklich taten (und nichts, was das betrifft, über den Aufbau Elisabethanischer Theater), doch es verrät etwas über die Ängste, die zu der Zeit mit einer Kunstform verbunden wurden, die Verbindung hatte zu mächtigen sewuellen Kräften. Vielleicht steckte am Ende in all den Befürchtungen ein Körnchen Wahrheit. Im späten siebzehnten Jahrhundert las John Dunton – der Autor von The Night-walker, or Evening Rambles in Search After Lewd Women (Der nächtliche Spaziergänger, oder abendliche Streifzüge auf der Suche nach unzüchtigen Frauen 1696) – eine Hure im Theater auf, ging mit auf ihr Zimmer, und versuchte ihr dann eine Predigt über die Keuschheit zu halten. Sie widersprach vehement, sagte, die Männer mit denen sie sonst nach Hause gehe wesentlich liebenswürdiger seien: Sie würden vorgeben, sagte sie, dass sie Antonius seien und sie würde vorgeben, sie sei Cleopatra. Die Wünsche, die das Theater erweckte, wurden offenbar als grundlegend sozial verstanden: Wütende Puritaner behaupteten nie, dass das Publikum zur Sucht am einsamen Sex verführt würde. Doch das ist genau der Vorwurf, den man mit der Erfahrung des Lesens phantasievoller Fiktion gleichsetzte.

Es war nicht nur die Einsamkeit in der man Romane las, die den Unterschied der beiden Angriffe ausmachte; durch die Abwesenheit der Körper der Darsteller und somit die gesamte Abhängigkeit von der Phantasie schieenn Romane geeigneter für einsamen als gemeinschaftlichen Sex. Ärzte des achtzehnten Jahrhhunderts, die vertraut waren mit den antiken Ängsten vor der Phantasie, waren überzeugt, dass wenn sexuelle Erregung durch etwas Unreales erzeugt wurde, etwas das unkörperlich war, dass diese Erregung kurzerhand unnatürlich und gefährlich war. Die Gefahr wurde noch viel größer durch ihr Suchtpotential: Der Masturbator, wie der Romanleser – oder mehr präzise, als Romanleser – kann willentlich die Phantasie aktivieren, sich endloser Schöpfung widmen und der Auffrischung des fiktiven Verlangens. Und noch entsetzlicher, mit der Verbreitung der Literatur war dies eine demokratische Sünde der Chancengleichheit. Die destruktive Befriedigung war für Diener wie Herren gleichermaßen verfügbar und, noch schlimmer, für Frauen genauso wie Männer. Frauen, mit ihrer hyperaktiven Phantasie und bereiten Zuneigung, ihrer Neigung zu Tränen, Schamröte und Ohnmachtsanfällen, ihrer irrationalen und emotionalen Landstreicherei, wurden als besonders gefährdet für die gefährliche Spannung des Romans betrachtet.

Pornographische Bilder von masturbierenden Frauen – Einsamer Sex bildet mehrere ab – erscheinen oft als offenes Buch, das zu Boden fällt, wenn die überwältigende Spannung beim Lesen nach sofortiger Erleicherung ruft. Im Nausicaa-Kapitel des Ulysses, summiert James Joyce flink und geschickt diese Geschichte der männlichen Angst vor Frauen, Roman lesen und Masturbation und macht sie lächerlich. Gelangweilt, genervt von ihren Freunden und der Liturgie halb zuhörend, die in der nahe gelegenen Kirche gesungen wird, sitzt die jugendliche Gerty MacDowell auf den Felsen der Sandymount-Küste, angenehm bewusst, dass sie von einem Fremden beobachtet wird – Leopold Bloom. In einem Traumzustand beginnt sie mit Bloom zu flirten, den in ihrer Phantasie, die angefüllt ist mit den Clichés der billigen fiktionalen und populären Unterhaltung, in einen grübelnden, verfolgten romantischen Helden verwandelt:

Sie hätte gern erstickt nach ihm gerufen, ihre verschneiten, schmalen Arme nach ihm ausgestreckt, seine Lippen auf ihrer weißem Stirn gespürt, der Schrei nach Liebe eines jungen Mädchens, ein kleiner erwürgter Schrei, aus ihr gepresst, dieser Schrei klang durch die Jahrhunderte. Und dann sprang der Funke und Päng erblindet und Oh! Dann barst die romanische Kerze und es war ein erleichtertes Oh! Und alle schrien Oh! Oh! Im Rausch und es ergoss sich in einem Strom von Regen goldener Haarsträhnen und sie fielen ab und Ah! Sie alle waren grüne taufrische Sterne, die mit goldenem, Oh so wunderschön, Oh, süß, weich fielen!

Wir befinden uns im überhitzten Kopf des Masturbators, aber wie die parodierenden Sätze, die zugleich ekstatisch und banal sind, hervorströmen, verändert sich das Geschlecht und Joyce enthüllt den männlichen Einsatz, gewissermaßen, in der gesamten Einbildung: „Herr Bloom richtete sein nasses Hemd mit vorsichtiger Hand.“

Joyce‘ wunderbare Parodie von 1922 wurde vom anderen Ufer einer großen kulturellen Kluft geschrieben, Denn, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, begann die ganze Voreingenommenheit – die Angst, die Überwachungskultur, der drohende Tod und Wahnsinn – zu schwiden. Die Veränderung war keineswegs plötzlich oder entscheidend, und Spuren der älteren Einstellung überleben offensichtlich nicht nur in Schuljungengeschichten und vielen verrückten, oftmals schmerzlichen Familiendramen, sondern auch in dem nervösen Gelächter, das die gesamte Thematik begleitet. Trotzdem fand der ganze Albtraum medikalisierter Angst und Strafe ein Ende. Laqueur erzählt im zweiten Teil seiner Geschichte sehr viel lebhafter: Er schreibt die Veränderung zum großen Teil der Arbeit von Freud und der liberalen Sexualforschng zu, auch wenn er anerkennt, wie komplex und vieldeutig viele der Schlüsselfiguren eigentlich waren. Freud ließ von seinen gängigen frühen Ansichten über die schlechte Wrkung der Masturbation ab und postulierte stattdessen die radikale Idee der Allgemeingültigkeit kindlicher Masturbation. Was ein Irrtum gewesen war, wurde zu einem grundlegenden Teil des menschlichen Wesens. Trotzdem baute der Begründer der Psychoanalyse seine ganze Theorie der Zivilisation um die Unterdrückung, die er die „perversen Elemente der sexuellen Erregung“ nannte, beginnend mit Autoerotik. In dieser sehr einflussreichen Erzählung wurde die Masturbation, wie Laqueur es nennt, „zu einem Teil der Ontogenese: Wir durchlaufen die Masturbation, wir bauen darauf, wenn wir sexuell erwachsen werden.“

Einsamer Sex endet mit einer kurzen Geschichte moderner Anfechtungen dieser Theorie der Vrrdrängung, von der Meisterschaft in weiblicher Masturbation im feminitischen Verkaufsschlager von 1971 Unsere Körper, Unser Ich bis zur Gründung von Gruppen wie den SF Jacks – „eine Gemeinschaft von Männern, die es mögen in der Gesellschaft gleichgesinnter Männer zu wichsen“ wie ihre Webseite verkündet – und den Melbourne Wankers. Eine Reihe grotesker Fotografien illustriert die überbordende Faszination, die die Maturbation auf zeitgenösssiche Künstler wie Lynda Benglis, Annie Sprinkle und Vito Acconi hatte. Letzterer machte sich einen Namen indem er  drei Wochen lang masturbierte, während er in einer Kiste unter einer weißen Rampe auf dem Boden der Sonnabend Galerie in New York City lehnte: “Darum ist Kunstschaffen,“ bemerkt Laqueur, „praktisch masturbieren.“

Ich gebe zu, ich finde das meiste davon doof und widerlich, aber hinter diesen unreifen Versuchen zu schockieren ist es einder der größten Triumphe der modernen Literatur. Indem er siene Jugend in Combray heraufbeschwört, erinnert sich Prousts Erzähler dass er im oberen Teil des Hauses, „in dem kleinen Zimmer, der nach Schwertlilie roch,“ aus dem halb offenen Fenster schaute und  er sich mit den heroischen Zweifeln des Reisenden auf eine Erforschungsreise ging oder wie ein verzweifeltes Gör am Rand der Selbstzerstörung, ohnmävhtig von Emotionen, über die Grenzen der eigenen Erfahrung hinaus, einen unbetretenen Pfad beschritt, der soweit ich wusste tödlich war – bis zu dem Moment, als eine Spur des Natürlichen wie diese, den eine Schnecke auf die Blätter schmiert, in einem wachsenden Strom neben mir baumelte.

In diesem kurzen Moment in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Swann’s Way 1913), ist es, als hätten wir den Kulturkosmos wieder betreten, den Laqueur so schillernd schildert, die Welt, in der einsamer Sex eine hastige Reise über die Grenzen der natürlichen Ordnung hinaus war, ein kopfüber Eintauchen in die Gefilde der Gefahr und der Selbstzerstörung. Dann, aus der Perspektive der Schnecke, geht das Leben in seiner gewöhnlichen, alltäglichen Form weiter, und der scheinbar unbetretene Weg ist offen – wie so oft bei Proust – ist das überaus vertraut. 

Es ist, um Laqueurs Buch zu zitieren, kein Wunder, dass diese Kulisse im modernen Roman auftaucht und im tiefsten Kern entschlossen ist, das tiefste Innere des Selbst zu erforschen, Verlegenheit und Scham hinter sich zu lassen, und die Wahrheit herauszufinden, auch die sexuelle Wahrheit, die in der Dunkelheit versteckt ist. Proust ermutigt uns nicht die Bedeutung der Masturbation hochzuspielen – es ist nur ein kleiner, pubertärer Schritt in der langsamen Arbeit an der Berufung des Autoren. Doch, Laqueurs couragierte Kulturgeschichte (und man braucht Chuzpe, auch jetzt, dieses Buch zu schreiben) macht ausreichend klar, warum für Proust – und für uns – das Fest der Vorstellungskraft einen Ort beinhalten muss für einsamen Sex.

Quelle: http://www.nybooks.com/articles/archives/2004/apr/08/me-myself-and-i/?pagination=false

Übersetzung: Thorsten Ramin