LENIN UND SULTAN GALIEV – DER KAMPF UM DEN ISLAM WÄHREND DER BOLSCHEWISTISCHEN REVOLUTION

Ahmed Rashid

Dawn, 13.11.2017

Stell dir vor Wladimir Lenin hätte muslimische Kameraden angeworben, für das Zentralkomitee der Bolschewistischen Partei während der Russischen Revolution von 1917, wie anders die Geschichte der Sowjetunion und sogar der Welt verlaufen wäre. Heute würden Muslime über das Pro und Contra des Marxismus in allen Abstufungen streiten statt extremistische Auslegungen des Dschihad und der Scharia zu debattieren.

Galiev war der Sohn eines verarmten tatarischen Lehrers aus einem Dorf bei Kasan, der heutigen Hauptstadt der Republik Tatarstan. Tataren sind turkisch sprechende Menschen, hauptsächlich mongolischstämmig, die im zentralen Russland leben und doch über die gesamte ehemalige Sowjetunion verteilt sind. Galiev wuchs arm auf. Sein Vater war unfähig seine zwölf Kinder zu ernähren. Trotzdem war Galiev im Tatarischen, Russischen und Arabischen gut belesen und hatte Romane von Tolstoi ins Tatarische übersetzt als er an die Lehrerausbildungsschule in Kasan ging.

Als er 1911 seinen Abschluss machte, las er revolutionäre Texte. Er arbeitete als Journalist und beteiligte er sich an muslimischer nationalistischer Politik. 1917 wurde er ein führendes Mitglied des Muslimischen Sozialistischen Komitees für Kasan und schloss sich den Bolschewiken an. Rasch wurde er der höchstrangige Muslim seiner Hierarchie, besetzte mehrere höchste Posten.

Lenin setzte ihn im Zentralkomitee ein und als Vorsitzenden der Militärschule. 1918 organisierte Galiev die Verteidigung von Kasan gegen die vorrückende Weiße Armee und rekrutierte Muslime für die Sache der Revolution. Daraus resultierte dass Lenin und Stalin ihn regelmäßig an östliche Schlachtfronten gegen die Weißen sandten um die Moral der muslimischen Einheiten in der Roten Armee zu heben und sie zum Sieg zu führen. Sein ganzes Leben lang blieb er bei muslimischen und russischen Kommunisten enorm beliebt.

Galiev wurde zum nach ihm benannten Architekten des „Muslimisch Nationalen Kommunismus“. Er riet, dass die einzige Garantie gegen größeren russischen Nationalismus in der bolschewistischen Kommunisten Partei die Schaffung einer eigenen muslimischen Kommunistischen Partei. Er erörterte mit Lenin, dass im Osten (Asien) der nationalistische Kampf den Klassenkampf ablösen müsse, weil kolonisierte Völker Proletarier waren, da alle durch europäischen oder zaristischen Kolonialismus unterdrückt worden waren.

Lenin glaubte fest an Marx‘ Idee, dass die Weltrevolution nur mit der Hilfe des europäischen Proletariats gewonnen werden könnte und die rückständigen Massen der muslimischen Welt waren sekundär. Galiev glaubte an die umgekehrte Reihenfolge, erklärte die Revolution im Osten komme zuerst und würde den Kapitalismus des Westens zersetzen und die Revolution dort möglich machen. Trotzdem bestand Lenin auf dem Primat der Proletarischen Revolution in Europa. Während Lenin Galiev tolerierte, tat Stalin das nicht.

Als die Bolschewiken den Ersten Kongress der Völker im Osten abhielten, in Baku, Aserbaidschan, 1920, um die Hilfe der muslimischen Welt zu gewinnen, wurde Galiev der Zutritt verboten, selbst obwohl er das Treffen organisiert hatte. Lenins Nachricht an den Kongress war offenkundig. „Es ergibt sich von selbst, dass der letztliche Sieg nur vom Proletariat der fortschrittlichen Welt gewonnen werden kann.“

Galievs stichhaltigste Idee war die einer eigenen „Muslimischen Roten Armee“, die eher durch eine populistische linke Ideologie als dem Kommunismus angeworben würde. Die Armee wäre islamischen Traditionen verbunden und würde damit die Mehrheit der Muslime aufrütteln um für die Revolution zu kämpfen.

Er warnte zurecht, dass wenn die Bolschewiken das nicht taten, die Weiße Armee mehr Muslime für ihre Sache anwerben würden.

Auch wenn Galiev selbst Atheist war, glaubte er, dass Marxismus und Islam koexistieren könnten, bestand darauf, dass die KP die Politik der kleinen Schritte gehen solle um die muslimischen Massen auszubilden und sie langsam vom Kommunismus zu überzeugen. Lenin weigerte sich das marxistische Mantra zu verwässern, benötigte Galievs Einfluss jedoch während des Bürgerkriegs.

1923, Lenin war ernsthaft krank, beschuldigte Stalin Galiev des Verrats und der Verschwörung. Galiev wurde aus der Partei ausgeschlossen und verhaftet, wie alle Kommunisten, die an „Sultan-Galievismus“glaubten. 1924 wurde er kurzerhand freigelassen und 1928 erneut verhaftet und zum Tode verurteilt wegen „nationalistischer Verirrung“. Seine Strafe wurde umgewandelt, aber am 28. Januar 1940 wurde schlussendlich erschossen, ein Opfer von Stalins Reinigung während der frühen Niederlagen im Zweiten Weltkrieg. Große Teile seines schriftlichen Werks, seiner Reden und Essays wurden vernichtet.

Galievs Forderungen nach größerer Dezentralisierung und Demokratie in der KP und größere Verbundenheit zum Islam hätten die Einstellung von Millionen Muslimen zur Revolution verändern können, vor allem in Zentralasien. Seine Ideen hätten eine noch größere Rolle bei der Mobilisierung der Verteidigung der Sowjetunion nach Hitlers Invasion gespielt.

Maßgeblich wurden Galievs Ideen, zunächst lieber einen populistischen als einen kommunistischen bewaffneten Kampf durchzuführen, später von Mao Tse-tung in China aufgegriffen, insbesondere beim Langen Marsch und von Ho Chi Minh in Vietnam.

Galiev bleibt eine wenig bekannte Gestalt, heutzutage selbst unter Russen und zentralasiatischen Muslimen. Auf einer meiner häufigen Reisen nach Zentralasien seit 1988 habe ich Galievs Geschichte erzählt, um zentralasiatische Zuhörer zu entzücken, die seinen Namen kaum kannten. Er steht nicht gerade in der Gunst heutiger Herrscher Zentralasiens und im Westen wurde die leidenschaftlichste wissenschaftliche Arbeit über ihn von Alexandre Bennigsen und Enders Wimbush vor fast vierzig Jahren veröffentlicht.

Wie Galiev gewarnt hatte, führte das sowjetische Versagen, die Muslime Zentralasiens zu gewinnen und das Fehlen einer muslimischen Führerschaft, zu einer erbitterten anti-sowjetischen Widerstand, der bis in die 1930er anhielt, als ein Dschihad gegen den Kommunismus. Als die Rote Armee nach Zentralasien vorstieß, sprossen dschihadistische Bewegungen, angeführt von Stammesfürsten, Mullahs, Grundherren und Intellektuellen in allen Regionen hervor, die wir heute als die unabhängigen Länder Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Kirgisistan und Kasachstan kennen Die Völker dieser Länder erlitten gigantische Verluste vor, während und nach der Revolution von 1917.

1916 hatte sich ganz Zentralasien in Revolte gegen die Versuche des Zaren erhoben, Anwerbungen für die russischen Armeen zu erzwingen, die im I Weltkrieg kämpften. Schreckliche Vergeltungen wurden gegen die Bevölkerung verübt wenn sie nicht mitmachten. Der Bürgerkrieg nach 1917 und die Hungersnot von 1923 ließen die Menschen weiterhin zur Ader. Millionen mehr wurden getötet in der Folge der erzwungen Kollektivierung der Nomaden und Kleinbauern in den 1930ern.

Das Ferghanatal war das Herz des anti-sowjetischen Rebellion durch die Dschihadisten, oder, wie die Russen sie abfällig nannten, Basmachis, d.h. Banditen. In Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan bildete das enge Tal, das durch jedes heutige Land schneidet, die Grundlage an Rekruten für die Rebellion. Innerhalb eines Jahres stand ganz Zentralasien in Flammen und Stalin machte alles noch schlimmer indem er lokale Parteimitglieder exekutierte und sie durch Russen ersetzte. Ein lokaler usbekischer Fürst, der1918 sowjetische Truppen massakrierte, entzündete die Flamme der Revolte in Usbekistan.

In Tadschikistan mobilisierte der Grundherr Igash Beg 20 000 Kämpfer in Guerillagruppen im ganzen Ferghanatal. Kämpfe hielten bis 1931 an, als die restlichen Rebellen nach Afghanistan entkamen und Beg gefangen und von der Roten Armee hingerichtet wurde.

Zwischen 1917 und 1929 bildeten die kasachischen Nomaden ihre eigene nationalistische Regierung, genannt Alash Orda, angeführt von Ali Khan Bukeykanov, einem Prinzen und Nachkommen von Dschingis Khan. Trotz ihrer Niederlage durch die Rote Armee hielt der kasachische Widerstand sogar noch während der erzwungenen Kollektivierung ihrer Viehbestände von 1930 an. Forscher schätzen, dass die Kasachen 1,5 Millionen Menschen oder ein Drittel ihrer Bevölkerung zwischen 1917 und 1930 einbüßten.

In den Wüsten Turkmenistans war der Widerstand der turkmenischen nomadischen Kavallerie auf ihrer berühmten Achal-Tekkiner Pferderasse langwierig und stürmisch.Die Turkmenen hatten russischen Vorstößen in ihre Territorium seit 1880 widerstanden. 1917 versammelten sich die Stämme hinter dem ausdrucksstarken Anführer Mohammed Qurban Junaid Khan, einem wohlhabenden Grundherrn und Richter islamischen Rechts. Khan führte seine letztes Kommando gegen die Rote Armee mit 70 im Jahr 1927 an.

Die Entvölkerung Zentralasiens hätte verhindert werden können, wenn Lenin und Stalin Galiev zugehört hätten, bei dem wovon er sie zu überzeugen versuchte – das Millionen Muslime das Ende der zaristischen Unterdrückung würdigten und für die bolschewistische Botschaft von „Frieden, Brot und Land“ gekämpft hätten. Jedoch konnten sie nicht sogleich eine inflexible marxistische Ideologie unterstützen, die sie hinderte muslimisch zu sein.

In den kommenden Jahrzehnten waren revolutionäre Anführer von Mao bis Fidel Castro wesentlich flexibler mit dReligion zeitgemäßen Spielraum zu gewähren. Chinas aktuelle furchtbare Behandlung seiner muslimischen uigurischen Bevölkerung und Restriktionsmaßnahmen zentralasiatischer Autokraten gegenüber ihren muslimischen Bevölkerungen sind dafür immer noch Fälle Paradebeispiele. Hätte man Galiev zugehört, könnten die Muslime von heute mehr über die Zukunft des Islam und des Sozialismus streiten statt über globalen Dschihad und Terrorismus. Sultan Galiev war eine heldenhafte Gestalt, die ihrer Zeit voraus war.

Ende.

Dieses Essay ist ein Auszug aus Ahmed Rashids Buch von 1994 „Die Wiederauferstehung von Zentralasien, Islam oder Nationalismus?“ das gerade als Neuauflage bei der „New York Review of Books“ erschienen ist. Ahmed Rashid ist ein Journalist und Autor, der fünf Bücher über Zentralasien und Afghanistan geschrieben hat.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/middle-east/articles/

Übersetzung: Thorsten Ramin