Krisenherd im hohen Pamir

Als ich aus dem Eingang meines Zeltes herausblickte,” schrieb Francis Younghusband nachher, “sah ich etwa zwanzig Kosaken mit sechs Offizieren vorbeireiten, und vorne weg trugen sie die russische Flagge.“ Bis auf die Neuankömmlinge und seine eigene Gruppe war der Ort unbewohnt. 150 Meilen vor der russischen Grenze gelegen und den umherziehenden Stämmen der Gegend als Baza’i Gonbad geläufig, gehörte es, insofern es die Briten betraf, zu Afghanistan. Younghusband schickte sofort einen seiner Männer, der seine Visitenkarte dabei hatte, dorthin wo die Russen ihr Lager aufgeschlagen hatten, eine halbe Meile entfernt, und lud ihre Offiziere zu Erfrischungen ein. Sie benötigten nicht lange um die Einladung anzunehmen, denn sie waren eindeutig begierig zu erfahren was er vorhatte. Kurz darauf, angeführt von einem Colonel, der das goldene Kreuz des heiligen St. Georg trug, die zaristische nächste Entsprechung zum Viktoriakreuz, ritten einige ihrer Offiziere herüber zu Younghusbands schlichtem Lager.

Das Treffen verlief freundlich, sogar fröhlich. Der Engländer konnte seinen Gästen keinen Wodka anbieten, nur russischen Wein den er aus Kaschgar mitgebracht hatte. Er erzählte dem Colonel, der Yanov hieß, er habe gehört die Russen würden die gesamte Pamir-Region annektieren. Er erklärte, dass er keinen unnötigen Alarm in Kalkutta und London auslösen wolle indem er rein einheimische Gerüchte zu einem ernsten Thema meldete und fragte Yanov, ob das wirklich wahr sei. Die Antwort des Russen war eindeutig. „Er packte die Karte aus,“ erzählte Younghusband, „und zeigte mir einen großen Bereich, der grün markiert war, der sich nach rechts hinunter bis zu unserer indischen Wasserscheide erstreckte.“ Er enthielt vieles was ohne Frage afghanisches oder chinesisches Territorium war. Dennoch wurde jetzt alles als Eigentum des Zaren reklamiert. Vorsichtig Diskussionen um die Auswirkungen des Schritts vermeidend, bemerkte Younghusband bloß zu Yanov, dass die Russen ihren „Mund ganz schön weit aufmachten.“ Darüber lachte der Colonel, aber ergänzte das sei „nur der Anfang”. Die Russen blieben ungefähr eine Stunde in Younghusbands Lager, dann entschuldigten sie sich, sagten sie müssten noch ihr eigenes Lager aufbauen. Als er ging lud Colonel Yanov Younghusband jedoch ein, sich an diesem Abend zum Essen zu gesellen.

Es war einmal wieder eine freundliche Angelegenheit, mit den sieben Offizieren um eine Tischdecke gehockt, die in der Mitte eines der niedrig aufgebauten Zelte der Russen ausgebreitet war, das sich nachts drei von ihnen teilten. Obwohl Younghusband mit Genugtuung auffiel, dass sein eigenes Zelt mit dem Bett, Tisch und Stuhl beachtlich viel größer und komfortabler war als die seiner Rivalen, knauserten die Russen nicht beim Essen. „Es folgte ein Essen,“ schrieb er, „das mich mit seiner Qualität schon ebenso sehr beeindruckte wie meine Lagereinrichtung die Russen.“ Es gab Suppen und Eintöpfe, „wie sie einheimische Diener in Indien scheinbar niemals nachmachen können“, zusammen mit würzigen Saucen und frischem Gemüse. Die waren für Younghusband ein unglaublicher Luxus wie sie es heute für Reisende in Pakistans Norden sind. Neben dem unvermeidlichen Wodka gab es eine Auswahl an Weinen, gefolgt von Weinbrand.

Younghusband fand bald heraus warum seine Gastgeber so begeistert waren. Neben dem Anspruch auf die ganze Pamir-Region für den Zaren waren sie genau in dem Augenblick „von einem Raubzug hinter der indischen Wasserscheide in das Gebiet Chitrals hinein zurückgekehrt, dass sie über einen Pass betreten und über einen anderen verlassen und kartografiert hatten als sie vorrückten. Das war eine Zone, die Indiens Abwehrchefs strikt zu ihrem Einflussgebiet zählten. Yanov gab sich sogar überrascht, dass die Briten über keinen Vertreter irgendeiner Art in Chitral verfügten, in Hinsicht auf seine strategische Bedeutung für Indien und zufrieden schienen, sich auf einen Vertrag mit seinem Herrscher zu verlassen. Der Russe zeigte seinem Gast auf der Karte wie sie zum Gipfel am sehr angreifbaren Darkot Pass geritten waren und in das Yasin-Tal spähten, das auf einem einfachen Weg nach Gilgit führte. Younghusband war sich bewusst, dass das genug war um britischen Generalen das Blut gefrieren zu lassen. Aber es war noch nicht alles, wie Younghusband bald herausfinden sollte.

Um Mitternacht, nachdem Trinksprüche auf Queen Viktoria und Zar Alexander ausgesprochen worden waren, brach die Gruppe auf. Die russischen Offiziere, einschließlich Colonel Yanov, bestand darauf den jungen britischen Captain zu seinem Lager zurück zu eskortieren. Dort, nachdem man Lob und Freundschaftsbekundungen ausgetauscht hatte, gingen sie. Früh am nächsten Morgen brachen die Russen ihr Lager ab, bevor sie nach Norden steuerten um auf ihre Hauptstreitmacht zu treffen und von ihrem Treffen mit einem britischen Offizier an diesem trostlosen Ort zu berichten. Younghusband selbst blieb, denn was die Russen nicht wussten, er sollte in Kürze bei Baza’i Gonbad auf einen Kollegen treffen. Dabei handelte es sich um Lieutenant Davison, einen abenteuerlustigen Fähnrich im Leinster Regiment, den er in Kaschgar getroffen und überredet hatte, russische Bewegungen weiter im Westen zu erforschen. Er musste wissen was Davison herausgefunden hatte, bevor er nach Gilgit eilte, dem nächsten britischen Außenposten, um seinen Vorgesetzten in Indien von den russischen Übergriffen zu berichten.

Drei Nächte später, als er gerade zu Bett ging, war Younghusband überrascht Hufgeklapper in der Ferne zu hören. Als er aus seinem Zelt lugte, sah er im hellen Mondlicht etwa dreißig Kosaken in Reihe aufgestellt. Während er in seine Kleider schlüpfte schickte er einen Mann um zu fragen weshalb sie da sein. Der Mann kam zurück und sagte, Colonel Yanov wünsche ihn dringend zu sprechen. Auf Einladung in Younghusbands Zelt, zusammen mit seinem Adjutanten, sagte der Russe er habe seinem Gast etwas Unangenehmes von vor einigen Tagen zu berichten. Ihm war befohlen worden, erklärte er, den britischen Offizier aus dem herauszueskortieren, was jetzt russisches Gebiet war. „Aber ich bin nicht auf russischem Gebiet.“ protestierte Younghusband, zumal Baza’i Gonbad zu Afghanistan gehöre. „Ihr mögt denken, dies sei afghanisches Gebiet,“ gab Yanov grimmig zurück, „aber wir betrachten es als russisch.“ Was, wenn er sich weigere zu gehen, fragte Younghusband. Dann müssten sie ihn mit Gewalt entfernen, gab Yanov zurück und schaute äußerst unglücklich. „Nun, ihr habt dreißig Kosaken und ich bin alleine,“ sagte ihm der Engländer, „also muss ich tun, was ihr wünscht.“ Dennoch wäre er nur unter stärkstem Widerspruch bereit zu gehen und würde diese Schandtat seiner Regierung berichten, damit sie genau überlegen könnte welche Maßnahmen zu ergreifen seien.

Der Colonel dankte Younghusband dafür, ihm seine undankbare Aufgabe leichter zu machen und drückte sein persönliches Bedauern aus, den Befehl ausführen zu müssen, vor allem in Hinsicht auf die freundliche Beziehung, die sie in so kurzer Zeit zuvor aufgebaut hatten. Younghusband beteuerte, er würde es ihm nicht übel nehmen, aber denjenigen die diesen illegalen Befehl erteilt hatten. Dazwischen, nachdem sie so weit geritten waren, wollten Yanov und sein Adjutant nicht etwas essen? Er würde gerne seinen Koch anweisen ein Nachtmahl zuzubereiten. Sehr bewegt von dieser Geste ergriff der russische Colonel Younghusband in einer ungestümen Umarmung und dankte ihm bewegt für die dankbare Art und Weise, auf die er mit all dem umging. Es sei, erklärte er, eine absolute unbefriedigende Aufgabe für einen Offizier, mit jemand anderem so umgehen zu müssen, was eigentlich eher die Arbeit eines Polizisten sei. Er hatte gehofft, setzte er hinzu, der Engländer sei bereits fort, was ihnen beiden eindeutig die Peinlichkeit erspart hätte.

Um ihm seine Dankbarkeit auszudrücken schlug Yanov Younghusband vor, er könne vielleicht selbst zur Grenze gehen ohne dorthin eskortiert zu werden. Es jedoch gebe eine Bedingung. Er habe strikte Anweisungen von seinen Vorgesetzten erhalten, dass Younghusband, den sie als Durchreisenden betrachteten, über die chinesische Grenze und nicht über die indische gehen müsse. Außerdem dürfe er nicht über gewisse Pässe gehen. Der Grund für diese Bedingungen ist nicht ganz klar, aber vielleicht war es um Neuigkeiten von russischen Bewegungen so lange herauszuzögern wie möglich, von seinem Herauswurf mal abgesehen. Vielleicht hatte es auch ein Element von Rache an sich, für die einstige Verweigerung der Briten, Gromchevsky in Ladakh überwintern zu lassen und vielleicht Younghusbands verdächtiges Mitwirken an der knappen Katastrophe die folgte. Der britische Offizier, der recht zuversichtlich war, Pässe zu entdecken von denen die Russen nichts wussten und die darum nicht auf ihrer Liste standen, entschied, sich daran zu halten und gab eine feierliche Erklärung dazu ab.

Es war jetzt lange nach Mitternacht und die beiden Russen nahmen Younghusbands Einladung zu einem Mahl dankend an, obwohl sie nicht lange darüber schwelgten, denn es muss eine peinliche Angelegenheit gewesen sein. Am nächsten Morgen, als sich Younghusband fertig machte an die chinesische Grenze aufzubrechen, kam Yanov herüber zu seinem Lager um ihm noch einmal zu danken die Lage so ungerührt hingenommen zu haben und brachte ihm als Abschiedsgeschenk eine Hirschkeule mit. Aber wenn die Vorgesetzten des Colonels sich erhofft hatten, die Neuigkeit von Younghusbands Herauswurf zu verzögern indem sie ihn auf dem Rückweg einen Umweg machen ließen, sollten sie enttäuscht werden. Denn innerhalb einer Stunde nachdem er die Russen verließ hatte der britische Offizier einen seiner Männer postwendend mit einem detaillierten Bericht was passiert war sowie den letzten Schritten, die die Russen auf dem Dach der Welt gemacht hatten, nach Gilgit entsandt. Er ritt jetzt nach Osten auf die chinesische Grenze zu, in der Absicht seinen Weg nach Hause über einen der Pässe zu nehmen, der nicht auf Colonel Yanovs Index-Liste stand. Er hatte es nicht eilig und verweilte an der chinesischen Grenze gerade nördlich von Hunza, in der Hoffnung auf Colonel Davison zu stoßen und währenddessen jeden weiteren russischen Schritt aufzuzeichnen. Das war das Große Spiel, wie es fesselnder nicht ging, und der 28-jährige Younghusband war voll in seinem Element.

Einige Tage sollten vergehen, bevor Davison auftauchte. „In weiter Entfernung,“ schrieb Younghusband, „sah ich einen Reiter, der sich näherte, bekleidet mit Schirmmütze und den hohen Stiefeln der Russen, und zuerst dachte ich ein weiterer Russe würde mich mit seinem Besuch beehren. Er entpuppte sich aber als Davison. Er war auf noch viel arrogantere Art behandelt worden und musste zurück nach Turkestan marschieren.” Dort wurde er vom russischen Gouverneur persönlich verhört, bevor man ihn an die chinesische Grenze eskortierte und freiließ. Seine Verhaftung und sein Arrest erfüllten aber einem sinnvollen Zweck. Seine Entführer, notierte Younghusband, hatten ihn nach Norden mitgenommen, auf einem Weg den kein britischer Offizier zuvor beschritten hatte. Die beiden Offiziere machten sich jetzt über einen Pass auf den Weg zurück nach Gilgit, dessen Existenz ihnen ein paar freundliche Schafhirten verraten hatten. Es war das letzte Mal, dass Younghusband seinen Freund sah, denn Davison sollte während seiner nächsten Erkundungsreise an Typhus sterben. Younghusband schrieb später, er sei ein Offizier von bemerkenswertem Mut und Zielstrebigkeit gewesen, „mit allen Eigenschaften eines großen Entdeckers.“

Jetzt hatten die Neuigkeiten des Zwischenfalls London erreicht, und in Whitehall wurde verzweifelt versucht es zu vertuschen, während die Regierung überlegte, wie man am besten mit dem letzten russischen Vorwärtsbewegung umgehen sollte. Bald erreichten indessen Gerüchte die Fleet Street über Indien und es wurde sogar in der Times berichtet, Younghusband sei bei einem Zusammenstoß mit den Eindringlingen getötet worden. Das wurde hastig abgestritten, aber Einzelheiten des hochtrabenden Benehmens der Russen gegenüber den britischen Offizieren konnte man nicht mehr unterdrücken. Die Presse, das Parlament und die Öffentlichkeit waren entsetzt, und wieder einmal erreichten anti-russische Befindlichkeiten einen Siedepunkt. Lord Rosebery, der liberale Adelige, der bald Außenminister werden sollte, ging so weit Baza’i Gonbad, den kargen Ort wo Younghusband von den Russen abgefangen wurde als „das Gibraltar des Hindu Kush“ zu bezeichnen. In Indien verriet der Oberbefehlshaber, General Roberts, Younghusband, er glaube der Zeitpunkt sei gekommen, die Russen anzugreifen. „Wir sind bereit,“ sagte er, „und sie nicht.“ Gleichzeitig befahl er die Mobilmachung einer Truppendivision, für den Fall, das die russische Besetzung des Pamirs zum Krieg führte.

Andere Falken schlossen sich dem Streit rasch an. Bisher haben die Russen alle Vertragsbedingungen gebrochen und sind straffrei ausgegangen.“ schrieb E.F. Knight, Sonderkorrespondent der Times, der derzeit nach Kaschmir und Ladakh reiste. „Indem sie ihre Truppen in das Gebiet von Chitral marschieren lassen, ein Saat unter unserem Schutz, der von der indischen Regierung bezuschusst wird, haben sie absichtlich Schritte unternommen, die allgemein als Kriegserklärung zu betrachten sind.“ Sollte Britannien derlei Einfälle in Staaten ignorieren, die es gegen fremde Angriffe schützte, dann „können die Einheimischen nur das Vertrauen in uns verlieren.“ Sie würden zu dem Schluss kommen, dass Russland die stärkere Macht sei, „vor der wir uns fürchten, Widerstand zu leisten“. Darum würden sie sich unvermeidlich den Russen zuwenden. “Wir dürfen,” schloss er , “mit Intrigen gegen uns rechnen, vielleicht sogar offene Anfeindung, als Ergebnis unserer Starre.“ Seine Voraussichten wurden von Geheimberichten aus Chitral anscheinend bestätigt. Die wiesen darauf hin, dass der Hinauswurf von Younghusband aus Afghanistan den britischen Ruf unter den Chitralis ernsthaft beschädigt hatte und dass man ihnen betreffs der Russen nicht mehr trauen konnte. Ähnliche Zweifel bestanden, wie wir bereits gesehen haben, im Blick auf Safdar Ali, dem Herrscher von Hunza, dessen persönliches Wohlwollen bekanntlich St. Petersburg galt.

Eine strenge Protestnote gegen Russlands aggressive Schritte wurde auf Anordnung von Lord Salisbury vom britischen Botschafter abgeliefert, dem unverblümten Sir Robert Morier. Neben der Infragestellung der russischen Ansprüche auf dem Pamir verlangte er eine vollständige Entschuldigung für die illegale Vertreibung von Younghusband und Davison aus der Region und fügte die Warnung hinzu, dass wenn die nicht sofort geliefert würde, „die Frage bedeutende internationale Maßstäbe annehmen würde“. Die unerwartete Wucht der britischen Reaktion verbunden mit dem Wissen, dass eine Division der indischen Armee für einen Krieg bei Quetta stationiert worden war, hatte den Zar und seine Minister verunsichert. In der Heimat standen die Dinge schlecht. In großen Teilen Russlands herrschten Hungersnot und politische Unruhen, und folglich war die Wirtschaft nicht in der Lage eine groß angelegte Auseinandersetzung mit Britannien zu unterhalten. Darum entschied St. Petersburg zurückhaltend sich zu fügen. Zur Entrüstung des Militärs, zog es seine Truppen zurück und seine Ansprüche auf den Pamir, wobei eine Festlegung der Grenze noch ausstand. Die Verantwortung für den gesamten Vorfall wurde dem unglücklichen Colonel Yanov in die Schuhe geschoben, der beschuldigt wurde seine Befugnisse weit überschritten zu haben, indem er die Annexion des Pamirs verkündete und Younghusband (des Landes) verwies. Erst später wurde bekannt, dass er dafür, als Sündenbock gedient zu haben, von Zar Alexander persönlich einen goldenen Ring geschenkt bekam und heimlich zum General befördert wurde. Britannien hatte dennoch seine Entschuldigung und für die verbleibende Zeit war wenigstens der Pamir frei von russischen Truppen.

Das russische Militär vertrat die Ansicht, dass die Briten selbst die Krise heraufbeschworen hatten. Ihre Entscheidung den Pamir zu besetzen, darauf bestanden sie, war ihnen von einer Regierung aufgezwungen worden, die entschlossen war ihr zentralasiatisches Reich zu zerschlagen. Als Beweis zitierten sie General MacGregors harten Wälzer, Die Verteidigung Indiens, das angeblich geheim war, aber irgendwie seinen Weg in ihre Hände gefunden hatte und ins Russische übersetzt worden war. Und wirklich, erst 1987 stieß ein russischer Forscher auf MacGregors lang vergessene Arbeit, um zu beweisen was er „den uralten Traum britischer Strategen“ nannte. Leonid Mitrokhin, zitiertin seinem Buch „Scheitern dreier Missionen“ MacGregors Meinung, dass Britannien „den russischen Staat in Kleinteile zerlegen sollte, die uns lange Zeit nicht mehr gefährlich werden können“. In der Tat, wendet man sich MacGregors eigenem Text zu, ist es recht ersichtlich, dass er zu so einem Schritt nur riet wenn Russland Indien angegriffen hätte – etwas, dass Mitrokhin und seine Vorgänger praktischerweise ausgeblendet haben, oder was man vielleicht schon bei der St. Petersburger Übersetzung übersehen hatte.

Aber selbst wenn entschiedenes Handeln, seitens der Briten und St. Petersburg, Angst vor einem Krieg die Russen dieses Mal gezwungen hatte einen Schritt zurück zu machen, hatte der Übergriff von Yanov und seinen Kosaken innerhalb nur weniger Stunden von Chitral und Gilgit Indiens Abwehrchefs einen bösen Schrecken eingejagt. Sollte die Vergangenheit irgendetwas gezeigt haben, dann dass das russische Militär darin nur einen temporären Rückschlag wahrnehmen und bald wieder nach Süden in den Pamir oder den östlichen Hindu Kush schleichen würde, in diesem unendlichen „Ochs’ am Berg“-Spiel. Während in Kalkutta niemand mehr den Pamir als angemessenen Weg für einen Großangriff auf Indien sah, könnte die Anwesenheit von feindlichen Agenten und kleinen Truppenkontingenten im Falle eines Krieges zwischen den beiden Mächten, wie ein Kommandeur es formulierte, „weitreichenden Schaden“ anrichten. Die Antwort, schrieb Knight in der Times, wäre „die Tür von unserer Seite aus zu schließen“, was genau das war wozu die Briten sich anschickten, angefangen mit Hunza, das man als den verwundbarsten der kleinen nördlichen Staaten ansah. Von dem Moment an als die Briten zur Offensive übergingen, war Safdar Alis Schicksal besiegelt.

Der Vizekönig musste nicht lange auf einen Grund warten um ihn vom Thron zu entfernen. Seit vielen Monaten machte er schon Ärger, in der festen Überzeugung, die Russen kämen zu seiner Hilfe wenn er sie brauchte. Nachdem sich Younghusbands Einheit aus Kaschmir vom Kopf des Shimshal Passes zurückgezogen hatte, der im Winter unbewohnbar war, hatte er seine Raubzüge auf die Karawanenwege zwischen Leh und Yarkand und auf andere benachbarte Gemeinden fortgesetzt. Er war sogar so unklug gewesen, einen kaschmirschen Bürger aus einem Dorf mitten in Kaschmir zu entführen und in die Sklaverei zu verkaufen. Außerdem gab er weithin bekannt, dass er die Briten, die versuchten seine Exzesse zu zügeln, als Feinde und die Russen und Chinesen als Freunde betrachtete. Dann, im Frühling 1891, kurz vor Yanovs Erscheinen im Pamir im Norden von Hunza, erfuhr Colonel Durand in Gilgit, dass Safdar Ali plante die kaschmirsche Festung bei Chalt einzunehmen, nach der er schon lange gierte. Indem er Männer sandte um die Seilbrücken auf der Seite von Hunza zu durchtrennen und die Kaschmir-Garnison dort verstärkte, gelang es Durand das zu vereiteln, doch es war ersichtlich, dass Safdar Ali es früher oder später wieder versuchen würde, vielleicht sogar mit russischer Hilfe. Wie es aussah war es ihm gelungen den Herrscher des benachbarten Staats Nagar zu überreden sich ihm gegen die aufdringlichen Briten und ihre kaschmirschen Freier anzuschließen.

Im November 1891 versammelte sich unter strengster Geheimhaltung eine kleine Streitmacht aus Gurkhas und kaiserlichen Truppen Kaschmirs in Gilgit unter Colonel Durands Kommando, bereit nach Norden gegen Hunza und Nagar zu marschieren. Während das geschah gelang es den Kaschmirern einen Spion aus Hunza zu ergreifen, der von Safdar Ali geschickt worden war um über die Stärke der britischen Armee in Kaschmir zu berichten. Unter anderem verriet er seinen Vernehmern den genialen neuen Plan seines Meisters, die Garnison in Chalt zu überraschen. Einige Männer aus Hunza mit Lasten auf dem Rücken, die sie aussehen ließen wie Kulis aus Gilgit (denen sie sehr ähnlich sahen), aber mit versteckten Waffen, sollte in der Festung für die Nacht um eine Unterkunft ersuchen. Einmal drinnen würden sie über die ahnungslosen Verteidiger herfallen und sie lange genug beschäftigen um es Safdar Alis Truppen, die in der Nähe verborgen wären, zu ermöglichen hinter ihnen hineinzuströmen.

Es war für Durands Streitmacht eindeutig Zeit loszulegen. Sie bestand aus fast 1 000 Gurkhas und Kaschmirern, alles reguläre Truppen und mehreren hundert paschtunischen Straßenbaukommandos. Sie wurden von Gebirgsartillerie, sieben Ingenieuren und sechzehn britischen Offizieren begleitet. Der Weg war an manchen Stellen so schwierig, dass sie länger als eine Woche brauchten um nach Chalt zu kommen, das nur zwanzig Meilen (~30 km) nördlich von Gilgit lag und als vorgeschobene Basis für Einsätze in Hunza und Nagar diente. Hier erreichte Durand eine bizarre Nachricht von Safdar Ali, der inzwischen von dem britischen Vorstoß auf seine Grenze erfahren hatte. Er erklärte, dass Chalt „sogar noch kostbarer für uns ist, als der Nachtzwirn unserer Weiber“, und verlangte, dass es ihm übergeben würde. Er warnte Durand außerdem, dass falls die Briten Hunza beträten, sie bereit sein sollten es mit drei Nationen aufzunehmen – „Hunza, Russland und China“. „Die mannhaften Russen“, behauptete er, hätten bereits versprochen zu seiner Hilfe zu kommen gegen „die weibischen Briten.“ Er setzte noch hinzu, dass er angeordnet habe ihm Durands Kopf auf einem Teller zu bringen, falls er es mit seinen Truppen wagte Hunza zu betreten. Zur gleichen Zeit erfuhr Macartney in Kaschgar, Safdar Ali habe Boten zu Petrovsky geschickt, dem russischen Konsul, um ihn an Gromchevskys versprochene Hilfe zu erinnern. Ähnliche Bitten um Waffen und Geld gab es beim chinesischen Gouverneur.

Am 1. Dezember überquerten die britische Streitkraft den Hunza-Fluss mit einer improvisierten Brücke, die Durands Ingenieure gebaut hatten, und steuerte nach Norden auf Safdar Alis Bergkapitale zu, die heute Baltit heißt, aber damals kannte man es nur als Hunza. Der Fortschritt verlief langsam, da die Kolonnen die nahezu senkrechten Wände einer Reihe von tiefen Schluchten auf- und absteigen mussten. An den Scheiteln warteten die feindlichen Scharfschützen auf sie in Sangars, Felsenverschanzungen, von denen jede eingenommen werden musste bevor es sicher weitergehen konnte. Das erste große Hindernis, das ihren Weg versperrte, war jedoch die gewaltige Festung bei Nilt, die dem Herrscher von Nagar gehörte. Mit ihren massiven Mauern und winzigen Gucklöchern, sagte man sie sei, wie so viele asiatische Festungen, uneinnehmbar. Durands siebenpfündige Berggeschütze würden sicherlich wenig Eindruck auf sie machen, während es seinen Ghurka-Scharfschützen nicht gelang, die Verteidiger hinter ihren engen Schlitzen abzuschießen. Durands Probleme wuchsen, da sein einziges Maschinengewehr blockierte, während er selbst verwundet wurde, was ihn zwang sein Kommando abzugeben. Aber bevor er das tat, erteilte er seinen Pionieren, die Captain Fenton Aylmer befehligte, den Befehl das Haupttor aufzusprengen. Das war ein extrem gefährliches Unterfangen, so sehr wie die Sprengung des Tors von Ghazni durch Durands Vater sechzig Jahre vorher. Was dann passierte, schrieb E.F. Knight, der die Expedition begleitete, „wird man lange nicht vergessen, denn es war eine der tapfersten Taten in der indischen Kriegsgeschichte.“

Gedeckt von starkem Beschuss durch den Rest der Truppe, die die Verteidiger von ihren Gucklöchern fernhalten sollte, schafften es Captain Aylmer, seine paschtunische Ordonnanz und zwei Fähnriche, erfolgreich die Festungsmauer zu erreichen. Kurz hinter ihnen waren 100 Gurkhas, bereit in dem Moment durch das Tor zu strömen in dem es zerstört würde. Dann, als die Fähnriche zusammen mit Aylmer ihre Revolver aus nächster Nähe in die Gucklöcher entleerten, sausten er und seine Ordonnanz, die beide Sprengladungen bei sich trugen, durch einen Feuerhagel an den Fuß des Haupttors. Dort platzierten sie ihre Sprengladungen und bedeckten sie vorsichtig mit Steinen, um die Wirkung zu bündeln. Schließlich, nachdem sie die Lunte gezündet hatten, zogen sich beide Männer eilig an der Mauer zurück, in sichere Entfernung, um auf die Explosion zu warten. Keine kam. Die Lunte war ausgegangen.

In dem Moment wurde Aylmer getroffen – aus so kurzer Entfernung ins Bein geschossen, dass seine Hosen und sein Bein vom Puder verbrannt wurden. Trotzdem kroch er zum Tor zurück um die Lunte noch einmal zu zünden. Er stutzte sie mit seinem Messer zurecht, zündete ein Streichholz und nach einigen Versuchen gelang es ihm, sie wieder zu entfachen. Die Verteidiger, die genau wussten, was er vorhatte, fingen an schwere Steine von oben auf ihn zu werfen, von denen einer seine Hand übel zerquetschte. Wieder robbte Aylmer die Mauer entlang um auf die Explosion zu warten. Dieses Mal versagte die Lunte nicht. „Wir hörten über den Lärm der Pistolen und Musketen hinaus eine gewaltige Explosion und sahen Rauchsäulen in die Luft steigen.“ schrieb Knight. Als das ganze Tor in einer großen Wolke aus Staub und Trümmern zusammenbrach stürmten die Ghurkas, angeführt von Aylmer und den beiden Fähnrichen, in die Festung wo ein wildes Handgemenge um sie anfing. Zunächst fand sich der erste Sturmtrupp absolut in der Unterzahl und bedrängt, denn in dem Rauch und der Konfusion der Explosion hatte der Haupttrupp nicht gemerkt, dass die Ghurkas schon drinnen waren und feuerte weiter wie wild auf die Mauern und Gucklöcher. Als ihm klar wurde, dass sie niedergemetzelt werden würden, wenn die anderen noch lange warteten, rannte Lieutenant Boisragon, einer der Fähnriche, zurück zum zerstörten Tor und rief um Hilfe, wodurch er sich zur Zielscheibe beider, Freund und Feind, machte. Sein Einsatz sollte die Lage retten, denn einen Moment später stürmte der Rest der Streitkraft in die Festung. Knight sah von der Tribüne was folgte. Als er die Explosion hörte war er auf die Spitze eines Grats geklettert von dem aus er in das verrauchte Innere der Festung spähte, „die neben uns aufgeklappt war, wie eine Karte“. In seinem Buch „Wo sich drei Reiche begegnen“: „Dort, in den engen Gassen, war ein Durcheinander von Männern, kaum unterscheidbar von dem Staub und Rauch, aber in einem Augenblick realisierten wir, dass der Kampf in der Festung weiterging.“ Es war wohl offensichtlich, dass die draußen es noch nicht gemerkt hatten. Doch dann plötzlich hörten er und seine Begleiter Jubel über Jubel von unten, in den sie „mit dem Rest an Puste, die wir nach dem langen Klettern noch in uns hatten“ begeistert einfielen. Von ihrem Aussichtspunkt aus, sahen sie jetzt den Hauptteil der Truppen durch das Tor strömen, was die Verteidiger zur Flucht über die Mauern und kleine geheime Ausgänge trieb, die nur sie kannten.

Zum Verlust von nur sechs Männern, gegen achtzig oder mehr tote Feinde, war das uneinnehmbare Nilt gefallen. Bald darauf rannte Knight in Aylmer hinein. Mit Blut verschmiert und gestützt von seinen Männern, fand ihn der Times-Reporter „so fidel wie immer“ vor, bis auf die weitere Wunde, die er sich in der Feste zugezogen hatte. „Als wir zum Tor gingen,“ schrieb Knight, „muss er gewusst haben, dass er nahezu sicher in den Tod geht.“ und ergänzte, dass diese Tapferkeit beide Seiten schwer beeindruckte. Ein lokaler Anführer, der den Briten freundlich gesinnt und den Angriff auf das Tor bezeugt hatte, erklärte Knight danach: „So kämpfen Giganten, und keine Männer.“ Diese Ansicht vertraten auch die Behörden in der Heimat, denn beide, Captain Aylmer und Lieutenant Boisragon wurde später das Viktoriakreuz verliehen. Aber trotz des unerwarteten Verlusts von Nilt setzte der Feind seine Schikanen gegen die Briten fort und bot ihnen die Stirn als sie sich ihren Weg zur Hauptstadt Hunzas erkämpften. Schließlich, mitten im Dezember, fanden die Angreifer ihren Weg durch ein Hindernis blockiert, das noch überwältigender war als die Festung von Nilt.

Dieses Mal war eine komplette Bergwand vom Feind in ein Bollwerk verwandelt worden. Bedeckt mit sangars und besetzt von geschätzten 4 000 Männern, beherrschte es das Tal absolut. 1.200 Fuß (~350 m) darunter mussten die Briten daran vorbei. Der Versuch durch das Tal zu kommen, ohne erst den Feind aus den Höhen zu vertreiben, wäre offensichtlich beinah Selbstmord. Aber wiederholte Aufklärungen einen Weg zu finden, über den die Stellungen erreicht werden konnten, erwiesen sich als nutzlos. Wie in Nilt musste dringend etwas passieren wenn die Briten nicht gezwungen sollten, den Feldzug abzubrechen und sich zurückzuziehen, was absolut undenkbar war. Die Lösung kam aus einer überraschenden Ecke. Eines Nachts gelang es einem Sepoy aus Kaschmir, unter Lebensgefahr die steile Felswand zu erklimmen, die zu den feindlichen Stellungen führte, ohne von ihnen entdeckt zu werden. Er war

selbst ein geübter Kletterer und erklärte seinen Offizieren, dass er glaubte eine entschlossene Gruppe Gurkhas und anderer erfahrener Kletterer könnte auf diesem Weg zum Feind gelangen. Es sei stellenweise so steil, berichtete er, dass die Verteidiger Schwierigkeiten haben würden, die aufsteigende Soldaten zu sehen oder auf sie zu schießen. Der vorgeschlagene Weg wurde sorgfältig mit dem Fernglas untersucht, worauf entschieden wurde, mit dem gewagten Plan fortzufahren – da es keine Alternative zu geben schien.

Vorbereitungen für den Angriff schritten unter größtmöglicher Geheimhaltung voran, denn im britischen Lager, das aus sehr vielen vor Ort angeheuerten Trägern bestand, vermutete man feindliche Spione. Um den Anschein zu erwecken, die Expedition bereite ihren Rückzug vor, wurden 200 Paschtunen, die nur für den Straßenbau gebraucht wurden und für die Operation belanglos waren, angewiesen mit dem Packen anzufangen. Inzwischen wurde die Attacke auf die Nacht des 19. Dezember festgelegt. Ausgewählt die Klettergruppe anzuführen wurde Lieutenant John Manners Smith, ein geschulter Bergsteiger von 27 Jahren, der die Streitmacht im Auftrag der politischen Abteilung unterstützte. Nur die handverlesenen fünfzig Ghurkas und fünfzig Kaschmirer, die ihn begleiten sollten wurden über die gefährliche Mission informiert, die sie in Kürze unternehmen würden. In der Nacht des Angriffs, noch bevor der Mond aufgegangen war, wurden die besten Scharfschützen unter den verbleibenden Soldaten so leise wie möglich an Aussichtspunkten, 500 Yards (~ 450 m) entfernt über den feindlichen Stellungen postiert. Die zwei siebenpfündigen Gebirgskanonen wurden ebenfalls im Schutz der Dunkelheit postiert. Zur gleichen Zeit machte sich die Klettergruppe geräuschlos auf den Weg durch das Tal, zu dem dunklen Platz am Fuß der Felswand, die sie besteigen wollten. Es war so, dass die Feinde durch einen glücklichen Zufall diese Nacht für eine ihrer regelmäßigen Feiern ausgewählt hatten, deren Geräusche jeden Lärm, den die verschiedenen Truppenbewegungen verursachten, wirksam dämpfte.

Als der Morgen dämmerte, richteten die Scharfschützen und Kanoniere einen dauernden Beschuss auf die feindlichen Sangars durch das Tal. Das konzentrierte sich auf die Stellungen, von denen die Kletterer darunter am ehesten entdeckt werden konnten. In dem Moment, in dem sie doch entdeckt werden würden, wie sie sich gefährlich an die Felsenoberfläche klammerten, sollte der Beschuss immens verstärkt werden. Anders hätten Manners Smith und seine 100 Mann starke Truppe wenige Chancen zu überleben oder ihr Ziel zu erreichen. Eine halbe Stunde nachdem der Beschuss losging, begann die Klettergruppe mit ihrem langen und gefährlichen Aufstieg. „Von unserem Kamm,” schrieb Knight, “konnten wir einen kleinen Strom von Männern sehen, die langsam hochstiegen, jetzt nach links abbogen, jetzt nach rechts, jetzt wieder ein kleines Stück hinab, wenn ihnen ein unüberwindbares Hindernis im Weg war, um es noch einmal an einem anderen Punkt zu versuchen.“ Sie sahen sehr aus, fuhr er fort, wie „eine verstreute Ameisenschlange, die ihren Weg die zerklüftete Wand hinauf suchte.“ An der Spitze konnte er Manners Smith erkennen, der seinen Männern “agil wie eine Katze” vorauskletterte. Doch dann, 800 Fuß (~250 m) über der Talsohle, folgte ein schwerer Rückschlag. Manners Smith hielt an. „Ihm war klar,“ schrieb Knight, „und uns sogar noch mehr, da wir die ganze Situation überblickten, dass der Steilhang über ihm nicht überwindbar war.“ Irgendwie hatten sie den falschen Weg genommen. Es blieb nichts übrig, als zum Anfangspunkt zurückzukehren. Zwei Stunden waren verschwendet worden. Wie durch ein Wunder hatte der Feind sie aber noch nicht entdeckt.

Um nicht noch mehr Zeit zu verschwenden suchte Manners Smith die Felswand ab, um zu sehen, wo sie den falschen Weg genommen hatten. Ein paar

Minuten später, ohne dass der Feind es sah, signalisierte er durch das Tal, dass er einen erneuten Versuch machen würde. Nahezu atemlos beobachteten Knight und der Rest der Streitkraft, wie die Gruppe noch einmal begann sich ihren Weg nach oben zu erarbeiten. Dieses Mal erwies sich der Weg als richtig und die Kletterer kamen ungehindert vorwärts. Nachdem es ihren Kameraden auf der anderen Seite des Tals wie eine Ewigkeit vorkam, waren Manners Smith und eine Handvoll seiner besten Kletterer auf sechzig Yards an den nächsten Sangars. In diesem Moment wurde Alarm gegeben und die Hölle entfesselt. Jemand, so schien es, der den Verteidigern freundlich gesinnt war, hatte von der anderen Seite des Tals gesehen, was los war und eine Warnung gerufen. Als sie der Gefahr gewahr wurden und unter Nichtbeachtung des schweren Beschusses, der auf sie regnete, rannten diejenigen in den Sangars, die am nächsten an der Felswand waren, vorwärts und ließen schwere Steine auf die Klettergruppe regnen.

Einige der Männer wurden getroffen und ernsthaft verletzt, aber durch ein Wunder wurde keiner in den Abgrund darunter gestürzt. Zum Glück hatte die Mehrheit der Kletterer die Punkte passiert, an denen sie am meisten ungeschützt waren und die Brocken prallten harmlos über ihren Köpfen ab. Inzwischen hatte sich der andere Fähnrich in der Klettergruppe zu Manners Smith gesellt. „Die beiden Offiziere,“ schrieb Knight, „lenkten ihre Männer vortrefflich, achteten auf ihre Gelegenheiten, erarbeiteten sich mit gelassener Urteilsvermögen ihren Weg von Punkt zu Punkt durch die Lawinen, und gewannen Fuß für Fuß an Höhe.“ Dann, erzählt der Times-Mann, „sahen wir, wie Lieutenant Manners Smith einen plötzlichen Schritt vorwärts machte, mit dem Fuß einen der Sangars erwischte, rechts um ihn herum kletterte und über den flachen Absatz daneben stieg.“ Sekunden später schloss der erste der Ghurkas auf, ihre Kukris und Bajonette glänzten im Sonnenlicht des Winters. In kleinen Gruppen bewegten sie sich von Sangar zu Sangar, betraten sie von hinten und machten ihre Insassen nieder. Erst kämpften die Verteidiger mutig, aber als sie merkten, dass sie keine Chance gegen die gut ausgebildeten Soldaten hatten, entwischten sie allein oder zu zweit aus ihren Stellungen. Das verwandelte sich schnell in eine pauschale Panik und die gesamte feindliche Truppe nahm die Füße in die Hand. Viele der Flüchtenden wurden erschossen als sie an der Klettergruppe vorbeirannten oder von den Scharfschützen und Kanonieren auf der anderen Seite des Tals, die den Berghang mit Leichen und Verwundeten garnierten.

Die Niederlage ihrer zweiten Festung und die Feststellung, dass weder die Russen noch die Chinesen ihnen zu Hilfe kamen, erwiesen sich als zu viel für den Feind. Auf dem ganzen Weg zur Hauptstadt, die zwanzig Meilen voraus lag, legten sie ihre Waffen nieder und ergaben sich oder gingen nach Hause. Für seine herausragende Rolle an dem Sieg wurde Manners Smith später das Viktoria-Kreuz verliehen, das dritte auf den dreiwöchigen Feldzug, während einige Sepoys den Indischen Verdienstorden erhielten, die höchste Auszeichnung für Tapferkeit, die derzeit für einheimische Truppen zu haben war. Inzwischen packte Safdar Ali in seiner Hauptstadt hektisch seine Schätze zusammen, bereit zu fliehen. Ihm war auch klar, dass Gromchevskys Versprechen nichts wert gewesen waren. Als die britische Vorhut, deren Vorankommen durch das gebirgige Gelände gebremst wurde, näher an die Hauptstadt kam, entschlüpfte der Herrscher nach Norden und brannte bei seiner Flucht Dorf auf Dorf nieder. Die Besucher hatten erwartet seinen Palast, in Knights Worten, „vollgepackt mit der Beute von einhundert Karawanen“ zu finden. Aber sie sollten enttäuscht werden. In Begleitung seiner Frauen und Kinder und denjenigen seines Gefolges, die ihm weiterhin loyal waren, hatte er nahezu alles von Wert auf den Rücken von 400 Kulis mitgenommen, sagte man. Eine gründliche Durchsuchung des Palastes verriet aber ein geheimes Arsenal, das hinter einer Wandattrappe versteckt war und russische Gewehre enthielt.

Im Palast befanden sich ebenfalls Haushaltswaren, mitunter Samoware und Zeitungen und ein Bild von Alexander III. zwischen einer immensen, zum großen Teil ungeöffneten Korrespondenz mit den russischen und chinesischen Behörden, dazwischen befanden sich auch Briefe von Younghusband und Gilgit, die seine Agenten währen der Pamirkrise von 1891 abgefangen hatten.

Da sie Safdar Ali unbedingt fangen wollten, damit er nicht versuchte Unterstützung zu versammeln oder anderes Unheil anrichtete, schickten die Briten schnell eine Gruppe Reiter hinter ihm her, in der Hoffnung ihm den Weg abzuschneiden bevor er die Grenze nach China überquerte, oder eben Russland. Aber irgendwo in den verschneiten Pässen, deren Geheimnisse er besser kannte als seine Verfolger, schaffte er es ihnen zu entwischen und nach Sinkiang zu entkommen, von wo der Gouverneur seine Ankunft bei Macartney meldete. Nachdem sie Safdar Alis gefügigen Bruder auf den Thron gesetzt hatten, mussten die Briten sich entscheiden was sie dann tun wollten. Sollten sie verweilen oder sich zurückziehen? Da aus Furcht zu gehen eher als Schwäche ausgelegt werden würde denn Großmut, entschieden sie zu bleiben. Zusätzlich zur Stationierung einer kleinen Garnison kaiserlicher Truppen dort, um unwillkommene Eindringlinge wie Gromchevsky und Yanov fernzuhalten, ernannten sie einen politischen Offizier um den neuen Herrscher bei seinen Entscheidungen zu unterstützen. Wie vorgesehen und geplant waren Hunza und Nagar (dessen Herrscher man erlaubte, auf dem Thron zu bleiben) Teil von Britisch Indien. „Sie haben uns die Tür ins Gesicht geschlagen.“ soll Giers, der russische Außenminister gesagt und sich laut Berichten beschwert haben, als er die Neuigkeit hörte.

Ausnahmsweise waren die Briten einmal zuerst da gewesen. Aber jegliche Zufriedenheit oder Seelenfrieden, den sie mit Hunza gewonnen hatten sollte sich als kurzlebig entpuppen. Woanders im hohen Norden waren die Russen

mal wieder in Bewegung. Das Militär, wurde klar, hatte seine Vormachtstellung über das Außenministerium zurückgewonnen. Sogar Colonel Yanov, der noch vor kurzem von St. Petersburg zusammengestaucht wurde, war Berichten zufolge wieder im Pamir. Bis zum Sommer 1893 waren russische Truppen zweimal mit den Afghanen kollidiert und hatten eine chinesische Festung auf Gebiet abgerissen, das sie als ihres reklamierten. Obwohl die Russen diese Mal eine Konfrontation mit den Briten vermieden, schien sowohl Durand in Gilgit wie Macartney in Kaschgar eins sicher zu sein. Unbeachtet der Konsequenzen und bevor die Briten irgendwelche Gegenzüge vorbereiten könnten, planten die Russen den Pamir zu besetzen. Von den Afghanen oder den Chinesen konnte außerdem wenig Trost erwartet werden, deren Wille diesem russischen Übergriffen zu widerstehen immer schneller zerbröselte.

Sogar Gladstone, der in der Heimat im Anschluss an die Niederlage der Tories bei den allgemeinen Wahlen von 1892 an die Macht zurückgekehrte, wurde langsam nervös. „Die Dinge haben sich so entwickelt,“ warnte Lord Rosebery, sein Außenminister und anschließender Nachfolger, „dass die Regierung ihrer Majestät nicht einfach nur stillhalten kann.“ Gladstones Lösung bestand darin St. Petersburgs Zustimmung zu einer gemeinsamen Grenzkommission zu erzwingen, eine Idee mit der sich die Russen einverstanden erklärten. Dennoch, warnte Rosebery, versuchte das Militär eindeutig jegliche Einigung über die Grenze zu verzögern, bis sie hatten was sie wollten. Mit anderen Worten, es war mal wieder Pandjeh. Seine Warnung wurde von den Nachrichten unterstützt, dass die Russen Baza’i Gonbad besetzt hatten, den Brennpunkt der letzten Krise. Aber das war nicht alles. Eine ernste Krise war in Chitral entstanden, das viele Strategen als verwundbarer für ein russisches Eindringen hielten als Hunza. Nach dem Tod seines gealterten Herrschers war es in Aufruhr geraten als familiäre Rivalen sich um den Thron stritten. Dadurch hatte Chitral in drei Jahren fünf Herrscher.

Bisher waren die Briten damit glücklich sich auf den Vertrag mit Chitral zu berufen um alle Kosaken und sonstige Unerwünschte fernzuhalten. Mit Aman-ul-Mulks Tod waren die Briten überhaupt nicht mehr sicher, dass diese Vereinbarung weiter bestehen würde. Das würde davon abhängen, welcher seiner sechzehn Söhne die Oberhand gewann. Indessen, dachten zumindest einige, gab es ein gravierendes Risiko, dass die Kosaken in das Vakuum stießen. „Mit russischen Posten im Pamir,“ warnte Durand aus Gilgit, „ist ein anarchistisches Gilgit als Nachbar für uns zu gefährlich und ein zu verlockendes Gebiet für russische Machenschaften und Störungen, um es hinzunehmen.“ Wenn man der russischen Presse wirklich irgendetwas glauben konnte, dann hatten die Briten allen Grund zur Sorge. Indem sie den Bau eine Militärfernstraße südlich über den Pamir und das Hissen der Flagge über dem Pamir und dem Hindu Kush forderte, verlangte das Nachrichtenblatt Svet Chitral zum Protektorat des Zaren zu machen. Obwohl das stark dem was das Außenministerium sagte widersprach, verlieh es zweifelsfrei dem Einverständnis aller Offiziere und Mannschaften der russischen Armee Gehör, und voraussichtlich dem des Kriegsministeriums selbst.

Laut N.A. Khalfin, dem sowjetischen Historiker dieser Ära, lagen sich die Minister und Berater des Zaren darüber in den Haaren, was sie in der Pamir-Region machen sollten. Er besteht darauf, dass sie zutiefst über die politischen Aktivitäten von britischen Funktionären wie Durand und Younghusband beunruhigt waren und über die Annexion von Hunza und Nagar, wenn die Rückkehr der Liberalen auch tröstlich war. Während die Falken, mit dem Kriegsministerium an der Spitze, den Zaren drängten sich aggressiv zu geben, bevorzugten die Tauben unter Giers eine diplomatische Lösung mit dem Argument, schwere interne Probleme (die Hungersnot allein hatte eine halbe Million Leben gekostet) schlössen jede Frage nach einer Konfrontation aus. Und warum sollte man sich jetzt mit den Briten um Gebiete

zanken, die man in Kriegszeiten andauernd besetzen könnte? Die Briten wussten davon natürlich nichts und angesichts des kriegerischen Untertons russischer Leitartikel und St. Petersburgs Vorgeschichte, eins zu sagen und das andere zu tun, konnte man ihnen kaum vorwerfen beunruhigt zu sein.

Inzwischen, ging der Kampf um den Thron in Chitral selbst weiter und wurde mit jedem Mal blutiger. Zunächst verhielten sich die Briten neutral, in der Hoffnung den letztlichen Gewinner bevormunden zu können. Aber sehr bald steckten sie mitten in dem Schlamassel. Und da wieder herauszukommen, erwies sich als wesentlich komplexer.