Krieg gegen alle

Lindsey Hilsum

AUSGABE 23.NOVEMBER 2017

The Impossible Revolution: Making Sense of the Syrian Tragedy

by Yassin al-Haj Saleh, with a foreword by Robin Yassin-Kassab

Haymarket, 312 pp., $18.00 (paper)

The Caliphate at War: Operational Realities and Innovations of the Islamic State

by Ahmed S. Hashim

Oxford University Press, 379 pp., $29.95

We Crossed a Bridge and It Trembled: Voices from Syria

by Wendy Pearlman

Custom House, 290 pp., $24.99

Destroying a Nation: The Civil War in Syria

by Nikolaos Van Dam

I.B. Tauris, 242 pp., $15.95

In der arabischen Mythologie entsteigt der Al-Sada-Vogel, auch Todeseule (genannt), dem Körper eines ermordeten Mannes und kreischt, bis jemand Rache nimmt. „Heute schreien zweifellos zehntausende Al-Sada-Vögel nach Rache, überall am syrischen Himmel.“ schreibt Yassin al-Haj Saleh in „Die Bestimmung der Syrischen Revolution“, einem von zehn Essays in seiner Sammlung Die Unmögliche Revolution. Extreme Gewalt, einschließlich der Einkerkerung und Folterung von Jugendlichen, waren Kennzeichen der Antwort des syrischen Regimes auf die Straßenproteste, die 2011 entbrannten. Als der Aufstand zu einem Bürgerkrieg wurde, sperrten die Rebellen ihre Feinde ebenso ein, wobei sie Methoden der Misshandlung und des Tötens übernahmen, die sie in den Gefängnissen des Regimes kennengelernt hatten. Böse Geister, oder Dschinns, schwebten in der Luft. Fast eine halbe Million Syrer sollen ihr Leben in sechs Jahren Kampf verloren haben.

Saleh, einer der bekanntesten abtrünnigen Denker des Landes, lebt nun in Berlin und hat damit gekämpft, Abstand von den Ghuls zu gewinnen, die Syriens zerstörte Städte heimsuchen. „Wo findet man Kühle Köpfe, die klar denken, in der Welt von al-Sada, Dschinn und Geistern?“ Man könnte sagen, auf den Seiten seines Buchs, wenn er die Ursprünge der Gewalt untersucht, die Ideologie der Baath-Partei erforsch, die das Land seit 1963 regiert, methodisch die Phasen der Revolution seziert und das Abrutschen in den Fanatismus nachzeichnet. Nur in der Einleitung schreibt er über sein eigenes Leben, was schade ist, denn seine Erfahrung hilft uns

zu verstehen, warum die Revolution in Syrien scheiterte.

Saleh wurde 1961 in Syriens sechstgrößter Stadt, Raqqa, geboren und schloss sich der Syrischen Kommunistischen Partei an während er in Aleppo studierte. Weil er wegen Widerstand gegen Präsident Hafiz al-Assad verhaftet wurde, den Vater des gegenwärtigen Präsidenten, verbrachte er sechzehn Jahre im Gefängnis. Vier Jahre nach seiner Freilassung 1996 traf und heiratete er Samira al-Khakil, ebenfalls eine ehemalige Inhaftierte. Sie teilte seine Leidenschaft für politischen Wandel; die Revolution ermöglichte es dem Paar, seine Überzeugungen zu leben.

Saleh schrieb das erste dieser Essays im März 2011, wobei er an Straßendemonstrationen teilnahm, und späteren während er floh. Saleh und al-Khalil verbrachten mehrere Monate in den von Rebellen kontrollierten Vororten von Damaskus, wo sie mit dem Menschenrechtsaktivisten Razan Zaitouneh zusammen arbeiteten, dem Gründer des Gewalt-Dokumentationszentrums, das Missbräuche durch alle Seiten aufzeichnet. Saudische, katarische und türkische Gelder begannen an gewisse Rebellengruppen zu fließen, mitunter an salafistische Dschihadisten, deren brutale Religiosität vorher in Syrien unbekannt war. Saleh dachte an ein Sprichwort, das man Ho Chi Minh zuschreibt: „Willst du ein Revolution zerstören, überschütte sie mit Geld.“ Al-Khalil machte sich mit praktischer Arbeit, gründete zwei Frauenzentren im Vorort von Damaskus, Duma.

Saleh floh im Oktober 2013 in die Türkei, hoffte dass al-Khalil ihm bald folgen würde, aber am 9. Dezember 2013 wurde sie zusammen mit Zaitouneh und zwei männlichen Kollegen entführt. Eine Rebellengruppe, Jaysh al-Islam (Armee des Islam) wurde beschuldigt, sie „verschwinden“ lassen zu haben. Für die Syrer, die gehofft hatten ihr Aufstand würde die Regierung Bashar al-Assads vertreiben ohne sie den Händen von Dschihadisten auszuliefern, war es ein schicksalsschwerer Moment. „Es war uns nie gegenwärtig, dass es eine größere Gefahr für ihr Leben geben könnte, als die Bomben des Regimes.“ schreibt Saleh. „Was diese Entführung so besonders tragisch macht, ist, dass sie das Ergebnis unseres eigenen Kampfes war, und dass wir selbst diesen schrecklichen Vorfall (erst) möglich machten.“

Den Satz darf man zwei Mal lesen: So arg ist die Lage in Syrien, dass einer der allältesten und inbrünstigsten Kritiker des Regimes, ein Mann, der sein gesamtes Leben dem Kampf gegen die Assads, Vater und Sohn, gewidmet hat, gezwungen ist sich zu fragen, ob es nicht besser gewesen wäre gar nicht erst zu rebellieren. Im Kopf mag der Autor klar geblieben sein, aber sein Herz ist zerbrochen, aber die sorgfältig abgestimmte Prosa dieser Essays enthält nicht die ganze Geschichte. Wie können wir die syrische Revolution verstehen, solange wir nicht den Schrei des al-Sada-Vogels hören und es tiefgründiger betrachten können, wie es ist sich selbst das Verschwinden der Frau anzulasten sowie vielleicht ihren Tod?

Im Juli diesen Jahres veröffentlichte Saleh den ersten einer Reihe bewegender Briefe an seine vermisste Frau auf der Webseite des al-Jumhuriya-Kollektivs, einer Gruppe syrischer Autoren und Forscher. Wären diese Briefe einer tieferen Analyse von Salehs Buch unterworfen worden, hätte es ggf. größeren Anklang gefunden. Vielleicht hätte es sogar linke Denker in Großbritannien und den USA davon überzeugt, dass der Aufstand nicht einfach ein Komplott des Westens war, um eine anti-imperialistische Regierung zu stürzen, was viele glauben. Die persönliche Tragödie des Literaten offenbart ihn als eine authentische Stimme, die versucht zu verstehen wie die ursprüngliche, fortschreitende Revolte, die er unterstützte, so entsetzlich schief lief.

Das Schicksal der Syrischen Revolution“ schreib man in Salehs Heimatstadt Raqqa im September 2013, als sie sich in Händen der Freien Syrischen Armee (FSA) befand, einer größtenteils säkularen Miliz, gegründet von Soldaten, die vom Regime desertiert sind. Kämpfer des Islamischen Staates, der extremsten der etwa 1500 zunehmend religiösen Rebellengruppen, die derzeit im Land operierten, umzingelten bereits die Stadt. Im Juli 2014 übernahmen sie die Kontrolle, verhängten eine harsche, willkürliche Form des Islamischen Gesetzes und zwangen die Bürger Kreuzigungen zuzuschauen, Auspeitschen, und Enthauptungen. „Militanter Nihilismus“ sagt Saleh, war das logische Ergebnis von Gewalt, Folter und Terror, angewandt um die Revolution zu beenden.

Als das Land zerfiel, listete Saleh die wachsende Zahl der Identifikationen auf: Assads Syrien, das aufständische Syrien, das salafistische Syrien, das kurdische Syrien, jede unter der Kontrolle durch „Kriegsherren oder feudale Gebieter“. Mit fortgesetztem Krieg produzierten Denkfabriken und Zeitungen Karten wie Puzzle – aber mit jedem Mal wenn man die Teile zusammensetzen wollte, veränderte sich ihre Größe oder Form. Bei verschiedenen Besuchen in Syrien seit 2013 fiel mir auf was die Karten verschweigen: die Fäden, die Syrien zusammenhalten, die alle nach Damaskus zurück führen.

Die syrische Regierung hat weiterhin Gehälter bezahlt, selbst zivilen Bediensteten in Rebellengebieten. Bis zum letzten Jahr fuhren Busse zwischen der syrischen Hauptstadt und Raqqa in der Hand der ISIS; an der Haltestelle in Damaskus traf ich im Oktober 2015 eine ältere Frau mit bleichen beduinischen Tätowierungen im Gesicht, die mir erzählte, sie sei nach Damaskus gekommen um ihre Rente zu bekommen, damit umging sie eine Verordnung des Islamischen Staates, die Regierungszahlungen als unreligiös verbot. Ein freundlicher Arzt in Raqqa hatte ihr eine Bescheinigung ausgestellt, die besagte, dass sie wegen medizinischer Behandlung reisen musste. Die Busfahrer waren Helden, forderten die Reisenden auf, ihnen zu sagen wer den nächsten Grenzübergang kontrollierte, sodass Frauen, die Raqqa in voller Burka und Handschuhen wussten, wann sie sich entspannen konnten und ihre Gesichter zeigen, und wann sich bedecken auf dem Rückweg.

Gelegentlich würden die Fahrer mit Kämpfern streiten, die drohten Leute aus dem Bus zu ziehen, weil sie Zigaretten hatten. „Manchmal kann man sie um Gnade bitten.“ sagte ein Fahrer, der sein religiöses Wissen aufpoliert hatte, damit er seine Arbeit besser erledigen konnte. „Einmal zitierte ich den Koran für sie.“ Auf einem kürzlichen Besuch in Qamischli, dass von der Kurdischen Demokratischen Union (Partiya Yekitîya Demokrat, PYD), bemerkte ich schmuddelige Fahnen über der Straße, die für eine saudische Bank warben. Ihre Filialen, erfuhr ich, schlossen schon vor Jahren. Die einzige funktionierende Bankorgan ist die Zentralbank von Syrien in Damaskus.

Mitte Oktober dieses Jahres wurde ISIS in Raqqa besiegt von einer vorwiegend kurdischen Miliz, den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF). Im September war ich mit einem Team aufgebrochen um zu sehen, was von der Stadt übrig war, die die Dschihadisten zur Hauptstadt ihres Kalifates erklärt hatten. Von Osten kommend fuhren wir durch eine Allee mit Bäumen, die ihre Schatten auf die backofenheiße Wüstenstraße warfen, wie der Zugang zu einer jener kleinen französischen Städte, wo, laut Legende, Napoleon verlangte, dass Pappeln gepflanzt werden, damit seine Soldaten im Schatten laufen konnten. Die Männer des Islamischen Staates marschierten nicht die Straße hinunter als sie Raqqa einnahmen, sondern sickerten nach und nach ein, bis sie die FSA und ihre Kollegen vertreiben konnten, über die sich viele Bewohner beschwerten, weil sie korrupt gewesen seien.

Drei Jahre später, als sie um ihr Leben kämpften, stiegen sie in ein Netzwerk aus Tunneln. Ein kurdischer Kämpfer nahm uns mit zur Wissenschaftlichen Fakultät der Universität von Raqqa und zeigte uns den ordentlichen, quadratischen Eingang zu einem Tunnel, den die Dschihadisten nach unten gebohrt hatten, von einem ehemaligen Klassenraum aus. Das Problem, erklärte er, war, dass während die SDF-Kämpfer immer näher kamen, Gebäude um Gebäude, ISIS-Kämpfer in ihrer Unterwelt verschwanden und hinter den vorrückenden Truppen wieder auftauchten. Es war eine technisch einfacher, zermürbender Guerillakrieg. Junge Kämpfer lebten wochenlang in verlassenen Gebäuden, die nach verdorbenen Lebensmitteln und Exkrementen stanken, und nur mit Kalashnikov und selbst gebauten Granaten auf Patrouille gingen, im Bewusstsein dass die Dschihadisten sie jederzeit aus allen Richtungen angreifen konnten.

Am Horizont stiegen Rauchschwaden von Luftschlägen durch amerikanische Kriegsflugzeuge auf. In einer Villa, die in ein Kommandohauptquartier umgewandelt worden war, erwischten wir einen Blick auf amerikanische Spezialeinsatzkräfte, die schnell verschwanden als sie die Kamera sahen. Auch wenn die Amerikaner und Briten öffentlich ISIS fürchten und wollen dass sie besiegt wird, hat ausländisches Eingreifen dieser Tage einen schlechten Ruf, darum ist der Bodenkrieg theoretisch geheim, und ist weder Parlament noch Kongress zur Abstimmung vorgelegt worden. Frag einen Minister in London nach britischen Sondereinsatzkräften, die wir in der Gegend ebenfalls sahen, und du bekommst die Standardantwort „Kein Kommentar“.

Während wir weiter nach Raqqa hinein fuhren, war es schwer ein Gebäude zu finden, das nicht durch Luftangriffe, Artillerie und Nahkampf zerstört worden war. Zerklüftete bleiche Betonschalen, die einst Apartmentgebäude gewesen waren, zerbröselten auf die Straße voller Trümmer. Laut der Vereinten Nationen wurden etwa 20 000 Menschen von der ISIS als menschliche Schilde benutzt, aber wir sahen kein Anzeichen für Zivilisten. Eine halbe Meile von der Front stiegen wir aus dem Kampfjeep und suchten uns unseren Weg die Straße entlang, vorsichtig schreitend aus Angst vor Sprengfallen, die die Dschihadisten zurückgelassen hatten. Das einzige Geräusch waren unsere Schritte, die durch den Schutt knitschten. Geister und Dschinns schwebten leise in der Luft.

Nicht alle, die aus dem Kriegsgebiet flohen, waren ihren vermeintlichen Befreiern dankbar. In einem Dorf im Randgebiet trafen wir mehrere Familien, die Schafe in das Deck ihrer LKWs geladen hatten, ihre Habe und Kinder oben drauf, und auf dem Weg aus der Stadt waren. Ein Mann, der uns seinen Namen nicht nennen wollte, sagte, dass das Leben unter der ISIS nicht so schlecht gewesen sei, aber der amerikanische Luftangriff, durch den eine seiner vier Frauen getötet wurde, hatte das Fass zum überlaufen gebracht. Auf die Frage nach den Beschränkungen, die durch die Kämpfer auferlegt wurden, sagte er „Sie verletzen Menschen nicht. Nur müssen Frauen den kompletten Schleier einschließlich Handschuhe tragen und wir müssen den Kindern die traditionelle arabische Kleidung anziehen.“

Eine seiner überlebenden Frauen, die uns ihren Namen ebenfalls nicht nennen wollte, war anderer Ansicht. „Wir konnten nicht aus unserem Heim gehen – taten wir es kam die Religionspolizei.“ sagte sie mir, außer Hörweite ihres Mannes. „Wir hatten immer Angst, und es gab keine Pause. Erwischten sie dich, war es schrecklich. Das war ihr Gesetz.“ Ihr Gesicht war bedeckt mit einem Schal nach traditionellem Stammesbrauch, der nur die Augen freiließ, aber sie trug ein langes lila gemustertes Kleid, das ihr zweifellos den Zorn der Dschihadisten eingetragen hätte, die auf Schwarz bestehen. Einer ältere Frau, die wir trafen, mag man vergeben weil sie auf beide Seiten fluchte: ISIS hatte ihr ihr Haus weggenommen, sagte sie, und dann hatten die Amerikaner es bombardiert.

Auf der anderen Seite der Stadt saß eine Gruppe von Männern mittleren Alters auf einem Teppich, den sie auf den Gehsteig vor einem Laden gelegt hatten, tranken Tee und rauchten. Anfangs waren sie froh zu reden, aber hatten wir einmal die Kamera heraus geholt, zögerten sie, vermutlich aus Angst Spione anzulocken, die es Getreuen der ISIS berichten könnten, die immer noch in der Nachbarschaft rumlungerten. Ein magerer Mann mittleren Alters in einem hallen blauen Fussballhemd und kurzen Hosen trat hervor. Ibrahim Salah al-Haji interessierte es nicht, wer seine Meinung hörte. Zuerst hatte er die Sicht eines Auges verloren, es wurde von Schrapnell durchbohrt als durch einen Unfall eine Bombenfabrik der ISIS hinter der Werkstatt explodierte, in der er Autos reparierte. Dann hatte ein Hisba – die Religionspolizei – einen Blick erhascht auf seine Nichte im Eingang zu ihrem Heim. „Sie trug rot, darum verhafteten sie meinen Schwager, verpassten ihm eine Geldstrafte, beleidigten und verprügelten ihn, und zwangen ihn eine Woche in der Verwaltung zu arbeiten.“ erzählte er mir. Die Strafe entsprach 30 Dollar „Es waren Ausländer, aber wir wissen nicht von wo.“ sagte er. „Sie kehrten in ihre Heimat zurück nachdem sie unser Geld nahmen und uns zwangen unsere Häuser zu verlassen. Jetzt gibt es in Raqqa nichts mehr.“

Syrien war nicht die Wiege des Islamischen Staates, doch die Revolution schuf ein Vakuum in dem die Kämpfer Fuß fassten, um ihr Experiment lebendig werden zu lassen. Ihre Propagandafilme stellen die Herrlichkeit des Märtyrertums für Allah dar, in Szene gesetzt zur Filmmusik heldenhafter Korangesänge, doch die Realität ist banaler: Letztes Jahr, ein paar Tage nachdem syrische Regierungstruppen ISIS aus al-Qaryarayn vertrieben, einem großen christlichen Dorf bei Homs, in den Ruinen eines entweihten Klosters, fand ich ein Notizbuch mit detaillierten Angaben zu Zahlungen an Kämpfer, einschließlich einer Aufzeichnung derjenigen auf Urlaub, Extrageld für diejenigen mit invaliden Verwandten, einem Protokoll zurückgezahlter Anleihen, und einer Notiz über einen Kämpfer, der seine Hochzeit verpasst hatte, weil er zu der Zeit mit der Panzerdivision unterwegs war.

Tadmur, die moderne Stadt , die an das antike Gelände von Palmyra angrenzt, das ebenfalls von ISIS besetzt wurde, wurde durch Bombardierungen des syrischen Regimes und Russland zerstört. Neben den schwarzen Flaggen und religiösen Werbesprüchen war ein Schild auf dem Stand „Abteilung für menschliche Ressourcen“. Im Schutt fand ich Werbung für Verwaltungsarbeiten: ISIS brauchte Leute, die mit Excel, Word und Photoshop umgehen konnten, für ihre Druckabteilung. Sie kopierten die merkwürdigsten bürokratischen Strukturen – in Das Kalifat im Krieg, bemerkt Ahmed S. Hashim, dass ein früher Versuch der Regierung(sbildung) die Schaffung eines Ministeriums für Fischerei beinhaltete.

Indem er Reden, andere Dokumente und journalistische Erzählungen aus erster Hand zusammenstellt, beschreibt Hashim detailliert die Entstehung der Gruppe im Irak, einschließlich der Kluft zwischen dem hervortretenden Kalifat und al-Qaida, der ersten globalen dschihadistischen Bewegung. Er verfolgt große Teile der neuen, eher extremistischen Ideologie zurück auf Abu Musab al-Zarqawi, dem „Scheich der Schlächter“, der al-Qaida im Irak anführte bis er durch einen amerikanischen Luftangriff 2006 getötet wurde. Zarqawi, ein sunnitischer arabischer Chauvinist, lag es eher daran, irakische Schiiten zu töten als wie Osama bin Laden „entfernten Feind“, die Amerikaner. Am Ende bestand die Spaltung der beiden Gruppen weniger in der Ideologie und eher in Gebiet(sansprüchen) und Macht. Abu Bakr al-Baghdadi, der Anführer der ISIS, weigerte sich einem Befehl vom Oberkommando der al-Qaida zu gehorchen, der forderte, dass er sich auf den Irak beschränke. Er behauptete, er würde die Sykes-Picot-Grenze nicht anerkennen, der kolonialen Markierung zwischen Syrien und dem Irak, verhängt von Briten und Franzosen im Jahr 1916. Tatsächlich schätzte er die Schwäche der Truppen, die gegen aufzogen, sorgfältig ein, und erkannte, dass niemand ihn aufhalten konnte, sich selbst zum Kalifen der gesamten Region zu ernennen.

Als ehemaliger „politisch-militärischer“ Berater der US-Streitkräfte hat Hashim Erfahrung im Irak, nicht in Syrien, und er hat wenig Neues dazu sagen, wie es war in beiden Ländern unter dem IS zu leben. Dennoch versammelt er interessante Statistiken zur Art ihrer Regierung. 2015 erreichte das BIP des Islamischen Staates, laut The Economist, 6 Milliarden Dollar, mehr als verschiedene karibische Staaten und kleine afrikanische Länder. Geldzuflüsse beinhalteten Entführung, Menschenhandel, Erpressung, Besteuerung, Beschlagnahmung von Eigentum als Strafe, Verkauf von Antiquitäten, und Verkauf von Öl und Gas. Entgegen verbreitetem Glauben, spielten Spenden von wohlhabenden Golfarabern nur eine kleine Rolle bei der Finanzierung. Der Schritt nach Syrien versetzte ihn in die Lage Felder um Deir ez-Zor und Hasakah einzunehmen. Als der Westen einmal erkannt hatte, dass der beste Weg ISIS zu schwächen darin bestand den Markt für geschmuggeltes Öl zu unterbrechen und Luftangriffe auf die Ölfelder zu lancieren, waren die Tage der dschihadistischen Regierung gezählt.

Der Fokus des Westens, eher ISIS als das Regime von Bashar al-Assad zu vertreiben, war der Grund für viel Verbitterung unter syrischen Aktivisten. Sie verstehen, dass, im Unterschied zur Assad-Regierung, die Dschihadisten mit ihrer anti-westlichen Ideologie eine Bedrohung für Europa und die USA sind, jedoch haben das Regime und seine Verbündeten weit mehr Syrer getötet, und Aktivisten verübeln den Grund, aus dem ihre Hoffnungen untergraben und dann zunichte gemacht wurden. „Das Problem ist nicht, dass die Welt nichts tat.“ sagt eine von Wendy Pearlmans Quellen in  We Crossed a Bridge and It Trembled. „Es besteht darin, dass sie uns sagten ‘Steht auf! Wir sind für euch. Revoltiert!’… Menschen wurden ermutigt der Revolution sich an der Revolution zu beteiligen, weil sie dachten, sie hätten internationale Unterstützung.“ Das Buch umfasst Gesprächsfetzen, die in die Erzählung entbunden wurden, deshalb liest es sich, auch wenn viele Zeugenaussagen bewegend sind, wie das Rohmaterial einer Mitschrift oder eines Podcasts.

Die Analyse des Betrugs ist Nikolaos Van Dam überlassen, einem ehemaligen niederländischen Gesandten in Syrien, und einem regelmäßigen Gast seit 1964. Als der amerikanische und französische Botschafter im Juli 2011 eine Oppositionsversammlung in Hama besuchten, „schufen ihre Besuche … falsche Hoffnungen bei der Opposition, das notwendige Hilfe des Westens geliefert wird – und am Ende war dem nicht so. „ schreibt er in  Destroying a Nation. Wsetliche Politik, so glaubt er, basierte größtenteils auf Wunschdenken, der Hoffnung, dass die „Politik der Empörung und Entrüstung“ irgendwie ein Regime besiegen würde, das glaubte, es würde von der Geschichte fortgespült werden, wenn es einer Forderung des Pöbels nachgeben würde.

Das Wunschdenken kann bis ins Jahr 2000 zurückverfolgt werden, als Bashar al-Assad, damals 34 Jahre alt, seinem Vater als Präsident nachfolgte. Britische Politiker gratulierten sich selbst, das achtzehn Monate des Studiums der Augenheilkunde in London die Samen für demokratisches Denken in sein Bewusstsein gepflanzt haben müssten. (Den gleichen Fehler machten sie mit Muammar al-Gaddafis Sohn, Saif al-Islam, der den damaligen Premierminister Tony Blair davon überzeugte, ihm bei seiner Doktorarbeit an der London School for Economics zu helfen, während er die Nachtclubs der Stadt studierte und seine schnuckeligen weißen Tiger im Schönbrunn Zoo in Wien besuchte.) Der neue Präsident erschloss pflichtgemäß die syrische Wirtschaft, bereicherte die Elite, die ihn umgab, aber er unterdrückte Gegenstimmen nach einem Jahre währenden Flirt mit freier Rede.

Als Syrer 2011 auf die Staße gingen, erwies sich der große, linkische, junge Mann mit der schönen, gebildeten Frau als genauso rücksichtslos wie sein Vater, furchtlos religiösen Hass zu schüren um die Herrschaft seiner Familie und ihrer alawitischen Minderheit zu erhalten. Westliche Regierung blieb nur die Zwickmühle: Den gegenwärtigen Zustand zu erhalten würde heißen, einer Diktatur und Gewalt zu unterstützen, aber militärisch einzugreifen wäre unpopulär bei ihren Wählern, besonders nachdem der Luftkrieg in Libyen, der Gaddafi gestürzt hatte, nur zu Anarchie geführt hatte. Stattdessen lobten sie die Demonstranten, während sie militärische Hilfe für die Aufständischen verweigerten, sie ermutigten die Syrer die Regierung zu stürzen aber verweigerten die Mittel dazu. „Während sie vielleicht ihr ‘politisches Gewissen’ erleichterten, indem sie Unterstützung für die Opposition ausdrückten, trugen sie, tatsächlich, zur Verlängerung des Krieges bei und halfen [Assad] zum .. Sieg.“ schreibt Van Dam.

Syrer und diejenigen, die die verlorene Revolution verfolgt haben werden noch Jahre debattieren ob es den Moment gab, in dem westliches Eingreifen einen entscheidenden Unterschied ergeben hätte. Präsident Barack Obama und der britische Premierminister David Cameron tendierten 2013 dazu, Assads Truppen anzugreifen, nachdem er die „Rote Linie“ überschritten chemische Waffen gegen Zivilisten eingesetzt hatte, aber es bestand wenig Begeisterung bei den Wählern. Daraus resultierte, dass Russland und der Iran ihre Unterstützung der Regierung aufstockten, während die Saudis, Qatarer und Türken ihre Unterstützung verschiedener Rebellengruppen ausweiteten. Die USA waren für eine streitende, nicht repräsentative Führerschaft im Exil, während sie einige wenige angenommen säkulare Rebellen ausbildeten, die sich als unfähig oder nicht so sehr säkular erwiesen. Kurz, es war ein Fiasko.

Der Kampf gegen ISIS in Syrien ist beinah vorbei – auf der enen Seite werden sie vom Regime und seinen Verbündeten angegriffen und auf der anderen von der amerikanische geförderten Koalition, ist seine Führung auf der Flucht, und das Gebiet, das er kontrolliert schrumpft jeden Tag. Im restlichen Syrien ist eine russisch gelenkte, häufig unterbrochene „Beendigung der Feindschaften“ im Gange. Die Revolution versagte, und die Kriege, die sei hervorbrachte verändern entweder ihre Form oder erschlaffen mit einem enttäuschenden, zerklüfteten, sang- und klanglosem Ende. Die Linien auf der Karte verschieben sich noch immer, aber auch wenn Syrien vielleicht niemals wieder so vereint sein wird wie 2011, stellt die Assad-Regierung ihre Macht in den wichtigen urbanen Zentren wieder her.

Neue Konflikte köcheln. Die Kurden hoffen, wieder Kontrolle über den Nordosten zu übernehmen, aber ihre Eintracht mit arabischen Kämpfern im Kampf gegen ISIS könnte den Sieg nicht überstehen: Raqqa ist schließlich eine arabische Stadt. Die Türkei, die de facto einen kurdischen Staat an der eigenen Grenze befürchtet, macht Drohgebärden und unterstützt arabische Milizen. Die Amerikaner, die besorgt sind die Türkei noch mehr zu verprellen, könnte die Unterstützung syrischer Kurden einstellen, nachdem der Kampf gegen die Dschihadisten gewonnen ist. Israel wird iranische Basen im Süden Syriens nicht hinnehmen und hat bereits gelegentliche Luftangriffe eingeleitet. Saudi-Arabien, das den Aufstieg seines Rivalen Iran befürchtet, ist entschlossen sich gegen einen „Schiitischen Halbmond“ zu wehren, der durch <Syrien und den Irak zum Libanon reichen würde.

Was in diesem ganzen Prozess entscheidend ist, dass du keine Rolle spielst.“ sagt Adam, ein syrischer „Medienorganisator“ den Pearlman zitiert.

deine Gedanken was richtig ist –

Du als Individuum – deine Erwartungen, deine Gedanken was richtig ist – bedeuten absolut nichts. Und jetzt verstehst du warum Leute radikalisiert werden. Ich verstehe absolut warum jemand sich der ISIS oder al-Qaida oder dem Assad-Regime oder Kurdischen Gruppen anschließen würde. Du benötigst fatalerweise eine Erzählung, die diese Sinnlosigkeit rechtfertigt. Es muss ein Sinn da sein. Darum wirst du radikal. Und diese Befürchtung muss einen Grund haben. Sonst ist es zu quälend. 

Millionen Flüchtlinge sind über den Erdball versprengt worden; viele werden nie nachhause zurückkehren. Nach all den Toten und Unglück ist nichts gelöst. Bald wird das Regime behaupten, dass alles wieder normal ist, dass Syrien wieder aufgebaut werden kann unter der klugen Führung seiner Exzellenz Präsident Bashar al-Assad. Touristen werden erneut eingeladen, die antike Stätte von Palmyra zu besuchen. Sie werden in den Ruinen umher wandern, versuchen herauszufinden welche Monumente in den Zeiten des Römischen Reiches zerstört wurden und welche von den Fanatikern des Islamischen Staates, die das Gelände besetzt hatten, wieder und wieder, in 18 Monaten zwischen 2015 und 2017.

Regierungsreiseführer werden den Touristen die Ruinen des Gefängnisses von Tadmur vielleicht nicht zeigen, nur wenige Meter neben dem Eingang zu Palmyra, wo Saleh einen seiner sechzehn Monate Inhaftierung verbrachte, und das – bei einem untypisch populären Vorgehen – von den Dschihadisten zerstört wurde. Sollten sie gefragt werden, werden die Führer wahrscheinlich sagen, dass es keine Revolution gab, nur ein paar Probleme, geschürt von ein paar religiösen Aufständischen, meist von Ausländern. Das syrische Volk liebt seinen Präsidenten, werden sie sagen. Die Touristen mögen eher an antiker als an moderner Geschichte interessiert sein, aber während die Sonne einen goldenen Bogen über die Ruinen des Baal-Tempels von Palmyra wirft, können sie, wenn sie einhalten und genau lauschen, den Schrei eines Vogels hören.

Quelle: http://www.nybooks.com/articles/2017/11/23/raqqa-war-all-against-all/

Übersetzung: Thorsten Ramin