Können die Gespräche mit den Taliban
nach der „Katastrophe von Doha“
wieder aufgenommen werden?

BBC NEWS. 29. Juni 2013

Von Ahmed Rashid

Zum dritten Mal in zwei Jahren warten die USA, die afghanische Regierung und Vermittler der Taliban darauf, ihren Dialog über ein friedliches Ende des Krieges in Afghanistan fortzusetzen. Autor Ahmed Rashid bemisst die Erfolgsaussichten.

Zum dritten Mal Glück gehabt, scheint das Motto zu sein, da alle Seiten darauf aus sind zurück an den Verhandlungstisch zu kommen, nach dem Debakel von Doha in der vergangenen Woche, doch die Taliban benötigen eine gesichtswahrende Bestätigung, die es ihren Vermittlern erlaubt die Gespräche fortzuführen und dabei größere Streitigkeiten in ihren eigenen Reihen zu vermeiden.

Im Dezember 2011 war es Präsident Hamid Karzai, der sich weigerte den Bedingungen zur Einrichtung einer Taliban-Vertretung in Doha zuzustimmen, nachdem die USA und die Taliban sich vier Mal diskret getroffen hatten um die Einzelheiten zu klären.

Auf einer wichtigen Konferenz in Bonn, an der 90 Außenminister teilnahmen, waren die Taliban kurz davor die Bedingungen der USA zu akzeptieren, die nahezu identisch mit den heutigen Bedingungen waren. Das scheiterte jedoch, nachdem Herr Karzai Bedingungen widersprach, auf die sich die Gesprächspartner bereits geeinigt hatten.

Gesichtswahrende Strategien

Bereits in diesem Monat sind die afghanische Regierung und die Amerikaner stocksauer auf die Taliban geworden, die entgegen früheren Abmachungen ihr Büro in Doha eröffnet hatten, aber darauf bestanden ihre Flagge zu hissen und das Büro nach seinem früheren Namen zu benennen – das Islamische Emirat von Afghanistan.

Einigen Diplomaten zufolge ist es nun offensichtlich, dass es die Katarer waren, die eingangs falsch lagen, da sie ein ausgehandeltes Dokument ignorierten, das von den USA und den Taliban unterzeichnet wurde, die Bürozeiten und Finanzierung vereinbart hatten.

Die Taliban hatten das Dokument auch bequem ignoriert, aber es war Aufgabe der Katerer sie daran zu erinnern und für die beteiligten Weststaaten – die USA, Großbritannien und Norwegen – dafür zu sorgen, dass man sich an das Kleingedruckte hielt. Katar hat ein winziges diplomatisches Corps, das wenig Erfahrung mit den Afghanen oder Frieden stiften hat.

Intensive Debatte

In der Woche nach dem Zusammenbruch warten alle Seiten darauf von den Taliban zu hören, ob sie die Gespräche unter den neuen Bedingungen überhaupt fortsetzen wollen. Westliche Mächte haben ihnen so viele annehmbare Kompromisse und gesichtswahrende Strategien angeboten wie möglich – solange sie vernünftig sind und die afghanische Regierung sie akzeptiert.

Eine mögliche Lösung für den Disput wegen der Flagge in Doha – und wie Afghanistan benannt werden könnte – könnte ziemlich einfach das Zugeständniss der Taliban sein, sie nicht so auffallend auszuhängen.

Derweil gibt es, Eingeweihten zufolge, eine intensive Debatte in den Reihen der Taliban über ihr Vorgehen bei den Friedensgesprächen.

Die kompromisslosen Kommandeure auf dem Gebiet – die eingangs gegen die Gespräche waren – erleben einen erneuten Aufschwung mit der Behauptung, die Amerikaner seien nur darauf aus sie zu täuschen und zu belügen.

Man kann eindeutig nicht behaupten, dass sie Taliban-Anführer sich in Reihe und Glied dem westlichen Druck ergeben haben, weswegen eine gesichtswahrende Formulierung gefunden werden muss.

Jedoch die Friedensbefürworter innerhalb der Taliban – diejenigen, die zu Gesprächen raten und zur Versöhnung, um zukünftige Kriege zu vermeiden – waren ebenfalls bestrebt darauf hinzuweisen, dass dies die letzte Gelegenheit sei um Gespräche mit den Amerikanern zu initiieren.

Im Gegensatz zu Medienspekulationen scheint es so, dass das Haqquani-Netzwerk Gespräche favorisiert und seine Anhänger drängt sie zu unterstützen, obwohl sie bisher den Kampf nicht eingestellt haben.

Pakistan und sein Geheimdienst (ISI) versuchen beizutragen, indem sie probieren die Taliban zu überzeugen, wieder an den Tisch zu kommen.

Zunehmend feindlich

Da es schon lange beschuldigt wird sich in afghanische Angelegenheiten einzumischen, ist Islamabad verzweifelt bemüht dafür zu sorgen, dass die Gespräche nicht scheitern, denn erfolgreiche Gespräche könnten nicht nur zu einem Ende des destabilisierenden Krieges in Afghanistan führen, sondern auch zu einer Abnahme des Kampfgeistes der pakistanischen Taliban.

Der ISI spielte eine entschiedene Rolle dabei, die Taliban zunächst zurück nach Doha zu bekommen, nach einer Pause von 16 Monaten und tut das wieder, aber es ist unklar wieviel Einfluss er eigentlich auf eine Taliban-Anführerschaft hat, die zunehmend feindlich auf pakistanischen Einfluss reagiert.

Was diese Gespräche zunehmend wichtig erscheinen lässt, ist die Tatsache dass der 18. Juni auch der Tag war, an dem US- und NATO-Truppen die gesamte Sicherung des Landes an Afghanistans Militär abgaben.

Nachdem die fremden Einsatzkräfte im kommenden Jahr gegangen sind, werden die Afghanen alleine kämpfen müssen – ohne Luftwaffe, medizinische Unterstützung und andere Privilegien, die sie von den USA und der NATO erhielten – sie wissen, dass Soldaten des Westens in der Schlacht nicht mehr an ihrer Seite stehen.

Das ist genau der Moment in dem die Taliban ihre Offensive vor Ort intensiviert haben, mit einer Mischung aus Aufsehen erregenden Selbstmordattentaten in Kabul, dem massiven Einsatz selbstgebauter Sprengsätze auf den Straßen, Überfällen auf Militärkonvois und heimtückischen Ermordungen von afghanischen Sicherheitskräften durch heimliche Taliban.

Die Bewaffneten haben klar gemacht, dass sie gleichzeitig kämpfen und verhandeln werden, bis es ein Abkommen für einen Waffenstillstand gibt.

Der erste Schritt, den die Taliban von den Amerikanern erwarten, ist die Freilassung ihrer fünf Gefangenen in Guantanamo, was aufgrund der verschiedenen rechtlichen Probleme und der Zurückhaltung des Kongresses noch Monate dauern könnte.

Die Amerikaner, auf der anderen Seite, wollen wissen wie weit sich die Taliban von Al Qaida distanziert haben und ob sie es beweisen können. Punkte wie ein Waffenstillstand stehen in der amerikanischen Denkart gegenwärtig nicht an erster Stelle.

Die vielleicht nachhaltigste Veränderung in der Haltung der USA ist, dass Präsident Obama sich zum ersten Mal beteiligt und ein Rolle spielt, indem er versucht alle Beteiligten davon zu überzeugen mitzuspielen. Er rief Präsident Karzai an und sprach nach dem Debakel von Doha 90 Minuten mit ihm und war seitdem regelmäßig in Kontakt.

Außenminister John Kerry ist im Kontakt mit dem pakistanischen Militär und der zivilen Führung, während der Sondergesandte James Dobbins während der Unterbrechung in Doha durch Afghanistan, Pakistan und Indien eilte und den Verbündeten versicherte, dass die USA immer noch beteiligt waren und auf die Taliban warteten.

Obwohl der Präsident mit den beiden vorherigen Sondergesandten nie aktiv beteiligt war, unterstützte das Weiße Haus ihre Tätigkeiten um den Beginn der Gespräche in Gang zu bringen.

Dass hingegen der Präsident sich jetzt persönlich einbringt, heißt dass er seinen Ruf riskiert und die USA den Gesprächen eher verpflichtet sind als zuvor.

Da der Präsident involviert ist, können sich die USA nicht einfach von diesen Gesprächen zurückziehen, sie sind verpflichtet alles zu tun damit sie stattfinden.

So können wir vielleicht erwarten, dass die Taliban eher früher als später an den Tisch zurückkehren, möglicherweise mit einigen Veränderungen des Formats der Talibanvertretung, die für alle vertretbar wären.

Was nun geschieht ist unvorhersehbar, aber nur ein Jahr vor dem kompletten Rückzug der USA versteht es sich von selbst, dass ein Waffenstillstand vor Ort und politische Verhandlungen schleunigst vonnöten sind, wenn die wenn der Übergang erfolgreich sein soll.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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