Katharine Viner für The Guardian 16.11.2017

Eine Aufgabe für den Journalismus in Zeiten der Krise

Ineiner konfusen Zeit müssen die Medien ihre Werte und Prinzipien bestimmen, schreibt Guardian-Chefredakteurin Katharine Viner

Donnerstag16. November 2017

Kein Abschnitt wurde in der Geschichte unseres Landes durch die Aufregung wegen Fragen wesentlicherer Natur geprägt, als jene, die jetzt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit beanspruchen.“ So begann vor 200 Jahren die Ankündigung einer nagelneuen Zeitung, die in Manchester, England, publiziert werden sollte, die kundtat, dass „die beherzte Diskussion politischer Fragen“ und „das präzise Detail der Fakten“ „an dieser Stelle besonders wichtig“ seien.

Nun durchleben wir eine weitere außerordentliche Phase in der Geschichte: Eine, die sich durch politische Erschütterungen und die zerstörende Folge der neuen Technologien in jedem Teil unseres Lebens bestimmt.

Aber die Unruhen unserer Zeit könnten erfordern, dass wir mehr tun als uns anpassen. Die Umstände in denen wir Nachrichten berichten, produzieren, verbreiten und erhalten, haben sich radikal verändert, sodass dieser Moment nicht weniger erfordert, als eine ernsthafte Betrachtung dessen, was wir tun und warum.

Der Scott Trust, dem der Guardian gehört, legte bei seiner Gründung 1936 ein klares Ziel fest: „die finanzielle und herausgeberische Unabhängigkeit des Guardian zu schützen und die journalistische Freiheit und die liberalen Werte des Guardian ohne kommerzielle oder politische Einmischung zu garantieren.“ Als Herausgeber(in) ist es schwer, sich eine ausgezeichnetere Aufgabe für einen Eigner vorzustellen: Unser einziger Aktionär widmet sich ausschließlich unserer journalistischen Freiheit und Überleben auf lange Sicht.

Wenn die Aufgabe des Scott Trust jedoch darin besteht, dafür zu sorgen, dass der Guardian Journalismus für immer existiert, liegt es immer noch an uns, zu bestimmen was die Aufgabe dieses Journalismus sein wird. Worin bestehen Bedeutung und Ziel unserer Arbeit? Welche Rolle spielen wir in der Gesellschaft?

Nachdem ich seit zwei Jahrzehnten für den Guardian arbeite, spüre ich dass ich instinktiv weiß, warum es ihn gibt. Die meisten unserer Journalisten, und Leser ebenso – es hat etwas damit zu tun die Macht in die Verantwortung zu nehmen und liberale Werte hochzuhalten. Wir wissen wodurch sich ein Guardian-Artikel auszeichnet, was eine Sicht des Guardians ausmacht, was etwas sehr „Guardian“-gleich macht (zum Guten oder Schlechten).

Bei meiner eigenen Arbeit als Herausgeberin des Guardian in Australien, und anschließend als Herausgeberin des Guardian in den USA, versuchte ich den Guardian mit einem anderen Schwerpunkt zu entwerfen – wesentliche Merkmale des Guardian-Journalismus zu bestimmen und einem neuen Publikum zuzuführen. Jetzt, als Chef-Herausgeberin des Guardian und des Observer, bin ich überzeugt, dass unsere Zeit etwas tiefgründigeres erfordert. Es ist notwendiger denn je zu fragen: Wer sind wir grundsätzlich?

Die Antwort auf diese Frage liegt in unserer Vergangenheit, unserer Gegenwart und unserer Zukunft. Ich möchte einen Guardian leiten, der sich auf eine Weise auf die Welt bezieht, die unsere Geschichte widerspiegelt, sich tiefgehend mit diesem verwirrten globalen Zeitpunkt beschäftigt, und für immer zukunftsfähig ist.


Die Geschichte des Guardian beginnt am 16. August 1819, als John Edward Taylor, ein 28-jähriger englischer Journalist, eine gewaltige Demonstration für die Parlamentsreform in Manchester besuchte. Auf dem St. Peter’s Field sprach ein bekannter radikaler Redner, Henry Hunt, zu einer Menge, die geschätzt 60 000 Menschen betrug – mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Gegend um Manchester zu der Zeit, gekleidet in Sonntagsstaat und so dicht gebündelt, dass man sagte, ihre Hüte küssen sich.

Zu jener Zeit war die Stimmung im Lande aufrührerisch. Die Französische Revolution, drei Jahrzehnte zuvor, hatte auf der ganzen Welt den erdbebenartigen Gedanken verbreitet, dass gewöhnliche Leute die Mächtigen bezwingen können und siegen – eine Erweckung für die Massen und ein Schrecken für diejenigen an der Macht. Nach Britanniens Sieg bei Waterloo und dem Ende der Napoleonischen Kriege war das Land in ökonomischer Depression und hoher Arbeitslosigkeit gesunken, während die Korngesetze, die den Preis für Getreide künstlich hoch hielten, der Masse Hunger bescherten. Es gab Proteste und Unruhen im ganzen Land, von den Handstuhlwebern, die kürzlich eingeführte Fabrikmaschinen zerstörten, zu Kämpfern gegen die Sklaverei, die Zucker boykottierten.

Es gab auch eine wachsende Kampagne für die Stimme: Die große, dicht bevölkerte Stadt Manchester hatte kein Mitglied im Parlament – während Old Sarum, ein wohlhabendes Dörfchen im südlichen England mit nur einem Wähler, zwei hatte um ihn zu vertreten. Die Geschäftsleute der Stadt forderten eine Überholung dieses verkommenen Systems – und Arbeiter (und, zum ersten Mal, Frauen) wollten ihre eigene Möglichkeit zu wählen.

Dieses Zusammenspiel wirtschaftlicher Krise, politischer Unterdrückung und der Politisierung der Arbeiter mit ökonomischen Notwendigkeiten, war Zündstoff. Wie der Essayist William Hazlitt ein Jahr zuvor schrieb „sollte nichts, das aufgebaut wurde, toleriert werden … und die Welt stand Kopf.“

Als sich der Großteil von Manchester am 16. August auf dem St. Peter’s Field versammelte, befahlen die Vogte der Stadt, die vor der Größe der Menge und ihren ForderungenAngst bekamen, bewaffneten Reitern die Menge zu stürmen – um die Versammlung zu beenden und Hunt und andere Redner auf dem Podium zu verhaften. Die Soldaten stürmten durch das Volk, stießenmit ihren Säbeln zu „und hauten nach jedem in Reichweite.“ Elf Menschen wurden an dem Tag getötet, sieben Männer und vier Frauen, und viele hunderte wurden verletzt. Es wurde bekannt als das Peterloo Massaker oder die Schlacht von Peterloo, und sein seine Auswirkungen waren immens: Der Historiker AJP Taylor sagte, dass Peterloo „der Anfang der Auflösung der alten Ordnung in England war.“

John Edward Taylor war an dem Tag in der Menge, berichtete für ein Wochenblatt, die Manchester Gazette. Als ein Reporter der täglich erscheinenden Times von London verhaftet wurde, war Taylor besorgt, dass die Menschen in der Hauptstadt keinen getreuen Bericht des Massakers erhalten würden – er befürchtete zurecht, dass ohne Bericht eines Journalisten vor Ort, die Londoner stattdessen nur die offizielle Version des Geschehens erführen, die die Vogte der Stadt schützen würde, die für as Blutbad verantwortlich waren.

Darum eilte Taylor mit einem Bericht zur Nachtkutsche nach London, brachte ihn in die Times und machte aus einer Demonstration in Manchester einen nationalen Skandal. Taylor schilderte die Fakten, ohne zu übertreiben. Indem er berichtete, was er erlebt hatte, erzählte er die Geschichten der Machtlosen, und zog die Mächtigen zur Rechenschaft.

Aber Taylor hörte dort nicht auf. Nach dem Massaker verbrachte er Monate mit Berichten der Verwundeten, und dokumentierte die Verletzungen von mehr als 400 Überlebenden.

Taylors pausenlose Bemühung, die ganze Geschichte von Peterloo zu erzählen, festigte seine eigenen reformistischen politischen Ansichten – und so entschloss er sich für die gleichberechtigte Vertretung im Parlament zu werben. Er beschloss seine eigene Zeitung zu gründen, den Manchester Guardian, mit der finanziellen Unterstützung anderer Mittelklasse-Radikaler (10 bringen jeweils 100£ auf, und ein 11er steuert 50£ bei). Die erste Ausgabe wurde am 5. Mai 1821 veröffentlicht, war den Werten der Aufklärung gewidmet, der Freiheit, Reform und Gerechtigkeit. Sie wurde mit großer Zuversicht und Optimismus gegründet, von einem Mann, der glaubte, dass „trotz Peterloo und Polizeispitzeln, Vernunft bedeutend sei und obsiegen würde.“

Der Manchester Guardian wurde in einer Stimmung großer Hoffnung und Vertrauens in gewöhnliche Menschen gegründet. Das Manifest, das Taylor vor der Gründung des Blatts anfertigte, spricht eindringlich von der „großen Ausbreitung von Bildung“, die stattfand, und „ dem stark angewachsenen Interesse, das politische Brisanz begeistert, und der gewaltigen Erweiterung des Kreises, in dem sie diskutiert wird. Es ist von allerhöchster Bedeutung, dass dieses erhöhte Interesse zum Allgemeinwohl verwendet wird.“

Es ist ein eindringliches Dokument, dessen Ideale weiterhinden Guardian gestalten – eine Anerkennung das mehr Menschen ausgebildet werden, mehr Leute sich für Politik interessieren, aus verschiedenen Schichten, aus ärmeren Gemeinden. Und es ist ein Dokument, das einen Sinn für Verantwortlichkeit gegenüber der Öffentlichkeit äußert – dass der Manchester Guardian sich für Leute einsetzen konnte, die anfingen sich an Politik zu beteiligen, ihnen die Informationen zukommen zulassen, die sie benötigten um aktiv zu werden. Es ist ein komplett unzynisches und unüberhebliches Dokument. Es ist auf der Seite der Menschen.

In den Jahrzehnten nach Taylors Tod 1844 begann der Manchester Guardian sich von den politischen Idealen, die seine Gründung angeregt hatten, zu entfernen. Es war höchst profitabel, aber indem er so wurde näherte er sich den Baumwollhändlern aus Manchester zu sehr an, die für die Werbung zahlten, die das Blatt unterstützten. Er ergriff sogar Partei für den sklavenhaltenden Süden im amerikanischen Bürgerkrieg: Das Blatt forderte, dass die Baumwollarbeiter aus Manchester, die auf den Straßen hungerten weil sie sich weigerten Baumwolle anzurühren, die von amerikanischen Sklaven gepflückt wurde, zurück an die Arbeit gezwungen werden sollten. (Abraham Lincoln schrieb 1863 an die „arbeitenden Männer aus Manchester“ um ihnen für ihren „feingeistigen christlichen Heroismus, der zu keiner Zeit oder in irgendeinem Land übertroffen wurde“ zu danken.)

Diese Phase der Selbstgefälligkeit wurde für den Guardian dramatisch unterbrochen mit der Ernennung des Herausgebers CP Scott, der das Blatt veränderte und half die politischen Kommissionen zu gründen, die für seine Identität seither so wichtig sind.

Scott wurde 1872 zum Herausgeber gemacht, im Alter von 25. Er war ein radikaler Liberaler und Parteiaktivist, der sich sehr für soziale Gerechtigkeit und Pazifismus interessierte. Scott wurde während der 57 Jahre seiner Herausgeberschaft mit zwei großen Ideologischen Herausforderungen konfrontiert; und seine Antwort half dem Guardian seine heutige Form zu geben.

Die erste war die Frage der irischen Autonomie: In der umstrittensten Frage jener Zeit, die die Liberale Partei in den 1880-ern spaltete, warb Scott für Selbstverwaltung in Irland – was den Moment markiert, dem Historiker David Ayerst zufolge, in dem der Guardian sehr offensichtlich zu „einem Blatt der Linken“ wurde. Am Ende des 19ten Jahrhunderts führte Scott den Guardian zu einer noch kontroverseren anti-kolonialen Haltung. Während des zweiten Burenkrieges von 1899 bis 1902 war Britannien zunehmend hurrapatriotisch; jeder, der gegen den Krieg war, wurde als Verräter betrachtet. Der Guardian stand dagegen an und führte eine Kampagne für Frieden, während die geniale Guardian-Reporterin Emily Hobhousedie Konzentrationslager aufdeckte1, für die Buren, betrieben von den Briten.

Die Haltung des Blatts war so umstritten, dass Werbekunden ausfielen und es ein siebtel seines Absatzes einbüßte. Ein Konkurrenzblatt, zuversichtlich das der Guardian am Rande des Zusammenbruchs stand, sandte eine Blechbläserband vor unsere Büros in der Cross Street, Manchester um Händels traurigen Todesmarsch Saul (Händel, Oratorium, III) zu spielen.

Scotts mutige Haltung kostete den Guardian fast das Leben. Aber indem er sich gegen die vorherrschende Stimmung der Zeit stellte, verwandelte Scott die Zeitung in „den dominierenden Ausdruck des radikalen Denkens gebildeter Männern und Frauen“, wie Ayerst schrieb. „Offenbar war dieses Blatt nicht käuflich.“

Als Scott das Blatt zu einer eher radikalen Meinung ausrichtete – weg vom Laissez-faire Liberalismus zu was als „Neuer Liberalismus“ bekannt war, beschäftigt mit sozialer Gerechtigkeit und Wohlfahrt – stellte er den Guardian auf die progressive Spur, mit ein paar Fehltritten, seitdem.

Einer dieser Fehltritte geschah 1948. Überraschend, wie es heute erscheinen mag, verunglimpfte der Manchester Guardian Britanniens Gesundheitswesen. Während die Veränderungen als „großer Schritt nach vorn“ befürwortet wurden, befürchtete der Guardian, dass die staatlich gestellte Wohlfahrt „eine Erhöhung des Anteils weniger Bemittelten riskiert.“ Drei Jahre später ging das Blatt noch weiter und unterstützte die Konservativen bei den Parlamentswahlen von 1951. (Historiker glauben, dass diese Entscheidung daher rührte, dass der Herausgeber zu der Zeit, AP Wadsworth, Nye Beyan, den beherzten Labour-Politiker hinter dem Wohlfahrtsstaat, verabscheute.)

Politische Dynamik zu verstehen wenn du mitten drin steckst, ist schwierig – selbst wenn du kommerzielle und persönliche Konflikte meidest, kann es immer noch schwer sein, sie zu erkennen und sie zu verstehen. Eine Nachrichtenunternehmen kann Dinge oft falsch verstehen – es benötigt einige zentrale Werte und Prinzipen, an die es sich halten kann um zu versuchen es richtig zu handhaben.

Viele dieser zentralen Werte wurden von Scott zum 100sten Geburtstag des Guardian dargelegt, mit seinem anmessend gefeierten Jahrhundert-Essay von 1921. Es war darin, wo Scott den berühmten Satz vorstellte „Kommentare sind umsonst, aber Fakten sind heilig,“ und verfügte, dass „die Stimme von Gegnern nicht weniger das Recht hat wie die von Freunden, gehört zu werden.“ Es war hier, wo er die Werte des Guardian darlegte: Ehrlichkeit, Seriosität, Mut, Fairness, ein Gespür für Pflichten gegenüber dem Leser, und ein Pflichtgespür gegenüber der Gemeinschaft.

CP Scotts Essay, wie John Edward Taylors Gründungspamphlet, sind beide eindringlich und hoffnungsvoll; wie Scott schreibt, „die Zeitung besteht aus einem moralischen sowie einem materiellen Sein.“

Unsere moralische Überzeugung, wie Taylor sie veranschaulicht und Scott sie zugeordnet hat, beruht auf einem Glauben darin, dass die Menschen danach streben, die Welt zu verstehen und eine bessere zu erschaffen. Wir glauben an den Wert der Privatsphäre; dass es so etwas wie ein öffentliches Interesse gibt, und das Gemeinwohl; dass wir alle die gleiche Würde besitzen; dass die Welt frei und gerecht sein sollte.

Diese anregende Ideen lagen dem Guardian zu seinen besten Zeiten immer zugrunde – egal ob das Blatt Manchester Guardian oder Guardian genannt wird, den Namen nahm es 1959 an – und sie sind in unsere unabhängige Inhaberstruktur verankert, laut der der Guardian ausschließlich dem Scott Trust gehört. Jegliches Geld das verdient wird muss für Journalismus ausgegeben werden. (Der Observer ist natürlich seine eigene individuelle und ehrenwerte Geschichte und Blickwinkel – und als Teil des selben Unternehmens sind wir ähnliche Geschwister, aber keine Zwillinge.)

Das ist die Aufgabe, die zu so vielen großen Augenblicken in der Geschichte des Guardian geführt hat, von unserer unabhängigen Berichterstattung über den Spanischen Bürgerkrieg bis zu den aufwühlenden Enthüllungen Edward Snowdens; vom Ergreifen einer anti-kolonialen Haltung in der Suez-Krise zum Widerstand gegen Rupert Murdoch, die Polizei und Politiker beim Abhörskandal; von Jonathan Aitkens Abgang ins Gefängnis bis zu den Panama und Paradise Papers.

Diese Werte, Überzeugungen und Ideen sind fest etabliert und beständig. Sie teilen uns nicht von selbst mit wie man mit den moralischen Notwendigkeiten der neuen Zeit begegnen soll. Die Welt, die wir kannten, ist aus der Bahn geraten, und wir müssen fragen, was es bedeutet diese Werte jetzt weiterhin hochzuhalten – als Journalisten, als Bürger – und wie sie unseren Journalismus und Absichten prägen.

Nahezu 200 Jahre sind seit der öffentlichen Versammlung vergangen, die Peterloo entfachte. Aber die vergangenen drei Dekaden – seit der Einführung des World Wide Web 1989 – haben unsere Vorstellung von der Öffentlichkeit derart verändert, wie es sich John Edward Taylor und CP Scott nicht hätten vorstellen können.

Diese technologische Revolution war spannend und anregend. 600 Jahre nach der Zeit Gutenbergs, als die Massenkommunikation von etablierten und hierarchisch strukturierten Informationsquellen beherrscht wurde, fühlte sich das Web wie eine Brise frischer Luft an: Offen, schöpferisch, egalitär. Wie sein Schöpfer, Tim Berners-Lee, es formulierte, „es ist für alle.“ Zunächst fühlte es sich wie eine spannende neue Zeit der Über-Vernetzung, in der das gesamte Wissen der Welt vor unseren Fingern liegt und jeder in der Lage ist teilzunehmen – als wäre das Internet eine großer Platz in der Stadt, wo all unsere Probleme gelöst würden und alle sich gegenseitig helfen.

Während viele Nachrichtenunternehmen das Internet als Bedrohung alter Autoritätshierarchien betrachteten, akzeptierten zukunftsorientierte Herausgeber wie Alan Rusbridger, der den Guardian von 1995 bis 2015 leitete, diese hoffnungsvolle neue Zukunft für den Journalismus, indem sie in und indem sie verstanden, dass Journalisten in dieser neuen Welt offen sein müssen für Infragestellung und Debatten ihres Publikums. Von der Positionierung des Guardian an erster Stelle britischer Nachrichtenunternehmen über die Anstellung eines Leserherausgebers und der Einrichtung einer Meinungsseite, die das traditionelle Modell der Zeitungskommentare auf den Kopf stellte, brachte er den Guardian an die vorderste Front digitaler Innovationen, und der veränderten Beziehungen dieser neuen Zeit. Wie ich vor vier Jahren in meinem Essay Der Aufstieg des Lesersschrieb, schuf das offene Netz echte neue Möglichkeiten für den Journalismus – und Journalisten, die sich der digitalen Revolution verweigerten sollten sowohl ihren eigenen Interessen schaden und denen des guten Journalismus.

Aber es hat sich herausgestellt, dass die utopische Stimmung der frühen 2000er nicht alles vorwegnahmen, was Technologie ermöglichen würde. Unsere digitalen urbanen Plätze werden belagert von Tyrannen, Frauenhassern und Rassisten, die eine neue Art von Wahn zur öffentlichen Debatte beigetragen haben. Unsere Beweggründe und Gefühle werden permanent überwacht, weil Überwachung das Geschäftsmodell des digitalen Zeitalters ist. Facebook ist zum reichsten und mächtigsten Herausgeber aller Zeiten geworden, indem es Redakteure durch Algorithmen ersetzte – und den öffentlichen Platz in Millionen personalisierter Nachrichtenbeiträge (news feeds) zertrümmerte, ganze Gesellschaften von dem offenen Feld der ernsthaften Debatte und Streitgespräche wegführte, während sie Milliarden mit unserer geschätzten Aufmerksamkeit machen.

Diese Verschiebung birgt große Herausforderungen für die liberale Demokratie. Aber dem Journalismus beschert sie besondere Probleme. Der Wandel vom Druck zum Digitalen hat für viele Nachrichtenunternehmen zunächst nicht viel am traditionellen Geschäftsmodell verändert – das heißt, Werbeplätze verkaufen um den Journalismus zu finanzieren, der dem Leser geliefert wird. Eine Zeit lang schien es, als würde die potentiell hohe Online-Kundschaft den Rückgang an Analog-Lesern und Werbern ausgleichen. Aber dieses Geschäftsmodell bricht gerade zusammen, da Facebook und Google digitale Werbung verschlingen; im Ergebnis ist der digitale Journalismus vieler Nachrichtenunternehmen immer bedeutungsloser geworden.

Verlage, die durch algorithmische Werbeanzeigen finanziert werden, sind in einen Abwärts-Wettlauf in der Jagd um jegliches Publikum, das sie finden können, eingesponnen – verzweifelt publizieren sie wie im Koma ohne Fakten zu überprüfen, schießen die schrillsten und extremsten Geschichten heraus um Klicks anzukurbeln. Aber selbst so hohe Zahlen garantieren inzwischen genug Einkommen.

Auf einigen Seiten produzieren Journalisten, die in der Ausbildung gelernt haben, dass „Nachrichten etwas sind, das irgendwer, irgendwo nicht veröffentlicht sehen will,“ am Fließband 10 kommodifizierte (also kommerzialisierte, zu Geld gemachte auf gut deutsch) am Tag ohne einen Anruf zu tätigen. „Wo es einst Propaganda, Pressemeldungen, Journalismus und Werbung gab,“ schrieb die Akademikerin Emily Bell, „haben wir jetzt ‚content‘.“ Leser sind überfordert: Perplex durch durch die Anzahl von „Nachrichten“, die sie jeden Tag sehen, geplagt von aufdringlichen Werbeaufpoppern, verwirrt von was echt ist und was gefälscht, und damit konfrontiert mit einer Erfahrung, die weder nützlich noch angenehm ist.

Viele Menschen beziehen ihre Nachrichten von Facebook, das heißt dass Information in einem großen Fluss erfolgt – der auf Fakten beruhenden Journalismus aus unabhängigen Quellen beinhalten mag, neben erfundenen Geschichten von einer Click-Farm2, oder Inhalte (content) die von heimtückischen Akteuren finanziert werden, um Wahlen zu beeinflussen. Der Richmond Standard, eine Website in der Gegend der Bucht von Kalifornien, beschreibt sich selbst als eine „gemeinschafts-gesteuerte tägliche Nachrichtenquelle.“ Sieht man eine ihrer Schlagzeilen in seinem News Feed, kann man unmöglich wissen, dass sie dem Öl-Giganten Chevron gehört – dem, laut der Financial Times, ebenso „die Raffinerie in Richmond gehört, die im August 2012 Feuer fing, und Schwaden schwarzen Rauchs über die Stadt ausspuckte und mehr als 15 000 Bewohner für medizinische Versorgung ins Krankenhaus trieb.“ Derartige Gliederungen sind nicht mehr außergewöhnlich: Die australische Fußballliga beschäftigt etwa 30 Journalisten um wohlwollende Berichte zu verfassen. Viele unabhängige lokale Zeitungen im UK werden von den Kommunen finanziert, die sie zur Rechenschaft ziehen sollten. Von vielen Personen wird verlangt die Realität von der Fälschung zu unterscheiden, wenn sie mit Informationen bombardiert werden – wie sollen sie wissen wem sie vertrauen können?

Vertrauen ist in allen möglichen Versionen von etablierten Institutionen – einschließlich der Medien – an einem historischen Tief angelangt. Das ist kein kurzzeitiges Phänomen, und es sollte nicht überraschen, wenn viele Institutionen bei den Leuten versagt haben, die ihnen vertrauten und Kritik mit Verachtung beantwortet haben. Im Ergebnis sind die Leute empört aber machtlos – nichts was sie tun scheint diese Dinge aufzuhalten und niemand scheint ihren Geschichten zuzuhören.

Das hat eine Krise im öffentlichen Leben hervorgerufen, und vor allem für die Presse, die riskiert Teil der selben Einrichtung zu werden, der die Öffentlichkeit nicht mehr vertraut. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Menschen ihr Vertrauen in ihre Fähigkeit verlieren, an der Politik teilzuhaben und sich selbst Gehör zu verschaffen, können die Medien eine wichtige Rolle bei der Umkehrung dieses Gefühls der Entfremdung spielen.

Wenn Misstrauen an Institutionen verändert wie Menschen am bürgerlichen Leben teilnehmen, müssen sie Nachrichtenunternehmen vielleicht auch verändern,“ legte MIT-Professor Ethan Zuckermann dar. „Wir könnten unsere Rolle als Journalisten überdenken um Leuten zu helfen … ihren Platz zu finden, wo sie, persönlich und gemeinsam, am effektivsten und einflussreichsten wirken.“

Um das gut zu machen, müssen Journalisten daran arbeiten, das Vertrauen derer zu gewinnen, denen sie dienen wollen. Und wir müssen unsrepräsentativer für die Gesellschaften machen, die wir repräsentieren wollen. Zugehörige der Medien werden zunehmend aus den gleichen, privilegierten Bereichen der Gesellschaft bezogen: Dieses Problem hat sich gerade in den vergangenen Jahrzehnten verschlimmert. Laut dem Bericht der Regierung von 2012 über soziale Mobilität im UK, hinkt,, während die meisten Berufe immer noch von „einer sozialen Elite beherrscht werden,“ der Journalismus hinter Medizin, Politik und selbst Justiz beim Öffnen der Türen für Menschen weniger gut situierter Herkunft hinterher. „Tatsächlich“ schließt der Bericht, „hat im Journalismus eine größere Verlagerung hin zu sozialer Exklusivität (Ausschließlichkeit) stattgefunden, als in jedem anderen Beruf.“

Das ist wichtig weil Leute mit exklusiven, gleichartigen Vorgeschichten wahrscheinlich niemanden kennen, der nachteilig von den Krisen unserer Zeit betroffen ist, oder Zeit an den Orten verbringen, wo sie stattfinden. Medienunternehmen die zum großen Teil mit Leuten ausbegrenzten Umfeldern ausgestattet sind, werden die Probleme, die Menschen jeden Tag in ihren Kommunen als „Nachrichten“ wahrnehmen, wahrscheinlich nicht erkennen; die Diskussionen innerhalb derartiger Unternehmen werden unweigerlich von den geteilten Privilegien der Teilnehmer geprägt.

Nachdem 71 Menschen im verheerenden Grenfell Tower in West-London starben – wovor Bewohner seit Jahren gewarnt hatten – sagte Channel 4-Moderator Jon Snow, dass das Versagen diese Warnungen zu beachten, aufzeige dass die Medien „die Elite genehm sei, mit wenig Bewusstsein, Kontakt oder Verbindung zu denen, die nicht zur Elite gehören.“ Wie Gary Younge, der Korrespondent des Guardian es formulierte: „’Sie sind nicht wir.‘ – ‚ihre Ansichten sind in Redaktionen selten zu hören, und das wissen sie.’“

Wenn Journalisten sich vom Leben anderer Menschen distanzieren, verpassen sie die Story, und Menschen vertrauen ihnen nicht. Der Guardian ist nicht komplett von diesen Herausforderungen ausgeschlossen, und unsere Belegschaft ist nicht ausreichend unterschiedlich. Aufgrund unserer Geschichte, Werte und Ziele sind wir verpflichtet uns diesen Problemen zu stellen – aber der Weg ist noch lang.

Unterdessen haben diejenigen an der Macht das Misstrauen in die Medien ausgeschlachtet um aktiv die Rolle des Journalismus im öffentlichen Interesse in einer Demokratie zu untergraben – von Donald Trump, der die „Fake-Nachrichten“-Medien „den Feind des amerikanischen Volkes“ nennt, bis zu einem britischen Kabinettsmitglied, das vorschlägt, dass Sender „patriotisch“ bei ihrer Brexit-Berichterstattung sein sollten. Auf der ganzen Welt – in der Türkei, Russland, Polen, Ägypten, China, Ungarn, Malta und vielen anderen Ländern – sind mächtige Interessen auf dem Vormarsch gegen die freie Rede. Journalisten werden geschwächt, angegriffen und sogar ermordet.

In diesen verwirrenden Zeiten ist das Eintreten für das öffentliche Interesse – das immer der Kern der Aufgaben des Guardian war – zu einer dringenden Notwendigkeit geworden. Menschen sind nachvollziehbar bleich angesichts der Krisen die global sind, national, lokal und persönlich. Auf globalem Niveau sind diese Krisen nicht zu fassen: Klimawandel, Flüchtlingskrise, der Aufstieg der Superreichen die die globale Wirtschaft beherrschen. Es ist einfach zu spüren, dass die Menschheit vor einer großen Umwälzung steht, über die man uns nicht informiert hat. Überwältigende technologische, umweltbedingte, politische und soziale Veränderung beschleunigt, was der Philosoph Timothy Morton einprägsam als „einen traumatischen Verlust der Koordinaten“ für uns alle beschreibt.

Diese globalen Umwälzungen haben nationale Politik deutlich destabilisiert, schufen Schrecken und Überraschungen der letzten zwei Jahre: Das unerwartete Ergebnis des Brexit Referendums, das Britannien einer unsicheren Zukunft überlässt; die erstaunliche Wahl Donald Trumps; der Zusammenbruch der Unterstützung traditioneller Parteien in ganz Europa, und der unerwartete Aufstieg von Emmanuel Macron. Diese Geschehnisse verblüffte die Fachleute und Insider, die sie zuversichtlich für unmöglich erklärten. Im UK schien Jeremy Corbyn das Regelwerk zerfetzt zu haben, das Wahlpolitik seit zwei Jahrzehnten regierte – und stieß auf einen Anstieg in den vorgezogenen Wahlen im Juni, besonders bei jungen Menschen, indem er sozialistische Ideen bewarb, die schon lange aufgegeben wurden. Bernie Sanders machte sich in den amerikanischen Vorwahlen der Demokraten eine ähnliche Stimmung zunutze.

In den Himmel schießende Ungleichheit zwischen Reich und Arm hat Vorurteile im politischen und wirtschaftlichen Establishment erzeugt. Im Oktober wurde aufgedeckt, dass die Superreichen der Welt nun die größte Konzentration an Wohlstand seit 120 Jahren besitzen – viele von ihnen unternehmen ausgeklügelte Schritte um bei dem Prozess Steuern zu umgehen, wie die Panama-Papiere aufzeigten.

Was sich herauskristallisiert ist, das die Art auf die Dinge betrieben werden, nicht nachhaltig sind. Wir sind an einem Wendepunkt an dem, mit Naomi Kleins Worten, „der Zauber des Neoliberalismus zerbrochen ist, zerborsten unter dem Gewicht der gelebten Erfahrung und einem Berg an Beweisen.“ (Klein definiert Neoliberalismus als „Abkürzung für ein wirtschaftliches Projekt, das den öffentlichen Raum schmäht.“) Vielleicht bieten die Märkte am Ende doch nicht alle Antworten. Der Kolumnist der Financial Times, Martin Wolf, der sagt, viele haben nicht verstanden wie „radikal die Auswirkungen“ der wachsenden Ungleichheit sein würden, schlägt vor, dass die politische Rückkopplung der Globalisierung möglicherweise für eine „tiefgreifende Veränderung der Welt sorgen wird – mindestens so bedeutend wie die, die den Ersten Weltkrieg hervorgebracht hat und die Russische Revolution.“

In vielen lokalen Gegenden, in unserer Nachbarschaft und unseren Gemeinden, sehen wir den Zusammenbruch des bürgerlichen Lebens, von öffentlichem Raum, der billig verkauft wird an Bauunternehmer, über die Schließung von Bibliotheken, bis zur Unterfinanzierung von Schulen und Krankenhäusern. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, was diewachsende Welle des Grolls hervorgebracht hat, der unsere Politik erschüttert hat. Es tut weh zu sehen, wie die Reichen damit in den großen Städten davon kommen, während du dich in deiner Kleinstadt durchkämpfst. Ältere Menschen beklagen den Verlust des Gemeinschaftslebens; jüngere Menschen finden wahrscheinlich keine gute Anstellung oder können sich nichts Angemessenes zum leben leisten.

All diese Verlagerungen haben zu einer weiteren Liste von Krisen auf der persönlichen Ebene geführt. Dieses Jahr verkündete die WHO, dass Fälle von Depressionen in den letzten zehn Jahren explodiert sind, was sie zur führenden Ursache für Arbeitsunfähigkeit weltweit macht. Einsamkeit wird nun als eine Epidemie im gesamten Westen anerkannt.

Unsere Leben werden zunehmend atomisiert, aber man versteht die Freude an kommunalen oder bürgerlicher Beteiligung. Menschen sehnen sich danach einander zu helfen, zusammen zu sein, Erfahrungen zu teilen, Teil einer Gemeinschaftzu sein, die Kräfte zu beeinflussen, die ihr Leben bestimmen. Aber im täglichen Leben ist derartiges Zusammensein schwierig zu bewerkstelligen; Religion ist ausgestorben; Technologie bedeutet, dass wir häufig per Bildschirm kommunizieren als von Angesicht zu Angesicht.

Das ist ein gefährlicher Punkt: All diese fruchtbaren Böden für Autoritarismus und faschistische Bewegungen, und es ist keine Überraschung, dass Menschen ängstlich sind und verwirrt. Das Verlangen dazu zu gehören findet genauso einfach ein Zuhause an düsteren Orten; neue Arten der Teilnahme können genauso einfach benutzt werden um Hass zu säen.

Aber es ist die Gegenwart all dieser Krisen die an AJP Taylors Bemerkung zurück erinnern, dass Peterloo „den Zerfall der alten Ordnung einleitete“ – und ich kann nicht anders, als mich zu fragen ob dies ein weiterer solcher Moment ist. Nach dem Fieberzustand von Peterloo, inmitten von massenhaften Forderungen für die Wahl, fing der Manchester Guardian die Stimmung der Menschen ein, und fand einen Weg zu reagieren – nicht zu leugnen was passiert war oder es zu minimalisieren, sondern es anzuerkennen, in den Kontext zu stellen, es zu analysieren, zu versuchen es zu verstehen, es „zum Guten zu wenden.“

Die dringende Frage jetzt stellt sich dann, wie der Guardian das heute tun könnte.

EineAntwort auf diese Krise ist Verzweiflung und Realitätsflucht: Wirhalten unseren Kopf ans Telefon oder schauen was schreckliches im Fernsehen. Weiterhin ist festzustellen, dass das gesamte System kaputt ist und alles niedergerissen werden muss – eine Ansicht, die unsere kürzlichen politischen Erdbeben zum Teil erklären könnte.

Aber Verzweiflung ist nur eine andere Form der Verleugnung. Menschen sehnen sich danach wieder Hoffnung zu haben – und junge Menschen verlangen nach dieser Hoffnung, die vorherige Generationen einst hatten. Hoffnung heißt nicht die Realität naiv zu verneinen, wie Rebecca Solnit es in ihrem anregenden Buch Hoffnung in der Dunkelheiterklärt. „Hoffnung heißt das Unbekannte anzunehmen und das Unerkennbare, eine Alternative zur Sicherheit sowohl der Optimisten und der Pessimisten.“ schreibt Solnit. Es ist der Glaube daran, dass Handlungen eine Bedeutung haben und dass was wir tun eine Rolle spielt. „Wahrhafte Hoffnung,“ sagt sie, „erfordert Klarheit und Fantasie.“

Hoffnung ist vor allem ein Glauben an unsere Fähigkeit zusammen eine Veränderung zu bewirken. Um das zu tun, müssen wir tapfersein. „Nicht alles, mit dem man konfrontiert wird, kann man ändern.“ schrieb James Baldwin 1962. „Aber nichts kann verändert werden, solange man nicht damit konfrontiert wird.“ Wir müssen die Grenzen der alten Art der Macht hinnehmen und herausfinden ,wie die neuen aussehen werden. Wir müssen uns mit der Welt befassen, nicht zynisch, nicht arrogant, auf der Seite der Menschen: Genau wie das Manifest von 1821, das den Guardian erschuf.

Denn Menschen sind nicht machtlos, wenn es darum geht Dinge zu ändern, und sie finden Möglichkeiten zu handeln – neue Wege sich einzumischen, Bürger zu sein – es kann nur sein, dass es nicht die Art bürgerlichen Handelns ist, die wir gewohnt sind. Es können amerikanische Football-Spieler sein, die niederknien, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren; es können die Menschen von Island sein, die sich um ihr Parlamentsgebäude herum drängeln, Töpfe und Pfannen gegeneinander schlagen um die Regierung zu stürzen, die den finanziellen Ruin ihres Landes verschuldet hat. Es können Universitätsstudenten sein, die den Verzicht fossiler Brennstoffe verlangen, oder die Verteilung kleinformatiger, erneuerbarer Energieprojekte in der ganzen Entwicklungswelt. Es könnten Digitalaktivisten sein, die mächtige neue Entschlüsselungswerkzeuge bauen, im Schatten der Snowden-Enthüllungen. Diese Sorte Aktion mag nicht wie Politik aussehen, wie wir sie kennen – aber aber es it ebenso Politik. Dies sind neue Formen der Einmischung und Teilnahme, neue Möglichkeiten ein aktiver Bürger zu sein. Wenn Menschen sich danach sehnen, die Welt zu verstehen, dann müssen Nachrichtenunternehmen sie mit Übersicht versorgen: Fakten, denen sie trauen können, Informationen, die sie benötigen, berichtet und geschrieben und bearbeitet mit Sorgfalt und Präzision.

Wenn Menschen sich danach sehnen eine bessere Welt zu erschaffen, dann müssen wir unsere Plattform nutzen, um Fantasie zu nähren – hoffnungsvolle Ideen, neue Alternativen, Glaube daran, dass die Dinge nicht so sein müssen wie sie sind. Wir können nur bloß den Status Quo kritisieren; wir müssen auch neue Ideen erkunden, wie wir sie ersetzen. Wir müssen Hoffnung schaffen.

Um das zu tun, wird der Guardian eine Palette an fortschrittlichen Blickwickeln, die so breit ist wie möglich. Wir werden politische Ziele und Ideen unterstützen, geben jedoch keine unkritische Rückendeckung für Parteien oder Personen. Wir werden uns beschäftigen mit Stimmen von der Rechten und sie veröffentlichen. In einem Zeitalter turbulenter Veränderungen hat niemand das Monopol auf gute Ideen.

Aber unser Hauptaugenmerk wird besonders in Ländern wie Britannien, den USA und Australien auf der Herausforderung der wirtschaftlichen Prämissen der letzten drei Jahrzehnte liegen, die Marktwerte wie Konkurrenz und Eigeninteresse weit über ihren natürliches Umfeld hinaus erweitert haben und die öffentliche Räume besetzt haben. Wir werden andere Prinzipien und Wege erforschen, durch die man Gesellschaft zum Gemeinwohl organisieren kann.

Damit wollen wir Wissen, Überraschungen und Kontext und Geschichte betonen, weil Macht und Einfluss vielleicht nicht dort bleiben, wo sie gewöhnlich waren; da Zuordnungen sich verändern, sollten die politischen Annahmen der jüngsten Vergangenheit unseren Ausblick auf die Gegenwart nicht diktieren. Wir sollten uns führen lassen von Neugier, nicht Gewissheit. Wir mögen Fachleute, aber das genügt nicht; wir müssen uns auch fragen, warum Menschen es nicht tun.

Diese Art Journalismus, der das öffentliche Interesse hochleben lässt, erfordert ein tiefgründiges Verständnis für die Veränderungen, die stattfinden, sodass wir permanent den besten Weg finden, den Menschen zuzuhören, selbst – vielleicht auch besonders – denen, die uns nicht lesen. Darum ist es wesentlich, dass wir eine Belegschaft haben, die die Gesellschaft widerspiegelt, zu der wir alle gehören.

Wir müssen dafür sorgen, dass unserer Journalisten verschiedene Geschichten hören und finden, unterschiedliches Fingerspitzengefühl, nachsetzen, den Lautlosen eine Stimme geben, Gegenden und Themen abdecken, die vernachlässigt werden – mit anderen Worten, unseren Journalismus verbessern.

Wir tun das, indem wir die Menschen ernst nehmen und unsere Themen, Quellen und Leser mit Respekt behandeln. Unsere Beziehung zu unseren Lesern ist nicht geschäftlich: Es geht darum ein Gefühl für Intention und um Einsatz unsere Zeit zu verstehen und zu beleuchten.

Den Guardian zu unterstützen – mit Abos, Beiträgen oder Mitgliedschaft – ist nur eine Möglichkeit an unserer Aufgabe teilzunehmen. Wir laden unsere Leser ein Teil der Gemeinschaft zu sein, egal ob das heißt zu lesen und zuzuhören und unsere Arbeit zu teilen und zuzusehen, oder darauf zu reagieren, oder indem man uns anonyme Informationen schickt oder an einem Reportageprojekt teilnimmt. Wir arbeiten auch mit Medienunternehmen zusammen – und anderen – die Arbeit im öffentlichen Interesse erledigen.

Wir müssen die neuen Wege auf denen Menschen sich mit der Welt auseinandersetzen übernehmen, nicht uns nach einer verlorenen Vergangenheit sehnen als eine Wahlurne und eine Handvoll mächtiger Medien das Ende der Geschichte war. Wie Ethan Zuckerman sagt, „Wenn Nachrichtenunternehmen dazu beitragen können, dass Bürger sich mächtig fühlen, wie wenn sie einen wirksamen bürgerlichen Wandel erwirken, werden sie eine Stärke und Loyalität entwickeln, die seit Jahren nicht gespürt haben.“

Der Guardian wird nun von unseren Lesern finanziert, nicht durch unsere Werbeträger. Das ist nicht nur ein neues Geschäftsmodell. Es ist eine Möglichkeit sich auf das zu konzentrieren was Leser am Guardian-Journalismus schätzen: Seriöse Berichterstattung die Zeit und Mühe braucht, sorgfältig die Fakten aufdeckt, die Mächtigen zur Verantwortung zieht, und Ideen und Argumente erfragt – Arbeit, die die Notwendigkeiten der Zeit anspricht, aber länger als einen Tag anhält. Von unseren Lesern finanziert zu werden heißt, wir müssen uns auf Geschichten konzentrieren, die am bedeutsamsten sind. Es heißt ebenso, dass wir Geld vorsichtig ausgeben müssen, versuchen – wie ein Autor die Ambitionen CP Scotts für den Guardian vor einem Jahrhundert beschrieb – „ein großes Blatt ohne das Getue eines großen Blattes“ zu erschaffen.

Natürlich ist in einer ernsten Zeit der Appetit nach sorgfältigen, schlauen, speziellen Artikeln über die Nachrichten hinaus größer denn je. Unsere Leser wollen gefüttert werden – mit bedeutsamen Journalismus und Technologie, Wirtschaft, Wissenschaft, den Künsten – nicht vollgestopft mit Mist. Sie wollen nützliche, unterhaltsame Berichte wie wir jetzt leben, ausmachen von Moden, erfassen der Stimmung, verstehen worüber Leute sprechen – lebensbejahend, anregend, anspruchsvoll. Wir können lustig sein und wir müssen lustig sein, aber es muss immer einen Grund haben, mit dem Publikum lachen, nie über sie. Ihre Aufmerksamkeit ist keine Ware, die ausgebeutet und verkauft werden kann.

Wir geben Menschen die Fakten, weil sie Informationen wollen und brauchen, denen sie vertrauen können, und wir halten uns an die Fakten. Wir werden Dinge herausfinden, neue Informationen offenbaren und die Mächtigen in Frage stellen. Das ist das Fundament dessen was wir tun. Während Vertrauen in die Medien sich auf einen kurzen entflammbaren politischen Augenblick beschränkt, wenden sich Menschen auf der ganzen Welt in immer größeren Zahlen als jemals zuvor an den Guardian, weil sie wissen, dass wir gründlich und gerecht sind. Wenn wir einmal die revolutionäre Idee betont haben, dass „Kommentare umsonst sind“, ist es heute unser vorrangiges Ziel dafür zu sorgen, dass „Fakten heilig sind.“ Unsere Inhaberstruktur bedeutet, wir sind komplett unabhängig und frei von politischer und kommerzieller Beeinflussung. Einzig unsere Werte werden die Geschichten bestimmen, die wir abdecken – unablässig und couragiert.

Wir werden die Fragen stellen, die Menschen stellen, und die Fragen, die niemand stellt. Ehrliche Reporter behandeln jede Situation mit Demut: Sie finden die Leute, denen nicht zugehört wird und hören ihnen wirklich zu. Sie werden einen Ort finden. Wir werden aus den großen Städten heraus gehen und aus den gr0ßen Institutionen, und uns auf lange Zeit mit Geschichten beschäftigen. Unsere Kommentare müssen ebenso auf Fakten beruhen, aber wir werden eine klare Grenze ziehen zwischen Nachrichten und Meinung.

Wir werden werden eine interessante Lücke finden, in der man die Fragen des Tages lesen, anschauen und anhören kann. Wir werden an vorderster Front der neuen Technologien sein, und wie werden uns diejenigen zueigen machen die dem Guardian wirklich fördern und die Erfahrung unserer Leser damit. Wir müssen stolz ein auf alles, worauf sich das Logo des Guardian befindet. Bevor wir Leser mit Stoff überfordern, von dem wir verlangen dass ihn sie aufnehmen sollen, werden wir eine wertvolle Erfahrung herausarbeiten. Im Druck und digital werden wir erklärend sein, visuell, haltbar. In den vergangenen Jahren war es angesagt die Plattformen zu bevorzugen, auf denen Journalismus erscheint. Nun müssen wir den Grund für diesen Journalismus priorisieren.

Mehr als 800 000 Menschen helfen nun den Guardian zu finanzieren, weil sie denken, was wir tun ist wichtig – und es gibt weitere Millionen die uns jeden Tag lesen. Das ist anregend, und es zeigt uns einen Weg in eine sichere Zukunft für unseren Journalismus. Wir wollen sicher gehen, dass kommende Generationen den Guardian lesen können, und das erfordert nachhaltige Finanzen.

Vorläufig können wir nicht vorhersagen wohin dieser politische Moment führen wird, oder welche Veränderungen uns erwarten. Es gibt vieles in der Zukunft, dass wir nicht wissen.

Aber wir wissen, dass es ernsthafte Fragen gibt, die heute beantwortet werden müssen, und dass der Guardian gut aufgestellt ist, um das zu tun: Wegen unseres einzigartigen, unabhängigen Inhaberschaft; wegen unseres hoch-qualitativen Journalismus, basierend auf Fakten; wegen unserem progressiven Blickwinkel; und weil unsere Leser glauben, wie wir, dass Guardian-Journalismus die größte mögliche Wirkung haben sollte und versuchen die Welt zum Besseren zu verändern.

Um Rainer Maria Rilkes Satz aufzugreifen, wir müssen „jetztdie Fragenleben“: Immerwährend unsere Annahmen überprüfen, unsere Voreingenommenheiten, wie die Welt sich verändert, was es bedeutet. Um das zu tun, werden wir fünf Prinzipien befolgen: Wir werden Ideen entwickeln, die Welt zu verbessern, nicht nur Kritik; wir werden mit Lesern zusammen arbeiten und anderen, um größere Wirkung zu erzielen; wir werden diversifizieren, für reichhaltigere Berichterstattung aus einer vorzeigbaren Redaktion; wir werden aussagekräftig mit unserer ganzen Arbeit sein; und untermauert wird das alles dadurch, dass wir gerecht über Menschen berichten genau wie über die Macht und Dinge herausfinden.

Das ist eine Herausforderung, für uns beim Guardian diese Prinzipien aufzugreifen, sie (weiter) zu entwickeln und sie bei allem was wir tun anzuwenden; eine Herausforderung für die Leser des Guardian, sich mit uns zu beteiligen, uns zu unterstützen, wenn man an uns glaubt, teilnehmen, beraten; und eine Herausforderung für alle Medien unternehmen, Möglichkeiten zu finden diesem Moment zu begegnen.

In den zweieinhalb Jahren seit ich Chefherausgeberin wurde, haben wir eine große Zahl an politischen und sozialen Erschütterungen erlebt, eine drastische Untergrabung des Geschäftsmodells für ernsthaften Journalismus, und etwas was viele als einen nie da gewesenen Grad an Zerstörung des Planeten, unseren Nationalstaaten, unseren Gemeinden, uns selbst betrachten. Es ist eine eindringliche Zeit um Herausgeberin zu sein, eine Journalistin, eine Bürgerin – aber auch ein Privileg sich mit diesen Fragen rumzuschlagen, mit der Möglichkeit, zu helfen diese Zeit in etwas Besseres zu verwandeln, diesen Moment zu Allgemeinwohl zu verwandeln, wie unser Gründungsmanifest es verkündete. Und zu tun, was die Aufgabe des Guardian seit 1821 ist: Eindeutigkeit und Fantasie zu benutzen um Hoffnung zu schaffen.

Quelle:https://www.theguardian.com/news/2017/nov/16/a-mission-for-journalism-in-a-time-of-crisis

Übersetzung: Thorsten Ramin

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