Karzai ist Teil des Problems.

 The Financial Times Comment ‘A’ List. 25. Juni 2013

Von Ahmed Rashid

Im Dezember 2011 waren die Taliban auf einer großen Konferenz in Berlin, an der neunzig Außenminister teilnahmen, kurz davor die Bedingungen der USA zu akzeptieren, die es ihnen erlaubt hätten eine Vertretung in Doha zu eröffnen.

Die Amerikaner hatten vier Mal direkte, geheime Gespräche mit den Taliban geführt, angefangen im November 2010, dank der Vermittlung vor allem durch deutsche Diplomaten und Katar.

Dennoch, in letzter Minute, scheute sich der afghanische Präsident Karzai und weigerte sich den Bedingungen der Eröffnung eines Taliban-Büros zuzustimmen, und führte an von den USA und den Deutschen nicht entsprechend um Rat gefragt worden zu sein – was nicht stimmt.

Es hat nahezu zwei Jahre gebraucht um alle Mitspieler wieder dahin zu bekommen, wo sie in Bonn in jenem kalten Dezember bereits waren und es noch einmal zu versuchen, ein Taliban-Büro in Doha einzurichten. Bisher waren die Ansätze dazu chaotisch – wozu jeder, einschließlich der Amerikaner, sein Scherflein beitrug.

Wieder einmal scheint es, dass Herr Karzai versucht die letzten Friedensgespräche zu ruinieren. Sogar als er die Angebote der Taliban annahm, wie das Verpfeifen von Al-Qaida, benutzte er ihr Hissen einer Taliban-Flagge und eine Plakette1 um ein Ende aller zukünftigen Friedengespräche zu riskieren, bevor sie überhaupt angefangen hatten. Sein Zorn spiegelt zum Teil die weit verbreitete Wut der Afghanen wider, die Fernsehbilder von der gefürchteten weißen Taliban-Flagge und schwarze Turbane in Doha als Angriff auf ihre Würde sahen.

Teilweise gibt das Tohuwabohu über diesen Punkt das Chaos in Herrn Karzais eigenem Büro wider, auch zwischen den Leuten, die er selbst dafür eingesetzt hat. Man kann sich weder in seinem Kabinett oder seinem Präsidialamt darauf einigen, mit den Taliban zu verhandeln. Seine Spitzenberater sind gegen die Idee, betreiben Verschwörungstheorien oder taktieren um der nächste Präsidentschaftskandidat zu werden.

Der Präsident hat seine Rolle auch gar nicht entsprechend erfüllt. Während er von Versöhnung mit seinen „Taliban-Brüdern“ spricht, ist es Herrn Karzai nicht gelungen Millionen von Afghanen zu umwerben, vor allem die nicht-paschtunische Hälfte der Bevölkerung und viele Frauen, die verängstigt sind, misstrauisch oder bar entsetzt, sobald sie nur an eine Rückkehr der Taliban denken. In der Heimat für einen Konsens zu sorgen, sollte die primäre Aufgabe des Präsidenten sein.

Aber der kürzliche Zank zeigt ebenso, dass Herr Karzai von westlichen Akteuren und vielen Afghanen nicht verstanden wird. Dies ist ein Mann, der im Alleingang seit 2004 vor einem militärbesessenen Washington darauf beharrt, dass nur Gespräche mit den Taliban den Krieg beenden können. Die Amerikaner – derzeit selbstsicher wie Bolle – verhöhnten ihn. Wenn Herr Karzai jedoch ein Friedensaktivist ist, wie soll man dann seine kürzlichen Erklärungen, Sticheleien und Wutausbrüche erklären?

In verschiedenen Gesprächen mit Herrn Karzai wurde mir klar, dass er nicht glaubt, dass Bauernregeln den Bürgerkrieg beenden – Versöhnung durch einen langen Dialogprozess, vertrauensbildende Maßnahmen an der militärischen Front oder einen strategischen Plan, und Gespräche über eine schließliche Gewaltenteilung.

Er hat immer ein Art von Kapitulation der Taliban vor ihm angestrebt, oder ein paschtunisches Stammestreffen, auf dem die Taliban Herrn Karzai als ihren Anführer anerkennen und ihm den traditionellen Turban um den Kopf wickeln würden. In seinem Kopf war das alles ausführbar wegen der Stammesvernetzungen der Durrani in Südpakistan, die auf die Karzai-Familie und einige Taliban-Anführer aufgeteilt waren.

Das wird offensichtlich nicht passieren. Warum sollten die Taliban kapitulieren, wenn sie dem US-Militär einen Waffenstillstand oder einen Kratzfuß vor den Afghanen abgerungen hätten, die sie am meisten verachten? Bisher weigerte sich Herr Karzai etwas anderes zu akzeptieren. Er hatte keine Geduld für Leitfäden oder Gesprächspunkte für Verhandlungen die seine frustrierten Berater unregelmäßig verfassten. Darum sind es die Taliban, die jetzt ein geschicktes Köpfchen für Verhandlungen beweisen und mit ihren modernen Schlichtungs-Schachzügen aufs Ganze gehen – eine Strategie, erste Gespräche mit den US-Truppen die ihr Land besetzen, gefolgt von Gesprächen mit „allen Afghanen“ bevor sie allein mit der Regierung reden.

Darüber hinaus hat Herr Karzai nie verstanden oder hingenommen, warum die USA Pakistan für die Unterstützung der Taliban in den letzten zwanzig Jahren nicht an den Pranger stellten, oder zumindest seit 9/11 Sanktionen verhängten. Er lehnt den Gedanken an ein Pakistan als Teil des Friedensprozesses ab. Die Wahrheit ist, dass Pakistan – eine Atommacht, ein instabiler Staat und weiterhin ein Zentrum für globale Terroristenausbildung – strategisch wesentlich wichtiger ist als Afghanistan. Ungeachtet seiner Verbindungen zu einigen Extremistengruppen, muss Pakistan umworben und überzeugt werden – nicht geächtet. Man kann nicht ohne pakistanisches Einverständnis mit den Taliban sprechen, denn sie leben dort.

Was ist derweil mit den Taliban? Sie übertrumpften die Amerikaner mit einem geschickten Zug – sie boten an einen amerikanischen Kriegsgefangenen im Austausch gegen fünf Taliban-Vertreter, die in Guantánamo eingesperrt sind, freizulassen. Aber warte eine Minute! Das ist exakt der gleiche Schritt des Vertrauensaufbaus, den die Amerikaner bereits 2010 anboten, und dann nicht liefern konnten wegen Einsprüchen durch den Kongress. Nun sind es die Taliban, die das Angebot machen, was hinsichtlich des amerikanischen Soldatenvernünftig und attraktiv für die öffentliche Meinung in den USA ist. Nicht schlecht für eine Gruppierung, die so rücksichtslos und analphabetisch sein soll.

Herrn Karzais Hauptaufgabe sollte darin bestehen, das Durcheinander in seinem eigenen Büro und Kabinett zu beseitigen, in Austausch mit seinem Volk zu treten und zu erklären warum nur eine vernünftige Lösung mit den Taliban den Krieg beenden und Sicherheit für ein Afghanistan ohne ausländische Truppen im Jahr 2014 bedeuten kann, und dabei die Beziehung zu mitmischenden Nachbarn wie Pakistan und Iran verbessern helfen.

Herr Karzai kann nur verlieren, wenn er so weitermacht wie er es tut, und die Taliban können nur gewinnen.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

1 Die Inschrift auf der Plakette lautet „Islamisches Emirat von Afghanistan“ und wurde mit der Inschrift „Politisches Büro der Taliban“ ersetzt.

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