Kann Pakistan im Nachbarland Frieden stiften?


New York Times, 5. Juni 2013

Von Ahmed Rashid

LAHORE, Pakistan — IM Frühjahr 1992, als die kommunistische Regierung in Afghanistan nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in sich zusammenfiel, versammelten sich sieben Anführer der Mudschaheddin, die von der CIA mit Geld überhäuft wurden, in Peschawar in Pakistan, um zu besprechen wie man Afghanistan übernehmen und die Macht friedlich aufteilen könnte.

Der Mann, der sie zusammenbrachte und geduldig bei ihnen saß, war Nawaz Sharif, damals erst 43 und in seiner ersten Amtszeit als Pakistans Premierminister. Ein einfacher Mann, auf keinen Fall ein Intellektueller, aber mit enormer Geduld und als gewiefter, ortskundiger Kenner der Politik wollte Herr Sharif Frieden stiften. Es ist ihm beinahe gelungen.

Jetzt, 21 Jahre später, ist er wieder an der Macht, zu einem Zeitpunkt, an dem eine neue Verhandlungsrunde über Afghanistan gescheitert ist. Ein Jahr vor Amerikas hoch erwartetem Rückzug aus Afghanistan scheinen die Gespräche mit den Taliban im Sande zu verlaufen, schlechte Nachrichten für alle, die sich eine politische Lösung erhofft hatten. Sharifs Rückkehr auf das Parkett könnte ihre letzte Hoffnung sein.

Sharifs sorgfältig ausgetüftelte Vereinbarung der Machtteilung brach endgültig zusammen, als afghanische Kriegsherren und Agenten des pakistanischen ISI (Inter-Services Intelligence) ihn sabotierten, die ein doppeltes Spiel betrieben.

Während die eine ISI-Abteilung Sharif half in Gesprächen zu verhandeln, versuchte eine andere einen Staatsstreich, indem sie hunderte Kämpfer, die dem extremistischen Kriegsherren Gulbuddin Hekmatyar loyal gesinnt waren, nach Kabul hineinschmuggelte. Die Verschwörung ging schief, aber sie entzündete den blutigen afghanischen Bürgerkrieg, der ein Jahrzehnt dauern sollte und zur Entstehung der Taliban führte.

Pakistans Militär hat den Afghanistankurs des Landes seit 1978 gesteuert. Es muss nun anfangen die Bürde mit den Bürgervertretern zu teilen. Das Militär sollte Herrn Sharif an Gesprächen mit den Taliban beteiligen, von deren Anführern viele in Pakistan leben.

Bis heute sind die einzigen pakistanischen Vertreter mit Zugang zu den Taliban Offiziere des ISI, wobei die Taliban inzwischen eine immense Antipathie gegen sie entwickelt haben, weil sie sich wie Schachfiguren behandelt fühlen.

Herr Sharif, dessen Regierung am Mittwoch ins Parlament einzog, könnte das ändern und den Taliban helfen, ihre Verweigerung aufzugeben und die Gespräche mit den Vereinigten Staaten fortzuführen, indem er die Hardliner ins Abseits stellt und die friedlichen Talibanführer stärkt. Er könnte auch in der Lage sein, eine bessere Beziehung zu Afghanistans mürrischem Präsidenten, Hamid Karzai, zu schmieden, als es Pakistans militärische Führer durch Jahre des Misstrauens erreicht haben.

Es geht nicht darum, dem Militär und dem ISI Macht zu entziehen, sondern darum, eine Partnerschaft zu schaffen, bei der das Militär dem zivilen Premierminister Verhandlungsmacht zugesteht. Die afghanischen Taliban an den Verhandlungstisch zu bringen hätte auch eine demoralisierende Wirkung für die pakistanischen Taliban, die wesentlich extremer sind als ihre afghanischen Kameraden und versuchen, die pakistanische Regierung zu stürzen und das islamische Recht einzuführen.

Das pakistanische Militär, das mehrere tausend Soldaten an Extremistengruppen verloren hat, sagt, es sei jetzt darauf aus mit den afghanischen Taliban zu sprechen, scheint aber keinen Leitfaden oder die Bereitschaft zu besitzen, die Initiative zu ergreifen. (Letztes Jahr ließ der ISI 26 afghanische Gefangene der Taliban frei, und drängte sie am Friedensprozess teilzunehmen. Aber, sie alle verschwanden.)

Der Schlüssel zur Beendigung des Krieges in Afghanistan, der die Amerikaner würdevoll abziehen, glaubwürdige afghanische Präsidentschaftswahlen und einen Vertrag der Machtteilung zwischen Herrn Karzai und den Taliban ermöglichen würde, besteht darin, einem Waffenstillstand anzustoßen.

Geheime Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und Mitgliedern der Taliban scheiterten vergangenes Jahr, weil die Amerikaner sich weigerten den Taliban die vertrauensbildenden Maßnahmen zu garantieren, die sie forderten: Befreiung von fünf Kommandeuren der Taliban in Guantánamo im Tausch für einen amerikanischen Soldaten.

Das Pentagon und die CIA waren von Beginn an gegen die Gespräche. Es nutzte auch nichts, dass Präsident Obama sich weigerte zwei nachfolgende Gesandte zu ernennen – Richard C. Holbrooke, inzwischen verstorben, und seinen Nachfolger, Marc Grossman. Als Ergebnis der gescheiterten Gespräche sind die Taliban so zerstritten wie nie zuvor und ewig kriegslüsterne Hardliner im Vormarsch.

Nach fünf Monaten Verzögerung hat Herr Obama James F. Dobbins zum neuen amerikanischen Gesandten ernannt, einen erfahrenen Diplomaten. Aber Herr Dobbins wird keinen Erfolg haben, solange er nicht entsprechend vom Weißen Haus unterstützt wird.

Herr Obama hat großes Interesse an einer friedlichen Lösung des afghanischen Konflikts und an einem sicheren Rückzug. Aber damit das passiert, muss er seine Diplomaten ermächtigen jeden Weg für Gespräche mit den Taliban zu prüfen und sogar Risiken einzugehen, indem man die Gefangenen der Taliban, die er festhält, freilässt.

Pakistans Generale haben auch ein Interesse. Sie verstehen, dass sie nicht mehr in ihren alten Gewohnheiten fortfahren können, und sie können keine Außenpolitik betreiben, die auf der Unterstützung islamistischer Extremisten aufbaut, die den Staat unterläuft und das Militär selbst, während sie Nachbarn zu Feinden macht und enge Verbündete vor den Kopf stößt.

Aber das Militär muss noch darauf kommen, wie sich das Staatsruder umlenken lässt, wie man eine nachvollziehbare Strategie gegen den Terrorismus entwickelt und wie man sich Demokratie und Nationenaufbau als Werkzeug gegen Aufstände zunutze macht.

Herr Sharif könnte der Mann dafür sein – wenn das Militär ihn lässt.

Ahmed Rashid, Journalist, ist Autor des jüngst erschienenen Buchs “Pakistan am Abgrund: Die Zukunft von Amerika, Pakistan und Afghanistan.”

Eine Ausgabe dieses Gastkommentars erschien am 6. Juni 2013 gedruckt auf Seite A23 der New York-Ausgabe mit der Ãœberschrift: Can Pakistan Make Peace Next Door?

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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