Kann Afghanistan durchhalten?

New York Book Review, 19.Oktober, 2015

Von Ahmed Rashid

Präsident Barack Obamas Entschluss in der letzten Woche, sein Versprechen nicht zu halten und tausende US-Soldaten in Afghanistan zu belassen wenn er sei Amt abgibt, ist ein nüchterner Hinweis dafür, wie schnell das Land wieder in die Krise abgeglitten ist. Das Weiße Haus bewertete die Lage aufgrund der aufsehenerregenden Bodengewinne der Taliban in den letzten Wochen, und der Machtlosigkeit der Regierung sie auzuhalten, neu

Aber Obamas Vorhaben, 5.500 Soldaten nach 2017 abzuziehen wird wenig an den ernsthaften militärischen Rückschlägen andern. Noch wird er damit die brennende wirtschaftliche und politische Lähmung der Führungsriege in Kabul beenden, die ohnehin schon dafür gesorgt hat, dass zehntausende Afghanen nach Europa fliehen und der Rückhalt von Präsident Ashraf Ghani langsam abgebaut wird. Kann die Regierung durchhalten?

Am 1. Oktober eroberten die Taliban ihre erste Stadt, seitdem sie das Land 2001 an die US-Truppen verloren. Kunduz, das eine Bevölkerung von 300.000 hat und strategisch wichtig an der Grenze zu Zentralasien liegt, wurde dieses Jahr lange Zeit belagert, jedoch wurde bei einem Überraschungsangriff von ein paasr hundert Taliban nach einem religiösen Feiertag seine Verteidigung überrannt, und die Sicherheitskräfte brauchten zwei Wochen, um sie zurückzuerobern.

Derweil hat die unerklärliche, schreckliche amerikanische Bombardierung eines Krankenhauses in Kunduz, das von der internationalen medizinischen Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzenbetrieben wurde, zu Entrüstung auf der ganzen Welt geführt und dazu, dass die Organisation eine Entschuldigung der USA abgelehnt und eine internationale Untersuchung gefordert hat. Ebenso hat sie die USA gezwungen, ihren Lufteinsatz über Kunduz zu beenden.

Der gesamte afghanische Staat ist jetzt bedroht. Afghanische Vertreter erzählten mir, dass die Taliban eine ernste Bedrohung für etwa siebzehn der vierunddreißig Provinzen des Landes darstellen. Davon sind ein halbes Dutzend in Gefahr, komplett unter Taliban-Kontrolle zu fallen, einschließlich Helmand und Uruzgan im Süden – das traditionelle Taliban-Kernland, wo die dörflichen Gegenden alle unter Taliban-Kontrolle stehen; Faryab, ein abgeschlossene aber strategisch wichtige Provinz im Nordwesten, die an Turkmenistan grenzt; Farah im Südwesten, an den Iran angrenzend; und die Provinzen Badakhshan und Kunar im Nordosten, grenzend an Pakistan und China.

Würde eine dieser Provinzen den Taliban in die Hände fallen bevor der harte afghanische Winter einsetzt, würde das in Kabul Panik auslösen. Die UN sagen, dass sich der Aufstand seit 2001 noch nie so weit ausgedehnt hat und evakuierte ihren Stab in den vergangenen Wochen aus vier Provinzen.

Wofür die Präsenz der US-Truppen über 2017 hinaus sorgen kann, ist, dass Afghanistan internationale Aufmerksamkeit behält. Mit US – und höchst wahrscheinlich NATO – Truppen im Land, kann die internationale Gemeinschaft Kabul nicht einfach den Rücken kehren, trotz des Ernstes anderer Krisen auf der Welt. Und die dauerhafte Stationierung wird die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die USA und die NATO noch einige Jahre die afghanische Regierung finanzieren. Die meisten Finanzierungsprogramme enden 2017.

Aber Realität ist, dass die versprochenen 5.500 Soldaten kaum mehr als die Hälfte der aktuellen Zahl ausmachen (9800), und die waren unfähig zu verhindern, dass die Taliban dramatisch wachsen. Selbst mit der Aufstockung von 4.000 auf 9.000 Soldaten, die, europäischen Vertretern zufolge, über 2017 hinaus von der NATO bereitgestellt werden sollen, wird der gesamte Einsatz viel zu klein (dimensioniert) sein, um an der Situation etwas zu ändern. Und es gibt inzwischen wenig Nachschub für die internationalen Truppen, um entsprechende Luftunterstützung für die afghanische Armee zu leisten oder ihr zur Verfügung zu stellen.

Obamas Entschluss ist ein weiterer Rückschlag für sein Versprechen, zum Ende des Jahres 2016 alle US-Truppen aus dem Irak und aus Afganistan abgezogen zu haben. Sieben Jahre zuvor übernahm Obama einen kritische Zustand in Afghanistan von Vorgänger Präsident George Bush, was ihn zwang, umgehend zehntausende mehr Soldaten zu entsenden, was insgesamt zu mehr als 100.000 im Jahr 2010 führte. Dennoch hat dieser Anstieg wenig Erfolge hinterlassen, er endete 2012, und jetzt scheint Obama seinem eigenen Nachfolger eine ähnlich ungelösten und heiklen Krieg zu hinterlassen, der droht, die Region zu destabilisieren.

Der Verlust von Kunduz hat bereits weiträumig für Aufsehen gesorgt, insbesondere in Zentralasien, wobei Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan Soldaten an ihre eigenen Grenzen zu Afghanistan entsenden. Es gibt Beweise, dass auswärtige Kämpfer aus Zentralasien sich den Taliban für ihren Angriff auf Kunduz angeschlossen haben, und Präsident Putin, der am Freitag in Kasachstan sprach, rief die ehemaligen Sowjet-Republiken auf, bereit zu sein, zusammen zu agieren um einen möglichen Angriff von „Terroristen“ abzuwehren, die jetzt Zuflucht in den von Taliban kontrollierten Gegenden in Afghanistan suchen.

Die Schlacht von Kunduz hat ebenso zu Afghanistans bereits hoffnungsloser Flüchtlingssituation beigetragen. Laut UN sind mehr als 120.000 Menschen aus Kunduz und der Provinz gleichen Namens geflohen, aber da alle Hilfsorganisationen evakuiert und die meisten Regierungsämter im Norden geschlossen waren, konnte keinem von ihnen geholfen werden. Es sind jetzt mehr als eine Million Afghanen innerhalb des Landes vertrieben worden wegen der Kämpfe, und Afghanen sind bereits die zweitgrößte Gruppe (nach Syrern), die Asyl in Europa sucht.

Derweil hat der Erfolg von Kunduz dafür gesorgt, dass andere Talibantruppen im ganzen Land ihre Angriffe gegen Regierungstruppen steigern. Am 13. Oktober schlugen afghanische Truppen etwa 2.000 Talibankämpfer zurück, die aus verschiedenen Richtungen zusammenströmten, um zu versuchen die Stadt Ghazni einzunehmen, die südlich von Kabul gelegen ist, und es kam zu schweren Kämpfen, bevor die Taliban zurückgeschlagen werden konnten. Ghazni, eine anitike, multi-ethnische Stadt, liegt an der wichtigen Autobahn von Kabul nach Kandahar, die jetzt zu gefährlich zum Befahren ist. Ein großer Teil der Provinz Ghazni ist in Händen der Taliban.

Anders als sein irakisches Gegenstück, das überwiegend zusammenbrach als es im vergangenen Jahr mit der den Angriffen der ISIS konfrontiert wurde, hat die afghanische Armee bewiesen, dass sie kämpfen kann. Jedoch hat sie schwere Verluste erlitten: Mehr als 5.000 afghanische Sicherheitskräfte sind bisher 2015 getötet worden, zwei Mal so viele wie im gleichen Zeitraum vergangenes Jahr. Was den Soldaten fehlt, ist gute Anleitung und wirksame Kommandostrukturen. Abwohl Ashraf Ghanis Regierung nach Wahlen vor einem Jahr gebildet wurde (was zu einer Machtaufteilung mit dem Gegenkandidaten, Abdullah Abdullah, führte, der Regierungschef wurde), muss er immer noch einen Verteidigungsminister ernennen. In der Zwischenzeit gibt es zu viele afghanische Generäle, die zu viele verschiedene Sicherheitsdienste vertreten – reguläre Truppen, Sonderkommandos, eine Reihe von Milizen, und Vigilanten – was zu Zank und Fehlorganisation führt. Kunduz besaß zehn Generäle, aber keinen einzigen, der zuständig war. Und Korruption hat das Vertrauen zwischen Offizieren und Soldaten zerrüttet.

Hohe afghanische Vertreter sagen, dass die afghanische Armee dringlichst mehr Luftschutz benötigt, um ihr bei der Unterdrückung von Truppenkonzentrationen der Taliban vor großen Städten unter die Arme zu greifen. Nur gibt es keine echte  afghanische Luftwaffe  und westlicher Regierungen sind nicht eingesprungen. Die USA begannen erst 2007 afghanische Piloten auszubilden, und Offiziere werden nun auf Hubschraubern und Starrflüglern Made in USA geschult; man wird sie nicht vor 2018 einsetzen können, gemäß hohen westlichen Vertretern mit denen ich sprach.

Für den neuen Taliban-Anführer Mullah Akhtar Mansour ist die aktuelle Offensive ein kleverer politischer Schachzug. Mansour erlebt intern Widerstand gegen seinen Führungsanspruch – teilweise weil er und sechs andere Taliban für sich behielten, dass der Gründer Mullah Mohammed Omar vor zei Jahren starb, offenbar an Gesundheitskomplikationen. Mansour hatte seitdem in Omars Namen geherrscht und seine Machtposition ausgebaut, schaffte es aber bei vielen Kommandeuren nicht, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Jetzt hofft er die Taliban durch einen erfolgreichen Feldzug auf dem Schlachtfeld zu einen

Der derzeitige Aufstand verschiebt Afghanistans beste Gelegenheit für einen Friedensvertrag seit Jahren – die Gespräche zwischen den Taliban und der Regierung in Kabul hatten diesen Sommer in Pakistan begonnen. In den letzten Monaten haben sowohl Präsident Ghani, wie sein Mit-Herrscher, Regierungschef Abdullah Abdullah, versucht, eine Annäherung an Pakistan zu bewirken und seine Hilfe bei den Verhandlungen mit den Taliban zu gewinnen. Die erste Gesprächsrunde wurde am 7. Juli geführt und von China unterstützt, den USA und allen zentralasiatischen Nachbarn Afghanistans. Aber weitere Gespräche wurden ausgesetzt angesichts der veränderten militärischen Lage und Verbitterung wegen dem anhaltenden Schutz, den Talibananführer in Pakistan genießen.

Da der Krieg näher an Kabul heranrückt, hat Präsident Ghani die umfangreiche Beliebtheit, die er letztes Jahr genoss, schnell verloren. Die tägliche Regierungsarbeit ist zum Erliegen gekommen, wichtige Projekte, wie das Ausstellen von Pässen, Wahlreformen zu verabschieden und ein Terminplan für parlamentarische Wahlen ist unbestimmt ausgesetzt. In der Zwischenzeit hat die Regierung es nicht geschafft die Korruption anzugehen und die Wirtschaft zu fördern, sie geht wörtlich pleite.

Es findet jetzt großflächig Kapitalflucht aus Afghanistan statt – vor allem zum Golf, wo viele Afghanen mit ausreichenden Mitteln Häuser gekauft haben. Ghani versucht den Massenexodus junger ausgebildeter Afghanen nach Deutschland aufzuhalten, aber wenig zeugt von Erfolg. Viele Politiker verbünden sich gegen Ghani, darunter der ehemalige Präsident Hamid Karzai, der fordert, dass Ghani alle Abkommen mit Pakistan widerruft; ein weiterer ehemaliger Präsidentschaftskandidat, Omar Daudzai, fordert zusammen mit vielen anderen Ghanis Rücktritt und nach Einberufung einer Loya Dschirga (Nationale Versammlung), um eine Übergangsregierung zu bilden. Die internationale Gemeinschaft, die von Ghanis Leistung schwer enttäuscht ist, verzögert oder versagt wichtige Finanzhilfen.

Was den Amerikanern während Obamas Zweiter Amtszeit durchweg gefehlt hat, ist eine Gesamt-Strategie, um die Taliban einzubinden und dem Land eine stabile Ordnung zu geben. Obama hat wenig Interesse an Afghanistan bewiesen, außer zu tun was er kann, um den totalen Zusammenbruch des Landes zu verhindern. Es ist jedoch unklar, wie lange das noch genügen wird. Die afghanische Regierung mag einen weiteren Sieg der Taliban überstehen – zumal wenn sie eine große afghanische Stadt einnehmen. Sollte das passieren, werden die USA und ihre NATO-Verbündeten gezwungen sein etwas zu tun – oder die Niederlage einzugestehen.

19.Oktober 2015

Quelle:http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Übersetzung: Thorsten Ramin