Je schärfer dein Messer, desto weniger tuts weh

LIEBE, GELÄCHTER UND TRÄNEN IN PARIS

AN DER BERÜHMTESTEN KOCHSCHULE DER WELT

JE SCHÄRFER DEIN MESSER,

DESTO WENIGER TUTS WEH

TEIL I

ELEMENTARKÜCHE

Das ist kein Kochen, es ist einen komplizierten Sport lernen!“

Kim, eine Auszubildende in der Elementarküche

KAPITEL I

DAS LEBEN IST KEIN PONYHOF

Ich habe mit dem Kochen nicht angefangen bevor ich zweiunddreißig war. Bis dahin habe ich einfach gegessen.“

Julia Child

Nach einem Moment des Plauderns und Tee lehnte sich meine Chefin nach vorne und klatschte in ihre Hände. “Das wird ein schwieriges Gespräch.” begann sie.

Ich hätte es wissen sollen. Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn deine Vorgesetzte dir sagt du sollst das Büro meiden, wenn du aus dem Urlaub zurück bist. Schlimmer noch, bestand sie darauf, dass wir uns zwei Stunden nachdem mein Flugzeug gelandet war in der Hotellobby treffen. Ich nickte, bewahrte Haltung und verweigerte noch mehr Tee. Ich stand auf, strich mein Kleid gerade, und ging hinaus.

Dadurch verlor ich meine Arbeit, die ich verzweifelt aufgeben wollte. Ich war erleichtert, wenn ich mir auch abgelehnt vorkam, wie erdrückt, nicht unähnlich wie wenn dein Freund die Frechheit besitzt, dich zu verlassen, bevor du ihn verlässt.

Ich stieß die Tür des Hotels auf, mit erhobenem Kopf, erfreut dass ich bei der Nachricht nicht zusammenbrach. Ich war hart, sagte ich mir, und es war keine große Sache. Zwanzig Minuten davor war ich eine Führungskraft bei einer großen Software-Firma, Leiterin von vierundzwanzig Leuten und Mitglied einer Gruppe, die eine hundert-Millionen-Dollar-Abteilung leitete.

Und wer bin ich jetzt? Als Amerikanerin, die in London lebt, kann ich ohne meine Arbeit nicht im Vereinten Königreich bleiben. Mit einem Mal fühlte ich mich sowohl von der Firma wie auch dem Land verlassen.

Ich blieb kurzerhand auf der Straße stehen, blinzelte in die helle Abendsonne. Wo ging ich hin? Menschen strömten um mich auf dem Bürgersteig herum, jeder mit einem Ziel. Es war 2 Uhr 23 an einem Montag Nachmittag und ich hatte keine Ahnung wohin ich gehen oder was ich als nächstes tun sollte. Ich war seit ich sechzehn war nicht einen einzigen Tag arbeitslos gewesen.

Seitdem hatte ich getan, was viele von uns denken sie müssten es tun: hart arbeiten und erfolgreich sein. Ich ging zur Hochschule und dann arbeitete ich zunächst als Zeitungsjournalistin und versuchte mich mit jeder Geschichte zu beweisen, manchmal zwei oder drei am Tag. Nahezu per Zufall blieb ich fast acht Jahre auf der Karriereleiter hängen. Ich kämpfte hartnäckig um jede Sprosse, mit sechzig bis siebzig Stunden, durchgearbeiteten Wochenenden, Beziehungen die als Trümmerhaufen endeten. Immer wieder war ich belohnt worden, à la Pawlow, mit zunehmenden Belohnungen einer Lohnerhöhung hier, eine Beförderung dort. Das war genug, bis ich vor einem Jahr in eine ausgewachsenen Mittelklasse-Leitungsfunktion befördert worden.

Es gibt in dieser Firma keinen Karriereweg für Schreiber.“ verriet mir eine Personalfrau mit ausgefransten Augenbrauen. „Natürlich wollen Sie diese Beförderung, oder?“

Ich bin eine Frau; ich bin so mannigfaltig programmiert zu gefallen. Ich nahm die Arbeit an und verbrachte Zeit indem ich vor Zahlen hockte, Etats, Grafiken, und Projektionen von Haushaltsjahren. Ich versuchte es, aber ich hasste es.

Eine Arbeit zu machen, die du nicht leiden kannst, ist wie wenn du jeden Tag in den Knast gehst.“ pflegte mein Vater zu sagen. Damit lag er richtig. Ich fühlte mich von einem eindrucksvollen Titel, Reisen, Vergünstigungen und einem guten Gehalt eingesperrt. Nach innen ging es mir schlecht und ich war einsam, und ich spürte, das ich mich verrannte. Ich verbrachte Wochenenden mit der Arbeit an Berichten, die keiner las, und ich machte Präsentationen, die niemanden interessierten. Ich fühlte mich wie ein Verräter, und schlimmer noch, wie ein Betrüger.

Jetzt freigelassen, musste ich wie jeder Insasse herausfinden, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen sollte. Ich bog in eine Seitenstraße ab um nicht hinter meinem Bürogebäude herlaufen zu müssen und nahm einen langen Weg nach Hause zu meiner Wohnung am Covent Garden. Wie in jedem traumatischen Moment, rief ich meine Mutter an. Eine ehemalige Personalmanagerin, die auf die Nachricht mit reiner Panik reagierte. „Du musst dir sofort eine neue Arbeit suchen.“ drängte sie am Telefon. Oder du wirst nie wieder irgendwo angestellt.“

Verunsichert lief ich die Treppe hinauf um eine weitere Meinung einzuholen―nicht bei Gott, sondern von meinem Nachbarn Jeff. “Ach, leb einfach eine Weile von deiner Abfindung.” schlug er vor. Er selbst war arbeitslos und daher imstande, mir um drei Uhr nachmittags ein Glas Pinot Grigio einzuschenken, als ich in der Küche saß und ihm zuschaute, wie eine Moosbeer-Torte zubereitete.

Ich trank meinen Wein leer und ging in meine Wohnung um meine beste Freundin anzurufen, Laura, die hin und her wechselte zwischen der Verteilung praktischer Ratschläge und dem im Zaum halten ihrer zwei Kinder. „Du solltest versuchen wieder eine Arbeit im Hauptbüro in Seattle zu bekommen. NATALIE! LEG DAS HIN. Ich meine es ernst! … Sie bezahlen es dir, dass du dein Zeug wieder in die Staaten bringst, und nebenbei―NATALIE! Gib deinem Bruder den G.I. Joe zurück. Es ist mir egal, dass du ihm was anziehst! … Du wirst in Seattle bei Mike sein. Ist das nicht das, was du willst?”

Wie ich gerade im Urlaub feststellen musste, war Mike das was ich wollte.

Mike und ich waren drei Jahre zuvor Freunde geworden, als ich Seattle verließ nachdem er mir geholfen hatte, eine Arbeit in meinem Büro in London zu bekommen, wo er als zu der Zeit als höherer Manager arbeitete. Uns verband von Anfang an eine starke Chemie. Wir flirteten, wir tanzten, einmal knutschten wir doch widerstrebten mehr, weil wir befürchteten es könne unserer Freundschaft schaden. Also, bis vor drei Wochen, als wir alleine auf einem Wochenendausflug in Mailand waren. Unsere kurze Romanze verlief so gut, dass ich ihn nach Hause einlud um meine Familie in Florida kennenzulernen―was ich seit der Zeit am College mit keinem Freund getan hatte.

Ich mietete ein romantisches altes Ziegelhaus in der Nähe zum Strand, das besonders war durch einen runden Turm, der an ein kleines Schloss in der Normandie erinnerte. Ich holte Mike vom Flughafen in Tampa ab, schwummrig vor Nervosität als ich ihn am Tor begrüßte. Wir fuhren zu dem Bungalow und hatten vor uns zum Abendessen umzuziehen, aber ins Restaurant schafften wir es nicht mehr.

Stattdessen zertrümmerten wir das Bett im großen Schlafzimmer an drei Stellen.

Am nächsten Morgen stand Mike früh auf um den geborstenen Bettrahmen auszubessern bevor meine Familie ankam. Aber, da sie ihn unbedingt kennenlernen wollten, tauchten sie früh auf―zwei Stunden zu früh, gerade als Mike anfing die wichtigsten Teile zu zusammen zu klammern und zu leimen. Die Teile lagen verstreut auf dem Schlafzimmerboden herum, und die sieben Angehörigen meiner Familie boten an zu helfen, was alles noch schlimmer machte.

Mein Stiefvater Eddie ist ein altmodischer Typ, der von Anfang an dagegen war, dass ich und Mike unterkamen. Ein paar Tage zuvor hatte er mich darüber aufgeklärt, warum ich immer noch nicht verheiratet war. „Warum sollte ein Mann eine Kuh kaufen, wenn er die Eier umsonst bekommt?“ Er betrachtet die ganze Sache argwöhnisch, während er einen Zahnstocher ordentlich durchkaute.

Er unterbrach das Gespräch mit einem lauten Husten.

Das Bett ist doch aus stabilem Mahagoni gebaut, oder? Wie konnte es an den Stellen überhaupt durchbrechen, Mike?“ Er rollte den Zahnstocher herum und schaute Mike streng an, während er auf die Antwort wartete.

He, ich habe ganz vergessen, dass ich Bagel mitgebracht habe.“ sagte meine Mutter lachend, während sie sich bemühte das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

Eddie hob ein Stück Holz auf. „Ist es hier auch gebrochen?“

Meine Mutter griff sich ihn. „Schatz, du brauchst auch einen Bagel.“ und schob ihn in die kleine Küche. Mein Stiefbruder half Mike die Teile raus zu räumen. Am nächsten Tag zog mich meine Mutter zur Seite. „Das Bett zerbrochen? Ich bin beeindruckt.“ sagte sie zwinkernd. „Wenn das so passiert ist wie ich es mir vorstelle, dann ist er ein maßiger Fisch.“

Der Rest der Woche war wonnig. Niemand erwähnte mehr das Bett. Wir aßen Burger an einer tollen Strandbude, bauten Sandschlösser mit meiner Nichte und liefen beim Sonnenuntergang am Strand lang, Hand in Hand, fast jeden Abend. Ich kochte Abendessen, das ich bei Kerzenlicht servierte im entfernt gotischen Esszimmer des „Schlosses“.

Am letzten Morgen unseres Ausflugs, warm zusammengewickelt im sonnenerfüllten Zimmer im jetzt reparierten Bett, schaute ich ihn an als er schlief. Eine bestürzende Erkenntnis befiel mich: Ich könnte für den Rest meines Lebens neben diesem Mann aufwachen.

Am Abend waren wir mal wieder getrennt. Er nahm ein Flugzeug nach Seattle und ich nahm den Nachtflug zurück nach London, nur um zwei Stunden nachdem mein Flugzeug den Boden berührte war gefeuert zu werden.

Also, was meinst du?“ fragte ich Mike, als ich endlich entschieden hatte, dass es an der Zeit war ihn anzurufen. Die acht Stunden Unterschied waren zum Nachteil unserer blühenden Romanze gewesen. Ich plädierte dafür, mich zu ihm nach Seattle zu gesellen. Ich konnte nur hoffen, dass er so sehr mit mir zusammen sein wollte wie ich mit ihm. „Ich muss Höllenqualen ausstehen um eine Erbarbeitserlaubnis zu bekommen, damit ich im UK eine andere Arbeit bekomme. Vielleicht könnte ich eine Arbeit in Seattle aufnehmen, und wir wären zumindest in der gleichen Stadt. Ich meine, wenn du mit mir in der gleichen Stadt sein willst.“

Er dachte einen langen Augenblick lang nach. „Nein, du solltest nicht nach Seattle kommen.“

Mein Herz versank.

Weil ich glaube wirklich,“ sagte er bedächtig, „dass du dein Zeug einlagern solltest, nach Paris gehen, und am Le Cordon Bleu studieren.“

Was? Wieso das denn?“

Er erinnerte mich an einen Abend, den ich fast vergessen hatte. Es war eine frische Vollmondnacht im Oktober 1999. Ich war wegen des letzten Vorstellungsgesprächs nach London geflogen und danach hatte mich Mike zu einem Abendessen im Haus einer Bekannten eingeladen. Wir kamen vor den anderen Gästen an und seine nervöser Bekannte gab uns eine Liste und schickte uns gleich wieder raus in einen Laden in der Nachbarschaft. „Geht durch den Park, das geht schneller.“ sagte sie und drehte sich mit fliegender Schürze um. Wir unterhielten uns auf dem Weg, das Nachtlicht war durch den strahlenden Mond fast taghell. Er stocherte und stellte die Art Fragen, um jemanden wirklich kennenzulernen.

Wenn du alles machen könntest, was du in deinem Leben willst, was würdest du tun?“ fragte er. Ich hatte bereits eine Antwort, aber ich diskutierte statt es ihm zu sagen. Wir kannten einander kaum; dies war das erste Mal, das wir zusammen allein waren. Aber etwas an ihm war beruhigend. Mein geheimer Traum, verriet ich ihm, war es ein paar Jahre in London zu arbeiten und es dann zu verlassen um in Paris zu leben und französische Küche am Le Cordon Bleu zu studieren. Er dachte darüber nach.

Finde ich gut.“ sagte er. „Wie wäre es, wenn ich meine Arbeit dann aufgebe und mit dir gehe? Abgemacht?“ Wir gaben uns die Hand darauf und gingen dann händehaltend zurück durch den Park zur Wohnung seiner Bekannten.

Zurück am Telefon sagte ich ihm, dass sei nur ein Traum gewesen. Dies war die Realität. „Meine Mutter sagt, ich bekomme nie mehr Arbeit, wenn ich mir nicht direkt eine Suche.“

Klar, mach das halt zuerst. Warum nicht? Du bist nicht verheiratet, du hast keine Kinder, und jetzt hast du nicht mal Arbeit.“ Er wusste, wie es mir nahebringt. „Willst du auf deinem Sterbebett liegen und dich fragen, warum du es nicht gemacht hast?“

Ich kann es mir nicht leisten, argumentierte ich.

Sie geben dir eine Abfindung. Du hast ein paar Ersparnisse.“ gab er zurück. „Und wenn du musst, kannst du deine 401 Riesen flüssig machen.“

Ich spreche nicht gut genug Französisch, sagte ich.

Du kannst genug um anzufangen, und nebenbei gibt es keinen besseren Ort zu lernen.“

Ich kenne niemanden in Paris.

Er stockte.

Du kennst mich.“ sagte er sanft. „Wenn du willst, komme ich mit dir mit.“

Es stellt sich heraus, dass man sich am Le Cordon Bleu online bewerben kann, ein Vorgang der scheinbar sehr einfach ist. Mit wenig Voraussetzungen. Als ich das Gespräch mit Mike beendet habe, gehe ich online und werfe einen Blick darauf. „Je regarde, tout simplement.“ denke ich. Ich schaue es mir nur an.

Um ein Diplom vom Le Cordon Bleu zu bekommen muss ein Student drei Teile eines „Klassischen Ablaufs“ erfolgreich bestehen: Grundlegende, Fortgeschrittene, und Professionelle Cuisine. Eine Auszubildende kann Cuisine, Pâtisserie oder beides gleichzeitig lernen. Die Kosten für Küchengrundlagen lagen bei 6 750,-€ oder 8 842,-$, bei einem ungünstigen Tauschkurs. Für das komplette Küchendiplom lag die Studiengebühr bei mehr als 26 500,-$.

Ich stand auf und lief in meiner Wohnung herum, mit zitternden Händen, die ich habe, wenn ich eine Zigarette brauche, auch wenn ich nie geraucht habe. Ich schaute aus dem Fenster auf die belebte Londoner Straße unten, wo Menschen―angestellte Menschen―von der Arbeit nach Hause huschten. Wie teuer wäre es in Paris zu leben? Was wenn es mit Mike nicht klappen würde? Was wenn ich keine andere Arbeit fände? Ich war noch nie arbeitslos. Was wenn …

Es wird mir nicht schaden einfach mal die Bewerbungsunterlagen durchzulesen, dachte ich.

Hatte ich einen Schulabschluss? Ja. Hatte ich einen Hochschulabschluss? Ja. Könnte ich ihnen von meiner Berufserfahrung berichten und einen Lebenslauf anhängen? Kein Problem.

Dann stieß ich auf die fünfhundert-Worte „Beweggründe“, dem Schlüsselteil der Bewerbung. Warum wollte ich am Le Cordon Bleu studieren? Würg. Ich wusste nicht was ich antworten sollte. Ich lehnte mich zurück und schaute aus dem Fenster.

Es begann mit meiner Schwester, aber ein Begräbnis nagelte es fest.

Meine acht Jahre ältere Schwester, Sandy, hatte ihre frankophile Neigung von keine Ahnung wo, denn wir lebten auf einen zehn Morgen großen Hof im eher ländlichen Michigan. Als ich vier Jahre alt war, hingen die rosafarbigen Wände unseres gemeinsamen Schlafzimmers voll mit Postern und Bildern von Paris. Ich träumte wortwörtlich davon―ein Blick auf den Eiffelturm war häufig das letzte was ich sah bevor ich einschlief. Nachdem sie zwei Jahr lang als Präsidentin ihres französischen Hochschulvereins regiert hatte, sandte sie eine Bewerbung an die Sorbonne nach Paris. Schwer bepackt landete sie par avion an dem Tag, nach dem bei unserem Vater Krebs im Endstadium festgestellt wurde.

Das war fünfundzwanzig Jahre bevor meine Schwester sich durchringen konnte, das erste Mal Paris zu besuchen.

Als ich dreizehn Jahre alt war, starb mein Vater. Ich stand plötzlich allein mit meiner Mutter da und es war schwer. Ich war an einer neuen Schule in einem neuen Bundesstaat, ohne Freunde. Wir waren kürzlich den Wintern in Michigan entflohen, in der Hoffnung das mildere Klima in Florida würde der zerbrechlichen Gesundheit meines Vaters gut tun. Meine Mutter war völlig am Boden zerstört. Meine Eltern waren länger als zwanzig Jahre verheiratet und immer verliebt, die Sorte Paar, die sich zu Verabredungen am Samstag Abend immer noch rausputzte und ausging, selbst nachdem sie fünf Kinder hatten. Ich war die Jüngste, Papas Mädchen. Und ich vergötterte ihn. Für uns beide war Kummer ermüdend. Meine Mutter lag eine oder zwei Stunden im Bett als sie von der Arbeit nach Hause kam, nur um die Energie zu laden uns Abendessen zu machen.

An Tagen an denen ich keine Ballettstunden hatte kam ich drei Stunden eher als Mami nach Hause. Darum machte ich mich eines Nachmittags daran Boeuf Bourguignonne zum Abendessen zuzubereiten. Ich hatte es ein Jahr zuvor für eine Medaille der Mädchenpfadfinder gemacht, nach Julia Childs Rezept. Mami war begeistert. Am nächsten Abend probierte ich Forelle mit Mandeln und dann Lauch und Kartoffelsuppe.

Meine trauernde Mutter zu ernähren bescherte mir ein Ziel, und das beförderte mich selbst aus der Depression. Kein Möchtegern-Essen sondern echtes Essen wurde geschmort, abgeschmeckt und gebrutzelt und jemand bestimmt, es zu essen, dessen Anerkennung wiederum mich speiste.

Bald darauf ging Mami wieder an die Hochschule. Sie erklärte sich einverstanden die Kontrolle über das magere Essensbudget auszuhändigen; ohne Vati waren wir auf ihre 5,50$ in der Stunde angewiesen. Ich sammelte Coupons und dachte über die wöchentlichen Essensaufteilung nach, das Spaß am Kochen von meiner Mutter, und die Durchschrift von Beherrschung der Kunst des Französischen Kochens. Gelegentlich nahm mich meine Mutter mit zum Lebensmittelladen, manchmal nahm ich den Bus.

Das machte mich anders als andere Kinder. Die meisten Jugendlichen wünschen sich zu Weihnachten keine Sauteuse. Während andere Oberschüler Bierparties schmissen, organisierte ich feierliche Abendessen für meine Freunde. An meinem sechzehnten Geburtstag bekam ich sowohl den Führerschein sowie eine Anstellung im Restaurant eines Jachtclubs. Es war kaum ein Jachtclub, er hatte Ankerplätze für nur vier kleine Boote. Aber es wat ein recht gutes Restaurant, obwohl die Küche von dem schrecklichen Chef Randy geleitet wurde. Nachdem ich am Speisetisch angefangen hatte, wurde ich zu Salaten und schleichend zum Verzieren der Desserts befördert. Ich kündigte, nachdem Chef Randy seine falschen Zähne in die Warmhaltepfanne mit Brotpudding fallen ließ, sie herausfischte, und darauf bestand, dass ich sie trotzdem ins Buffet stellte.

Trotzdem kam ich zu einem wichtigen Beschluss. Ich wollte Chef werden.

Oder eine Ballerina, ich konnte mich nicht entscheiden.

Meine Mutter, die inzwischen selbst Hochschulabsolventin war, kombinierte die Ideen. Sie bestand darauf, dass ich einen „echten Abschluss“ machte. Ich wusste auch nicht wo. Ich warf einen Dartpfeil auf eine Karte und er landete in Gary, Indiana. Da niemand absichtlich nach Indiana ziehen würde, packte ich mein Auto voll und fuhr nach Chicago, mit unbestimmten Plänen an der Juristischen Fakultät.

Fünf Jahre später kehrte ich nach Florida zurück mit einem Abschluss in Journalismus. Die Zeiten waren hart in der Druckwelt, darum schrieb ich trotz Praktika beim Playboy und Adweek-Magazin Sterbeanzeigen unter einem diktatorischen Herausgeber bei der Zeitung meiner Heimatstadt. In einer Pause vom Tod blätterte ich durch ein Gourmet Magazin. Eine Anzeige fiel mir auf: „Studieren Sie Französische Küche in Paris.“ stand in der Überschrift. Die Wände meiner Kindheit blitzten mir durch den Kopf. In einer Anzeige lächelte eine stolze Studentin in ihrer weßen Chefjacke. Ich schnitt die Anzeige aus und klebte sie an die Wand an meinem Arbeitsplatz. Wenn mein Herausgeber hetzte oder die Arbeit schmerzlich stumpf war, schaute ich auf die Anzeige und träumte wie ich selbst einen Auflauf in der Schulküche herstellte. Es wäre sicherlich glanzvoller als der Nekro-Tisch in Sarasota.

Dann, eines Tages, tippte ich den kürzesten Nachruf, den ich je gesehen habe.

Da stand einfach: „Gladys Smith, 82, starb am Samstag daheim. Sie war die Ehefrau des alten Harold Smith. Sie hinterließ niemanden.“*

Keine Anweisungen. Keine Blumengrüße oder Hinterlassenschaften die ein Schlüssel für irgendwelche Interessen oder Hobbys gewesen wären. Offenbar keine Hochschulausbildung, kein Beruf, keine persönlichen Errungenschaften. Was hatte diese Frau mit ihrem Leben angefangen? fragte ich mich. Hatte sie sich das je gefragt? Ich schnitt es aus und hängte es auch auf, als Erinnerung an die permanente Phrase von Eltern: „Das Leben ist kein Ponyhof.“ Genau dann beschloss ich, dass in meinem eigenen Nachruf stehen sollte: „Ebenso machte sie einen Abschluss am Le Cordon Bleu in Paris.“ Die Anzeige und der Nachruf begleiteten mich an weitere Schreibtische, die ich während meiner Laufbahn besetzte, als ich von der Nachrichtenreporterin zur Magazinherausgeberin zur Restaurantkritikerin zur Firmenführungskraft wechselte, die mich gerade entlassen hatte.

Aber wie fasst man das alles in fünfhundert Worten oder weniger zusammen?

Ich schrieb

Ich will seit 10 Jahren an das Le Cordon Bleu gehen. Nein, das stimmt nicht. Ich denke, ich wollte schon immer an das Le Cordon Bleu gehen, selbst bevor ich wusste, dass ich es wollte. Ich habe eine Leidenschaft für das Essen seit ich ein kleines Mädchen war. Beruflich habe ich länger als zehn Jahre als Journalistin gearbeitet. Ich habe einmal nachgerechnet, dass ich mit 3o Jahren mehr als Tausend Geschichten geschrieben hatte. Ich arbeitete als Restaurantkritikerin und als Nahrungsschriftstellerin (oder wie würden Sie food author übersetzen? Anm. d.Ü.), und ich glaub e, dass diese Übung mir ein größeres Verständnis und Überblick auf diesen Teil meiner Laufbahn vermitteln wird. Es ist mein Traum Bücher über Nahrung zu schreiben, über das Kochen, über Ernährung von Menschen, Seele, Bauch … Ich weiß nicht ob ich Chef sein will … Ich weiß nur, dass ich an das Le Cordon Bleu gehen muss.

Ich lehnte mich zurück und schaute auf die helle Scheibe. Im Zimmer war es dunkel geworden. Das ist verrückt, Ich kann das nicht tun, dachte ich und lehnte mich vor um auf DELETE zu drücken. Aber etwas hielt mich ab. Meine Hand schwebte über der Tastatur, ich dachte an meine Schwester, die nie an der Sorbonne studiert hatte. Ich dachte an meinen Vater, der im Alter von Fünfzig gestorben war. Meine Erinnerung eilte zurück zu der kurzen Todesanzeige. Mike hatte recht. Ich konnte jetzt loslegen oder mein Leben damit verbringen mich zu fragen, warum ich es nicht getan hatte.

Das Leben ist kein Ponyhof.“ flüsterte ich mir selbst zu.

Statt auf DELETE drückte ich auf ENTER.

Drei Tage später bekam ich eine Antwort per Email. Ich war auf einen der letzten Plätze in Küchengrundlagen für den Januar 2004 eingetragen worden. Der Unterricht begann in nur vierundzwanzig Tagen.

*Nicht ihr echter Name