James Bond ist zurück, aber taugt er überhaupt etwas ohne Fleming?

Dem umjubelten britischen Romanautoren William Boyd fällt die unmögliche Aufgabe zu, mit Solo einen neuen Bond-Roman herbeizuzaubern, aber kann sich seine Leistung an Ian Flemings Werk messen?Fragt sich Robert McCrum.

von Robert McCrum

The Daily Beast 5. Oktober 2013

Zwei englische Außenseiter fanden im Zweiten Weltkrieg den Auslöser für ihre Werke. Für Winston Churchill, den geborenen Autoren, ergab die Nazi-Bedrohung das Rohmaterial seines Lebens. Geschichte, Reden, Memoiren, Essays, den Nobelpreis … in Churchills Biographie ist der Krieg die Gabe, die weiteres ergab.

Für Ian Fleming, der nur ein paar hundert Meter vom Premierminister entfernt arbeitete, in Zimmer 39 der Admiralität, war der Kampf gegen die Nazis ein Geschenk des Himmels. Dieser unruhige Eigenbrödler hatte sich bald nach dem Fall Frankreichs beim Geheimdienst der Marine eingeschrieben. Geheime Operationen und verdeckte Kriegslisten sorgten bei dem einzelgängerischen, alten Eton-Absolventen, mit einem Hang zu sado-masochistischen Sex-Praktiken, für ein Seinsmotiv und anschließend für seine Inspiration.

Vor 1940 war Fleming ein gescheiterter Armee-Offizier, ein Möchtegern-Journalist und „der schlechteste Börsenmakler der Welt.“ Zu der Zeit als der Krieg vorüber war, brütete er die literarische Fiktion aus – James Bond – die ihm bis zu seinem frühen Tod 1964 Kraft geben sollte, zufällig das selbe Jahr wie Churchill.

Heute, sechzig Jahre nach der Veröffentlichung von Casino Royale, ist Fleming kaum weniger legendär als Churchill, während sein Held gleichzeitig eine Ikone des Britisch-Seins ist. Als ihre Majestät Elisabeth II unter dem Himmel Londons bei der Olympiade in James Bond schlüpfte1, erreichten Realität und Fiktion die Art erfüllten imaginären Cocktail, der Fleming ohne Frage vorschwebte. Andrew Lycetts tolle Biographie (zuerst veröffentlicht im UK 1995, und jetzt bei St. Martin’s Press, New York wiederaufgelegt) beschreibt wie der vierzigjährige Ian Fleming, der spät zum Schreiben kam und mit seinem Bruder Peter im Wettstreit lag, jeden Einzelheit der Publikation kontrollierte und sogar mögliche Titelbilder vorschlug.

Vielleicht würde es sich auszahlen. Zur Zeit seines Todes hatte Fleming eine seltene Höhe in der englischen Literatur erreicht. Er war reich, berühmt und anerkannt. Im Jahr vor seiner tödlichen Herzattacke verdiente Fleming mehr als 100.000 £ (mehrerer Millionen zu heutigen Kursen), mit fast 40 Millionen Bond-Büchern im Druck, in vielen Ausgaben, war er der Liebling der Londoner Presseliteratur und ebenso des britischen Lesepublikums geworden.

Seit Conan Doyle hatte kein populärer Autor so den Nerve getroffen. Fleming selbst schrieb, dass „das Ziel meiner Bücher irgendwo zwischen dem Solarplexus und dem Oberschenkel. 007 war zu einem Klassiker der Nachkriegsliteratur geworden, mit einem festen Platz im englischen Kanon. Als Fleming starb, wurde diese bemerkenswerte Leistung bestätigt, und sogar verstärkt, durch die Filmreihe, mit Sean Connery—Liebesgrüße aus Moskau, Goldfinger, Feuerball usw.—die seitdem zum internationalen ´Klischee geworden sind. Jemand hat tatsächlich berechnet, dass etwa die Hälfte der Weltbevölkerung einen James Bond-Film gesehen hat.

Die Flemingerben haben das Maximum aus den Verwertungsrechten herausgequetscht, möglicherweise inspiriert durch die Eingeschränktheit von Flemings Werk. Bei seinem Tod hinterließ er gerade mal dreizehn Bondtitel, von Casino Royale bis Der Mann mit dem goldenen Colt. Jegliche seriöse zukünftige Einkünfte lägen in der Ausbeutung weiterer Abenteuer von 007. Die ersten Aufträge für falsche Fleminge gingen an Autoren wie Kingsley Amis (der als „Robert Markham“ schrieb) und John Gardner. Jetzt ist einer der angesehendsten britischen Autoren mit einem weiteren Bond-Reißer aufgetaucht, mit dem Titel Solo.

Fleming nachzufolgen ist schwer. Die ersten Bond-Romane, vor allem Casino Royale, sind wunderbar lesbare Abenteuergeschichten in der Tradition von John Buchan und Dornford Yates, mit schönen russischen Spionen, und einigen unvergesslichen Szenen von Glücksspiel und Folter. Von dem Moment an in dem 007 sagt: „Mein Name ist Bond. James Bond.“, wird der zugeknöpfte, lebensmüde und mörderisch hübsche Sonderbevollmächtigte mühelos wie die supercoolen Vorkriegshelden Richard Hannay und Bulldog Drummond.

Nicht verzagen, Boyd ist in Flemings literarische Biographie, um Solo zu schreiben. Sein Text genießt Flemings Liebe zum Prass, schwelgt in Bonds Leidenschaft für ein gutes Frühstück und versorgt den Agenten mit der Lizenz zum Töten mit einem berauschenden Menü von Champagner, Cocktails und Zechereien. Zur Unterhaltung—Boyd ist für temperamentvolles Lesen—steuert er seine eigene Variation von 007s (gerührt, nicht geschüttelt) Martini bei. Er hat die Sache auch auf Heimatboden angesiedelt, und clever der erste Teil von Solo in einer Welt, die er gut kennt, platziert. Die erfundene westafrikanische Republik Zanzarim ist ein perfekter Schauplatz für die Eingangsszene der Handlung.

Recherche kann den angeblichen Fleming dennoch nur bisher bringen. Sorgfältiges Lesen von Lycetts Biographie legt nahe, dass Flemings Leben und Werk unnachahmlich verflochten sind. Die besten Bond-Romane aus den 50-ern (Liebesgrüße aus Moskau sticht hervor) sind ein befremdender Abgesang auf eine dem Untergang geweihte Welt imperialer Größe und, gleichzeitig, ein Spiegel der Eitelkeit des sexuell verwirrten Lebens ihres Autoren.

Flemings Beziehung zu seiner Kunst ist doppelbödig, Lycett betont die Hingabe des „Scheißkerls“ an seine Fiktion. Aber Fleming selbst scherzte auch, dass er Casino Royal anfing, um sich von der bevorstehenden Heirat mit Anne Rothermere abzulenken. Verrührt mit seinem vorehelichen Cocktail der Abenteuer von 007, den pikanten Zutaten von Spionage, Weltpolitik und Sadomasochismus erreichen eine seltene Sorte literarischer erwachsener Realitätsflucht.

Boyd versteht das, und ist nicht zu hochnäsig (ein Problem einiger seiner Vorgänger auf dem Chefsessel) der Versuchung des billigen Nervenkitzels zu widerstehen. Solo misslingt es tatsächlich nie den Leser auf dem Stuhl rutschen zu lassen (es handelt sich zweifelsfrei um ein Jungenbuch) in einer Verstrickung, die vor allem das Spiel von zwei Teilen ist. Zunächst akzeptiert Bond, aus Loyalität zu M und Miss Moneypenny, seine Mission im vom Krieg erschütterten westafrikanischen Staat Zanzarim, und seine Aufgabe dem Kriegsherrn, Bigadegeneral Solomon „der Skorpion“ Adeka gegenüberzutreten. Dem folgt er mit vielen knappen Situationen und jeder Menge Sex, bis die to lle Blessing Ogilvy-Grant (nicht ihr wirklicher Name) ihn aus kurzer Distanz mit einer automatischen Pistole durchlöchert, und 007 „in der wachsenden Lache seines eigenen Blutes“ zurücklässt.

Das sollte das Ende sein. Tatsächlich flickt Boyd Bond zusammen, in einem genialen Moment des Zweifels, und schickt ihn, jetzt rasend vor Wut und Rache, zum Einsatz nach Amerika, auf der Spur des schurkischen Jakobus Breed. Nebenbei haben einige von Flemings Komparsen, auffallend der CIA-Mann Felix Leiter, einige gut umgesetzte Kurzauftritte. Dieser zweite Teil beschäftigt allenthalben mit Bond, der ein „Solo“ hinlegt. Was folgt ist erste Klasse Action-Erzählung. In kaum 100 Seiten entwickelt Boyd die Handlung, eliminiert den Schurken, beleuchtet das Rätsel, und schickt Bond zurück nach Hause in die Arme einer weiteren Frau, Bryce, im Westen Londons. Unvermeidlich endet 007 alleine, bevor er—eine schöne, abschließende Anekdote—im Schatten eines Sonntagmorgens verschwindet.

Einige englische Leser sehen in Fleming einen der größten Nachkriegsliteraten. Wieder einmal—ein in weiteres Hindernis für Herrn Boyd—stolpert der Leser über den autobiographischen Faden, der mit Flemings protziger Prosa verwoben ist. Bei näherem Blick—hier ist Lycett unersetzlich—ist 007 ein kranker Vogel, der viele seiner Qualitäten der Fantasie seines Autors verdankt. Eine einsame Katze, trauert er „keine Bekanntschaften“ zu haben, nur ein paar geschätzte männliche Freunde, und eine Schar bewundernder, aber unzuverlässiger Frauen. Wie bei Graham Green, Flemings nahestehendem Zeitgenossen, ist Langeweile eine Sünde, Gefahr die Parole. Das Gesicht, das er der Welt zeigt, ist „ironisch, brutal und kalt,“ wenn Bond auch tief im Inneren, wie viele ehemalige Schuljungen an öffentlichen Schulen, ein Peter Pan mit zutiefst romantischen Vorstellungen ist.

2013, selbst unter der Federführung von William Boyd, ist Bond schwer zu lieben. Er lebt für eine Welt des Snobismus und der Gewalt, die schnell, glamourös und teuer ist, aus Hochtouren oder unheimlich, haarsträubend und niederträchtig. Der Archetyp des bösen Bond lässt alle Weltklasse-Schurken blass aussehen. Dr. No – der ideale Nachfahre von Fu Manchu—ist der Inbegriff des Bösen. Goldfinger ist einfach der reichste und schlechteste Mensch in England. Blofeld wird beschrieben als „der größte Gauner der Welt.“ In Solo serviert Boyd bestimmt sein Rendezvous mit Solomon „dem Skorpion“ Adeka, muss aber einen genialen Erzähltrick hervorziehen, um den Leser des Einundzwanzigsten Jahrhunderts zufriedenzustellen. Wir wollen eine kompliziertere Hintergrundgeschichte für Flemings Monster.

Boyd hat auch mit einigen anderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das Universum der Grausamkeit und Qual, das Bonds manichäischen Gegnern innewohnt, wurde durch eine pseudo-imperialistische Karte geformt, die nun verschwunden ist. Goldfinger und andere sind auf Englands grünem und liebenswürdigem Land nicht zu finden, aber in den korrupten und diesigen Außenposten im Ausland, der Ort, der wie wir wissen von Ausländern bewohnt wird. Hier verbinden sich Flemings Rassismus und Fremdenfeindlichkeit mit seinem angeborenen Sinn für imperiale Ansprüche. Als Mitglieder einer Oberklasse, deren Zeit abgelaufen ist, sind Ausländer für Fleming (und Bond) Opfer von Argwohn und Verachtung. Deutsche, Schwarze, Juden, Russen, Japaner und (am gruseligsten von allen) Koreaner: Keinem kann man vertrauen; alle reden lustig; und einer nach dem anderen wird durch patriotischen britischen Stahl besiegt.

Bonds Britisch-Sein ist das von Fleming—stoisch, rechtslastig und mühelos frauenfeindlich—und Boyd ist zu modern, ein zu menschlicher Autor um in diesem Wettkampf zu bestehen. Aber er ist ein brillanter Erzähler und die verwobenen Erzählstränge und Überraschungen von Solo sind Flemings eigenen narrativen Tricks oft überlegen. Am Ende, jedoch, wenn Bond „solo“ ist, werden der Autor und sein Held eins. Boyds brutale Eliminierung der atemberaubenden afrikanischen Liebesgeschichte, Blessing, beweist die ganze eisige Kaltblütigkeit seines Meisters. Arbeit getan.

Quelle: http://www.thedailybeast.com/articles/2013/10/05/james-bond-is-back-but-is-he-any-good-without-fleming.html

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

1James Bond and The Queen London 2012 unter:

http://www.youtube.com/watch?v=1AS-dCdYZbo

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