Ivan Ilyin, Putins Philosoph des russischen Faschismus

Timothy Snyder

 Dies ist eine erweiterte Ausgabe von Timothy Snyders Essay „Gott ist ein Russe“ in der Ausgabe vom 5. April 2018 in der New York Review of Books

 „Die Tatsache der Angelegenheit besteht  darin, dass Faschismus ein erlösender Ausbruch patriotischer Willkür ist.“

—Ivan Ilyin, 1927

„Mein Gebet ist wie ein Schwert. Und jedes Schwert ist wie ein Gebet.“                                       —Ivan Ilyin, 1927

„Politik ist die Kunst des Erkennens und Ausschalten des Feindes.“

          —Ivan Ilyin, 1948

Der Russe schaute Satan ins Auge, setzte Gott auf das Sofa des Psychoanalytikers und verstand, dass seine Nation die Welt retten konnte. Ein geschundener Gott erzählte dem Russen eine Geschichte des Scheiterns. Am Anfang war das Wort, Reinheit und Perfektion, und die Welt war Gott. Aber dann machte Gott einen jugendlichen Fehler. Er schuf die Welt um sich selbst zu vervollkommnen, aber stattdessen besudelte er sich und versteckte sich aus Scham. Gottes, nicht Adams, war die Ur-Sünde, die Befreiung des Unvollkommenen. Sobald die Menschen auf der Welt waren, ahnten sie Zusammenhänge und erfuhren Gefühle, die nichts mit dem zu tun hatten, was Gott vorschwebte. Jeder einzelne Gedanke und jedes Gefühl vergrößerten Satans Einfluss auf die Welt.

Und so verstand der Russe, als Philosoph, Geschichte als Schmach. Nichts, das seit der Schöpfung erschaffen worden war, bedeutete etwas. Die Welt war ein bedeutungsloses Durcheinander. Je mehr Menschen versuchten, sie zu verstehen, desto sündhafter wurde sie. Die moderne Gesellschaft, mit ihrem Pluralismus und ihre Bürgerlichkeit, vertiefte die Makel der Welt und ließ Gott alleine sitzen. Gottes einzige Hoffnung war, dass ein rechtschaffenes Volk einem Oberhaupt in den politischen Extremismus folgen würde, und dadurch mit der Wiederherstellung der Welt anfangen, und dafür das Göttliche einlösen. Denn das vereinigende Prinzip der Welt war das einzig Gute im Universum, alle Mittel, die seine Rückkehr zustande bringen würden, wären heilig.

So stellte sich der russische Philosoph, sein Name war Ivan Ilyin, einen russischen christlichen Faschismus vor. Jahrgang 1883, schloss er eine Dissertation über Gottes weltliches Versagen kurz vor der Russischen Revolution von 1917 ab. Aus seinem Heimatland 1922 verbannt, von der Sowjetmacht, die er verachtete, nahm er sich der Sache Benito Mussolinis an und beendete 1925 eine Rechtfertigung für politische Gewalt. Im Deutschen und Schweizer Exil schrieb er in den 1920ern und 30ern für weissrussische Exilanten, die nach der Niederlage im Russischen Krieg geflohen waren, und in den 1940ern und 50ern für zukünftige Russen, die das Ende der sowjetischen Macht erleben würden.

Da er ein unermüdlicher Arbeiter war, produzierte Ilyin etwa zwanzig Bücher auf Russisch und weitere zwanzig auf Deutsch. Einige seiner Werke sind verschachtelt und vernünftig, und es ist einfach, Spannungen und Widersprüche zu entdecken. Eine Gedankenfolge, die sich durch die Jahrzehnte zieht, ist jedoch seine metaphysische und moralische Rechtfertigung für politischen Totalitarismus, die er in praktischen Skizzen für einen faschistischen Staat erfasste. Ein entscheidender Begriff war das „rechtliche“ oder „gesetzliche Gewissen“ (pravosoznanie). Denn für den jungen Ilyin, der vor der Revolution schrieb, war das Gesetz die Hoffnung, dass die Russen ein universelles Bewusstsein entwickeln würden um einen modernen Staat zu gründen. Für den gereiften, konterrevolutionären Ilyin gestattete es ein partikuläres Bewusstsein (Herz oder Seele oder Denken) die willkürlichen Ansprüche als Gesetz hinzunehmen. Obwohl er 1954 vergessen starb, kam Ilyins Werk nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991  wieder in Mode und leitet die Männer, die Russland regieren, heute an.

Die Russische Föderation des frühen Einundzwanzigsten Jahrhundert ist ein neues Land, gegründet 1991 aus dem Gebiet der Russischen Republik der Sowjetunion. Es ist kleiner als das alte Russische Reich, und die Zeit trennt es davon, durch sieben Jahrzehnte Sowjetgeschichte. Aber in einem wichtigen Punkt gleicht die Russische Föderation von heute dem Russischen Reich aus Ilyins Jugend: bisher hat die Autorität das Gesetz nicht zum Grundsatz des Parlamentes gemacht. Der Bogen in Ilyins Verständnis vom Gesetz, von hoffnungsvollem Universalismus bis zu willkürlichem Patriotismus, wurde in seinem Diskurs von russischen Politikern verfolgt, einschließlich Vladimir Putin. Weil Ilyin Wege fand, das Versagen des russischen Gesetzes als Russische Tugend darzustellen, benutzten russischen Kleptokraten seine Idee um wirtschaftliche Ungleichheit als nationale Unschuld abzubilden. In den letzten paar Jahren hat Vladimir Putin ebenso einige von Ilyins spezielleren Ideen über Geopolitik bei seinen Bemühungen benutzt, die Aufgabe der russischen Politik zu erklären, als Beschäftigung mit Reformen in der Heimat bis zur Tugendausfuhr ins Ausland. Indem er die internationale Politik in einem Gespräch zur „spirituellen Bedrohung“ macht, haben Ilyins Arbeiten die russischen Eliten dabei unterstützt, die Ukraine, Europa und die Vereinigten Staaten als Gefahren für Russland darzustellen.

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Ivan Ilyin war ein Philosoph, der russische Probleme mit deutschen Denkern begegnete. Das war typisch für die Zeit und den Ort. Er war ein Kind des Silberzeitalters, dem späten Reich der Romanovs. Sein Vater war ein russischer Edelmann, seine Mutter eine deutsche Protestantin, die zur Orthodoxie konvertiert war. Als Student in Moskau zwischen 1901 und 1906 war Ilyins wirkliches Thema Philosophie, was bedeutet das ethische Denken von Immanuel Kant (1724 — 1804). Für die Neu-Kantianer, die damals die Universitäten in ganz Europa und in Russland beherrschten, unterschieden sich Menschen vom Rest der Schöpfung durch die Fähigkeit zur Vernunft, die sinnvolle Auswahlen ermöglichte. Menschen konnten sich also freiwillig dem Gesetz unterwerfen, da sie seinen Geist verstehen und anerkennen konnten.

Das Gesetz war derzeit das große Objekt der Begierde bei russischen Intellektuellen. Russische Jurastudenten verstanden es, vielleicht eher als ihre europäischen Kollegen, als eine Quelle politischen Wandels. Das Gesetz erschien als das Gegengift für das alte russische Problem des proizvol, der willkürlichen Herrschaft durch autokratische Zaren. Selbst als zuversichtlicher junger Mann quälte sich Ilyin damit, im russischen Volk die Vernunftwesen Kants zu sehen. Er wartete gespannt auf den großen Aufstand, der die Ausbildung der russischen Massen beschleunigen würde. Als der russisch-japanische Krieg 1905 Bedingungen für eine Revolution schuf, verteidigte Ilyin das Recht zur freien Versammlung. Mit seiner Freundin, Natalia Vokach, übersetzte er ein deutsches anarchistisches Pamphlet ins Russische. Der Zar wurde 1906 gezwungen, eine neue Verfassung zuzulassen, die ein neues russisches Parlament schuf. Obwohl es gewählt wurde, um den Machterhalt der arrivierten Klassen des Reiches zu gewährleisten, hatte das Parlament die Autorität zur Gesetzgebung. Der Zar entließ das Parlament zweimal, und anschließend änderte er das Wahlsystem um sicher zu gehen, dass es eher konservativ war. Es war unmöglich, in der neuen Verfassung den Überbringer des Gesetzes nach Russland zu sehen.

Als angestellter Rechtsdozent an der Universität im Jahr 1909 veröffentlichte Ilyin einen wunderbaren Artikel in sowohl Russisch (1910) und Deutsch (1912) über die wesentliche Unterschiede zwischen Recht und Macht. Wie aber sollte man das Recht praktisch funktional und lebensecht machen? Kant schien eine Lücke zwischen dem Geist des Gesetzes und der realen Autokratie zu hinterlassen. G.F.W. Hegel (1770 — 1831) bot jedoch Hilfe, indem er anbot, dass diese und andere schwierigen Spannungen sich mit der Zeit auflösen würden. Als der hoffnungsfrohe Ilyin Hegel las, war Geschichte die zunehmende Durchdringung der Welt durch den Geist. Jedes Zeitalter übertraf das vorherige und erzeugte eine Krise, die das nächste verhieß. Die gemeinen Massen werden den aufgeklärten Freunden gleichen, Eiferer des täglichen Lebens werden sich der politischen Ordnung unterwerfen.

Der Philosoph, der diese Nachricht versteht, wird zum Sprachrohr des Geistes, eine immer verlockende Einsicht. Wie andere russische Intellektuelle und frühere Generationen, fühlte sich der junge Ilyin von Hegel angezogen, und 1912 gab er eine „Renaissance Hegels“ bekannt. Dennoch, gerade als die ungeheuer große russische Bauernschaft ihn zum nochmaligen Nachdenken über die Verbesserung der Vermittlung des Rechts an die russische Gesellschaft gebracht hatte, erregte seine Erfahrung mit städtischen Leben in ihm Zweifel, ob historischer Wandel nur eine Sache des Geistes sei. Er befand die Russen, selbst die seiner eigenen Klasse und Welt in Moskau, als abstoßend materiell. In Streitgesprächen über Philosophie und Politik in den 1910ern beschuldigte er seine Gegner der „sexuellen Perversion.“

1913 machte Ilyin sich Sorgen, dass Perversion ein nationales, russisches Syndrom sei und empfahl Sigmund Freud (1856 — 1939) als seinen Erretter. Nach Ilyins Lesart von Freud erwuchs die Zivilisation aus einem kollektiven Einverständnis, die elementaren Triebe zu unterdrücken. Das Individuum zahlte einen psychologischen Preis durch die Opferung seines Wesens an die Kultur. Nur durch lange Aufenthalte auf der Couch konnte der Psychoanalytiker unbewusste Erfahrung an die Oberfläche des Bewusstseins holen. Darum bot die Psychoanalyse ein ganz anderes Bild des Denkens als es die Hegelianische Philosophie tat, die Ilyin studierte. Selbst als Ilyin seine Dissertation über Hegel vorbereitete, unterbreitete er sich selbst als Pionier von Russlands nationaler Psychotherapie, und reiste im Mai 1914 mit Natalia nach Wien, für Sitzungen mit Freud. So befand sich Ilyin bei Ausbruch des I. Weltkriegs in Wien, der Hauptstadt der Habsburger Monarchie, nun ein Feind Russlands.

„Meine inneren Deutschen,“ schrieb Ilyin 1915 einem Freund, „machen mir mehr Ärger als die Deutschen da draußen,“ das Reich der Deutschen und der Habsburger, die Krieg gegen das Russische Reich führten. Der „innere Deutsche“, der Ilyin half die anderen zu erlernen, war der Philosoph Edmund Husserl, mit dem er in Göttingen im Jahr 1911 studiert hatte. Husserl (1859 — 1938), der Gründer der Denkschule, die als Phänomenologie bekannt ist, versuchte die Methode zu beschreiben, mit der sich der Philosoph die Welt denkt. Der Philosoph strebte danach, seine persönlichen und vorherige Annahmen zu vergessen, und versuchte ein Subjekt nach eigenen Bedingungen zu erfahren. Wie Ilyin es formulierte, der Philosoph muss das zu untersuchende Objekt mental besitzen (perezhit’) bis er offenkundige und umfassende Klarheit (ochevidnost) erlangt.

Husserls Methode wurde von Ilyin vereinfacht zu einem „philo-sophischen Akt“, wodurch der Philosoph das Universum und alles darin immer noch beschwichtigen kann — andere Philosophen, die Welt, Gott — indem er sein eigenen Ansichten dämpft. Wie ein orthodoxer Gläubiger eine Ikone betrachtet, glaubte Ilyin (im Gegensatz zu Husserl), dass er die metaphysische Realität hinter der physischen erblickte. Als er seine Dissertation über Hegel schrieb, spürte er das göttliche Thema in einem philosophischen Text, und erledigte es auf der Stelle. Hegel meinte Gott, wenn er Geist schrieb, folgerte Ilyin, und Hegel lag falsch damit, wenn er der Geschichte eine Bedeutung beimaß. Gott konnte sich in der Welt nicht verwirklichen, da Gottes Wesen unvereinbar anders war als das Wesen der Welt. Hegel konnte nicht nachweisen, dass jede Tatsache an ein Prinzip gebunden war, dass jeder Unglücksfall Teil eines Plans war, jede Einzelheit Teil eines Ganzen, usw. Gott hatte die Geschichte angestoßen und war dann für weiteren Einfluss gesperrt worden.

Ilyin war ein recht typischer russischer Intellektueller mit seiner raschen und begeisterten Annahme gegensätzlicher deutscher Ideen. In seiner Dissertation konnte er, dank seines sehr speziellen Verständnisses von Husserl, Ordnung in seine „inneren Deutschen“ bringen. Kant hatte das grundsätzliche Problem russischer Denker erschlossen: wie stellte man die Herrschaft des Gesetzes her? Hegel hatte scheinbar eine Lösung, ein Geist der durch die Geschichte fortschritt. Freud hatte Russlands Problem eher sexuell als spirituell neu formuliert. Husserl erlaubte es Ilyin, die Verantwortung für das politische Versagen und den sexuellen Frust auf Gott zu schieben. Philosophie bedeutete die Kontemplation, die Kontakt zu Gott ermöglichte und seine Heilung. Der Philosoph hatte die Kontrolle übernommen und überblickte alles: andere Philosophen, die Welt, Gott. Dennoch, selbst nachdem der Kontakt mit dem Göttlichen hergestellt war, setzte sich die Geschichte fort, „der Fluss der Geschehnisse“ floss weiterhin.

Zugegebenermaßen, selbst als Ilyin über Gott nachdachte, töteten und starben Männer zu Millionen auf den Schlachtfeldern in ganz Europa. Ilyin schrieb seine Dissertation, als das Russische Reich an der Ostfront des I Weltkriegs Boden machte und dann verlor. Im Februar 1917 wurde das zaristische Regime von einer neuen verfassungsmäßigen Ordnung abgelöst. Die neue Regierung schwankte, während sie den teuren Krieg fortsetzte. Im April schickte Deutschland Vladimir Lenin in einem versiegelten Zug nach Russland, und seine Bolschewiken führten eine zweite Revolution im November durch, versprachen Bauern Land und Frieden für alle. Ilyin versuchte derzeit den Ausschuss zu versammeln, um seine Dissertation zu  verteidigen. Bis er das 1918 tat, waren die  Bolschewiken an der Macht, ihre Rote Armee kämpfte im Bürgerkrieg, und die Tscheka verteidigte die Revolution durch Terror.

Der I. Weltkrieg bot Revolutionären die Gelegenheit, und so wurde der Weg für Gegenrevolutionäre ebenso aufgemacht. In ganz Europa betrachteten Männer aus dem äußerst rechten Spektrum die bolschewistische Revolution als eine gewisse Art von Gelegenheit; und das Drama der Revolution und Gegenrevolution wurde mit verschiedenen Ergebnissen in Deutschland, Ungarn und Italien aufgeführt. Nirgendwo war der Konflikt so lang, blutig und leidenschaftlich wie in des Ländern des ehemaligen Russischen Reichs, wo der Bürgerkrieg Jahre dauerte, Hungersnöte und Pogrome verursachte, und so viele Leben kostete wie der I. Weltkrieg an sich. Allgemein in Europa, aber besonders in Russland, machten der furchtbare Verlust von Leben, der scheinbar endlose Streit, und der Sturz des Reiches, gewisse Gedanken glaubwürdig, die sonst unbekannt geblieben wären oder anscheinend unwichtig. Ohne den Krieg wäre der Leninismus voraussichtlich eine Fußnote in der Geschichte des marxistischen Denkens geblieben; ohne Lenins Revolution hätte Ilyin keine rechten politischen Schlüsse aus seiner Dissertation gezogen.

Lenin and Ilyin kannten sich nicht, aber ihre Begegnung in Revolution und Gegenrevolution war trotzdem unheimlich. Lenins Patriotismus war „ilyisch“ und er schreib unter dem Pseudonym Ilyin und der echte Ilyin rezensierte einiges von diesem pseudonymen Werk. Als Ilyin von der Tscheka als Gegner der Revolution verhaftet wurde, mischte sich Lenin zu seinen Gunsten ein, als respektvolle Geste vor Ilyins philosophischem Werk. Der intellektuelle Austausch zwischen den beiden Männern, der 1917 begann und im heutigen Russland fortgesetzt wird, entstammte einer gemeinsamen Würdigung von Hegels Hoffnung auf die Totalität. Beide Männer lasen Hegel auf radikale Weise, stimmten miteinander in wichtigen Punkten überein, wie der Notwendigkeit der Zerstörung der Mittelklasse, waren sich aber über die abschließende Form der klassenlosen Gemeinschaft nicht einig.

Lenin stimmte mit Hegel überein, dass Geschichte eine Abfolge von Fortschritten durch Konflikte war. Als Marxist glaubte er, dass der Konflikt zwischen Klassen stattfand: die Bourgeoise, die Land besaß, und das Proletariat, das Gewinne ermöglichte. Lenin ergänzte den Marxismus um den Vorschlag, dass die Arbeiterklasse, auch wenn sie durch den Kapitalismus entstand und bestimmt war, sich seine Errungenschaften anzueignen, Führung von einer disziplinierten Partei benötigte, die die Regeln der Geschichte verstand. Lenin ging so weit zu behaupten, dass Menschen, die die Regeln der Geschichte kannten, genauso wussten, wann man sie brechen musste — indem man eine Revolution im Russischen Reich begann, wo der Kapitalismus schwach war und die Arbeiterklasse winzig. Trotzdem glaubte Lenin, dass der Mensch ein gutes Wesen hatte, verstrickt in historische Gegebenheiten, und daher abhängig von der Freilassung durch historisches Handeln.

Marxisten wie Lenin waren Atheisten. Sie dachten, dass Hegel mit Geist Gott meinte oder einen anderen theologische Begriff, und ersetzten Geist durch Gesellschaft. Ilyin war kein typischer Christ, aber er glaubte an Gott. Ilyin stimmte mit den Marxisten überein, dass Hegel Gott meinte, und behauptete Hegels Gott habe eine zerstörte Welt erschaffen. Für Marxisten hatte Privatbesitz die Funktion einer ursprünglichen Sünde, und seine Auflösung würde das Gute im Menschen freisetzen. Für Ilyin war Gottes Akt der Schöpfung selbst die Ur-Sünde. Es gab nie einen guten Augenblick in der Geschichte, und kein essentiell Gutes im Menschen. Die Marxisten lagen richtig damit, die Mittelklasse zu hassen, und hassten sie eigentlich noch viel zu wenig. In der „Zivilgesellschaft“ der Mittelklasse wurzeln mehrere Anliegen, die Hoffnungen vermengen auf eine „überwältigende nationale Organisation“, die Gott braucht. Weil die Mittelklasse Gott aussperrt, muss sie von einer klassenlosen nationalen Gemeinschaft weggefegt werden. Aber es gibt keine historische Neigung, keine historische Gruppierung, die diese Arbeit übernimmt. Die große Veränderung vom satanischen Individuum zur göttlichen Totale muss irgendwo jenseits der Geschichte beginnen.

Nach Ilyin würde die Befreiung nicht aus dem Verständnis der Geschichte hervorgehen, sondern aus ihrer Auslöschung. Da das Irdische korrupt und das Göttliche unerreichbar ist, würde die politische Rettung aus dem Bereich der Fiktion kommen. 1917 hoffte Ilyin immer noch, dass Russland ein Staat mit gesetzlicher Regierung würde. Lenins Revolution sorgte dafür, dass Ilyin von da an seine eigene Philosophie als politisch betrachtete. Der Bolschewismus hatte bewiesen, dass Gott so fehlerhaft war wie Ilyin es beteuert hatte. Was Ilyin den „Abgrund des Atheismus“ des neuen Regimes nenne sollte, war die letzte Bestätigung der Fehler dieser Welt, und der Macht neuer Ideen, sie zu bestätigen.

Nachdem er Russland verließ, behauptete Ilyin, dass die Menschheit Helden benötige, über-dimensionale Menschen von jenseits der Geschichte, fähig, sich die Macht zu erzwingen. In seiner Dissertation war diese Politik Teil der Sehnsucht nach einer fehlenden Totalität und der Vorstellung, dass die Nation mit ihrer Wiederherstellung beginnen würde. Es war eine Ideologie, die nur eine Form und einen Namen erwartete. 

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Ilyin verließ Russland 1922, in dem Jahr in dem die Sowjetunion gegründet wurde. Seine Fantasie wurde bald von Benito Mussolinis Marsch auf Rom gefesselt, dem Staatsstreich, der der Welt das erste faschistische Regime bescherte. Ilyin war überzeugt, dass mutige Gebärden von mutigen Männern das fehlerhafte Wesen der Existenz ungeschehen machen könnten. Er besuchte Italien und veröffentlichte bewundernde Beiträge über Il Duce während er sein Buch schrieb, Über den Einsatz von Gewalt zur Bekämpfung des Bösen (1925). Wenn Ilyins Dissertation den Grundstein für eine metaphysische Verteidigung des Faschismus gelegt hatte, so war sein Buch die Begründung eines an den Tag tretenden Systems. Die Dissertation beschrieb die verlorene Totalität, die ein Gott unabsichtlich entfesselt hatte; das zweite Buch erklärte die Grenzen der Lehren von Gottes Sohn. Nachdem er Gottes Trauma nun verstanden hatte, „schaute Ilyin Satan jetzt persönlich ins Auge.“

So nehmen die Lehren Jesu’, wie sie im Evangelium des Markus wiedergegeben werden, in Ilyins Interpretation unerwartete Bedeutungen an. „Richte nicht,“ sagt Jesus, „auf das du nicht gerichtet wirst.“  Der famose Appel an das Nachdenken geht weiter:

Verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet. Denn mit dem Urteil, mit dem ihr verurteilt, werdet ihr verurteilt werden; und mit dem Maß, mit dem ihr meßt, werdet ihr gemessen werden. Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders und nimmst nicht den Balken in deinem Auge wahr? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen? Und siehe, ein Balken steckt in deinem Auge. Du Heuchler, zieh zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehst.

Matthäus 7.1 — 7.5

Für Ilyin waren das Worte eines gescheiterten Gottes mit einem verdammten Sohn. Tatsächlich reflektiere ein recht schaffender Mann nicht über seine eigenen Taten oder versuche die Welt mit den Augen eines anderen zu sehen; er betrachte, erkenne eindeutig Gut und Böse und bestimme die Feinde zur Vernichtung. Die zutreffende Lesart des „Richte nicht“ sei, das jeder Tag das Jüngste Gericht sei und Menschen dafür gerichtet würden, Gotts Feinde nicht getötet zu haben als sich die Gelegenheit dazu bot. In Gottes Abwesenheit bestimmte Ilyin, wer diese Feinde waren.

Jesus’ vielleicht meist im Gedächtnis gebliebene Anordnung ist, seinen Feind zu lieben, aus dem Evangelium des Matthäus: „Ihr habet gehört was gesagt ward’, Auge um Auge, und Zahn um Zahn: Ich aber sage euch, wehrt euch nicht gegen das Böse: wer auch immer euch auf die rechte Wange schlägt, dem bietet auch die andere.“

Ilyin behauptete, das Gegenteil sei gemeint. Richtig verstanden bedeute Liebe Totalität. Es spielte keine Rolle ob ein Individuum ein anderes zu lieben versuche. Das Individuum liebe nur, wenn es der Gemeinschaft total untergeordnet wäre. In solcher Liebe versunken zu sein, war der Kampf „gegen die Feinde der göttlichen Ordnung auf der Welt.“ Christentum bedeute eigentlich den Ruf des korrekt verstehenden Philosophen entschiedene Gewalt im Namen der Liebe anzuwenden. Jeder, der diese Logik nicht nachvollziehen könne, sei selbst ein Diener Satans: „Der, der sich gegen den ritterlichen Kampf gegen das Böse stemmt, ist selbst das Böse.“

So wird die Theologie zur Politik. Die Demokratien stellten sich nicht gegen den Bolschewismus, sondern ermöglichten ihn, und müssen zerstört werden. Die einzige Möglichkeit, die Verbreitung des Bösen zu verhindern, war die Mittelklasse zu zermalmen, ihre Zivilgesellschaft auszulöschen, und ihr individuelles und universales Verständnis des Gesetzes in ein Bewusstsein nationaler Unterwerfung umzuwandeln. Der Bolschewismus war kein Gegenmittel für diese Krankheit der Mittelklasse, sondern eher der volle Ausbruch seiner Krankheit. Sowjetische und europäische Parlamente müssen durch gewalttätige Staatsstreiche hinweggefegt werden.

Ilyin benutzte das Wort Geist (Dukh) um die Erleuchtung der Faschisten zu beschreiben. Die faschistische Machtübernahme, schrieb er, sei ein „Akt der Rettung:“ Der Faschist ist der wahre Erlöser, da er kapiert hat, dass es der Feind ist, der geopfert werden muss. Ilyin übernahm das Konzept eines „ritterlichen Opfers“ von Mussolini, das Faschisten mit dem Blut anderer darbringen. (Als er 1943 vom Holokaust sprach, lobte Himmler seine SS-Männer mit genau diesen Begriffen.)

Ilyin verstand seine Rolle als russischer Intellektueller in der Verbreitung faschistischer Ideen in einem besonderen russischen Idiom. In einem Gedicht in der ersten Ausgabe eines Magazins, das er zwischen 1927 und 1939 herausbrachte, lieferte er das angemessene lapidare Leitmotiv: „Mein Gebet ist ein Schwert. Und mein Schwert ist wie ein Gebet.“ Ilyin widmete sein riesiges Buch von 1925 Über den Einsatz von Gewalt zur Bekämpfung des Bösen den Weißen, den Männern, die sich der bolschewistischen Revolution widersetzt hatten.  Es sollte eine Anleitung für ihre Zukunft sein.

Was Ilyin am meisten störte, war dass Italiener und nicht Russen den Faschismus erfunden hatten.: „Warum hatten die Italiener Erfolg wo wir versagten?“ Als er 1927 von der Zukunft des Russischen Faschismus schrieb, versuchte er die russische Vormachtstellung zu begründen, indem er den Weißen Widerstand gegen die Bolschewiken als die Vorgeschichte der faschistischen Bewegung insgesamt betrachtete. Die Weiße Bewegung sei auch  „aufrichtiger und allgemeiner“ als der Faschismus gewesen, weil sie eine Verbindung zur Religion bewahrt und den Bedarf des Totalen. Ilyin verkündete „meinen weißen Brüdern, den Faschisten“ dass eine Minderheit die Macht in Russland übernehmen müsse. Die Zeit würde kommen. Der „Weiße Geist“ war ewig.

Ilyins Ausrufung einer faschistischen Zukunft für Russland in den 1920ern war eine absolute Negation seiner Hoffnungen in den 1910ern, dass Russland ein gesetzlicher Staat würde. „Die Tatsache der Angelegenheit besteht darin,“ schrieb Ilyin, „dass Faschismus ein erlösender Ausbruch patriotischer Willkür ist.“ Willkür (proizvol), ein zentraler Begriff in allen modernen russischen politischen Gesprächen, war das Schreckgespenst aller russischen Reformer die nach Verbesserung durch das Gesetz strebten. Nun war proizvol patriotisch. Das Wort für „erlösend“ (spasytelnii), ist ein weiterer zentraler russischer Begriff. Es ist das Adjektiv, das russische orthodoxe Christen für das Opfer Christi in Golgatha, der Tod des einen für die Errettung der vielen. Ilyin benutzt es für den Mord an Außenseitern, sodass die Nation ein eigenes Projekt der totalen Politik unternehmen konnte, die später einen verlorenen Gott retten würde.

In einem Satz werden zwei universale Begriffe, Gesetz und Christen-tum, ungeschehen gemacht. Ein Geist der Ungesetzlichkeit ersetzt den Geist des Gesetzes; eine Mordstimmung ersetzt eine Stimmung der Gnade.

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Obwohl Ilyin durch das faschistische Italien inspiriert wurde, war seine Heimat als politischer Flüchtling zwischen 1922 und 1938 Deutschland. Als Angestellter des Russischen Wissenschaftlichen Instituts war er ein akademischer Zivilangestellter. Von Berlin aus beobachtete er den Nachfolgestreit nach Lenins Tod, der Joseph Stalin an die Macht brachte. Dann verfolgte er Stalins Versuch den politischen Sieg der Bolschewiken in eine soziale Revolution umzuwandeln. 1933 veröffentlichte Ilyin ein langes Buch, auf Deutsch, über die Hungersnot die durch die Kollektivierung entstanden war. 

Als Ilyin auf Russisch für russische Emigranten schrieb, war er schnell dabei Hitlers Machtergreifung von 1933 zu loben. Nach Ilyins Meinung machte Hitler es gut, das Recht außer Kraft zu setzen, nach dem Reichstagsbrand vom Februar 1933. Ilyin stellte Hitler, wie Mussolini, als einen Führer jenseits der Geschichte vor, dessen Aufgabe insgesamt friedlich war. „Eine Reaktion auf den Bolschewismus musste einsetzen,“ schrieb Ilyin, „und sie tat es.“ Die europäische Kultur ear zum Tode verurteilt worden, aber „solange Mussolini Italien anführt und Hitler Deutschland, ist die Hinrichtung der europäischen Kultur ausgesetzt.“ Nazis verkörperten einen Geist (Dukh), den Russen teilen mussten.

Nach Ilyin hatten die Nazis recht jüdische Geschäfte zu boykottieren und Juden kollektiv aller Über zu beschuldigen, die Deutschland widerfahren waren. Vor allem wollte Ilyin Russen und andere Europäer davon überzeugen, dass Hitler richtig damit lag, Juden als bolschewistische Agenten zu behandeln. Dieser „Judäobolschewistische“ Gedanke, der, wie Ilyin es verstand, war die ideologische Verbindung zwischen den Weißen und den Nazis. Die Behauptung, Juden seien Bolschewisten und Bolschewisten seien Juden war Weiße Propaganda während des russischen Bürgerkriegs. Natürlich waren die meisten Kommunisten keine Juden, und die überwältigende Mehrheit der Juden hatte mit dem Kommunismus nichts zu tun. Die Verschmelzung dieser beiden Gruppen war kein Irrtum oder eine Übertreibung, sondern mehr eine Umwandlung traditioneller religiöser Vorurteile in ein Instrument nationaler Einheit. Judäobolschewsimus appellierte an den Aberglauben der orthodoxen christlichen Bauern, dass Juden die Grenze zwischen den Bereichen des Guten und des Bösen bewachten. Er verschob diese Überzeugung moderner Politik, porträtierte die Revolution als die Hölle und die Juden als ihre Torwächter. Wie in Ilyins Philosophie, war Gott schwach, Satan herrschte, und die Waffen der Hölle waren die modernen Gedanken der Welt.

Während und nach dem russischen Bürgerkrieg waren einige Weiße als Flüchtlinge nach Deutschland geflohen. Einige hatten den Gründungstext des modernen Antisemitismus bei sich, die fiktionalen „Protokolle der Weisen von Zion,“ unter vielen anderen die Überzeugung, dass eine globale jüdische Verschwörung für ihre Niederlage verantwortlich sei. Weißer Judäobolschewismus, der in Deutschland 1919 und 1929 eintraf, vervollständigte Hitlers Ausbildung als Antisemit. Bis zu dem Moment hatte Hitler den jüdischen Kapitalismus als Feind von Deutschland dargestellt. Einmal überzeugt, dass die Juden verantwortlich für Kapitalismus und Bolschewismus waren, konnte Hitler den letzten Schritt nehmen und folgern, wie er es in Mein Kampf tat, dass die Juden die Quelle aller Gedanken waren die das deutsche Volk bedrohten. In diesem wichtigen Hinblick war Hitler tatsächlich ein Schüler der russischen weißen Bewegung. Ilyin, der wichtigste weiße Ideologe, wollte die Welt wissen lassen, dass Hitler recht hatte.

Als die 1930 vorbei waren, fing Ilyin an zu bezweifeln, dass Nazi-Deutschland die Sache des russischen Faschismus vorwärts brachte. Das war natürlich, da Hitler Russen als Untermenschen betrachtete und Deutschland europäische Faschisten nur insofern half, als diese nützlich für die spezielle Sache der Nazis waren. Ilyin begann russische Weiße vor den Nazis zu waren, und geriet bei der deutschen Regierung unter Verdacht. Er verlor seine Arbeit und 1938 ging er von Deutschland in die Schweiz. Er blieb jedoch seiner Überzeugung treu, dass die Bewegung der Weißen dem italienischen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus unterlegen waren. Zu seiner Zeit würde Russland einen überlegenen Faschismus vorführen.

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Von einem sicheren Aussichtspunkt in der Schweiz aus, beobachtete Ilyin den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Es war ein verwirrender Moment für Kommunisten wiewohl für ihre Feinde, da der Konflikt ausbrach, nachdem die Sowjetunion und Nazi-Deutschland ein Abkommen geschlossen hatten, das man als Molotow-Ribbentrop-Pakt kennt. Sein geheimes Protokoll, das Gebiete in Ost-Europa zwischen den beiden Mächten aufteilte, war nur dem Namen nach eine Allianz. Im September 1939 fielen beide, NAzi-Deutschland und die Sowjetunion in Polen ein, ihre Armeen trafen sich in der Mitte. Ilyin glaubte nicht, dass die Nazi-Sowjet-Allianz lange halten würde, da Stalin Hitler betrügen würde. 1941 fand das Gegenteil statt, als die Wehrmacht in die Sowjetunion einfiel. Obwohl Ilyin Bedenken vor den Nazis hegte, schrieb er von der deutschen Invasion der UdSSR als einer „Verurteilung des Bolschewismus.“ Nach dem sowjetischen Sieg in Stalingrad im Februar 1943, als ersichtlich wurde, dass Deutschland den Krieg wahrscheinlich verlieren würde, änderte Ilyin seinen Standpunkt erneut. Damals, und in den Jahren danach, würde er den Krieg darlegen als eine Reihe westlicher Angriffe auf die russische Tugend. 

Russische Unschuld wurde zu einem von Ilyins großen Themen. Konzeptuell vervollständigte es Ilyins faschistische Theorie: Die Welt war korrupt; sie benötigte Erlösung durch eine fähige Nation mit totaler Politik; diese Nation war das entwurzelte Russland. Mit dem Alter schwelgte Ilyin in Russlands Vergangenheit, nicht geschichtlich, aber als zyklischer Mythos einer einheimischen Tugend, die vor äußerem Einfluss geschützt war. Russland war ein tadelloses Reich, immer von allen Seiten angegriffen. Ein kleines Gebiet um Moskau wurde zum Russischen Reich, dem größten Land aller Zeiten, ohne jemals jemanden anzugreifen. Selbst als es expandierte, war Russland das Opfer, weil Europäer die zugrundeliegende Tugend nicht begriffen, die es verteidigte indem es mehr Land einnahm. In Ilyins Worten, Russland war einer „kontinentalen Blockade“ unterworfen, und damit war seine gesamte Vergangenheit eine der „Selbstverteidigung.“ Und daher „kann die russische Nation, seit ihrer vollständigen Konvertierung zum Christentum, nahezu tausend Jahre historischen Leidens aufzählen.“

Obwohl Ilyin hunderte langweilige Seiten so weitermachte, stellte er ebenso klar, dass es nicht wichtig war was eigentlich passiert war oder was Russen eigentlich taten. Das war bedeutungslose Geschichte, das waren bloße Fakten. Die Wahrheit über ein Volk, schrieb Ilyin, sei „rein und objektiv“, ungeachtet der Fakten, und die russische Wahrheit war unsichtbare und unbeschreibliche Gottgefälligkeit. Russland sei kein Land der Individuen und Institutionen, selbst wenn es so aussehe, sondern ein unsterbliches lebendiges Geschöpf. „Russland ist ein Organismus der Natur und der Seele“, es sei ein „lebender Organismus,“ eine „lebendige organische Einheit,“ und so weiter. Ilyin schrieb von „Ukrainer“ mit Anführungszeichen, da seine Ansichten ein Teil des russischen Organismus seien. Ilyin war besessen von der Angst das Menschen im Westen das nicht verstehen würden, und betrachtete jede Erwähnung der Ukraine als einen Angriff auf Russland. Weil Russland ein Organismus ist, „kann man es nicht teilen, (man kann es) nur zerteilen.“

Ilyins Verständnis von Russlands politischer Rückkehr zu Gott erforderte nicht nur die Aufgabe der Individualität und Pluralität, sondern ebenso der Menschlichkeit. Die faschistische Sprache einer organischen Einheit, ungläubig geworden durch den Krieg, blieb für Ilyin das Hauptanliegen. Allgemein wurde sein Denken durch den Krieg nicht wirklich verändert. Er lehnte den Faschismus nicht ab, wie die meisten seiner Vorkriegsbefürworter, auch wenn er jetzt zwischen dem, was er als bessere und schlimmere Form des Faschismus betrachtete, unterschied. Er nahm nicht an der allgemeinen Verschiebung der europäischen Politik nach links teil, noch an der Wiederherstellung der Demokratie. Vielleicht am wichtigsten, er erkannte nicht, dass das Zeitalter des europäischen Kolonialismus vorbei war. Er betrachtete Francos Spanien und Salazars Portugal, damals abgelegene Reiche, die von autoritären Parteien des rechten Flügels regiert wurden, als vorbildlich

Der Zweite Weltkrieg war kein „Urteil über den Bolschewismus,“ wie Ilyin es sich 1941 vorgestellt hatte. Stattdessen war die Rote Armee siegreich daraus hervorgegangen, die sowjetischen Grenzen waren nach Westen ausgedehnt worden, und ein neues äußeres Reich reproduzierter Regime war in Osteuropa errichtet worden. Das einfache Vergehen der Zeit ermöglichte es in den 1940ern sich vorzustellen, wie Ilyin es in den 1920ern getan hatte, wie die Mitglieder der Emigration der Weißen eines Tages in Russland wieder an die Macht zurückkehren könnten. Nun schrieb er eher an ihren Grabreden als an ihren Ideologien. Was stattdessen gebraucht wurde, war eine Blaupause für das post-sowjetische Russland, die in der Zukunft lesbar wäre. Ilyin machte sich daran einige Verfassungsvorschläge zusammenzustellen, genau wie einen kürzeren Satz politischer Essays. Der letzte, veröffentlicht als Unsere Aufgaben (Nashi zadachi), leitete seine intellektuelle Wiedergeburt im post-sowjetischen Russland ein.

Diese Nachkriegsempfehlungen haben eine unverwechselbare Ähnlichkeit mit den faschistischen Systemen der Vorkriegszeit und sind vereinbar mit der metaphysischen und ethischen Legitimationen in Ilyins wichtigsten Werken. Der „nationale Diktator,“ sah Ilyin voraus, würde von irgendwo jenseits der Geschichte stammen, aus einem fiktionalen Bereich. Dieser Führer (Gosudar’) muss „ausreichend männlich“ sein, wie Mussolini. Die Anmerkung einer zerbrechlichen Männlichkeit ist schwer zu übersehen. „Macht kommt von ganz allein,“ erklärte Ilyin, „zum starken Mann.“ Menschen würden sich vor dem „lebendigen Organ Russlands“ verbeugen. Der Führer „stählt sich in gerechtem und mannhaften Dienst.“

In Ilyins Plan wäre der Führer persönlich und absolut verantwortlich für jeden Teil des politischen Lebens, als oberste Exekutive, oberste Legislative, oberster Richter und Kommandeur des Militärs. Seine Macht ist unbegrenzt. Jede „politische Auswahl“ sollte „auf einer formal undemokratischen Grundlage“ stattfinden. Demokratische Wahlen institutionalisierten den bösen Eindruck des Individualismus. „Das Prinzip der Demokratie,“ schrieb Ilyin, „war das unverantwortliche menschliche Atom.“ Stimmen zählen sei die unaufrichtige Übernahme „des mechanischen und arithmetischen Verständnis von Politik.“ Es folgte, dass „wir das blinde Vertrauen in die Anzahl der Stimmen und ihres politischen Stellenwerts ablehnen müssen.“ Öffentliche Wahlen mit unterzeichneten Stimmzetteln würden es Russen ermöglichen ihre Individualität aufzugeben. Wahlen seien ein Ritual der Unterwerfung der Russen vor ihrem Führer.

Das Problem mit dem Vorkriegsfaschismus war, laut Ilyin, der Ein-Partei-Staat. Das war eine Partei zu viel. Russland sollte ein Null-Partei-Staat sein, in dem keine Partei den Staat kontrollierte oder irgendeinen Einfluss auf den Lauf der Dinge ausübte. Eine Partei vertritt nur ein Segment der Gesellschaft; und Segmentierung muss vermieden werden. Parteien können existieren, jedoch nur als Attrappe für die Eifrigen oder als Teile eines Rituals der Wahlunterwürfigkeit. (Mitglieder von Putins Partei wurde der Artikel, der dieses Punkt festhält 2014 zugesandt.) Das Gleiche gilt für die Zivilgesellschaft: Sie sollte als Placebo existieren. Russen sollte das verfolgen von Hobbies usw. gestattet sein, aber nur in dem Rahmeneiner totalen körperschaftlichen Struktur, die alle sozialen Organisationen umfasst. Die Mittelklasse muss ganz unten am Boden dieser körperschaftlichen Struktur sein und das Gewicht des gesamten Systems tragen. Sie sind die Schöpfer und die Verbraucher der Fakten und Gefühle eines Systems dessen Ziel es ist, Sachlichkeit und Sinnlichkeit hinter sich zu lassen.

„Freiheit für Russland,“ wie Ilyin es verstand (in einem Text der von Putin 2014 gezielt ausgewählt wurde), bedeute nicht Freiheit für Russen als Individuen, sondern eher Freiheit der Russen sich gegenseitig als Ganzes zu verstehen. Das politische System muss,“ wie Ilyin klargestellt hat, „die organisch-spirituelle Einheit der Regierung mit dem Volk herstellen, und das Volk mit der Regierung.“ Der erste Schritt zurück zum Wort wäre die „metaphysische Identität aller Menschen derselben Nation.“ Das „böse Wesen der Sinnlichkeit“ könnte verbannt werden, und „die empirische Unterschiedlichkeit der menschlichen Wesen“ selbst überwunden.

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Das Russland von heute ist eine medienbelastete Kleptokratie, nicht das religiös totalitäre Gebilde, das Ilyin vorschwebte. Und doch, seine Vorstellungen helfen den Schatten aus einigen der interessanteren Teile der russischen Politik zu vertreiben. Vladimir Putin, um ein sehr kennzeichnendes Beispiel zu geben, ist ein post-sowjetischer Politiker, der aus dem Bereich der Fiktion kommt. Da er es ist, der Ilyin in die höhere Politik schleppte, ist sein Aufstieg zur Macht ebenso ein Teil von Ilyins Geschichte. 

Putin war ein Unbekannter als er vom post-sowjetischen russischen ersten Präsidenten, Boris Jelzin,  1999 dazu auserwählt wurde Premierminister zu werden. Putin wurde ausgewählt durch telefonische Postenbesetzung. Jelzin Vertraute, die ausführten was sie die „Operation Nachfolger“ nannten, fragten sich wer die bekannteste Person im russischen Fernsehen sei. Umfragen ergaben, dass dies ein Held des Programms aus den 1970ern war, ein Sowjet der Deutsch sprach. Das passte zu Putin, einem ehemaligen KGB-Offizier, der in Ost-Deutschland gedient hatte. Als er direkt danach von Jeltsin im September 1999 zum Premierminister ernannt wurde, erlangte Putin seinen Ruf durch eine blutigere Fiktion. Als Wohnungsgebäude in russischen Städten anfingen zu explodieren, gab Putin Muslimen die Schuld und begann einen Krieg in Tschetschenien. Zeitgenössische Beweise deuten darauf hin, dass die Bomben von Russlands  eigener Sicherheitsorganisation, dem FSB, gelegt wurden. Putin wurde 2000 zum Präsidenten gewählt und war es bis 2008.

In den frühen Nuller Jahren, bestand Putin darauf, dass Russland eine Art Gesetzstaat werden könnte. Stattdessen gelang es ihm Wirtschafts-verbrechen innerhalb des russischen Staates zu verbreiten, die generelle Korruption in eine offizielle Kleptokratie zu verwandeln. War der Staat einmal das Verbrechenszentrum, wurde die Gesetzesherrschaft zusammenhanglos, Ungleichheit verwurzelt und Reform undenkbar. Eine andere politische Geschichte war vonnöten. Weil Putins Sieg über Russlands Oligarchen auch die Kontrolle ihrer Fernsehsender betraf, hatte man neue Medieninstrumente in der Hand. Die westliche Mode des Infotainment wurde in Russland zu ihrer logischen Entfaltung gebracht, schuf eine alternative Wirklichkeit die Vertrauen in Russlands Tugend erzeugen sollte, jedoch Zynismus gegenüber Tatsachen. Diese Wandlung wurde von Vladislav Kurkov arrangiert, dem Genie der russischen Propaganda. Er leitete einen Schlag gegen die Welt, wie Ilyin ihn sich vorgestellt hatte, eine dunkles und verwirrendes Reich nahm Form an, nur durch die russische Unschuld. Mit den finanziellen und medien-technischen Mitteln unter Kontrolle musste Putin, in netten russischen Begriffen, nur noch die „spirituelle Mittel“ hinzufügen. Und somit fing Putin 2005 an, Ilyin als Hofphilosophen zu rehabilitieren.

In dem Jahr begann Putin vor der Versammlung der Russischen Föderation Ilyin zu zitieren und sorgte für die Bestattung von Ilyins Überresten in Russland. Dann begann Sukov Ilyin zu zitieren. Der Propagandist übernahm Ilyins Gedanken, dass „Russische Kultur das Nachdenken über das Ganze ist,“ und fasst sein eigenes Werk als die Schaffung eines Narrativs harmlosen Russland, das permanent von Feindschaft umgeben ist. Surkovs Feindschaft gegenüber Sachlichkeit ist so tief wie Ilyins, und wie Ilyin neigt er dazu es theologisch zu untermauern. Dmitri Medvedev, der Anführer von Putins politischer Partei, empfahl Ilyins Buch an Russlands Jugend. Ilyin begann in den Reden von Russlands zahmen Oppositionsparteien aufzutauchen, der Kommunisten und der (verwirrend benannten, extrem rechten) Liberalen Demokraten. In diesen letzten paar Jahren wurde Ilyin vom Vorsitzenden des Verfassungs-gerichts zitiert, vom Außenminister, und von Patriarchen der Russischen Orthodoxen Kirche.

Nach einer vierjährigen Unterbrechung zwischen 2008 und 2012, in der Putin Premierminister war und es Medvedev erlaubte Präsident zu sein, kehrte Putin ins höchste Amt zurück. Kam Putin 200 noch als Held aus einer Fiktion an die Macht, kehrte er 2012 als Vernichter der Gesetzesherrschaft zurück.Das Russland zu Zeiten Putins hat das Drama Russlands zu Ilyins Zeiten in einem Moll-Ton wiederholt. Die Hoffnungen von russischen Liberalen auf einen Gesetzstaat wurden erneut enttäuscht. Ilyin hatte dieses Versagen beim ersten Mal in Faschismus umgewandelt hatte, und seine Zeit war nun gekommen. Seine Argumente halfen Putin sein Versagen in der ersten Amtsperiode zu verwandeln, die Unfähigkeit die Gesetzherrschaft einzuführen, in das Versprechen einer zweiten Amtszeit, der Bestätigung der russischen Tugend. Wenn Russland kein Gesetzstaat werden konnte, würde es versuchen seine Nachbarn zu vernichten, denen es gelungen war, oder sich dazu anschickten. In einer Wiederholung der berüchtigtsten Erlasse des Rechtsgekehrten der Nazis, Carl Schmitt, schrieb Ilyin, „Politik ist die Kunst des Erkennens und Ausschaltens des Feindes.“ Im zweiten Jahrzehnt des Einundzwanzigsten Jahrhunderts ging es bei Putins Versprechen nicht um das Gesetz in Russland, sondern um die Niederlage der überdreht legalen benachbarten Gebilde.

Die Europäische Union, die größte Wirtschaft auf der Welt und Russlands wichtigster Wirtschafts-partner, fußt auf der Annahme, dass internationale Rechtsverträge die Basis für fruchtbare Zusammenarbeit unter den Gesetzstaaten liefern. Im Spätjahr 2011 und im Frühjahr 2012 machte Putin die neue Ideologie publik, basierend auf Ilyin, das Russland zum Gegensatz dieses europäischen Modells bestimmte. In einem Artikel in der Izvestiia am 3. Oktober 2011 verkündete Putin eine rivalisierende Eurasische Union, die Staaten vereinen würde, die es nicht geschafft hatten, Gesetzesherrschaft herzustellen.  In der Nezavisimaia Gazeta am 23. Januar 2012 stellt Putin, mit Zitaten von Ilyin, Integration unter Staaten eher als Sache der Tugend hin als eine Errungenschaft. Die Gesetzesherrschaft sei nicht universell anstrebsam, sondern Teil einer fremden westlichen Zivilisation; russische Kultur vereinte inzwischen Russland mit post-sowjetischen Ländern wie der Ukraine. In einem dritten Artikel in der Moskovskie Novosti vom 27. Februar 2012 zog Putin die politischen Schlüsse. Ilyin hatte sich vorgestellt, dass „Russland als spiritueller Organismus nicht nur allen orthodoxen Völkern nutzte und nicht nur allen Völkern der eurasischen Landmasse, sondern allen Nationen der Welt.“ Putin prophezeite, dass Eurasien die Europäische Union überwinden und ihre Mitglieder in einem größeren Gebilde unterbringen würde, das sich „von Lissabon bis nach Wladiwostok“ erstreckte.

Putins Angriff auf die Gesetzesherrschaft fing an mit dem Auftreten seiner Wiederaufnahme seines Amtes als Präsident der Russischen Föderation. Die Gründung jedes Gesetzstaates erfolgt nach dem Prinzip der Nachfolge, dem Regelsatz der es ermöglicht, dass eine Person der anderen im Amt nachfolgt, auf eine Art, die das System eher bestätigt als es zu zerstören. Die Art wie Putin 2012 wieder an die Macht kam vernichtete jede Möglichkeit, dass ein derartiges System in Russland in irgendeiner absehbaren Zukunft funktionieren könnte. Er übernahm das Amt des Präsidenten, mit einer parlamentarischen Mehrheit, dank präsidialer und parlamentarischer Wahlen, die offensichtlich gefälscht waren, während er die Teilnehmer von Protestaktionen zu ausländische Agenten erklärte.

Indem er Russland jedes anerkannte Möglichkeit nahm, dass ihm jemand anderes nachfolgen könnte und das russische Parlament nur noch von seiner Partei kontrolliert wird, folgte Putin Ilyins Empfehlungen. Wahlen waren zu einem Ritual geworden, und diejenigen, die das anders sahen, wurden von beeindruckenden Staatsmedien als Verräter dargestellt. In einem Radiosender mit dem faschistischen Autor Alexander Prokhanov, während die Russen Wahlmanipulation beteuerten, sinnierte Putin darüber, was Ivan Ilyin über den Zustand von Russland zu sagen gehabt hätte. „Können wir sagen,“ fragte Putin rhetorisch, „dass unser Land nach den dramatischen Ereignissen die uns nach dem Kollaps der Sowjetunion zugestoßen sind, völlig wieder hergestellt und geheilt ist? Nein, es ist immer noch ziemlich krank; aber jetzt müssen wir uns Ivan Ilyins entsinnen: ‚Ja, unser Land ist immer noch krank, aber wir sind vom Bett unserer kranken Mutter nicht weggerannt.‘“

Die Tatsache, dass Putin Ilyin in diesem Zusammenhang zitierte, ist sehr gewagt, und ass er diesen Satz kannte, setzt ausführliches Lesen voraus. Aber dann wiederum, erscheint die Art wie er ihn zitiert befremdlich. Ilyin wurde von der Tscheka der Sowjetunion verwiesen — die Einrichtung, die der Vorgänger von Putins Arbeitgeber, dem KGB, war. Für Ilyin war die Gründung der UdSSR, nicht ihre Auflösung, die russische Krankheit. Wie Ilyin seinem Vernehmen von der Tscheka erzählte: „Ich betrachte die Sowjetmacht als ein unumgängliches historisches Ergebnis einer großen sozialen und spirituellen Erkrankung, die in Russland seit mehreren Jahrhunderten heranwächst.“ Ilyin meinte, dass es KGB-Offizieren (von denen Putin einer ist) verboten werden sollte, nach dem Ende der Sowjetunion in die Politik einzusteigen. Ilyin träumte sein ganzes Leben vom Zusammenbruch der UdSSR.

Putins erneute Beisetzung von Ilyins Überresten war eine mystische Auflösung dieses Widerspruchs. Ilyin war vom sowjetischen Sicherheits-dienst aus der Sowjetunion ausgewiesen worden; seine Leiche wurde erneut neben den seinen Opfern bestattet. Putin ließ Ilyins Leiche bei einem Kloster wieder bestatten, wo der NKVD, der Nachfolger der Tscheka und Vorgänger des KGB die Asche von tausenden sowjetischer Bürger bestattet hatte, die während des Großen Schreckens hingerichtet worden waren. Als Putin das Gelände später besuchte um dort Blumen auf Ilyins Grab zu legen, wurde er von einem orthodoxen Mönch begleitet, der die Henker des NKVD als russische Patrioten betrachtete, und darum als gute Männer. Zur Zeit der Wiederbestattung war der Vorsitzende der Russischen Orthodoxen Kirche ein Mann, der zuvor dem KGB als Agent gedient hatte. Insgesamt war Ilyins Rechtfertigung der Massenmorde die gleiche wie die der Bolschewiken: Die Verteidigung eines absoluten Gottes. Wie Kritiker seines zweiten Buches es in den 1920 formulierten, Ilyin war ein „Tschekist für Gott.“ So ist er erneut beerdigt worden, mit den höchsten Ehren der Tschekisten und der Gottesmänner — und den Männern Gottes, die Tschekisten waren und von den Tschekisten, die Männer Gottes waren.

Ilyins Leib und Seele wurden dem Russland zurückgebracht, das er verlassen musste. Und genau diese Rückkehr ist in ihrer Nichtbeachtung der Gegensätze, in ihrer Missachtung der Fakten, der klarste Ausdruck der Anerkennung seines Vermächtnisses. Sicher, Ilyin war gegen das Sowjetsystem. Dennoch, hörte die UdSSR 1991 einmal auf zu existieren, war sie Geschichte — und die Vergangenheit war für Ilyin nichts außer kognitivem Rohmaterial für eine Literatur ewiger Tugend. Wie seicht man Ilyins Ansichten zur russischen Unschuld auch verändert, russische Anführer können die Sowjetunion nicht als vom Ausland auferlegt betrachten, wie Ilyin es tat, sondern als Russland selbst, und so als rechtschaffen trotz seien Erscheinung. Alle Fehler des Sowjetsystems wurden notwendigerweise zu russischen Reaktionen auf vorherige Feindseligkeiten des Westens.

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Fragen zum Einfluss der Ideen auf die Politik sind sehr schwer zu beantworten, und es wäre voreilig, Ilyins Schriften zur Säule des russischen Systems zu machen. Denn zum einen erlaubt Ilyins riesiges Gesamtwerk mehrere Lesarten. Wie Martin Heidegger, ein weiterer Husserl-Schüler, der Hitler unterstützte, ist es vernünftig zu fragen, wie eng die politische Hilfe eines Mannes für den Faschismus an sein philosophisches Werk gekoppelt ist. In Russland selbst ist Ilyin nicht die einzige Quelle für faschistische Ideen, die Vladimir Putin mit Anerkennung zitiert; Lev Gumilev ist ein weiterer. Zeitgenössische russische Faschisten, die jetzt durch den öffentlichen Raum wandern, wie Aleksander Prokhanov und Aleksander Dugin, stehen für bestimmte Traditionen. Duin ist es, zum Beispiel, der den Gedanken von „Eurasien“ in Russland populär machte, und seine Quellen sind deutsche Nazis und westeuropäische Nachkriegsfaschisten. Und dennoch, meistens sind es, im Russland des zweiten Jahrzehnts im Einundzwanzigsten Jahrhundert, Ilyins Gedanken, die den politischen Notwendigkeiten entsprechen und rhetorische Lücken schließen, das „spirituelle Mittel“ für die kleptokratische Staatsmaschinerie. 2017, als es dem russischen Staat so schwer fiel, den 100. Geburtstag der Bolschewistischen Revolution zu gedenken, wurde Ilyin zu ihrem heroischen Gegner befördert. In einem Fernsehdrama über die Revolution verwarf er das böse Versprechen sozialer Entwicklung an die Russen.

Russische Politik erinnert mit Sicherheit an Ilyins Empfehlungen. Russlands Gesetz von 2012 über „ausländische Agenten“, dass genau nach Putins Rückkehr ins Präsidialamt verabschiedet wurde, steht passt gut zu Ilyins Einstellung zur Zivilgesellschaft. Ilyin glaubte, dass Russlands „Weißer Geist“ die Faschisten in Europa anspornen sollte; seit 2013 hat der Kreml den europäischen Parteien der populistischen und extremen Rechten finanzielle und propagandistische Hilfen geleistet. Die russische Kampagne gegen die „Dekadenz“ der Europäischen Union, eingeleitet 2013, steht mit Ilyins Weltsicht in Einklang. Ilyins wissenschaftliche Leistung folgte seiner persönlichen Projektion sexuellen Verlangens der anderen. Zunächst nannte Ilyin Russland homosexuell, dann durchlief er mit seiner Freundin eine Therapie, anschließend machte er Gott verantwortlich. Putin unterwarf sich zunächst jahrelang der hemdlosen Pelz- und Federfotosessions, dann trennte er sich von seiner Frau, anschließend machte er die Europäische Union für  die russische Homosexualität verantwortlich. Ilyin sexualisierte was er als ausländische Bedrohungen empfand. Jazz, zum Beispiel, war ein Komplott um vorzeitigen Samenerguss zu verursachen. Als die Ukraine im Spätjahr 2013 anfing sich zugunsten einer europäischen Zukunft für ihr Land zu versammeln, schufen die russischen Medien das Gespenst der „Homodiktatur.“

Die Verteidigung des Einflusses von Ilyin ist am einfachsten im Hinblick auf Russlands neue Orientierung Richtung Ukraine zu verstehen. Die Ukraine, wie die Russische Föderation, ist ein neues Land, entstanden aus dem Gebiet der Sowjetrepublik von 1991. Nach Russland war es die zweitgrößte Bevölkerung einer Republik der Sowjetunion, und es hat eine lange Grenze zu Russland im Osten und im Norden, wie auch zu Mitgliedern der Europäischen Union im Westen. In den ersten beiden Jahrzehnten nach der Auflösung der Sowjetunion, wurde die russisch-ukrainische Beziehung von beiden Seiten mittels des internationalen Rechts bestimmt, wobei russische Juristen immer auf sehr traditionellen Vorstellungen wie Souveränität und territoriale Integrität bestanden. Als Putin 2012 wieder an die Macht kam, machte die Gesetzlichkeit dem Kolonialismus Platz. Seit 2012 beruht die russische Politik betreffs der Ukraine auf dem Kern der Grundlagen, und diese Grundlagen waren die von Ilyin. Putins Eurasische Union, ein Plan den er dank Ilyins Ideen verkündete, setzte voraus, dass die Ukraine sich anschloss. Putin rechtfertigte Russlands Versuch die Ukraine Richtung Eurasien zu zerren mit Ilyins „organischem Modell,“ das aus Russland und der Ukraine „ein Volk“ machte.

 Ilyins Idee von einem russischen Organismus, der die Ukraine umfasst, mit der eher prosaischen ukrainischen Vorstellung einer Reform des ukrainischen Staates. 2013 in der Ukraine war die Europäische Union Thema einer inländischen politischen Debatte, und war generell beliebt. Ein Assoziierungs-abkommen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union wurde als Weg betrachtet, das große lokale Problem anzugehen, die Schwäche des Gesetzes. Durch Drohungen und Versprechen war Putin im November 2013 in der Lage den ukrainischen Präsidenten, Viktor Janukowitsch, dazu zu bringen, das Assoziierungsabkommen nicht zu unterschreiben, das bereits ausgemacht war. Das brachte junge Ukrainer auf die Straße um für das Abkommen zu demonstrieren. Als die ukrainische Regierung (von Russland angetrieben und unterstützt) Gewalt anwandte, versammelten sich hunderttausende ukrainische Bürger auf Kiews Unabhängigkeitsplatz. Ihr Hauptanliegen, wie Umfragen zu der Zeit ergaben, war die Gesetzherrschaft. Nachdem ein Massaker von Scharfschützen mehr als einhundert Ukrainer getötet hatte, floh Janukowitsch nach Russland. Sein Hauptberater, Paul Manafort, arbeitete direkt darauf als Donald Trumps Wahlkampforganisator.

Zu der Zeit als Janukowitsch nach Russland floh, waren russische Truppen bereits mobilisiert worden für die Invasion der Ukraine. Als russische Soldaten im Februar 2014 in die Ukraine einfielen, erfasste die zivilisatorische Rhetorik (für die Ilyin die Hauptquelle war) die Fantasie vieler westlicher Beobachter. In der ersten Hälfte von 2014 ging es bei den debattierten Problem darum, ob die Ukraine Teil der russischen Kultur sei oder nicht, oder ob russische Mythen der Vergangenheit überhaupt ein Grund seien, in einen benachbarten souveränen Staat einzufallen. Indem sie die Art auf die Ilyin die Frage stellten übernahmen, versäumten westliche Beobachter worum es bei dem Konflikt für Europa und die Vereinigten Staaten ging. Betrachtet man die russische Invasion der Ukraine als einen Zusammenstoß der Kulturen, so gibt man ihn distanziert und bunt und rätselhaft wieder; sieht man es als Teil eines größeren Angriffs auf die Gesetzesherrschaft, hätte man wahrnehmen müssen, dass westliche Institutionen in Gefahr waren. Akzeptierte man den zivilisatorischen Rahmen, übersah man ebenso das grundlegende Problem der Ungleichheit. Was pro-europäische Ukrainer wollten, war, die Kleptokratie nach russischem Stil zu umgehen. Was Putin tun musste, war zu zeigen, dass derartige Bemühungen unfruchtbar waren.

Ilyins Argumentationen waren überall als russische Einheiten 2014 mehrfach in die Ukraine einfielen. ALs Soldaten im Januar 2014 ihre Mobilisierungsbefehle für den Einfall in die ukrainische Provinz der Krim erhielten, bekamen alle hochrangigen russischen Bürokraten und Gebietsgouverneure eine Ausgabe von Ilyins Unsere Aufgaben zugesandt. Nachdem russische Truppen die Krim angenommen und das russische Parlament für die Annektierung gestimmt hatte, zitierte Putin Ilyin erneut als Rechtfertigung. Der russische Kommandeur, der geschickt wurde um die zweite große Bewegung von russischen Soldaten in die Ukraine anzuleiten, in die südöstlichen Provinzen Donezk und Luhansk im Sommer 2014, beschrieb das schlussendliche Ziel des Krieges in Begriffen, die Ilyin verstanden hätte: „Wenn die Welt vor teuflischen Konstrukten wie den Vereinigten Staaten gerettet würde, wäre das Leben für alle einfacher. Und eines Tages wird das passieren.“

Jeder, der sich mit russischer Politik auskennt, konnte Anfang 2016 sehen, dass die russische Elite Donald Trump als republikanischen Präsidentschaftskandidaten bevorzugte, um dann Hillary Clinton bei den Allgemeinen Wahlen zu besiegen. Im Frühling dieses Jahres prahlten russische Militärgeheimdienste mit einem Versuch, Trump zum Sieg zu verhelfen. Bei dem folgenden russischen Angriff auf die amerikanische Demokratie war die Hauptwaffe Unwahrheit. Donald Trump ist ein weiterer männlich-verkappter Kleptokrat aus dem Bereich der Fiktion, in diesem Fall dem des Reality TV. Sein Wahlkampf wurde unterstützt durch die ausgefeilten Unwahrheiten, die Russland gegen seine Gegnerin verbreitete. Im Amt imitiert Trump Putin mit seiner Jagd nach politischen Post-Wahrheiten: Zunächst füllt man das Öffentliche mit Lügen, dann macht man die Institutionen verantwortlich, deren Ziel die Suche nach Wahrheit ist, und schließlich feiert man die herauskommende Verwirrung. Russische Hilfe für Trump schwächte das amerikanische Vertrauen in die Institutionen, die Russland unfähig war aufzubauen. Derartiges Vertrauen ließ bereits nach, dank Amerikas eigener Medienkultur und wachsender Ungleichheit.

Ilyin hielt sich für den Propheten unserer Zeit, dem post-sowjetischen Zeitalter, und vielleicht ist er das. Sein Unglauben an die Welt schafft der Politik Raum im Fiktionalen. Er machte Gesetzlosigkeit zu einer so reinen Tugend, dass sie unsichtbar war, und so absolut, hinsichtlich der Zerstörung des Westens. Er zeigte uns auf, wie zerbrechliche Männlichkeit Feinde schafft, wie die pervertierte Christenheit Jesus ablehnt, wie wirtschaftliche Ungleichheit Unschuld nachahmt, und wie faschistisches Gedankengut in die Postmoderne einfloss. Das ist nicht länger einfach russische Philosophie. Es ist amerikanisches Leben.
16. März 2018

Quelle: http://www.nybooks.com/daily/2018/03/16/ivan-ilyin-putins-philosopher-of-russian-fascism/

Übersetzung: Thorsten Ramin