Ist nach dem Krieg in Afghanistan Frieden möglich?

The New Republic, 28.März 2013

Von Ahmed Rashid

Wird Afghanistan, das seit 1978 im Krieg ist – vierunddreißig Jahre, oder ein Zeitraum, der länger ist als die beiden Weltkriege und die Zeit dazwischen – schließlich einen minimalen Frieden finden, bevor die amerikanischen Kräfte kommendes Jahr gehen? Sind die USA in der Lage, genügend diplomatische Anstrengungen zu bündeln, um einen Waffenstillstand zwischen Kabul, Islamabad und den Taliban herzustellen? Können Amerika und seine Verbündeten weitere Regionen, einschließlich Iran, Zentralasien, Indien, China und Russland zufriedenstellen, damit sie nicht anfangen, Afghanistans immer noch unsichere Zukunft zu untergraben?

Seit vielen Monaten sind die amerikanischen Medien jetzt besessen von dem Zeitplan für einen Rückzug von etwa 100 000 amerikanischen und NATO-Soldaten, und damit, ob die 350 000 Mann starke afghanische Armee und Polizei die Linien gegen die Taliban allein halten können, und wie viele Soldaten die Amerikaner nach 2014 zurücklassen werden, um afghanische Truppen auszubilden und ihren Anti-Terror-Feldzug zu steuern. Trotz der Unpopularität des Krieges in den Vereinigten Staaten und dem Abwandern von Steuergeldern, bevorzugt das Pentagon selbstredend einen langen Zeitplan, der die Truppenabzüge bremst und nach 2014 so viele Soldaten im Land belässt, wie das Weiße Haus zugesteht. Das Weiße Haus schlägt zurück. Letzten November lagen die Militäranfragen für Soldaten nach 2014 im Bereich von dreißigtausend, jetzt liegen sie bei zehntausend, während das Weiße Haus eher dazu neigt, sich auf drei bis sechstausend zu einigen. Im Januar, auf seiner Reise nach Washington, sagte Präsident Hamid Karzai, das, worauf es ankomme, sei Amerikas Engagement in Afghanistan, nicht die Truppenstärke.

Zweifellos leidet das amerikanische Militär schrecklich. Im vergangenen Jahr starben mehr amerikanische Soldaten an Suizid als im Kampf. Weitere zwanzigtausend wurden verwundet. Diejenigen, die an kriegsbedingten mentalen Störungen leiden, gehen in die zehntausende. Allein 2012 wurden über sechzig amerikanische und NATO-Soldaten bei internen Angriffen von afghanischen Soldaten- und Polizisten-Kollegen getötet, was heißt, dass sie noch nicht einmal den Afghanen trauen können, die sie so viele Jahre ausgebildet haben. Es wird eine Generation dauern, um mit den Nachwirkungen für das amerikanische Militär aus den Kriegen im Irak und Afghanistan umgehen zu können.

Darum ist es nicht überraschend, dass der Entwurf für die sogenannte „Übergangsstrategie“ Amerikas und der NATO für die meisten Afghanen und ihre Streitkräfte immer mehr wie eine Notlösung aussieht, da die Politiker und Parlamente in den Heimatländern eine immer schnellere Evakuierung fordern. Afghanen sehen in dem Übergang eher eine Ausrede des Westens zu gehen, als eine Anstrengung, um Afghanistans Zukunft als ein demokratisches und friedliches Land zu sichern

Feinfühlige Afghanen erkennen, dass die schwindende öffentliche Unterstützung in den Vereinigten Staaten und Europa nicht nur an der Krise im Westen oder an der Länge des Krieges liegt, sondern ebenso am Versagen der afghanischen Führung zur Regierbarkeit beizutragen. Während die Oberkommandos der USA und der NATO langweilige „Alles ist gut“-Mitteilungen herausgeben, die die verheerenden Angriffe der Taliban auf militärische Flughäfen und Basen ausblenden, und die steigenden Verlustzahlen.

Der Streit um Truppenzahlen in Washington ist fehl am Platze. Er hat nichts zu tun mit den wichtigen Problemen, vor denen Afghanistan steht, die eher einen Wechsel zu einem Friedensplan erfordern, als einen Abgang. Der erste Teil eines solchen Plans ist die dringende Notwendigkeit von Gesprächen, um einen ausgehandelten Waffenstillstand zwischen den Taliban, den Vereinigten Staaten und der afghanischen Regierung, sodass die NATO-Truppen in Würde abziehen können und die horrenden Stufen der Gewalt verringert werden. Afghanistan kann nicht stabilisiert werden, indem man bis zum letzten Tag kämpft. Und den ersten Verhandlungen müssen weitere Gespräche zwischen den Taliban und Kabul über politische Gewaltenteilung folgen, die den Raum für einen Waffenstillstand erweitert, die Taliban in die Staatsstrukturen integriert und eine finale politische Vereinbarung ergibt, um den Konflikt zu beenden.

Das zweit-dringendste Problem ist es sicherzustellen, dass Präsident Karzai eine relativ freie und faire Präsidentschaftswahl abhält, die für den 5.April 2014 angesetzt ist. Alles andere, oder eine Wiederholung der manipulierten Wahlen von 2009, könnte zu einem vielschichtigen Bürgerkrieg führen. Kaum überraschend misstrauen die politische Opposition und die nicht-paschtunischen Ethnien des Nordens und des Westens Karzai massiv. Karzai selbst ist Paschtune, wie die Taliban, und auch wenn Karzai nicht für eine dritte Periode antreten kann, wird erwartet, dass er einen Kandidaten begünstigt, der ihn und seine Familie beschützt, wenn er einmal als Präsident abgetreten ist. 2009 ahnten die nicht-paschtunischen ethnischen Gruppen, dass sie von Karzai um eine ehrliche Wahl betrogen worden waren, aber sie gingen dank des Drucks und der Überredung der Amerikaner einer größeren Konfrontation aus dem Weg. Dieses mal werden sie nicht friedlich bleiben, wenn sie wegen eines Schwindels verlieren. In einem Land, das bereits mit Waffen überladen ist, versammeln die Warlords Waffen und Männer als Schutzmaßnahme, um ihren Anspruch bei den Wahlen geltend zu machen. Bereits jetzt sind die ethnischen Spannungen in Afghanistan so schlimm wie seit 2001 nicht mehr; eine betrügerische Wahl kann den ethnischen Konflikt nur verschlimmern.

Die dritte Sache, die für einen zufriedenstellenden Ausgang vonnöten ist, ist sicherzustellen, dass Pakistan, das der Taliban-Führung Unterschlupf bietet, beim Wechsel und Friedensprozess mehr kollaboriert als sabotiert, und es den Taliban gestattet, Gespräche mit Kabul zu eigenen Bedingungen zu führen, und nicht zu Bedingungen, die Pakistan auferlegt. In Zukunft besteht außerdem die Notwendigkeit, die versprochenen internationalen Gelder sicherzustellen, um die afghanische Armee zu bezahlen und zu versorgen, und es der wirtschaftlichen Entwicklungsarbeit zu gestatten fortzufahren. All diese Faktoren des Erfolgs sind abhängig von vielschichtiger amerikanischer Diplomatie, und nicht von seiner militärischen Stärke – von einem verständlichen politischen Fahrplan, entwickelt von den Vereinigten Staaten, den andere Spieler unterstützen können.

Die gute Nachricht ist, dass der Termin 2014 immer näher rückt, alle wichtigen Spieler schauen über dieses Datum hinaus und es hat einen Stimmungswechsel zugunsten der Stabilität gegeben. Zum ersten Mal scheinen alle, die Vereinigten Staaten, Europa, Pakistan, die afghanische Regierung und die Taliban Friedensgespräche zu wollen. Noch wichtiger, die Nachbarstaaten (Pakistan, Iran, China, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan) und die mächtigen Nebennachbarn (Russland, Indien, Saudi-Arabien) wollen keinen fortgesetzten Krieg in Afghanistan, der die Region weiterhin destabilisiert.

Die geheimen Gespräche, die die Vereinigten Staaten lange im Jahr 2011 und im frühen 2012 geführt haben, waren nie erfolgreich, schuld waren Spaltungen in der Obama-Administration über Zugeständnisse an die Taliban. Obama gab den Startschuss für die Gespräche, aber er setzte sich nie durch, als das Pentagon und die CIA sich weigerten, wodurch das Außenministerium scheiterte (Hohe amerikanische Staatsvertreter haben mir das erzählt). Alle Zugeständnisse, die das Ministerium den Taliban machen wollte, wurden vom Pentagon vereitelt. Aber jetzt, Vertretern der Amerikaner zufolge, stimmen alle Ministerien der Amerikaner überein, dass Gespräche nötig sind. Karzai und Obama haben der Anfrage der Taliban, in Katar ein Büro zu eröffnen, zugestimmt. Das ist ein großer Schritt vorwärts, denn er bringt die Taliban aus dem Schatten, und setzt sie unter Druck, eine Verhandlungsstrategie anzubieten.

Es haben vor kurzem produktive Treffen zwischen Vertretern der Taliban und des Hohen Friedensrates der Kabuler Regierung in Tokio, London, Paris und verschiedenen Orten am Persischen Golf stattgefunden. Aber es blieb bei Gesprächen, nicht substantiellen Verhandlungen. Im letzten Jahr war die Regierung in Kabul bezüglich Gesprächen mit den Taliban ebenfalls gespalten; einige Kabinettsmitglieder versuchten Gespräche zu sabotieren oder Karzai in die falsche Richtung zu manipulieren. Mustergerecht war Karzai sowohl unnachgiebig wie vieldeutig bezüglich der Notwendigkeit von Gesprächen. Jetzt scheint er voll hinter der Idee zu stehen. Die kürzlichen Prügel für Karzai in den amerikanischen Medien mögen ihre Berechtigung haben, wegen seinen permanenten Stimmungswechseln und Zaudern bei wichtigen politischen Entscheidungen, aber Presseprofile werden die Realität, dass er auf dem Präsidentenstuhl sitzt und amerikanische Diplomaten mit ihm verhandeln müssen, nicht ändern.

Es hat auch ein bedeutenderer Durchbruch stattgefunden: Anführer der ethischen Minderheiten im Norden und im Westen, die die Taliban in den 90-ern bekämpften und sich vehement gegen alle Gespräche mit den Taliban stellten, sind jetzt aufgeschlossener. Bei einem Treffen in Paris im späten Dezember, das die französische Geheimdienste organisierten, führten die Taliban ihren ersten produktiven Dialog mit den Warlords aus dem Norden. Darüber hinaus haben Pakistans Militär und seine übermächtige Inter-Services Intelligence (ISI), die den Taliban erlaubten ein Jahrzehnt lang von pakistanischem Boden aus Mittel zu mobilisieren, scheinbar ebenfalls ihre Absichten geändert. Das pakistanische Militär gibt jetzt an, sein wichtigstes Ziel sei die Beendigung des Extremismus in Pakistan, noch vor dem Streit mit Indien oder dem Versuch Einfluss auf Afghanistan zu nehmen. Somit unterstützt es alle Friedensgespräche, und Initiativen von allen.

Der ISI befindet sich im Prozess der Befreiung von einigen hundert Taliban, den er vorher eingesperrt hatte, entweder wegen geheimer Kontakte nach Kabul, zu den Vereinigten Nationen und den Amerikanern, oder einfach, weil sie nicht nach den Regeln des ISI tanzen wollten. Die meisten dieser Taliban sind sogenannte Moderate, die für die Beendigung des Krieges sind. Jetzt drängt der gleiche ISI diese freigelassenen Taliban dazu, ihre Kontakte zu erneuern und Friedensgespräche mit dem Gegner zu führen. Trotz anhaltender Spannungspunkte zwischen den beiden Ländern kooperieren Kabul und Islamabad eher, als sich gegenseitig zu missbrauchen. Das Militär steht jetzt ganz hinter der Erlaubnis für die Taliban, ein Büro in Doha zu eröffnen und wird Karzai bei allen seinen Initiativen unterstützen.

Folglich gibt es auch eine immens verbesserte Beziehung zwischen Amerika und Pakistan, die im letzten Jahr zusammengebrochen war, als eine Reihe von Vorfällen, einschließlich des amerikanischen Überfalls, um Osama Bin Laden zu töten, das Verhältnis kaltstellte. (Pakistan muss immer noch die Anwesenheit Bin Ladens auf seinem Boden erklären.) Die Vereinigten Staaten, Pakistan und Afghanistan haben eine „Kerngruppe“ geschaffen, die sich regelmäßig trifft, um alle Fragen des Friedensprozesses zu klären, von der Entscheidung mit welchen Ausweisen die Talibanvertreter reisen sollten, bis zur Zusammenstellung von Ländern für ein regionales Abkommen über die Nicht-Einmischung in Afghanistan. Die Türkei, Saudi-Arabien und Katar spielen wichtige Rollen bei der Unterstützung von verschiedenen Initiativen, die die „Kerngruppen“-Spieler ergriffen haben. Katar wird es den Taliban erlauben, ein Büro zu eröffnen, die Türkei ist das Zentrum für Gespräche zur Stabilisierung der Region, und die Saudis bieten eine wichtige Stätte, von tiefer religiöser Bedeutung, für formlose Gespräche.

Aber erneut: wir brauchen Klarheit: Dies sind immer noch nur Gespräche. Wirkliche Verhandlungen müssen erst beginnen. Die Vereinigten Staaten sind mit Entscheidungen immer noch außen vor, indem sie Zeitgrenzen und einen Wegweiser für Gespräche vorgeben, und es wird ohne amerikanische Beteiligung keine wesentliche Bewegung und Zielsetzung geben.

Außerdem hat internationaler und heimischer Druck auf Karzai, freie und gerechte Wahlen abzuhalten, bisher versagt seine Absichten transparenter zu machen, oder die Vorbereitungen zu den Wahlen zu beschleunigen. Tatsächlich gibt es kaum internationalen Druck auf Karzai, dies zu tun. Er fechtet jedes Detail der empfohlenen Vorbereitungen für eine gerechte Wahl an. Während die Unabhängige Wahlkommission, der es obliegt die Wahlen durchzuführen, sagt, die Wähler brauchen neue Ausweise, besteht Karzai darauf, man solle die von 2009 noch einmal benutzen—obwohl mit diesen Karten zügellos betrogen wurde. Die Amerikaner und die Europäer sind schuld daran, es Karzai erlaubt zu haben, die Vereinten Nationen und jeglichen Dritten von den anstehenden Wahlen ausgeschlossen zu haben, die mitten während des Abzugs der amerikanischen und NATO-Truppen stattfinden, was den militärischen Druck vermindert und das Interesse in der Heimat für jegliche Gründe, den Abgang zu verspäten.

Das Bild, das ich gerade gemalt habe, ist vielleicht das erfreulichste am Horizont. Aber ist kaum das einzig vorstellbare. Es gibt glaubhafte Katastrophenszenarien für das Abgleiten ins politische Chaos, wenn die Amerikaner gehen und die afghanische Armee in eine „Kabul-Befestigungs“-Strategie gedrängt werden, wenn die Taliban das Land wieder einnehmen, ethnische Konflikte verschlimmern, Nachbarstaaten ihre afghanischen Verbündeten bewaffnen, eine Flüchtlingskrise erfolgt und wieder Millionen Afghanen aus ihrem Land fliehen. Es gibt bereits einen Exodus gebildeter Afghanen die das Schlimmste befürchten, und es gibt ebenso eine massive Kapitalflucht. Der Krieg geht weiter, mit dem kriminellen Töten afghanischer Zivilisten durch die Taliban, der Ermordung von Regierungsvertretern, und den dreisten mehrfachen Suizidangriffen auf amerikanische Basen. Die derzeitige afghanische Situation ist zunehmend gefährlich und ernst. Und Pakistan, das entscheidend ist für jeden Friedensprozess, versinkt selbst in einem Zustand zwischen Terrorismus und schlechter Staatsführung.

Damit das gute Bild Früchte trägt, muss die zweite Obama-Administration darum die diplomatischen Quellen erschließen, die Energie und den politischen Willen, eine vernehmliche politische Einigung vorwärts zu treiben, intern und extern, die für jeden ein Minimum ergibt. So eine Zielsetzung ist auf Seiten Obamas keineswegs eine vorweggenommene Lösung. Werden Krisen im Iran, Syrien, Mali und anderswo die diplomatische und außenpolitische Frischluft von Obamas zweiter Amtsperiode verbrauchen? Die USA haben versprochen mindestens 2 Milliarden Dollar pro Jahr für die nächsten fünf Jahre beizutragen, um die afghanische Armee zu unterhalten und zwei Milliarden pro Jahr für die nächsten fünf Jahre zur Entwicklung. Aber neulich haben mir Senatoren beider Flügel erzählt, dass ihre Wähler keinen einzigen weiteren Groschen, der nach 2014 nach Afghanistan fließt, tolerieren werden, trotz aller internationalen Versprechen, die die Obama-Administration der NATO und ihren Verbündeten gegeben haben mag. Karzais kürzliche Kanonade hat nichts verbessert, und Senator Lindsey Graham, der tief in die Afghanistanpolitik involviert ist, bemerkte kürzlich, „Ich bin absolut imstande, Afghanistan den Stecker zu ziehen.“

Da es nun einen zeitlichen Rahmen für Afghanistan gibt, ist es ein guter Moment, um darüber zu reflektieren, was schiefgegangen ist, und über die historischen Fehler, die man nicht noch einmal machen sollte. Das sind u.a. Themen des wichtigen neuen Buchs von Barnett Rubin, dem großen amerikanischen Wissenschaftler und Veteranen Afghanistans und allem dazugehörigen. Rubins Buch ist eine Zusammenstellung seiner besten Essays über Afghanistan und der Region, es beginnt 1996 und endet 2009, als er ins Außenministerium ging, als Berater Richard Holbrookes, und am Friedensprozess mit den Taliban arbeitete. Rubins Engagement für das Land reicht in die Mitt-80er zurück, als ich ihn zum ersten Mal traf. Ich sollte zugeben, dass ich ihn gut kenne: Es ist unmöglich, der unendlich kleinen Gruppe von Wissenschaftlern und Journalisten aus dem Weg zu gehen, die sich mit diesem Land beschäftigt haben. Diese Gruppe ist in den Mitt-90ern auf etwa ein Dutzend Leute auf der ganzen Welt geschrumpft, nachdem die Amerikaner weggingen und die Taliban Afghanistan beherrschten; aber Rubin war einer der dabei blieb—schrieb, das Land bereiste, und versuchte (nutzlos) verschiedene Friedensprozesse zwischen den Taliban und der Nord-Allianz in Gang zu bringen.

Mit am aufschlussreichsten in seinem Buch sind die kurzen Hinweise, die er schafft, um seine wissenschaftlichen Essays und die verschiedenen Teile des Buches zu verknüpfen. Hier erweist er sich als aktivistischer Gelehrter Afghanistans; oder als Berater der Vereinten Nationen nach dem 11. September; oder er bietet den Warlords seinen Rat an, der Regierung und Hilfsorganisationen; und schließlich der amerikanischen Regierung vor 2009. In einem solchen Abschnitt beschreibt Rubin wie Richard Haass, nur Tage nach dem 11.September, zu der Zeit Kopf der Strategieplanung im Außenministerium, das erste Expertentreffen dazu einberief, was die Vereinigten Staaten tun sollten, wenn die Taliban in Afghanistan einmal gestürzt seien. Die Bush Administration hatte immer noch keinen Plan für den Krieg, geschweige denn einen für danach; das Militär und die Geheimdienste hatten keine aktuellen Karten oder detaillierte Kenntnisse der Landschaft; Gutachten in der CIA oder dem Pentagon über die ethnischen Gruppen, die Stämme und die Strukturen der afghanischen Gesellschaft—die jetzt durch die vielen Kriege auseinandergerissen sind—waren dünn gesät. 2001 tobte der Bürgerkrieg in Afghanistan seit zwölf Jahren, seit die Sowjets gingen, aber es gab sehr wenig Leute, in- oder außerhalb der amerikanischen Regierung, die mit den laufenden Einzelheiten des Taliban-Regimes auf dem Laufenden waren. Afghanistan hatte kaum jemand auf dem Plan.

Rubin war der einzige aktivistische Wissenschaftler, der das gesamte Gewicht der Wissenschaften für afghanische und amerikanische Universitäten und Denkfabriken darstellte. In diesen Tagen war jeder, der sich tiefer mit Afghanistan beschäftigte, auch Aktivist, damit unterstützten wir alle oder waren aktiv an einem oder allen konkurrierenden Friedensprozessen beteiligt—im Versuch die Taliban und die opponierende Nord-Allianz dazu zu bekommen, miteinander zu reden, im Versuch ein wirtschaftliches Hilfsprogramm für die Afghanen durch den Kongress oder die europäischen Parlamente zu drücken, im Versuch Lösungen für den blühenden Drogenhandel anzubieten, versuchten wir Pakistan und Saudi-Arabien davon zu überzeugen, wie gefährlich ihre Unterstützung der Taliban war. Es gab so wenig Leute, die an Afghanistan arbeiteten, und so wenig Regierungen, die an Frieden und Wiederaufbau dessen Interesse hatten, was bereits ein gescheiterter Staat war, dass man, wenn man es studierte, oder darüber schrieb, oder als Journalist darüber berichtete, automatisch zum Soforthelfer, zum Friedensapostel, Frauenrechtler usw. wurde.

Vor dem 11.September war Rubin immer an vorderster Front solcher Bemühungen, in Verbindung mit jedem, organisierte Petitionen, warb bei Parlamenten oder der amerikanischen Administration, organisierte Treffen und Konferenzen, auf denen man vernünftige afghanische Stimmen hören konnte, sammelte Geld für Projekte oder ermutigte europäische Kollege, sich zu äußern. Als Lakhdar Brahimi, der die Hilfsmission der Vereinten Nationen für Afghanistan von 1997 bis 1999 leitete, den ungewöhnlichen Schritt unternehmen wollte, eine Gruppe von Experten zusammenzustellen, um ihn zu beraten, wurde Rubin damit beauftragt, die richtigen Leute zu finden und die Gruppe zu leiten. Die gleiche Rolle nahm er ein, als die UN und Brahimi nach dem 11.September Experten benötigten. Inmitten all dessen vergaß er nicht sein primäres Anliegen, das im wissenschaftlichen Schreiben besteht.

Rubins Aktivismus unterschied sich sehr von der Art wissenschaftlichem Aktivismus amerikanischer Intellektueller, die General Petraeus förderte, erst im Irak und dann in Afghanistan. Zuerst mit der Einbindung von Journalisten in den ersten Irak-Krieg, was immer noch ein kontroverses Thema ist, im zweiten Irakkrieg und später in Afghanistan rekrutierte das Militär Wissenschaftler und Denkfabrik-Experten, um sie über längere Zeiträume in das Militär einzubinden und anschließend eine Bewertung des Krieges abzugeben. Eine solche Anstellung behindert Wissenschaftler enorm, denn man erwartet von ihnen aufzuzeigen, wie die Kampfkapazitäten des Militärs verbessert werden können, und nicht die Kenntnisse des Militärs über Friedensprozesse zu vertiefen, über ethnische und Stammesgruppen, wie man den Drogenhandel im Zaum hält, mit den Taliban spricht, und Korruption und Geldwäsche aller Gruppen, einschließlich der Amerikaner, ans Tageslicht bringt. Die Nebeneffekte des Militärs sind immens—befeuern die Sonderberichterstattung in den amerikanischen Medien, gebildete Lektüre für skeptische Leser, und eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit, der die Offiziere des Militärs nichts entgegenzusetzen hatten. Diese Wissenschaftler haben dabei geholfen, den Krieg auszudehnen, denn sie weigerten sich politische Lösungen in Betracht zu ziehen; sie ließen die Debatte in Washington lieber bei Truppenzahlen verharren, als eine umfassendere Debatte darüber anzustoßen, wie man zum Frieden fände.

Als er das Zentralkommando der USA in Tampa kommandierte, und später die US- und NATO-Truppen in Afghanistan, hat Petraeus nie Wissenschaftler versammelt, um ihn zu beraten wie man Gespräche mit den Taliban einleitet. Tatsächlich ist das Militär dafür verantwortlich, dass solche Anstrengungen wiederholt unterwandert wurden, als das Außenministerium 2011 offene Gespräche mit den Taliban führte. Und somit musste Obama sich durchgehend um militärische Probleme kümmern, statt um die politischen Probleme, die dringend der Anhörung bedürfen.

All das hat mit der Einbindung von Wissenschaftlern in amerikanische Militär- und Zivilbemühungen in Afghanistan, um das Land selbst besser zu verstehen, was eine gute Idee wäre, nichts zu tun. Es wurde stark vom verstorbenen Richard Holbrooke unterstützt, der Sozialwissenschaftler, Anthropologen, Agronomen und Wissenschaftler vieler verschiedener akademischer Fächer anwarb, um die politische und wirtschaftliche friedensstiftenden Anstrengungen in Afghanistan zu unterstützen, indem man ein besseres Verständnis der Gesellschaft anbietet. Diese Wissenschaftler bewegten sich meist außerhalb des medialen Rampenlichts, und haben es vermieden, die eine oder andere Fraktion im amerikanischen Parlament zu unterstützen und haben unschätzbare Forschungsarbeit geliefert. (Es ist interessant anzumerken, dass Armeen, die sich weigern eine dritte Meinung einzuholen, in einer Sackgasse enden. Pakistans Generale sind das beste Beispiel—sie grenzen diejenigen Intellektuellen aus, und schikanieren sie, und bestrafen sie, die eine andere Meinung dazu haben als sie selbst, darüber wie man Pakistans Krieg gegen den Terrorismus führen sollte. Der ISI hat die Medien und alle Meinungsmacher im Land gnadenlos im Griff, wenn es um Indien und Afghanistan und das Militär selbst geht. Abweichende Stimmen werden aus Pakistans Militärschulen ausgesperrt, und diejenigen Nachrichtensprecher, die auf der Lohnliste des ISI stehen, versperren ihnen den Zugang zu Medien ebenfalls. Die Folgen dieser kurzsichtigen Einstellung können im schlimmer werdenden Chaos in Pakistan genau erkannt werden, an dem zum Teil die Ignoranz der Militärs schuld ist, und überholte Überzeugungen.)

Unter Petraeus Kommando lieferte das amerikanische Militär in Afghanistan den Taliban und den Problemen der Staatlichkeit viele neue taktische Antworten, aber es gab unter den taktischen Aktionen keine strategischen Beziehungen. Die Steuerung der Geschehnisse überrannte immer die umfassendere Strategie. Ich habe lange geahnt, dass das Verständnis und der Erfolg des Militärs dramatisch verbessert worden wäre, wenn es gewissenhaft und komplett das Aufstandsbekämpfungshandbuch angewendet hätte, das zum Teil von Petraeus geschrieben wurde, das die Sicherung der Menschen vor dem Töten des Feindes zum Hauptziel erklärte. Diese Strategie wurde von General McChrystal für kurze Zeit in Afghanistan angewandt, wurde aber aufgegeben, zu aller Ironie, von Petraeus selbst, als er das Kommando übernahm, denn er präferierte eher eine Muskel-Strategie.

Rubins Beitrag zur Beratung der Vereinten Nationen, der Vereinigten Staaten und anderer Regierungen ging immer darum, wie sich in Afghanistan und unter seinen streitenden Fraktionen Frieden herstellen ließe, und seit kurzem wie man den von Amerika geführten Kriegseinsatz als Hebel für Gespräche mit den Taliban benutzen könnte. Für den Anfang, sagt er, müssen die Taliban treffend wahrgenommen werden. „Die Taliban,“ schreibt er, „sind wie ihre Gegner nicht Rückschläge in mittelalterliche Zeiten, sondern Akteure in der modernen globalen Wirt- und Gesellschaft. Zum ersten Mal in der Geschichte dominieren die Ulema das politische und militärische Leben in Afghanistan, aufgrund von Geopolitik und Ressourcen, die durch Globalisierung verfügbar wurden.“ Das ist nicht als Verharmlosung irgendeiner Art gedacht. Wie allen Beobachtern der Taliban, ist sich Rubin im Klaren über die Terrortaktiken, die die Taliban benutzt haben, um die Bevölkerung einzuschüchtern und Leute zu zwingen, sich ihnen anzuschließen. Die Taliban sind beim afghanischen Volk nicht beliebt, sie werden von ihm gefürchtet; und Rubin vergisst das nicht.

In den 1990-ern und später, warnte Rubin in diesen Essays vorahnungsvoll—dass die Vereinigten Staaten durch die Vernachlässigung Afghanistans etwas weit schlimmeres erzeugten; dass sich der Bürgerkrieg in einen grenzüberschreitenden regionalen Krieg verwandeln würde, dank der Beteiligung von Afghanistans Nachbarn und der Untätigkeit der Welt; dass die Weigerung nach dem 11.September staatsaufbauende Maßnahmen zu ergreifen zu erhöhter Unsicherheit und der Rückkehr der Taliban führen würde; und dass das Versagen, die Region als Ganzes zu betrachten, zu einem Sturm führen würde, der Pakistan und andere Nachbarn erfasst. Er schreibt, er habe nach dem 11.September „keine Einsicht bei der [Bush] Administration erkennen können, dass Afghanistan eine Nation war, und nicht nur eine Terroristenbasis“:

Die Diskussionen … drehten sich alle darum, wie man eine Koalition zusammen bekommen könnte, um Al-Kaida auszulöschen und die Taliban zu stürzen, nicht wie man ein stabiles Afghanistan schafft, das den Afghanen … und seinen Nachbarn … ein Schritt weit garantiert, dass solche Bedrohungen nicht wiederkehren.

Im Jahrzehnt nach dem 11.September suchte Rubin vergeblich nach amerikanischen Politikern, die die Notwendigkeit sahen, ein stabiles Afghanistan aufzubauen.

Diese Essays behandeln ebenso die größeren Probleme, die mit dem Nationen-Aufbau auf der ganzen Welt in Verbindung stehen, und vergleicht sie mit Afghanistan. Rubin konfrontiert die Ansicht, die in den 90-ern populär war, dass humanitäre Hilfe als Alternative zum Nationenaufbau auf dem Balkan und in Afghanistan dienen könnte: „Politische und strategische Ziele waren unklar, und Humanitarismus erschien als eine ganzheitliche Antwort auf Länderzusammenbrüche, ethnische Konflikte und andere solcher Probleme. Eine derartige Herangehensweise scheiterte in Afghanistan, wie sie es in Bosnien tat, in Somalia, und sonstwo.“ Genauso, wird sich in Afghanistan nicht einfach Stabilität einstellen, nur indem man die Region als Ganzes betrachtet. „Eine anspruchvollere Alternative wäre es, Friedensstiftung in Afghanistan als Teil eines größeren Problems zu betrachten, die politische Ökonomie einer Region zu verändern.“ bemerkt Rubin.

Rubin diskutiert auch detailliert das Wesen des afghanischen politischen Systems. Er bemerkt, dass Afghanistan in seiner jüngsten Geschichte nicht regiert, sondern beherrscht wurde, und die derzeitige Regelung, dass westliche Truppen ein korruptes afghanisches Regime und ehemalige Warlords stützen, hat nicht zu den notwendigen Staatsbildungsergebnissen oder der notwendigen Legitimation geführt. „Vor allem,“ bemerkt er, „ist die Krise der Sicherheit der Menschen auf die Zerstörung der Institutionen der legitimen Staatlichkeit zurückzuführen. Es ist genauso ein institutioneller Notfall wie ein humanitärer.“ Nach dem 11.September führte die Weigerung der Amerikaner, ausreichende Truppenzahlen einzusetzen, zum Wiedererstarken der Warlords, was dafür garantierte, dass Afghanistan nicht die Regierungsinstitutionen aufbauen konnte, die es benötigte. Geschickt und verständlich wägt Rubin die Probleme der Demokratie ab, Zentralisierung gegen Dezentralisierung der Macht in den Provinzen, und Ethnie gegen Stamm, und schließt, dass die Afghanen bisher nur das erreicht haben, was er „ eine diffuse Legitimation“ nennt.

Diese diffuse Legitimation wird bisher nicht von einer Legitimation unterstützt, die auf Umsetzung basiert, da das Angebot öffentlicher Dienste weit hinter der öffentlichen Nachfrage und Erwartung zurückbleibt. Die Legitimation des Staates wieder in Kraft zu setzen ist ein erschreckender Widerspruch und steht mit allen anderen Aspekten des Staatsaufbaus in Verbindung. Ohne Schritte, um den Drogenhandel zu eliminieren … kann die Regierung die Herrschaft des Gesetzes nicht umsetzen, die Korruption reduzieren, Kontrolle über seine lokalen Vertreter gewinnen, und ungesetzliche Machthaber im Zaum halten. Bisher kann der Staat seine Legitimität nicht verbessern, ohne nahezu die Hälfte der Wirtschaft des Landes [den Drogenhandel] mit militärischer Hilfe des Auslands zu zerstören.

Die amerikanische Weigerung, sich gleich nach 2001 um den Drogenhandel zu kümmern, und sein folgendes Scheitern beim Aufbau der öffentlichen Verwaltung und der Justiz, und seine lange Verspätung beim Aufbau einer afghanischen Armee und der Hilfe, eine eigene Wirtschaft zu schaffen, die nicht abhängig von riesigen Geldsummen für die amerikanischen Kräfte ist—das alles verschärfte die afghanische Legitimitätskrise nur. Wie Afghanistan für die Vereinigten Staaten ausgeht, wird von der Bereitschaft Obamas abhängen, sein Auslandsbudget zu nutzen, um auf eine umfassende Einigungen zwischen den Taliban und den Nachbarstaaten zu drängen. Alles andere heißt eine viertes Jahrzehnt des Krieges und die Rückkehr von Al-Kaida.

Ahmed Rashid ist der Autor des zuletzt erschienen Pakistan am Abgrund: Die Zukunft von Amerika, Pakistan und Afghanistan.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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