Ist der große Mann glücklich? – Berlin 2014: erste Kritik

Michel Gondry versucht sich an Noam Chomskys philosophischen und linguistischen Theorien in diesem unterhaltsamen, teilweise animierten Gespräch

Von Andrew Pulver


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theguardian.com, Sunday 9 February 2014

Ein bestechender Vorschlag: Ein gefilmtes Treffen des schwurbeligen Filmregisseurs Michel Gondry mit dem ausgezeichneten Linguisten und politischen Aktivisten Noam Chomsky. Der Untertitel „ein animiertes Gespräch“ verspricht, dass Gondry sich nicht auf das tradierte Pörträt-Gesprächsformat beschränken wird, und das scheint sich zu bestätigen: Oft wird Chomskys Denkart mit verzwickten, handgemalten Grafiken illustriert, die sich gut eignen um einige der eher einzigartigen Ideen zu beleuchten, die erklärt werden. Das Gespräch selbst bleibt eher an Chomskys linguistischer und philosophischer Arbeit haften – wir sehen nicht Chomsky-der-angesagte-politische-Aktivist, sondern schnuppern eher an den echten akademischen Leistungen. Der Titel entpuppt sich als Verweis auf ein Rätsel, dass Chomsky 1957 in seinem Buch Syntactic Structures aufgab: Warum die Umstellung eines komplexen Satzes („Der große Mann ist glücklich.“) in eine Frage eine Handlung nach angeborener und nicht-logischer Grammatik ist. So zumindest erklärt Chomsky es Gondry geduldig, dessen hundegleicher Eifer in hellen MTV-Farben aus dem Bildschirm strahlt.

Gondry blickt ein wenig hinter Chomskys gütige akademische Fassade: Indem er ihn nach seiner frühen Zeit fragt, nur zur Unterhaltung, und nach seiner kürzlich verstorbenen Frau, wir werfen einen Blick auf Chomsky-das-menschliche-Wesen (ohne Frage trivial, wenn du ein dokumentierter Chomskyloge bist). Aber kleine Anekdoten – wenn er über das Interesse seiner Eltern an jüdischer Tradition spricht, oder allein die Tatsache, dass er und seine Frau es mochten allein miteinander sich zu sein – zeichnen ein überraschend rundes Bild.

Aber das Gros des Films widmet sich Chomsky Raum zu lassen, damit er seine Theorien einem nicht-akademischen Publikum erklären kann. Man kann Gondrys gebrochen stotterndes Englisch und zufällig assoziierte Bilder als eine Ergänzung zu Chomskys Darstellung der generativen Grammatik betrachten, aber ich bin nicht ganz sicher, ob sie das ist; freundlich formuliert ist das Lehrer-Schüler-Kram. Man kann es nur bedauern, dass Gondry die Gelegenheit verpasst hat, Woody Allens legendären philosophischen Schülerwitz zu plagiieren – „Ich habe mein weltliches Ende beschummelt. Ich habe in die Seele des Jungen neben mir geschaut.“ Ich stelle mir die Frage, was Chomsky damit angefangen hätte?

Quelle: http://www.theguardian.com/film/2014/feb/09/is-the-man-who-is-tall-happy-review-noam-chomsky-michel-gondry

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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