Inhaftiertes Pussy Riot-Mitglied Nadezhda Tolokonnikova weiterhin aktivistisch 8.04.2013

Anti-Kreml Punkbandmitglied gibt westlichen Medien ihr erstes trotziges Interview, seit sie vor acht Monaten ins Gefängnis geschickt wurde

Miriam Elder in Moskau

guardian.co.uk, Montag, der 8 April 2013

 Maria Alyokhina und Nadya Tolokonnikova von Pussy Riot in einem Glaskäfig am Gericht in Moskau im letzten Jahr

Bild: Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

Ein Mitglied der Anti-Kreml Punkband Pussy Riot hat in ihrem ersten Interview mit westlichen Medien, seit sie vor acht Monaten ins Gefängnis geschickt wurde, geschworen, ihre Arbeit als politische Aktivistin fortzusetzen.

Nadezhda „Nadya“ Tolokonnikova, 23, klang in dem 15-minütigen Telefon-Interview trotzig, das sie aus der Gefängniskolonie Mordwinien führte, einer zentralrussischen Region, die berüchtigt ist für ihre hohe Zahl an Gefängnislagern. Sie ist seit Oktober in der abgelegenen Frauen-Strafkolonie, wo sie den Rest der zwei-jährigen Strafe für „Ausschreitungen aufgrund religiösem Hasses“ absitzt.

Tolokonnikova und zwei weitere Mitglieder von Pussy Riot, Maria Alyokhina und Yekaterina Samutsevich, wurden im August letzten Jahres für schuldig befunden, nachdem sie in der Moskauer Erlöser-Kathedrale ein Lied gespielt hatten, das Wladimir Putin und die russische orthodoxe Kirche kritisierte. Samutsevitchs Strafe wurde später ausgesetzt.

In einer Telefonzelle, die von Gefängnispersonal überwacht wurde, das das Gespräch wiederholt unterbrach, um zu verhindern, dass Tolokonnikova sich politische äußerte, sagte die Pussy Riot-Gründerin, sie hege keine Hoffnung auf eine vorzeitige Entlassung durch Putins Regierung.

Ein Gericht in Mordwinien muss am 26. April eine Anhörung in Tolokonnikovas Fall abhalten. Obwohl das Interview einen Tag nachdem der Termin festgelegt wurde stattfand, sagte Tolokonnikova, die weitestgehend einer Nachrichtensperre unterliegt, sie habe nichts von der Neuigkeit gehört.

“Für mich bedeutet die Anhörung gar nichts.” sagte sie. „In unserem Fall will die Regierung, dass wir die Schuld anerkennen, was wir natürlich nicht tun werden.“ sagte Tolokonnikova. „Ich habe die Anhörungsdokumente eingereicht, um zu zeigen, dass sie einen Menschen nicht brechen können.“

Die Unterstützer von Pussy Riot haben Putin beschuldigt, den Fall gegen sie inszeniert zu haben.

Die Frauen haben ihre 40-sekündige Kirchen-Aufführung im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen gegeben, die Putin wieder in den Kreml brachte. Der stark propagierte Prozess gegen sie signalisierte den Anfang eines weitreichenden Vorgehens gegen die Opposition.

Tolokonnikova hat auch weiterhin gegen ihren Schuldspruch durch das Moskauer Gerichtssystem Berufung eingelegt, und steht kurz davor, damit den fügsamen Obersten Gerichthof des Landes zu erreichen. Spät am Sonntag leugnete eine führende Richterin des Moskauer Berufungsgerichts, dass der Fall gegen die Frauen von Pussy Riot politisch (motiviert) gewesen sei. „Wir hören keine politischen Fälle an.“ sagte Olga Yegorova in einem Interview mit dem staatlichen NTV-Fernsehen. „Es steht in meiner Macht, ihre Strafen zu mildern – es ist nicht ausgeschlossen, dass das passieren wird.“

Der Fall gegen Pussy Riot, der mit Lichtgeschwindigkeit abgewickelt wurde und voller Prozesswidrigkeiten war, beleuchtete Russlands Gerichtssystem. Ihr Schuldspruch sandte ein Warnsignal an die zumeist jungen und städtischen Oppositionellen, während die Darstellung des Staates von Pussy Riots Auftritt, als einem Angriff auf die Kirche, zu einem post-sowjetischen Ausmaß religiöser Stimmung im russischen Kernland führte.

Der nächste politische Prozess, der die Nation rütteln wird, ist der des Oppositionsführers Alexey Navalny, dessen Prozess in der Stadt Kirov angesetzt ist, 500 Meilen von Moskau entfernt, am 17. April. Er wird in einem Fall der Veruntreuung angeklagt, von dem er glaubt, er sei konstruiert, um ihn stillzustellen.

Bevor sie von einem Gefängnisbeamten unterbrochen wurde, sagte Tolokonnikova: „Ich hoffe, sie besitzen nicht die Frechheit ihn einzusperren – denn, nach allem, ist er noch eher eine Mediengestalt für die Leute als die Mitglieder von Pussy Riot, zumindest in Russland.“

“Ich bin sehr froh, dass es ihn gibt, so wie ich froh bin über jeden politischen Aktivisten, besonders jemand, der bereit ist seine ganze Zeit und Energie für die Veränderung in Russland zu verwenden.“ sagte sie.

Tolokonnikova verbringt ihre Tage nach einem strikten Gefängnisplan, der von der Arbeit in der Koloniefabrik dominiert wird, mit Nähen von Unformen für verschiedenste russische Beamte. Sie sagte, es gehe ihr gut und dass es „schlimmer sein könnte.“ Sie nimmt täglich Medikamente wegen ihrer ständigen Kopfschmerzen.

Auf die Frage ob sie angefangen habe über das Leben nach dem Gefängnis nachzudenken, sagt Tolokonnikova: „Mein Leben wird sich nicht verändern – es wird neue Schlüsselkomponenten geben, wegen den Erfahrungen, die ich hier sammle. Die Faktoren der Politik und der Kunst bleiben die selben.“

Das Gefängnisleben lässt ihr wenig Freizeit. Wann immer sie Zeit hat, liest sie Bücher und die vielen Briefe von Unterstützern, die sie zweimal die Woche bekommt. Alle Informationen von draußen stammen aus den Zeitungen und Magazinen, die ihre Verwandten bei Besuchen mitbringen.

„Ich versuche meine gesamte Zeit konstruktiv zu nutzen – produktiv, kreativ. Ich versuche zu lernen, wie man all das mit seinen Interessen verbindet, und ich glaube, ich schaffe es.“ sagte sie. „Wenn deine Stimmung mies ist, vergeht die Zeit langsam. Wenn du lernst zu leben, indem du dem Leben Beachtung schenkst und es wertschätzt, dann ist die Zeit nicht verloren.“

„Das ist meine hauptsächliche Beschäftigung: Es so einzurichten, dass die Zeit, die sie mir nehmen wollen, nicht verloren ist. Und ich glaube, ich habe damit Erfolg.“

Quelle: http://www.guardian.co.uk/music/2013/apr/08/jailed-pussy-riot-nadya-tolokonnikova

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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